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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 20
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
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Fünftes Kapitel.

»So saß ich denn Nachts in meinem Verschlag auf den dürren Palmenblättern, die man mir als Lager aufgeschüttet hatte. Schlaf kam nicht über meine Augen. Ich stützte den Kopf auf beide Hände, und dachte, daß ich nun wohl nur noch zwei Nächte zu leben hätte. Und holte meine treue Schwegelpfeife hervor und blies, mir selber zu Trost und Herzensausschüttung, gar kläglich meine Weise – ohne zu singen – ich konnte nicht singen, vor lauter Weh.«

»Mein armer, treuer Bub!«

»Da auf einmal hörte ich ein mißtönig gellend Geschrei: ein Gebrüll, wie ich's auf Erden nie vernommen. – Ich erschrack bis in's tiefste Herz hinein: – ich leugne es nicht! Ich glaubte, der Höllenkönig gelle so: – denn es war nichts Geheures!« –

Vater und Tochter öffneten weit die Augen voll Grauen. Aber der Böppele lachte vor sich hin.

»O Bub, – wie war's denn?« forschte die Kleine. Es graute ihr gar arg: aber sie wollte doch noch mehr von diesem Gruseln kosten.

»Ja, ich kann dir's auch nicht weiter schildern. Stelle dir vor, du hörest ein Schwein grunzen: – aber nicht ein gewöhnliches, sondern ein Schwein, – zehn, zwanzig Mal so groß und stark wie ein Etsch-Eber ist – und demgemäß das Geschrei. Mir verging, das Blasen: – da hörte das Gebrüll gleich auf. Nun dachte ich mir: oft hab' ich sagen gehört, daß die bösen Geister die edle Tonkunst nicht vertragen können: wie vor Davids Harfenspiel der Unhold wich aus König Saul. Und da kam mir der Muth wieder: – ein gut Gewissen hatt' ich: weder Christum noch das Trinele abzuschwören oder zu verleugnen hatte ich je auch nur den scheuesten Gedanken gehabt: – Neugier oder eine Art Trotz kam dazu – kurz, ich blies nochmal. Aber da fuhr ich auf mit Entsetzen. Denn nicht nur ergellte das zornige Wehegeschrei des Ungethüms aufs Neue, schrecklicher als zuvor – auch schwere, schwere Tritte dröhnten auf dem Steinpflaster des Hofes! Näher, immer näher kam es meinem Verschlag: – Trott, Trott –«

»Hezilo, ich bitt' dich mit aufgehobenen Händen, mach's kurz: – ich halt's nicht mehr aus!«

»Aber, Kleine, da sitzt er ja – du siehst es: der Teufel hat ihn damals noch nicht geholt!«

»Plötzlich packte von oben her eine furchtbare Gewalt, wie mit einer Riesenzange, das Brett, das meinem Verschlag als Dach diente, riß es mit einem Ruck aus Nägeln und Fugen, daß es nur so krachte, schleuderte es zur Erde – und im hellen Mondlicht erschien über mir das Haupt einer thurmhohen Gestalt: zwei kleine Äuglein blinzelten auf mich nieder; – zwei armlange weiße Hauer, wie von Ebern, aber viel, viel länger, blitzten im Mondenscheine: – zwischen diesen schwankte und baumelte etwas wie ein gewaltiger Arm und das schien nach mir zu greifen.«

»Gott beschütze uns in Gnaden,« sprach der Alte: die Kleine konnte nicht mehr sprechen, sie stöhnte leise.

»Ja, Vater, auch mir vergingen die Sinne. Ich wollte um Hilfe schreien: – die Stimme versagte mir. Da, um die Wächter herbeizurufen, setzte ich in Verzweiflung die Pfeife an den Mund und pfiff und blies aus Leibeskräften, wie ich noch nie geblasen im Leben.

Jetzt schrie das Ungeheuer laut auf – seltsam, wie in bittrer Qual –: auf that sich unter dem, was ich für einen Arm gehalten, ein furchtbar großer, weit klaffender Schlund.«

»Hat es dich gebissen?« schrie das Mädchen. »Wo?«

»Nein! Der Arm faßte die Pfeife wie mit einem Finger, riß sie mir mit Riesenkraft vom Munde und – – schleuderte sie in den klaffenden Rachen. Sofort, wie beschwichtigt, wandte sich nun das Scheusal, drehte mir seinen berghohen Rücken zu, von dem ein ziemlich kurzes Schweiflein herabschwänzelte, und trabte, wie vergnügt, wie nunmehr so recht befriedigt, brummend davon im Mondlicht.«

»Und hat dir nichts zu Leid gethan?«

»Gar nichts. Nur die Pfeife – –«

»Wahrlich,« sprach der fromme Bauer, »du darfst dem starken Himmelsherrn danken, der dir den Fürst der Hölle selbst hat abgewehrt.«

Aber Hezilo lachte.

