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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 18
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
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Drittes Capitel.

In der »Stuben«, dem Raum, welcher, neben ein par kleinen Verschlägen und dem Stall, das ganze Erdgeschoß des Bauernhauses in Anspruch nahm, war der Kienspan in eiserner Öse über dem Herd aufgesteckt, schon mehr als einmal erneut worden und immer noch mußte Hezilo erzählen.

Der breite Herd war eingerahmt von schönem weißem Marmor: vor vielen Menschenaltern hatte man ihn ausgehoben aus dem Schutt und Steingerölle der alten Villa Gajana und mit seinen Bruchstücken umrandete man die Herdplatte von rothem Porphyr, der hier überall zu Tage steht.

Auf der einen Seite des Herdes, auf der Herdbank, saß, den Rücken an die Wand gelehnt, Iffo, der Innerhofer von Goyen: auf der andern Seite, Hand in Hand geschmiegt, das junge Par auf einer breiten Eichentruhe, und dem Herd gegenüber auf einem niedern Schemel mit Rückenlehne der, den sie den Böppele nannten.

Katharina ließ kein Auge von dem Geliebten und strich ihm manchmal mit der Hand über Haar und Wange, wie um zu prüfen, ob er auch wirklich leibhaft sei und nicht ein Traumgebild.

»Und so habt ihr denn Alles gehört,« schloß Hezilo und holte Athem, »bis zu dem Tage, da ich meinen armen Herren mitsammt dem Roß plötzlich verschwinden sah vor meinen Augen, als habe sich die Erde aufgethan und ihn verschlungen.

»Aber jetzt,« und er hob die irdene Schale, die vor ihm stand auf dem Marmor, – »jetzt noch einen Weidling Milch! – Das viele Reden macht trocken: – mir wird's in der Kehle wie in der Wüste.«

Voll innigsten Mitleids sprang die Kleine auf, – sie meinte, er könnte ihr plötzlich sterben! – und wollte nach der Milchkammer eilen.

Aber der Böppele haschte sie flugs am Zopfe, da sie an ihm vorbei wollte, und zog sie sanft zurück: »Halt, junge Braut! Des weißen Geschlapps ist's nun genug. Seit ich ein Säugling war, hab' ich nicht so viel Milch getrunken, wie heute Abend! – Was der Bub bisher erzählt hat, das hab' ich Alles schon gewußt. Oder mir denken können. Denn es ist doch fast immer dasselbe. Der Eine kriegt das Fieber schon bei Rom, der Andere in Neapel, der Eine kriegt die Seekrankheit gleich, der Andere kriegt sie bei Cypern, der Eine frißt in der Wüste vor Hunger Heuschrecken: – giebt gar nicht viele, schmecken so übel nicht: nur Hüpfen und fliegen sie viel gewaltiger als die um Böblingen und sind schwerer zu fangen, zumal in langen Mönchskutten –«

»Habt Ihr die je getragen?« fragte das Mädchen ehrerbietig.

Der Andere nickte sehr ernsthaft.

»Dann müßtet Ihr sie immer tragen,« mahnte der Alte. »Das Gelübde bindet bis in den Tod.«

Hezilo schwieg. Er lachte nur in seinen schönen blonden Flaumbart, der ihm in diesen Jahren stattlich gewachsen war. Viel größer sah er aus, als da wir ihn kennen lernten. Das dunkle Braun des Antlitzes stand ihm gut.

»Schon recht, schon recht!« beschwichtigte der Böppele. Wenn Ihr es so meint beim Anlegen: – wenn Ihr es nicht für ewig meint: – dann eben nicht. Aber was Mönchsgelübde! – Das ist abgethan! Dank dem heiligen Urban, dem Besten aller Heiligen.«

»Ausgenommen Sanct Johann der Täufer,« sprach der Bauer ernsthaft.

»Der taufte mit Wasser, – Sanct Urban tauft mit Wein. Hujado, meint Ihr, man ist umsonst Weinwirth in Böblingen? Als ich den da plötzlich auf der Straße traf oberhalb Glurns, diesen Buben, der uns wiedergekehrt ist, wie Daniel aus der Bärengrube,« – Katharina zog Hezilo an sich, – »oder wie die sieben Männer aus dem feurigen Backofen. –«

»Es waren nur drei,« meinte Hezilo.

Aber Katharina war noch mehr gerührt und lehnte das Köpfchen an seine Schulter.

