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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 21
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
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Sechstes Capitel.

»Aber nein doch! Der alte Oswald sah sie ja gestorben und aufgebahrt. Der log noch nie.«

»Auch diesmal nicht,« sprach der Bauer. »Sie war aufgebahrt – sie lag so gar manche Stunde – und ist doch wieder lebendig geworden.«

Hezilo schlug ein Kreuz. »Ein Wunder Gottes?«

»Ja und nein, wie du's nehmen willst!«

»Und davon sagt ihr mir erst jetzt? Wußtest du's denn nicht. Böppele?«

»Ha, dummer Bub,« meinte der, »hättest du mich gefragt. Du hast mich aber soviel nach den Leuten vom Innerhof gefragt, daß ich das ganze Maul nur dazu brauchen konnte, immer zu wiederholen, daß beide leben und wohlauf sind und daß das Trinele einstweilen noch schöner worden ist.«

»Wie sollt' ich denken, daß die Todten auferstehen! So redet doch!«

»Ja, das war so,« begann Iffo. »Aufgebahrt lag die strenge Frau auf schwarzem Gerüst: gar feierlich war's in der düster verhangenen Gruftcapelle, wo ihr Vater, Herr Wulfgang, und alle die alten Fragsburger neben einander unter dem Marmorestrich ruhen, Schild und Helm eines jeden an der Wand aufgekreuzt. Und der süße, starke Weihrauch-Duft, der wie eine Wolke durch's Gewölbe zog – und die tiefe, tiefe Stille, obwohl so viele Menschen um die Bahre standen, – nur der junge Mönch murmelte halblaut die Fürbitte für die Fegeseelen, – und die vielen Wachslichter! Wir Vögtlinge alle, die wir davon erfahren hatten, waren hinüber geeilt.«

»Ja wohl,« nickte Hezilo. »Auch der Außenhof schuldet dann sechs Pfund Wachs zu Kerzen in die Burgcapelle und zwei Krüge rothen Weines zu dem Leichenschmaus. Ist doch geleistet worden?« fragte er eifrig.

»Ich hab's selbst hinübergetragen,« betheuerte das Mädchen.

»Nun, das laßt ihr euch aber herauszahlen,« meinte der Böppele. »Es war ja kein wahrer Sterbefall! – Oder einfacher: – ihr zieht's ihr ab, wann sie das nächste Mal wirklich stirbt. Ist auch klüger so: und leichter. Denn die giebt, so lang sie lebt, nichts wieder her, was sie einmal erhielt, »die üble Vögtin«: so heißt sie doch, nicht?«

»Schweig, frecher Schwab!« lachte der Bauer. »Sie ist schon recht, die schlimme Vögtin, wie sie freilich heißt im ganzen Gau: – gerade gegen so lockre Landfahrer wie du,« drohte er mit dem Finger, – »ist sie recht.«

»Und,« fiel das Mädchen ein, »wenn sie im Leben zwar gewiß nicht garstig ist: – behüte! – eher hübsch: nur nicht gerade so, daß man sonderlich drauf achtet – damals, im Todesschlaf, sah sie fast schön aus: so stolz, so geruhig, zwar immer noch arg streng, – zum Fürchten fast! – aber doch so vornehm, wie im Leben nie.

Und so kniete auch ich an der Bahre und weinte recht bitterlich. Nicht grad' um sie: denn sie hat mir nie ein gutes Wort, nicht einmal einen guten Blick gegönnt. Und als ich ihr einmal den ersten Speik in einem schönen großen Strauß brachte, – ich hatte lang daran gebrockt, in der heißen Sonne oben auf den Steinen herumkletternd – ich traf sie im Kuhstall, nach dem Melken der Kühe sehend, da hat sie gar unwirsch gezankt: »Vergeudete Zeit! Schaff' was! Ist gescheuter für so ein bettelarm Ding!« Und hat meinen schönen Blüthenstrauß der dicksten Melkkuh in die Raufe geworfen. Ja, und den Vater hat sie gar einmal – wie der Vogt fort war – in den Block sperren lassen wollen, weil unter den fünf Schock, die der Innerhof zum Eier-Weihtag schuldet – zwei Stück nicht ganz frische waren. Aber doch hat's mich so erbarmt, ihr Los. So jung noch, – kaum ein par dreißig Jahre – so reich – so machtgewaltig – so gescheut – und schon sterben! Und ich dachte, wie arg es Herrn Friedmuth treffen würde im fernen Land, oder wenn er heim komme, und sie nicht mehr finde. Und wie ich dachte, daß auch Hezilo kommen könne und mich etwa nicht mehr finden –«

»Da kamen dir erst die Thränen, gelt. Kleine?« meinte der Jüngling und küßte sie.