Und der Böppele lachte noch mehr. »Ach was Höllenfürst! Ein Thier war es: heißt Holifant oder auch Elephas, hat einen langen Rüssel und ist so hoch wie ein junger Weinberg.«

Jedoch das Mädchen sah ungläubig den Erretteten an und sprach: »Ist nicht wahr! gelt Hezilo? Der Ungläubige spottet unser. Es war wohl – der Garböse. Wie käme so ein Thier in jene Burg?«

»Es wird von den Heiden im Kriege verwendet,« antwortete Hezilo. »Und war am Abend mit den Kamelen ohne mein Wissen hereingekommen. Ich hatte nie im Leben eines gesehen. Und so komme ich doch nicht gar zu feig und dumm dabei heraus. Übrigens gilt der Elephas als das weiseste der Thiere.«

»Ja, bekräftigte der Boblinger. »In Sonderheit liebt und versteht es die edle Musica: es tanzt danach: man lockt es und zähmt es mit Cymbelklang. Es lernt selber gar meisterlich die Flöte blasen, – bläst niemals falsch! – und leidet bitter, viel bittrer als ein Menschengemüth, gleich manchem Jagdhund, unter falschen Tönen. Und das hat sich in diesem Fall erwahrt: – denn, deine edle Heidenprinzessin in allen Ehren! Aber das Holifantenthier hat einen feineren Sinn für Musica gezeigt als sie.«

Hezilo hob lachend die Faust: »So sprach – aus gutgemeinter List –! auch ein gar weiser Heide, wie ihr vernehmen werdet. Aber höre, Böppele: ich habe nie was dafür verlangt, daß ich dir die Freiheit verschafft habe. Doch jetzt bitt' ich mir eine Gegengabe von dir dafür aus.«

»Alles, mein Bub, was du willst. Denn Frau Zahme wirst du mir doch kaum abfordern!«

»Nein! Aber ein Gelöbniß: schwöre mir hier vor diesen beiden Zeugen, die Geschichte von dem Elephas Einem Menschen nie zu erzählen.«

»Ich schwöre. Wem?«

»Allen meinetwegen: nur nicht Herrn Walther von der Vogelweide. – Aber höret weiter. Wie mich meine Sing- und Pfeifenkunst das erstemal aus meiner hinsiechenden Trübsal erlöst und in die Gunst der feinen Jungfrau erhoben hat, so gedieh mir mein Blasespiel – sogar noch im Bauche des Thieres Elephas! – zur Befreiung.

Esma hatte von der Gefahr, die mich bedrohte, wohl vernommen, aber umsonst sich bemüht, mich zu retten. Die Wächter am Thor hatten strengen Befehl, mich nicht entrinnen zu lassen. Auch ihr Versuch, sie durch Gold zu gewinnen, schlug fehl. Da erfuhr der Arzt, der zu ihrer Pflege in der Burg geblieben, den seltsamen Vorfall mit der Pfeife. Und der hatte längst gesagt, wenn er die Herrin nur einmal zum Lachen bringen könne, dann hoffe er sie aus ihrer Liebeskrankheit – denn so was war es wohl – in's gesunde Leben wieder hinüber zu retten. Und da der Weise die Geschichte erfuhr von dem Wälschen, dem ich sie erzählt, da lächelte er: »Vielleicht hilft das.« Und ging zu der Kranken und sprach: »Der Segen des Propheten sei mit dir! Siehe, was dich zuerst berückte, das hat nun der Elephas gefressen. Vielleicht ist damit der Zauber gelöst. Und zürne nicht, o Herrin. Aber« – und so redete er nicht etwa aus Überzeugung, sondern, wie ein kluger Heilrath manchmal thut, in Verstellung seiner wahren Meinung – »das kluge Thier hat mehr Urtheil über die klingende Kunst, denn du, o Gebietigerin des Scharfsinns. Denn wahrlich, wahrlich, ich sage dir: greulich war, was dein Liebling da vor sich hin blies.« Und er schilderte ihr, wahrscheinlich mit wenig Schonung meiner, meinen Schrecken und wie ich das dicke Thier für ein Luft-Gespenst gehalten.