»Oder vielmehr wie der, der mit Zurücklassung seines Mantels der Frau Potiphar entsprang: der heilige Joseph, Christi Nährvater.«

»Hör' auf!« lachte der Bauer, »das war ja ein ganz anderer Joseph.«

»So?« fragte der aus Böblingen gedehnt. – »Nun das ist gleich. Dann war es ein Anderer!«

»Und das muß ich dir wehren, bei Drohung harter Schläge, daß du die Jungfrau, die viel reine, edle, hochgemuthe, die mich gerettet hat, mit jenem Buhlweib vergleichst!« und heftig schlug der Jüngling die Faust auf den Marmor-Sims.

Da schaute ihm das Trinele tief, scharf, sorglich fragend in's Gesicht. Aber er merkte es nicht.

»Nun, bei Sanct Sebastian! Ich will sie nicht schmähen, die Heidenfürstin. Sie ist – –«

»Sagt, ist sie schön?« forschte da rasch eine Frage. So scharf war der Ton, daß Hezilo rasch umsah.

Gespannt waren des Mädchens Augen auf Böppele gerichtet.

»O – ja, – recht – angenehm so zum Anschauen. Ein wenig – bräunlich, wie dunkles Bocksleder –«

»Aber Augen – wie – wie ein Reh!« rief Hezilo.

»Und wie alt war sie? Sag's, braver Böppele!«

»Nun, recht schön jung, – so wie Ihr! Aber jetzt hab' ich g'nug, des Geredes und des Gefragtwerdens. Durst hab' ich! Nein, nicht Milch! Als ich den Heimgekehrten auf einmal traf bei Glurns – um die Felsecke bog er: – auf einmal hielt er da vor mir auf seinem Rößlein.«

»Und wie geschah das? Wo kamst du her des Weges?« fragte der Bauer. »Boblingen ist doch weit von der Etsch?«

»Ja wohl, aber ich fahre immer gern zu Weinkäufen in die Rebgärten zu Trient und Bozen, um die Zeit, wann sie dort billig verkaufen. Und warum? Nur aus Liebe zu meinen Boblingern. Denn je billiger ich einkaufe, – desto weniger brauche ich draufzuschlagen. Und es reist sich auch sicherer in Gesellschaft, zumal der Kirchenleute, welche ihre Schutzheiligen und die Furcht vor dem geistlichen Recht beschirmen, wie Vogelscheuchen. So weiß ich es immer so zu richten, daß ich mit den zehn Fudern Wein von Bozen, drei Säumen Öl und hundert Ochsen und Schweinen zusammen von Trient und Bozen eine Strecke weit reise, welche das Bisthum Trient als Vogtherrschaft jährlich der Muttergottes zu Kloster Sonnenburg auf den Schos – wollte sagen auf den Altar – legt, schon seit mehr als zweihundert Jahren. Bischof Hartwich hat's gestiftet. So that ich auch diesmal und zog mit ihnen von Trient bis Bozen: erst nordwärts von Bozen wandten sich jene gen Aufgang, ich gen Niedergang, und traf so auf diesen Buben, der vom Wormser Joch daher kam. Bub, sagte ich, ich kehr' mit dir um, – doch that ich's nicht um Botenlohn, wie ich dem Goyenbauer vormachte; nein, um mich mit euch, mit ihm und ihr zu freuen. Dank' ich ihm doch 's Leben. Und hab' ich auch die Weinrosse eingestellt in Glurns – ein wacker Lägel vom allerbesten Bozner hab' ich mit zurückgebracht. – Das ist mein Hochzeitsdank! Aber antrinken können wir's schon heut!«

Damit ergriff er den großen, thönernen Wasserkrug, der auf der Erde stand, goß sorgfältig, sehr sorgfältig die Neige, die darin stand, aus, eilte in den Stall und kam bald wieder, den Krug, rothen Weines voll, Hezilo darreichend. »Nun trinke und gieb den Andern und erzähle weiter.«

Als die Männer herzhaft getrunken hatten und die Kleine genippt, hob Hezilo, sich den Bart wischend, an:

»Uf! Um diesen Trunk, Böppele, verzeiht dir unser Herrgott siebzig Lügen. – Also! – Da ich, nachdem ich vom Gaul gerissen worden, meiner Sinne wieder mächtig ward, merkte ich, daß ich vor einem Heiden quer über dem Sattel lag, der mich mit einer Schlinge an seines Rosses Hals gebunden hatte. Wir meinen, wir »reiten« im Abendland. Meintwegen: – aber was ich jetzt mitmachte, das war nicht Reiten – das war Fliegen! Mir schwanden auf's Neue die Sinne – ich glaube: vor Schwindel. Auf einmal erwachte ich: – von dem jähen Aufhören der sausenden Bewegung. Ich sah um mich: Fackeln glänzten durch die Nacht, andere Heiden – zu Fuß – nahmen uns in Empfang: – wir hielten am Fuß eines steilen Felsens. Die Reiter sprangen ab, man band mich von dem Gaul los und schob mich, – nicht ohne einiges Puffen und Knuffen –«

»Diese Unmenschen!« seufzte Katharina.