»Nun,« fragte der Bauer, »du weißt doch wie vorher Alles gegangen war?«

»Ja wohl,« sagte Hezilo. »Alles! Bis der junge Mönch Alderich bei ihrer Bahre betete und Oswald das Pferd bestieg und davon ritt.«

»Die Männer,« – fuhr nun der Innerhofer fort, »welche die Fallende vom Rosse gehoben und auf die Burg getragen, hatten gar nichts an der Leiche bemerkt.

Nachdem aber nun die Vögtin viele Stunden aufgebahrt gelegen und wir schon daran dachten, den Deckel des Sarges zu schließen und sie in das Grabgewölbe hinabzusenken, an die Seite ihres Vaters, Herrn Wulfs, da kam, von Burg Tirol, wo er des Grafen Sohn geheilt, entlassen, der alte Markulf, seinen jungen Genossen abzurufen. Er ließ sich an die Bahre führen und Alles genau erzählen von Oswin, Oswalds Sohn, der, nach seinem Vater, der nächste gewesen war hinter dem Rosse der Herrin, wie sie den Wurfspeer schwang und plötzlich starb. Markulf schüttelte das graue Haupt, betrachtete genau die Ruhende, befragte auch Jutta, ihre alte Amme, welche die Herrin ganz entkleidet, gewaschen und für die Bahre geschmückt hatte. Die sagte ihm nun, sie habe gar nichts, gar keine Wunde an ihr gefunden: nur unter dem Nagel des dritten Fingers der rechten Hand einen eingetriebenen Splitter: sie habe ihn herausziehen wollen, da sei er abgebrochen: und das darin verbliebene Stück habe sie nicht zu fassen vermocht. Sie habe es nicht weiter beachtet, es habe ja gar nicht geblutet. Eilig besah der kundige Mann den Finger, ließ sich den Jagdspeer bringen und zeigte uns, wie an dem Schaft – es war Hartriegelholz – ein Splitter abgesplissen war. Als die Vögtin nun ausholte und mit aller Kraft den Speer abschleuderte, stieß sie sich den Splitter tief unter den Nagel. Und das, sprach er, ward wohl ihr Tod. Denn ein solcher Splitter kann den Menschen tödten, falls er den Lebensnerven trifft, der von dem Hirn durch's Herz zieht, dann in den Armen gabelt, und in den Fingerspitzen ausläuft. Deßhalb habe der gütige Herr des Lebens über die zehn Finger die zehn Nägel als Schilde gelegt. Aber, sagte er, manchmal ist der zähe Nerv nicht zum Tode getroffen: dann liegt der Mensch nur starr, ganz wie todt. Und nun, mahnte er, werft euch alle auf die Kniee und betet zu den Heiligen, und gebt mir eine kleine Scheere, wie sie die Frauen führen zu feinster Arbeit: ich will versuchen, den Splitter zu fassen und heraus zu ziehen, wenn Gott mir beisteht: vielleicht, daß sie wieder auflebt. Und so geschah's. Heraus zog er den langen, langen Splitter, und sog an dem kleinen Löchlein. Da floß Blut – nur ein karges Tröpflein – und die Vögtin schlug die Wimpern halb in die Höhe und seufzte tief.