Da lachte die Kleine hell auf.«

Und da alle seine Hörer jetzt auch lachten, lachte der Erzähler gutmüthig mit.

»Sie patschte in die zierlichen Hände und rief – natürlich auf arabisch –: »Aus ist's! Aus ist's mit der Thorheit: 's war, will mir dünken, doch nur ein Wahn, so eine Phantasie. Und wenn der hübsche Rohrpfeifer einmal nicht mein werden will, – ei, so mag er's lassen! Aber sterben soll er nicht, wenn Esma das wenden mag! Heim soll er kehren, zu seinem sonnenhaarigen Lieb in Frankistan, und mir soll er die Rettung danken.« – Und nun steckte sie, auf einen Schlag genesen, mit dem weisen Arzt das kluge Köpflein zusammen zu langer Berathung. Und das Ende davon war, daß der Befehlshaber der Thorwachen – er war just nicht mein Freund und das Messer, das neben meinem Ohr vorbeigeflogen, paßte verdächtig gut in seine seitdem leere Dolch-Scheide – vor mich hintrat, den Arzt an der Seite, und sprach: »Die Herrin hat unstillbares Sehnen nach deinem Gepfeife. Der weise Malik sagt, die Herrin müsse sterben, hört sie es nicht mehr. Also pfeife.«

»Ich kann nicht,« sprach ich. »Denn meine Pfeife fraß das dumme Thier.«

»Das Thier,« erwiderte der zornig, »ist viel klüger als du bist, du Sohn eines Hundes und Enkel eines Schweines. Du aber mache dir ein andres Pfeifgeräth. Hier liegen ja allerlei Halme im Hof.«

Ich zuckte die Achseln und sprach: »Auf eurem einfältigen Palmenstroh kann man nicht blasen. Schilf muß es sein.«

Da sprach Malik, der weise Arzt: »In dem Teiche nahe vor der Burg wächst hohes Schilf. Laß ihn, in sicherstem Geleit, hinreiten und sich schneiden, was ihm taugsam ist zu seinem scheußlichen Blasen. Nur er kann das auswählen. Wir Frommen wissen nichts von solchem Mundwerkzeug. Die Herrin reitet mit. Sie hat's befohlen.«

Und so geschah's.

Und wunderte mich, daß die Herrin nicht, wie sie sonst gethan, wann sie zuweilen ausritt, ihren kleinen Zelter zu satteln befahl, sondern das feurigste, rascheste Thier der ganzen Burg: einen unvergleichlichen, arabischen Rapphengst, den sonst nur ihr Vater bestieg.

Mich aber machten sie recht schwach beritten. Der Führer der Thorwächter wollte mich zuerst gar nicht aus der Burg lassen, – er selbst durfte sie nicht verlassen, – und schob mir endlich mit Hohn einen alten Maulesel vor, der auf einem Vorder- und einem Hinterfuß lahmte und nur gebraucht wurde, Wasser aus der Cisterne in die Hochburg zu tragen; und er sprach: »Flieht der Frankenpfeifer auf diesem Thier, will ich's mit Bart und Kopf bezahlen.« Und mit der Herrin, zehn Reitern, und vielen Sclavinnen ritten wir aus der schmalen Pforte der Felsenburg.

Mir war, ich kehrte aus der Gruft in's Leben zurück, da ich nicht mehr die verhaßten Mauern des engen Burghofs um mich sah: an Rettung aber dachte ich nicht. Da hielt die Herrin, die weit den Andern vorausgesprengt war, bis ich ihre Sattelseite erreichen konnte, und sprach zu mir: »Siehst du, Franke, da oben die Wolke, die im Dreieck zieht? Schwarzreiher sind's. Gen Westen ziehn sie. Im Westen steht die nächste Schar der Franken.«

Dann schnalzte sie nur ein klein wenig mit dem Zünglein und vorwärts flog wieder das edle Roß, unerreichbar für mich und für alle Andern.

Bald kamen wir in die Nähe des Teiches. Schilf, brauchbar für die Pfeife, wuchs da in Menge. Der Teich war tief, nur schmal, aber sehr, sehr lang.

Die Herrin befahl, etwa drei Bogenschüsse weit von dem Teich, allen Andern, zu halten, und mir allein, ihr an des Teiches Rand zu folgen. »Ich will sehen,« sagte sie dann dem Führer der Bedeckung, »welche Art von Röhren er braucht: – damit ich sie selbst mir schneiden und mir selber was vorblasen kann – nach seinem Tode.«

»Es hat nicht Gefahr!« meinte dieser. »Auf seinem Eselkrüppel holt ihn die Schildkröte ein.«

Wir ritten nun selbzweit an den Rand des schilfigen Teiches: auf einem Sandhügel blieben die berittnen Pfeilschützen und die Sclavinnen zurück und stiegen ab.

