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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 17
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
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Zweites Capitel.

»Trinele!« rief da eine Männerstimme von der Thüre des Hüttleins her.

»Gleich, Vater!« antwortete sie, wischte sich rasch die Augen und sprang zurück an das Haus.

Da stand auf der Schwelle ein alter Mann, hoch gewachsen, mit den edeln Zügen, dem langgestreckten Antlitz, dem tief ernsten Ausdruck, der so vielen Bauern des Burggrafenamtes Tirol, in scharfem Gegensatz zu der bajuvarischen Bevölkerung der Nachbarthäler, eignet: vielleicht ein Erbtheil der Ostgothen, welche, nach dem Fall des Heldenkönigs Teja in der Mordschlacht am Vesuv, gemäß Vertrag mit Narses freien Abzug über die Alpen »zu andern Barbaren«, sich ausbedungen und ausgeführt haben.

Wie er so da stand, von der Abendsonne beleuchtet, die hoch ragende Gestalt vom Alter nicht gebeugt, barköpfig, das edel geformte Haupt umrahmt von glänzend weißem Haare, das er in schlichten Strähnen herabfallen ließ, als seiner Freiheit Zeichen, ungeschoren, nur über der halben Stirn wagrecht geschnitten, die Brust nicht ganz verdeckt von dem groben braunen Wollrock, der die Kniee nicht erreichte und durch einen schmalen Gurt von Bocksleder um die Hüften zusammengehalten ward, während enge Hosen von gleichem Stoff ihm bis an die Kniee reichten, schien er, die blitzende Sense, einem Speere vergleichbar, über die linke Schulter gelehnt, die Rechte nach seinem Kinde ausgestreckt, wie aus alter Recken-Zeit übrig geblieben.

»Da! Setze dich zu mir,« sprach er nun, die Sense ablegend; und mit der mächtigen, von schwerer Arbeit gehärteten Handfläche ihr Haupt und Haar streichelnd, zog er sie zu sich nieder auf die Holz-Bank, welche, wie um die Süd- und Ostwand, auch um die Westseite des Häusleins gezimmert war. »Ich habe dir die Abendmilch und das Speltbrot mit heraus genommen – sieh hier, auf dem Steine –, da du wieder nicht auf das Meierglöcklein achtetest, das die Knechte und Mägde von der Arbeit zu dem Rundtisch rief. Du hast wieder einmal deinem Buben nachgesehen – nachgesonnen – nachgeweint! Nein? Ja, die Augen sind jetzt wohl trocken! Aber da – das Hemd links und rechts vom Kinn, – das ist ja noch naß.«

»O Vater!« rief die Kleine, stellte hastig den Napf Milch nieder, den sie hatte zum Munde führen wollen, und warf sich, laut aufschluchzend, an des Alten Brust.

»Nun, nun, er wird wohl noch leben, dein weißköpfiger Bub.«

»Oh ich glaub's kaum mehr! Denk' doch nur, was da Alles auf solcher Fahrt einen braven Christen-Menschen treffen kann. Es ist ja grausam, was die Männer erzählen, die drüben gewesen über dem großen, großen Wasser.«

»Und – trotz Allem – glücklich heimgekommen sind, dank den Heiligen. Wird wohl leicht auch ein weniges Gelogenes darunter sein,« meinte der Alte, gutmüthig tröstend.

»O Vater, nein! So schlecht ist doch kein Christenmensch, daß er das achte Gebot verletzt, gerade wenn er vom heiligen Land erzählt.«

»Weiß nicht! Ich kenne Einen, der könnte wohl auch darüber aufschneiden, daß die Bänke krachen.«

»Den von Böblingen, den Böppele, meinst du,« und sie mußte ein wenig lächeln mitten unter ihren Thränen. »Ja der! Aber so einen Schwänkemacher läßt der liebe Gott nicht zweimal herum laufen auf dem Erdboden. Und weißt du denn nicht mehr, wie der Ferg von Lana erzählt hat, daß schon in Wälschland drüben, wo sie sich einschiffen, oft so giftige Fieberluft weht, daß gar Viele erkranken und sterben, bevor sie nur das Schiff besteigen? Dann die Stürme auf der Meerfahrt – Wellen, hoch wie Kirchenmauern! – und in den Wassern, den abgrundtiefen, Haifische, welche den Schiffen, fraßgierig, folgen. Und verborgene Klippen! Und Seeräuber! Und sind die frommen Pilger dem allem entgangen, dann drüben die furchtbare, lange, lange Wüste, wo es nichts giebt als Sand und einen bösen Wind, der den Sand haushoch aufschüttet, Roß und Reiter und Lagerzelt begrabend. Und die grimmen Heiden auf ihren pfeilschnellen Rossen mit vergifteten Pfeilen! Und Schlangen giebt es auch! Und –«