»Einen schmalen, in den Fels gehauenen Steig hinauf – hoch – sehr hoch. Plötzlich klaffte auf, was ich für eine Spalte im schmalen Fels gehalten hatte: es war ein Burgthor: – noch ein Puff von hinten und ich war drinnen. Der Führer der Reiter – ich erfuhr später: es war der Burgherr und Esma's Vater – winkte einen der Burgwächter heran – er war ein »Renegat«, wie sie's nennen, ein Wälscher aus Amalfi, der bei einem früheren Kreuzzug den Hunger bei den Christen nicht mehr ausgehalten hatte und zu den Heiden übergelaufen war. Constantino hieß er. Der sprach arabisch und sprach Frankistan, wälsch und auch ein wenig deutsch und der diente uns als Dolmetsch. Er erklärte mir die Befehle des Burgherrn: man werde mich hier gefangen halten, um mich gegen gefangene Heiden auszutauschen; ich sei auf seinen, des Burgherrn, Beutetheil gefallen. Auf mein ängstliches Fragen nach meinem Herrn erfuhr ich, gegen ihn sei, weil er der Heiden besten Plan vereitelt, der Anschlag gezielt gewesen. Aber was aus ihm geworden, wußten meine Gefangennehmer nicht, – sie seien auf der Flucht, verfolgt von den Unseren, sogleich von den Anderen getrennt worden. Vielleicht auch wußten sie's, wollten's aber nicht sagen: doch meinten sie, selten komme Einer bei dem Sturz in solche Trichtergrube oder Löwenfalle gut davon. Da grämte ich mich denn um den lieben, treuen, mildgütigen Vogt und um mein eigen Los. Und am bittersten um dich. Kleine! Und wie dir's das Herz abdrücken werde, wenn ich gar, gar nie mehr wiederkäme.«

Katharina griff rasch nach seiner Hand und strich ein parmal darüber.

»Und obwohl sie mir nichts zu Leide thaten, die Heiden, auch zu essen gaben sie mir – meine Lust am Essen war nicht groß, – war mir doch recht öd und weh zu Muthe. Sprechen konnte ich nur mit dem Constantino, der nicht oft in der Burg war. Und so saß ich denn den ganzen langen, langen Tag auf dem Sande des viereckigen schmalen innern Hofes des kleinen Felscastells und schäftete Pfeile, – das war die Arbeit, welche sie mir zugetheilt hatten: gewaltige, fast armslange Geschosse: denn, ließ mir der Burgwart höhnisch verdeutschen, der kurzen Frankenpfeile schlucke er drei mit einem Becher Wasser. Weil ich aber den Sonnenbrand des Mittags nicht vertrug wie die Heiden – die ihre glatt geschornen Scheitel ohne jeden Schutz den sengenden Strahlen aussetzen – und den Wechsel der dann manchmal empfindlichen Kühle der Nacht, zimmerten sie mir in einer Ecke des Hofes einen Verschlag aus ein par Brettern mit einem Schutzdach.«

»Das haben dir die Heiden gethan? – Wohl nur die Eine, – die: – deine Prinzessin?«

»Nein. Die wußte damals noch gar nichts von mir: so wenig wie ich von ihr – oder daß überhaupt ein Weib in der Felsenburg athmete. Die Heidenmänner haben's gethan – einfach aus Güte des Herzens, – weil sie sahen, wie ich litt, – einmal einen Sonnenstich hatte –«

»So gut können Heiden sein?« forschte der Bauer ganz erstaunt.

»Ja, so gut! Und daß ich das gelernt habe, daß es auch recht wackere Leute giebt unter den Ungläubigen, das ist nicht das Schlechteste, was ich herübergetragen habe über das große Wasser.

Da saß ich denn gar trübselig und von Heimweh verzehrt in meinem Verschlag. Das Essen, ich ließ es stehen, – der Kummer würgte mir den Hals. Ich ward krank.«

»O du armer Bub, und Alles um mich.«

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