Angelangt sprang ich, dann glitt Esma herab: sie ließ sich nicht von mir berühren, oder irgend helfen.

Mein Jammeresel legte sich müd in den Sand. Mich wunderte, daß sie den Hengst am Zügel mit sich führte.

»Schneide!« gebot sie mit gebieterischer Bewegung und reichte mir, es plötzlich aus ihren Satteltüchern herausziehend, ein trefflich Schwert.

Aber mir war's nicht um's Pfeifenschneiden. – Ich hatte keine Aussicht, lange mehr zu pfeifen; und ihre Andeutung, daß sie nach meiner Hinrichtung selber munter weiter blasen wolle, – ich gesteh' es – verdroß mich ein wenig.

»Ich mag nicht,« sagte ich.

Da hob sie – die Bogen-Schützen von dem Sandhügel blickten scharf auf uns – die mit Gold und Edelsteinen bedeckte Reitgerte von Krokodilhaut und schlug mich über den Rücken.«

»Die Abscheuliche,« zürnte Katharina.

»Lautes Lachen schallte vom fernen Hügel her.

»Schneide, sag' ich,« wiederholte sie, »wate in den Teich! – So wahr du deine – die – mit den blonden Flechten – wiedersehen willst.«

Nun ahnte ich was; zwar noch nicht Alles.

Aber während ich langsam hinein watete und mit dem scharfen, krummen Säbel Schilfhalme schnitt, erzählte sie mir, wie Malik sie geheilt. »Mein Pfeiferlein,« schloß sie, »denket beide Esma's in Frankistan. Siehst du die Reiher? Ihnen folge quer durch den Teich – und sei frei.«

»Ach, Herrin, nicht schwimmen noch laufen kann dies elende Maulthier.«

»Nein, aber dieser Edel-Hengst! Schwinge dich drauf – schwimme, flieh! – und sei glücklich. Du warst Esma's Thorheit: – mit dir flieht auch ihr Wahn. Drum, Wahn – lieber Wahn! – fliehe rasch.«

»Aber, du, o Herrin?« fragte ich, »was wird dein Los? Was wirst du thun? –«

»Heirathen werd' ich, bevor der Mond sich neut. Der weise Malik hat es in den Sternen gelesen, daß des Sultans Neffe, mein Vetter, mein Schicksal ist. Und mein Schicksal hat auch schon um mich geworben. Er ist viel bräunlicher und gewaltiger wie du. Und hat einen wunderschönen, schwarzwallenden Bart – bis hieher – bis an den Gurt. Mach, daß du in den Sattel kommst! Warst du auch nur eine Laune, eine Krankheit Esma's, – du warst mir lieb und sollst nicht sterben; kann ich's hindern. Du raubst mir das Roß mit Gewalt: – hörst du? rasch! – Wirf mich in den Sand.«

Das vermocht' ich nicht. Ich sprang nur auf das ungeduldig scharrende Thier.

Aber sie selbst, da sie mich sicher im Sattel sah, warf sich nun, laut um Hilfe schreiend, nieder.

Schon schlug das schmutzige salzige Wasser mir hoch über das Haupt: – erst da sah ich um, rief: »Grazia!« – das heißt »Dank« – sie winkte mit dem weißen Schleier: – und weiter trieb ich den schnaubenden Hengst zur Eile.

Wohl hatten die Bogenschützen, als sie die Herrin fallen sahen und schreien hörten, sich rasch auf ihre Gäule geworfen, und schon jagten sie vom Sandhügel herab mir nach mit wildem, gellendem Schrei – vergebens! Keiner holte das Prachtroß ein! Die Schwimmenden blieben weit zurück, die den langgestreckten Teich umreiten wollten, kamen viel zu spät. – Von den auf den Pferden Schwimmenden zielte einer scharf, mitten im Wasser: – sein langer Pfeil – ich hatte ihn wohl selbst geschäftet – flog mir durch den weiten Ärmel meines erhobenen, das Roß treibenden Armes: – aber so wie das Thier den schmalen Teich durchschwommen hatte, war ich gerettet. Windschnell, sausend, trug es mich davon. Ein Blick auf die Reiherwolke gab mir die Richtung – ich trieb und hetzte den herrlichen Renner den Reihern nach – und bevor die Nacht hernieder sank, erreichte ich die Vorhut der Franken: – deutsche Herren waren's, – nördlich von Joppe, bei Darum. Danach schlief ich lang und schwer, anderthalb Tag lang. Den kostbaren Hengst, der mich gerettet, Esma's letztes Gunstgeschenk, verkaufte ich zu Gaza an die Templer. Der Erlös war so hoch, daß er nicht nur die Küstenfahrt von Joppe nach Akkon und von dort nach Amalfi bestritt, sondern noch so viel Überschuß gewährte, daß ich ohne Noth über Perugia und Mailand und das Wormser Joch bis hieher gelangen konnte.