»Schöne Weiber, Trinelein, viel schönere als eine Bauerstochter an der Etsch.«

»Nun, die thun aber nichts!« sagte die Kleine ganz unbefangen. »Die fechten doch nicht mit? Wie die Bergriesinnen thun werden, nach der alten Weissagung, wann der Antichrist gegen Elias streiten wird im Rosengarten König Laurin's zu Algund und wann die Welt in Feuer aufgeht an dem jüngsten Tage. Was schaden die Heidinnen dem Hezilo?«

»Dem Hezilo nicht: – aber vielleicht dir, Trinelein.«

Mit großen Augen sah ihn das Kind an: »Mir – hier? – In Goyen? Der Zauber müßte weit fliegen! Und wie wissen denn die Heidinnen, daß ich lebe? Und was hätt' ich ihnen zu Leide gethan, daß sie mich verzaubern möchten?«

Da sprach der Alte wehmüthig: »Du könntest Einem das Herz springen machen vor Harm! – Wenn es wahr wäre! –«

Und er senkte das Haupt auf die Brust.

»Wenn was wahr wäre?« forschte die Kleine, hastig aufspringend. »Vater, was soll wahr sein? Du weißt etwas – o Jungfrau Maria! – du weißt was von ihm und willst mir's nicht sagen! Er ist todt? Er ist gefallen? – Oh, ich bitte dich, sag's mir! Sag's – mit aufgehobnen Händen bitt' ich dich!«

Und sie warf sich vor ihm nieder auf die Kniee und hob die beiden Hände mit fest ineinander geschlungenen Fingern zu ihm empor.

» Nicht todt! Nicht gefallen,« beschwichtigte der Alte und hob sie sanft vom Boden auf. »Bei Sanct Johannes dem Täufer, meinem Schutzpatron im Leben und bei dem Gerichte Gottes.« – Da beruhigte sich, bei solcher Betheuerung, das Mädchen.

»O weil er nur lebt! Nun, was aber denn sonst? Verwundet? – Krank! – Im Haus der frommen Ritter?«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Ganz gesund und frisch ist er!«

»Warum kommt er dann nicht heim? Wie die Andern alle: – der Kaiser soll doch schon lange wieder zurück sein.«

»Aber Herr Friedmuth fehlt. Und niemand glaubt, daß der noch lebe, – sagt der Böppele.«

»Hast du den Böppele gesprochen? – Der war ja auch in des Kaisers Heer! Hat der meinen Buben gesehen?«

»So rasch kann ich nicht hören, – geschweige antworten – wie du fragen kannst! Also: Alles der Reihe nach. Ja, der Böppele ist zurück. Ich hab' ihn nicht gesehen: – aber der Gevatter, der Thorwart von Meran.«

»Der Zingilo? Wo? Wann, Vater?«

»Gestern Abend. Da ist der Böppele mit einem Geleitsbrief des Rathes von Bozen und vier Saumrossen mit Wein durch Meran gekommen –«

»Und der hat meinen Hezilo gesehen? Gesund und unverwundet?«

»Ganz frisch und gesund: aber –«

»Nun, aber?«

»So halb und halb – gefangen!«

»O barmherziger Heiland,« schrie das Mädchen und fuhr mit beiden Händen in ihr Haar. »Gefangen von den Heiden! Ach und sie sollen die Gefangnen lebendig begraben, oder von ihren Rossen zerreißen lassen, oder – o ihr Heiligen! Mein armer Bub!«

»Schrei nicht so wüst! Deinem Buben geht es ganz gut. Viel besser, viel lustiger als dir: – und mir,« fügte er seufzend, leiser, bei, »der ich ihr das beibringen soll. – Er ist nicht so recht gefangen wie Andre – kriegsgefangen. Er, – er kann nur nicht fort.«

»Warum? wer hält ihn, wenn nicht Zwang? –«

»Die stärkste Zwingerin, wie Herr Walther sagt: die Minne.«

»Die Minne? Die Liebe – unsern Hezilo – meinen Hezilo? Die Liebe hält ihn? Nein, herführen wird sie ihn, auf Flügeln, rasch wie die Schwalbe, zu mir.