Und bald darauf richtete sie sich auf, sah sich rings im Gewölk um und begriff Alles: nur einmal erschauerte sie vor Grauen – denn sie sah, fast wäre sie lebendig eingesargt worden: – dann versuchte sie zu sprechen. »Geht an die Arbeit,« brachte sie mit Mühe hervor; es war ihr erstes Wort! »Ich brauche keine Hilfe: – Herr Friedmuth noch nicht heimgekehrt?« fragte sie noch. – Da fiel sie aber wieder zurück, und erst nachdem ihr Markulf die Schläfe mit Würzwein gerieben, erholte sie sich soweit, daß sie hinauf getragen werden konnte auf ihr Lager.«

»Das ist wie Lazarus, den der Herr erweckt hat von den Todten,« sprach Hezilo mit frommer Scheu, »Aber wie ging es nun weiter auf der Vogtburg?«

»Kaum war die Frau erwacht und von großer Schwächung und Ohnmacht des Leibes ein wenig erholt, als sie sehr bald scharfe Kriegsarbeit zu thun bekam. Ihre beiden Vettern, Herr Griffo von Greifenstein und Herr Rapoto von Naturns« –

»Ah ja, sind liebe Gesippen! Dreimal schon hat Herr Friedmuth sie gezwungen, Friede zu machen!«

»Der Greifensteiner, der ja nur ein par Stunden Etsch abwärts haust, war flugs, sowie er von dem Tode seiner Niftel erfuhr, herbei geeilt, Besitz von der guten alten Burg zu nehmen. Wenig erfreut war er von der Herrin Auferstehung, hätte wohl dem weisen Mönch am liebsten das Genick gebrochen. Zum Glück hatte er nur drei Knappen mitgebracht: und in der Burg waren noch mehr als ein Dutzend Vögtlinge und Hintersassen versammelt, Herrn Friedmuth treu ergebene Männer, die zu der Todtenfeier gekommen, und noch nicht alle wieder fortgezogen waren. So mußte er wohl nachgeben, und die Burg wieder räumen, so trotzig und zögernd er's that. Hatte er doch, gleich nachdem er eingeritten war, sein Greifenbanner schon auf dem Hauptthurm aufgesteckt, und die Fahne der Fragsburger in der Gruft aufhängen lassen, zu Helm und Schild Herrn Wulfgangs. Er wollte's gar nicht glauben, daß nun doch Frau Wulfheid wieder für ihren fernen Gemahl Herrin sei in dem alten Hause: er weigerte sich, sein Banner wieder abzunehmen: er drang in die Vögtin, da Herr Friedmuth zweifellos gestorben oder doch verschollen sei, endlich seinem Werben nachzugeben und ihm zum Traualtar zu folgen.«

»Der Kecke,« zürnte Hezilo.

»Er wirbt schon lang um sie! Bevor sie den Vogt heirathete, wollte Griffo – er mag sie wohl wirklich lieben – das kluge Mädchen – und ihr Erbgut dazu – gewinnen. – Aber nun nahm, statt aller Antwort, die tapfre Frau die Wolfsfahne ihres Vaters wieder von der Wand, stieg auf den Rundthurm, riß das Greifenbanner aus der Öse, warf es in den Burggarten und mit Herrn Friedmuths Schwert in der Hand wies sie dem Freier die Burgthür. Knirschend ging er. Aber bald kam er wieder, mit dem andren, »dem Stier von Naturns«; und sie bedrängten die Fragsburg mit harter Fehde wochenlang, bis Frau Wulfheid Nachts einen Ausfall that und ihre Lagerhallen verbrannte: – sie selbst warf den ersten Kienbrand in das vorderste Zelt: hei, loderte das trockne Schilf der Etsch empor! Zwei Knechte wurden ihnen erschlagen, fünf gefangen und mehrere verwundet.

Da zogen sie ab für jedesmal. Jedoch nach einem halben Jahre forderten sie wieder Übergabe der Burg, – mit oder ohne Heirath, wie sie wähle – und schickten ihr einen »Todeszeugen,« wie sie's nannten. Das war ein Krämer aus Trient. Der war im heiligen Land gewesen und war bereit zu beschwören, er sei dabei gestanden, als Herr Walther von der Vogelweide sehr traurig und herzbetrübt, im Lager zu Joppe vor vielen Fürsten und Rittern dem Kaiser Bericht erstattet habe, daß Herrn Friedmuths Leute den »Falken« mit gebrochenem Genick, dabei das Schwert und den Speer Herrn Friedmuths und daneben eine arg große Blutlache gesunden hätten. Und niemand im Kreuzheer zweifle, der Fragsburger sei gefallen; und habe das der Kaiser selbst gesagt.