Und hier ist das Messer, das der Thorwart nach mir geworfen hat,« – er zog es aus dem Wamms und legte es auf den Herdsims: schaudernd befühlte die Kleine die haarscharfe Spitze – »und in meinem Rucksack steckt, sorgfältig verhüllt, der krumme Säbel, dessen Griff und vergoldete Scheide reich besetzt sind mit gar manchem bunten Stein.«

»Die schenken wir der heiligen Jungfrau, der heiligen Katharina und der heiligen Gertrud,« sprach das Mädchen mit gefalteten Händen.

»Ja: jeder Einen!« nickte der Schwabe. »Aber die andern schenken wir der andern Katharina; die ist zwar nicht so heilig, wie die im Himmel, aber sie kann's besser brauchen: – als Schmuck zuerst, als Nothpfennig auch vielleicht einmal.«

»So warst du nicht in Jerusalem und nicht in Rom?« fragte Iffo.

Hezilo schüttelte den Kopf: »Nach Jerusalem war noch der Weg nicht frei. Der große Kaiser stand gerade in Verhandlungen mit dem Sultan, friedlichen Besuch der heiligen Stätten den Pilgern zu erwirken. Nach Rom aber! Ja wohl! Weit ausweichen mußte ich, um des Papstes Gebiet zu meiden. Der heilige Vater führt ja scharfen Krieg mit dem Kaiser, sengt und brennt in dessen wälschen Landen, und seine Legaten haben gedroht, jeden Deutschen, den sie greifen, wenn er nicht dem gebannten Kaiser absagt und dem Papste Gehorsam schwört, als Feind gefangen zu setzen.

Und es zog mich zu Euch, nach Hause, nach meinem ›Außenhof‹ und mehr noch nach dem ›Innern‹. Und ich habe dem Herrn Bischof nicht gelobt, Christi Grab zu Jerusalem zu besuchen, oder den Papst in Rom, sondern nur, ein Jahr im heiligen Land zu leben. – Das hab' ich erfüllt, – sogar zweimal gerechnet.«

»Könntest zwei Trinelein heirathen,« meinte der Schwabe.

»Es giebt aber nur die Eine,« jubelte der Frohe, »und die wird nun bald Bäuerin im Außenhof.«

Da stand Katharina auf, faßte des Geliebten Hand und sprach: »Gern, so gern! Aber nun ein Wort, das mir recht aus tiefster Seele kommt. Nicht kann ich zwar verstehen, wie ein Mädchen sein Herz umstülpen mag gleich einem Ärmel und heute den Blondkopf lieben bis zum Krankwerden, morgen aber den Schwarzbart heirathen. Allein das mag wohl im Heidenblut anders sein als an der Etsch und bei Christen. Geht mich auch weiter nichts an –«

»Sei doch froh, Mädel,« fiel der Böppele ein. »Sonst hätte sie ihn am Ende dir doch nicht gegönnt und lieber ihn sterben lassen!«

»Nein! So schlimm ist kein Weib, auch eine Heidin nicht. Und die schon gar nicht! Und ich wollte vielmehr sagen: keinen Abend will ich einschlafen, ohne die gute Heidin in mein Nachtgebet einzuschließen. Möge es ihr gut ergehen mit ihrem Sultanssohn und möge sie nicht allzulang im Fegefeuer büßen. Amen!«

»Leider bete ich nicht alle Abende,« meinte Hezilo. »Aber auch ich denke ihrer oft dabei! So dankbar, wie ich Herrn Friedmuths denke: sei's daß er noch lebe, sei's daß er schon seiner gestrengen Frau Wulfheid nachgefolgt ist in das Jenseits –«

»Wie, was?« riefen da die Anderen wie aus Einem Munde. »Frau Wulfheid? Die lebt frisch und gesund drüben auf der Fragsburg.«

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