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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 14
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
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Dreizehntes Capitel.

Als der Ritter sich mit seiner kleinen Schar dem Lager näherte, fiel ihm auf, daß auf der die Straße beherrschenden Sand-Höhe mehr als die drei von ihm hier aufgestellten Reiter Wache hielten: er sah wohl ein halbes Dutzend Helme sich scharf von dem tief blauen Horizont der Wüste abheben. Und während er noch über die Ursache nachsann, sprengte einer davon eilfertig ihm entgegen. Staub- und Sandwolken des Wüstenbodens verhüllten ihn, sobald sein Pferd aussprengte: so konnte ihn Friedmuth nicht erkennen, bis der Reiter dicht vor ihm hielt. Der sprang ab und umklammerte des Ritters Knie: erst jetzt erkannte dieser den heftig Bewegten.

»Oswald!« rief er und richtete das graue Haupt empor, das sich, wie von Schmerz niedergebeugt, an den Bug des Hengstes gedrückt hatte. »Oswald!« Was hast du?«

»Ach theurer Herr!«

»Ist Übles geschehen? Wie ließest du mein Haus, die gute Fragsburg?«

»Sie steht unversehrt.«

»So ist der Berg gerutscht? Ist die Etsch ausgetreten?«

»Nein. Aber – Frau Wulfheid –«

»Was ist mit meiner Hausfrau?«

»Todt ist sie, Herr, gestorben und begraben!«

Mit einem Sprung war Friedmuth aus den Bügeln und stand neben dem Alten.

»Todt? Frau Wulfheid? Unmöglich!«

»Doch, lieber Herr.«

»Die Lebensstarke! Sie wollte leben und starb doch? Was konnte sie bezwingen?«

»Der stärkre Tod! Auf einer Eberjagd –«

»Wie? Ich hatte ihr scharf verboten, je wieder dies männische Werk zu üben, seit sie schon einmal der Eber gehauen.«

»Ich wagte, sie Eures Verbotes zu mahnen. Und sie liebte ja gar nicht die Jagd. ›Schweig, Knecht,‹ herrschte sie mich an. ›Die Weizenfelder da unten an der Etsch sind mein: mein vorbehalten Frauengut. Und wenn Herr Friedmuth auch – leider! – allzu gering das Gut achtet‹ – ›das Sach,‹ sagte sie: es war ihr Lieblingswort –«

»Ja, das war es.«

Ich sehe streng auch auf die Pfennige. Denn aus den Pfennigen wachsen Schillinge. Es ist nicht mehr zu tragen, daß die Wildsauen, aus den Etschsümpfen einbrechend, unsern besten Weizengrund zerwühlen! Die Knechte beschaffen nichts ohne das Auge der Herrin. Ich muß zum Rechten sehen.‹ Und sie befahl: – Ihr wißt: es gab nicht Widerspruch gegen ihr Wort. – So zogen wir, ich und Oswin, mein Sohn, mit den vier Knechten, und mit den Suchhunden und den Stell-Rüden am andern Mittag hinaus, die Herrin uns allen voran, den Schweinsspeer in der Faust.

»Wenn das Herr Friedmuth wüßte,« sagte ich vorwurfsvoll, ich ritt zunächst hinter ihr. »Er hat's so streng verboten!«

Da wandte sie sich und rief mir zu: ›Ich thu's ja doch – für ihn! Daß er stolz und reich erscheine unter den Landesrittern. Nicht für mich spar' ich, haus' ich und wahr' ich, nur für ihn mehr ich das Sach‹ –: das war ihr letztes Wort auf Erden.«

»Mach's kurz! Der Eber traf sie zu Tode?«

»O nein, Herr! Kein Hauer kam ihr nah! Es war ganz wundersam. Nicht ein wildes Thier, auch kein Sturz vom Pferd, – ein Schlagfluß wohl hat sie getödtet. Sie gab dem Roß« –

»Welches ritt sie?«

»Die Schwalbe. – Sie gab den Sporn und sauste den Knechten voran, nachdem der Suchhund Sauen aus dem Sumpfland der Etsch aufgestört, wo sie während der heißen Mittagszeit bis an den Rüssel tief in Wasser-Löchern liegen. Ein mächtig Thier stand hoch und nahm nach kurzem Gang die Stellrüden. Die Frau sprengt hinzu: auf Speerwurfsweite von dem umstellten Wild holt sie aus, schwingt den kurzen Schaft und – sinkt mit einem gellenden Schrei rückwärts vom Gaul: sie war wieder – gegen Euer Verbot! – rittlings auf dem Sattel gesessen. Ich fing sie auf: leblos! – Die Augen waren halb geöffnet: – sie hat kein Wort mehr gesprochen, – bis sie in's Grab getragen ward.«

»Also ein Blutschlag? Oder was war es?«

Der Burgwart schüttelte den grauen Kopf: »Ich kann's nicht sagen. Wir haben gar nichts wahrgenommen an der Leiche.«