»Ja, – wenn er aber – eine Andre liebt?«

Da richtete sich das junge Mädchen hoch empor, sah ihrem Vater, leuchtenden Blickes, in die Augen und rief: »Das ist nicht wahr!«

»Ich glaub's auch nicht von dem Buben.«

»Es ist nicht möglich, sag' ich dir!« wiederholte fast drohend die Tochter: – das Kindliche ihres Wesens war nun ganz gewichen. »Wer hat's gesagt?«

»Der Böppele!«

»Der Böppele lügt!«

»Ja, ja! Oft lügt er schon. Aber manchmal sagt er doch auch die Wahrheit. Und diesmal –«

»Wem hat er es gesagt?«

»Dem Thorwart, dem Gevatter. Und den hab' ich jetzt gerade gesprochen. Er kam herauf, nach seinem Rebgarten zu sehen an der Naif. – Ich traf ihn dort: ich mähte unsern Grummet an dem Naifenbühl.«

»O Vater – Vater – erzähl' es – o jedes Wort! – aber genau: so wie man das Vaterunser sagen muß.« –

»Der Böppele ist über Nacht geblieben in Meran, hat bei dem Thorwart selbst seine Weinrosse eingestellt. – Er ist nämlich wieder, wie vor Jahren, Weinschänkwirth zu Boblingen im Schwabenland geworden. – Und hat dem Gevatter viel erzählt von Allem, was er gesehen, erlebt, und ausgestanden. Das Meiste, meint der Zingilo, war gelogen und übertrieben. Aber als der Wackere ihn fragte, ob er nichts von Hezilo und vom Fragsburger erfahren habe, oder von Herrn Walther, da sagte er: Herrn Walther habe er vor Kurzem in Brixen gesprochen.«

»Dank den Heiligen! So lebt er, der brave, liebe, kluge, frohe Herr? Aber Hezilo –«

»Vom Fragsburger hab' er nichts sagen wollen, trotz allem Drängen des Gevatters.«

»Ja, ja: wegen der Geißelung, die Einem auf der Fragsburg droht, wenn Einer von dem Vogt berichtet, was man dort nicht gerne hört: – das ist ja weit und breit bekannt geworden. – Aber mein Hezilo?«

»Hezilo hat er im Morgenland gesehen, gesprochen: aber zuletzt als Sclaven – nein, Freigelassnen einer Heidenprinzessin.«

»Freigelassen? – Dann käme er zu mir.«

»Ja: – sie haben ihn freigelassen – nur unter einer Bedingung.«

»Welcher Bedingung?«

»Daß er sie heirathet.«

Da erbleichte das Mädchen: – tief holte sie Athem: »Woher weiß das der üble Landfahrer?« forschte sie dann nach langem Schweigen.

»Auch er ward von Heiden aufgegriffen und in die gleiche Felsen-Burg gebracht, wo Hezilo – allein, ohne Herrn Friedmuth – festgehalten war. Auf Hezilo's Fürsprache ward der Böppele freigegeben.«

»So viel gilt der gefangene Knabe bei der Heidin?« fragte Katharina und tiefe Trauer zog über ihr holdes Antlitz. »So viel!«

»Ja, sehr viel. Der Böppele durfte nicht viel mit ihm reden, – aus Argwohn der Heiden, er möchte mit Hezilo die Flucht planen. Denn die junge Fürstin hatte gedroht, alle Wächter zu kreuzigen, falls sie ihren Liebling entspringen ließen.«

»Ihren – Liebling!«

»Ja. Und Hezilo trug die allerschönsten, reichsten Kleider der Heiden: Kopftücher von Seide und weite Hosen, fast wie Weiberröcke, und spitze weiche goldgestickte Schuhe. Und er aß von goldnen Schalen. Und sechs Mohrenknaben dienten ihm. Und die Prinzessin hatte ihm erbeuteten Wein bringen lassen, – theuren Wein! – er gab Böppele davon – und die Heidin schenkte selbst den Becher ein und kredenzte ihn dem Buben.«

»Ist sie schön, diese Prinzessin?« fragte Katharina. Gluth schoß ihr in die Wangen.

»Ja, danach hab' ich wirklich nicht gefragt! Und so weit wäre ja Alles ganz gut bestellt für den Buben: und wir, die wir ihn lieb haben, wir müssen uns freuen über all das!«

» Freuen? Müssen uns freuen

»Nun freilich. Er lebt, er ist gesund, er ist heil! – Was hättest du vor einer kleinen Weile darum gegeben, hättest du das von ihm gewußt?«

»O Vater, du hast Recht! – Ich bin – ich war so undankbar! – Ich war – ich dachte nur an mich, nicht an ihn. O das war schlecht von mir!«

»Ja, das heißt: damals – vor vielen, vielen Monaten – lebte er gesund und frisch. Jedoch –«

