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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 16
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
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Zweites Buch.
Hezilo's und Böppele's Abenteuer.

Erstes Capitel.

Zwei Jahre waren in's Land gegangen, seit Herr Friedmuth und sein getreuer Hezilo verschwunden waren aus den Augen der Ihrigen.

Längst waren der Kaiser und sein Heer aus dem Morgenlande zurückgekehrt.

Da ging an einem wunderschönen Sommerabend in dem wunderschönen Thal, »das Etsch und Passer, zwei Silbergürteln gleich, umhegen«, im Thale von Meran, die Sonne so herrlich zu Golde, wie es vor andern jener gesegneten Landschaft lieblich Eigen ist.

Zauberhafte Farben-Töne hatten von der sinkenden Glanzscheibe aus oder um sie her den Himmel, die Berge, die üppigen Mittel-Höhen der Hügel-Gelände, die beiden Flüsse und deren Thalgrund erfüllt: vom wärmsten Gold, durch glühendes Roth bis in's immer noch stark roth durchwärmte Violett.

Der Widerschein im Osten, zumal im Südosten, wo die Mendola, wie von Sehnsucht gezogen, gen Italien hinab neigt, erfüllte den ganzen Himmel mit prachtvoll leuchtender, lodernder Gluth.

Auf der Höhe im Osten von Meran, wo dermalen Schloß und Gehöft Goyen zwischen Schänna im Norden und der Fragsburg im Süden ragen, standen damals ein par niedrige, strohgedeckte Bauerhütten. Sie waren sammt dem zugehörigen Wein-, Acker- und Wiesenland dem Bisthum Chur zu eigen und an Hintersässige ausgeliehen, welche zwar persönlich frei, – nicht leibeigne Knechte und Mägde – aber doch »Vögtlinge« des Bisthums und von dem Bischof und besten Vogt streng abhängige Leute waren. »Ze Goyen« hieß damals die Siedelung: – nicht viel anders schon in den Tagen, da Ostgothen auf dem nahen Iffingerberg lebten: denn bereits zur Römerzeit krönte jenen wunderbar schönen Hügel eine » villa Gajana«: und die Winzer, welche dem Rebgarten Halt und Stütze aufbauten aus allerlei zerbröckeltem Gestein und Mauerwerk, das in großen Mengen den Boden auf der Krone der Höhe bedeckte, ahnten nicht, daß sie die Ziegel altrömischer Grundmauern und Hypokausten übereinander schichteten.

Vor der kleineren dieser Bauerhütten stand oder lehnte an einer solchen niedrigen Weinbergmauer, welche ihr nur bis unter die Brust reichte, ein junges Mädchen von fast noch kindlicher Gestalt.

Den Rücken dem Hause zugekehrt, schaute die Kleine, über die Mauer gebeugt, eifrig der sinkenden Sonne nach: sie hatte die beiden Ellenbogen, die nackt aus den Kurzärmeln des dunkelbraunen Wollhemdes ragten, auf die obersten Steinplatten des Gemäuers gestützt und das Kinn auf die beiden umschließenden Hände gelehnt: zwei dicke, breitgeflochtene gelbe Zöpfe fielen über den zierlichen Nacken, das grüne, rothgeränderte Mieder und das Hemd, welches unterhalb des Mieders wieder hervor kam und bis auf die Knöchel der bloßen Füße reichte.

So tief versunken war die Jungfrau in ihr Sinnen und Ausschauen, daß sie es gar nicht merkte, wie die zutraulichen kleinen Eidechsen, welche alles Gestein jener sonnigen Gehänge beleben, auf der breiten noch ganz sonnenwarmen Mauerbrüstung dicht an ihren Armen vorüberhuschten.

Lange, lange blickte sie so regungslos, sprachlos vor sich hin – in die rothgoldene Pracht des Abendgewölks.

Endlich seufzte sie tief auf: »Oh Frau Sonne, liebe Herrin! Bring ihn mir wieder! Dir hab' ich ihn befohlen, dir, der heiligen Katharina und zumal der heiligen Gertraud. Denn an deren Tag und unter deren Geleit zog er dereinst davon – da hinab – – gerade dorthin! Noch seh' ich ihn, wie er da um die Ecke des Weinbergs bog! Noch einmal sah er um und winkte grüßend mit der Hand: – und verschwunden blieb er von Stund an für so viele, viele Tage! Und habe doch jeden Morgen und jeden Abend gebetet auf den Knieen zu Sanct Gertraud, die ganz besonders in Schlacht und Kampf den Männern beispringt; und habe das Steinbild der heiligen Jungfrau mit Kränzen geschmückt und mit Sträußen, so lang es Blumen gab. Und wenn es keine mehr gab, mit den schönsten Schnüren von rothen Vogelbeeren. Und Alles umsonst! Und Andere, sogar solche, die viel später fortgezogen sind als Herr Friedmuth und Hezilo, sind schon lange wieder zurück: der Ferge von Lana und der Hübner von der Töll! Ach und von Herrn Friedmuth und von Hezilo keine Spur, keine Kunde!«

Die Kleine sah nun die hellsten Sonnengluthen wie gedämpft: denn Thränen traten ihr in die blauen Augen und liefen langsam, langsam über die runden blühenden Wangen des Kindergesichts.

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