Frau Wulfheid ließ ihn ruhig ausreden. Nur ein wenig erbleichte sie, – ich sah's mit an', denn es traf mich gerade die Reihe des Wachtfrohns in dem Vogthaus –, und biß die Lippe, wie sie pflegt, wenn sie verbergen will, was in ihr tobt. Nachdem er zu Ende war, fragte sie, wie viel ihm die Vettern für die Lügen bezahlt, gab ihm zwei harte Streiche auf die Ohren, ließ ihn gar unsänftlich aus der Burg werfen und durch Oswin im ganzen Gau verkünden, wer sich unterfange, von Herrn Friedmuth auszusagen, er sei todt oder verschollen, der werde von der Vögtin zu Fragsburg, wo immer sie ihn greifen könne, gegriffen, gegeißelt in das Burgverließ im Mauerthurm geworfen, und dort so lange gefangen gehalten, bis Herr Friedmuth selbst ihn wieder herausführe.«

»Ja, ja,« nickte der Böppele. »Das hört' ich den Oswin laut ausschreien – er hatte einen Heroldsrock mit dem Brustwappen angethan: auf der Heerstraße, die Terlan durchzieht, – kaufte da gerade ein Fäßlein Weißen: dort wächst nämlich was Feines!« Er schnalzte mit der Zunge. – »Und seither hütete ich mich wohl, auf Fragen nach Herrn Friedmuth Bescheid zu geben, oder gar, ungefragt von ihm zu reden, zwischen Passer, Etsch und Inn. Oh, der wackre Herr! Der säße jetzt herrlich und in Freuden, hätte er nach meinem wiederholten Rathe gehandelt.«

»So, so?« meinte der alte Bauer. »Ja, wenn Ihr ihm so gut gerathen habt: – geht hin zur Vögtin und theilt ihr das mit. – Sie wird's Euch lohnen.«

»Huio, will lieber nit,« schmunzelte der Schwabe.

»Und nachdem der Bischof von Brixen, Herr Heinrich,« fuhr nun Iffo fort, »– ist der Ohm der Vögtin, – der Rath von Meran und der Graf von Tirol – oder »Burggraf« muß man nun, seit ein par Wochen, sagen! – selbdritt sich in's Mittel gelegt, – denn das ganze Etsch-Thal leidet unter der Fehde, so wüst führen sie die Vettern! – haben diese damals noch eine Frist von sechs Monaten gewährt. Wann diese abgelaufen, ohne daß der Vogt zurückgekehrt, oder glaubhafte Nachricht von seinem Leben eingegangen, dann wollten sie die Vögtin auf's Neue befehden und davon nicht ablassen – sie sollen's einander geeidet haben auf den Heiligen in der Kirche zu Bozen, – bis die Frau ihnen das Haus räume; wolle sie Herrn Griffo – Herr Rapoto, der Stier, ist der ältere, der wildere! – zum Manne nehmen, so solle sie die Hälfte von allem Gut als Witthum zugesichert erhalten. Am nächsten Freitag, dem Tag von Sanct Peter und Paul, läuft diese Frist zu Ende. Frau Wulfheid hat alle ihre Knechte und die Hintersassen aus dem Passeier, aus dem Ultenthal und wo sonst die Zubehörden und Pflegen der Fragsburg verstreut liegen, schon auf vier Tage vorher zusammen laden lassen. Dann sollen diese, bevor sie die Burg vertheidigen, in dem Markt bei'm Abt der Cistercienser beichten und sich zum heiligen Martinus mit Mantel und Speer von Untermais verloben, – der besonders gut anzurufen ist für kampfgewärtige Männer. Denn diesmal wird es scharf, so meint Frau Wulfheid selbst. Und wohl wisset ihr: – die kennt keine Furcht.«

»Nein, wahrlich nicht,« rief Hezilo. »Dann wollen wir mit den drei Knechten von meinem Hof, und mit den beiden vom Innerhof zu rechter Zeit uns in der guten alten Veste einfinden: die Kleine aber bergen wir am sichersten in dem Markt hinter dem Wall bei dem Gevatter, dem Thorwart.«

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