»Nun – was später?«

»Als der Böppele entlassen ward, da sagte ihm einer der Wächter, ein zum Heidenthum übergetretener Wälscher –«

»Giebt's das auch?«

»Oh ja, das giebt's. Der sagte, unser Hezilo –«

»Nun?«

»Der Vater der Prinzessin, der in Allem seines Kindes Willen thue, habe gar nichts gegen die Heirath. Aber da sei von dem obersten Kaiser der Heiden ein harter Befehl ergangen, – gegen alle Gefangenen – weil die Tempelritter einen Waffenfrieden sehr schnöde gebrochen.«

»Heilige Katharina! Welch' ein Befehl?«

»Der Fürst habe Botschaft an seine Tochter geschickt, – denn er war nicht mehr in der Burg – wenn Hezilo nicht in drei Tagen sein Eidam sei – bis dahin hatte sich der Wackere immer standhaft geweigert –«

»Siehst du, Vater, – ich hab' es gewußt!« rief sie mit lachenden Augen. – »Dann?«

»Dann muss' er ihn eben, wie alle Gefangenen, – köpfen lassen.«

Da stürzte das Mädchen laut aufschreiend auf den Vater und rief: »Ach um Gott! – Aber er hat sie doch ohne Zweifel geheirathet? Oh ja? Ja? Doch gewiß? Ich bitte dich: sag' doch ja. Er hat's doch gethan?«

»Kind,« klagte der Alte, »wie soll ich's wissen? Der Böppele ward aus der Burg geführt, ohne unsern Buben vorher noch einmal sprechen zu können. Das war das Letzte, war Alles, was er wußte.«

»O Vater, Vater, sage, sage du mir! Du bist so alt, so erfahren, – du kennst den Hezilo, – meinst du nicht, er hat's doch gethan? O sage ja. Er mußte ja! Er mußte doch sein Leben retten! Gerade, wenn er mich lieb hat, hat er's doch gethan? Und ach Gott! Ich hab' ihn ja in alle diese Noth, in die Gefangenschaft geführt! Nur weil er mich lieb hat, weil er mich thörig Ding zum Weibe haben wollte, nur deßhalb hat er ja das Kreuz genommen, das der Bischof zur Bedingung seiner Erlaubniß gemacht hat. Ich bin Schuld, seine Liebe zu mir! O ich hoffe doch – ich bitte Gott – Gott! laß ihn nur sein Leben retten! Und müßt' er hundert Andere freien. Oh nur er nicht sterben! –«

Da brach sie vor dem Alten zusammen, das Haupt in strömenden Thränen gegen seine Kniee drückend; er richtete die halb Ohnmächtige auf und barg ihr Köpfchen an der Brust.

»O mein Kind! Mein gutes Kind! Ja, du liebst ihn, den Buben. Aber auch er hat die wahre Liebe und Treue zu dir – und ich fürchte sehr –«

»Was fürchtet Ihr? Wenn ich komm', weicht die Furcht,« fragte da von der Hausthür her eine tiefe Stimme fröhlich.

Der Alte wandte sich.

»Oh! Ihr, Böppele! Ihr war't ja, sagte der Gevatter, schon bei Sonnenaufgang fort aus Meran gegen das Innthal zu hinauf. Aber –«

»Ja, bin aber nicht gar weit gekommen. Schon bei Glurns kehrte ich um.«

»Weßhalb?«

»Ich – ich hatte was vergessen.«

»Hei, was?«

»Einen Botenlohn.«

»Wo habt Ihr den zu zahlen: oder eher wohl – zu holen?«

»Wo? Ei, hier auf Goyen: – bei Euch. –«

»Wofür? Für jene böse, böse Nachricht? Ihr seht, was sie angerichtet hat in meinem Kind.«

»Ach so! – Nun, was fürchtet Ihr denn?«

»Ich fürchte, der wackre Bub, er hat – wie ich ihn kenne – die Heidin nicht genommen.«

»Da kennt Ihr ihn recht. Er hat sie nicht genommen.«

»So ist er todt?« schrie Katharina, sich aufrichtend.

»Bewahre Gott und Sanct Sebastian! Er ist ganz hechtlebendig.«

»Habt Ihr ihn gesehen?«

»Ja wohl.«

»Wann? Wann?«

»Heute.«

»Wo? Wo ist er? Um Gott?«

»Da ist er, Trinele! in deinen Armen!« So rief eine jubelnde Stimme, und aus der Thüre, an den beiden Männern vorbei, sprang ein schlanker Bursch auf die Kleine zu.

»Hezilo!« rief diese und fiel an seine Brust.

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