»Die Leiche! Ich kann's nicht denken!«

»Mühsam trugen wir sie auf unseren Speeren den Felsensteig hinan. Wir riefen alsbald den altweisen Priester Markulf aus dem Cistercienser Hause zu Meran: der hat ja lang in Wälschland gelebt und zu Salern die Heilkunde gelernt: denn wir wollten doch wissen, wodurch die Herrin so plötzlich gestorben. Aber der war eben hinauf geholt nach der Burg Tirol, wo das Söhnlein Herrn Albrechts in schwerem Fieber lag: so kam an seiner Statt einstweilen nur sein Schüler, der junge Mönch Alderich. Wir waren aber froh auch um den, auf daß er, ein Mann Gottes, wache bei der Leiche: denn wir Knechte, wir fürchteten die Todte, wie wir die Lebende gescheut. Er meinte, wie er kam und Alles vernahm und auch das hörte, daß Ihr der Frau die Eberjagd verboten und das männische Reiten, der Himmelsherr habe das gesendet, als strenge, aber gerechte Strafe, weil sie, wie so oft, ihres Eheherrn Willen nicht befolgte.«

»Dummer Pfaff!«

»Ja, ja, er meinte, bei dem jähen Tod, ohne Vorbereitung, ohne Sacramente – sie hatte seit zwei Monden nicht mehr gebeichtet – werde sie wohl ein par Jahrzehnte in die Fegeflammen –«

Da zuckte Friedmuth schmerzlich auf.

»Zumal sie doch auch Euch, ihren gütigen, milden Eheherrn recht, recht viel durch Jähzorn gequält habe und heftig wildes Wesen und durch Trotz.«

»Was geht das den frechen Priester an? Ich verzeihe ihr von ganzen Herzen! Und wenn das nicht hilft, – Seelenmessen will ich für sie lesen lassen – so viele, daß – von Jahrzehnten sprach er?«

»Ja wohl,« nickte der Alte. »Nun, lieber Herr, vielleicht ist's nicht ganz so schlimm. Ihr wißt ja, die Verstorbene war ein wenig scharf und hart mit allen Leuten: Neigung und gute Meinung der Menschen hat sie nicht viel gehabt. Auch den Alberich hat sie manchmal unsanft fortgewiesen, kam er bettelnd für sich oder für seine Kranken. Vielleicht kommt Frau Wulfheid doch gelinder ab.«

Aber Friedmuth sann einstweilen schon über ganz Andres. »Soll ich den Kaiser angehn um das Geld? Den Ring verwerthen? – Nein! Ich verpfände das Geleitrecht nach Bozen. Es trägt wohl siebzig Schillinge. Ich stifte ein ewig Licht in's Kloster zu Sonnenburg. Die frommen grauen Schwestern dort sollen sie mir aus dem Fegefeuer beten Tag und Nacht. – Und sie hat wirklich gar nicht mehr gesprochen?«

»Nicht mehr geschnauft hat sie! Ich habe immer wieder das Ohr an ihren Mund, an ihr Herz gelegt, – denn wir wollten's nicht glauben, die Stattliche sei todt. Und sie sah noch den zweiten Tag ganz unverändert aus, als wolle sie gleich aufspringen und wieder ihr laut Befehlwort rufen durch die Burg. Aber am Abend des zweiten Tages gebot der Mönch, sie hinab zu bringen in die Gruft. Denn die übeln Wichte von – nun von dort her, wo – wo die Engel Hörner tragen – fahren leicht in eine Leiche, die noch in der zweiten Nacht uneingesegnet liegt. So trugen wir denn die strenge Frau hinab in die Burgcapelle. Da ward sie aufgebahrt auf schwarzbehangenem Gerüst. Stolz, drohend, zorngemuth sah sie noch im Tod auf uns. Den traurigen Zug machte ich noch mit. Aber von der Bahre weg eilte ich – gerade sank die Sonne – in den Hof, sprang auf mein vorher gesattelt Roß, eilte gegen Bozen und dann nach Trient und Venedig, Euch sobald als möglich aufzufinden. Wußte ich doch, daß Ihr auf Nachricht von der Heimat harrtet. Und nun muß ich Euch solche Nachricht bringen!«

»Und wann war das? Wann starb sie?«

»Am zweiten Tage vor Sanct Johannes des Täufers Tag: wir hatten schon das Holz für das Sunwendfeuer aufgeschichtet.«

»O Gott, so viele Monate schon, da ich noch an die Lebende dachte! Nun hat die Frau doch all' dies so arg geliebte, so scharf gewahrte Gut hergeben müssen. Nicht mir! Ihren Vettern! Die werden wohl nicht gesäumt haben, zuzugreifen! – O hätte sie doch, auch wenn ich fern war, dem fahrenden Spielmann manchmal einen Krug Wein gegönnt.«

»Zumal aber das Burggesinde minder knapp gehalten,« brummte der Alte vor sich hin.

»Arme Frau!« Und er schüttelte den Kopf. »Wie schade um so viel Trefflichkeit!«

Unter solchen Reden stiegen sie langsam die Anhöhe hinan: Friedmuth hatte dem klugen Hengst, der von selbst folgte, die Zügel über den Hals geworfen.

Oswald führte den eigenen Klepper am Zaum, hin und wieder seinem Herrn Antwort gebend auf kurze Fragen über einzelne Umstände, welche dieser, aus seinem Nachsinnen aufschauend, an ihn richtete.

Weiter rückwärts ritt Hezilo langsam nach.

»Hm,« meinte der, »er trägt es ruhiger, als ich gemeint. Wie wenn er im Gefecht einen recht tapfern Waffengenossen verloren hätte: – aber nicht Herrn Hermann oder Herrn Walther. – O Trinelein, wenn du mir gestorben wärst!«

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