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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 13
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
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Zwölftes Capitel.

Der Ritter aber achtete nicht ihres Wehs. Unzufrieden schalt er: »Was thut Ihr! Zerreißt das Blatt, das allein die Rache auf seine Spur leiten konnte! Gewiß stand noch mehr darauf. – Aber ich sehe – meine Gegenwart – mein Anblick schmerzt Euch: – ich bin wahrlich nicht schuldig und befreie Euch davon sofort. Fahrt wohl.« Er wandte sich kurz und ziemlich unfreundlicher Miene: ohne die edle, von tiefem Schmerz in sich selbst gebeugte Gestalt auch nur noch mit einem Blicke zu messen, schritt er waffenklirrend zur Thür.

Da sprang sie auf und sich hoch emporrichtend gebot sie mit beherrschender Stimme: »Halt! Noch nicht! Nicht also werdet Ihr mich verlassen. Nicht mit einem schrillen Mißklang, wie von zerrissnen Saiten einer Laute, soll enden, was mir so theuer, was mir heilig war. Ihr müßt mich hören.«

Wenig willig blieb er stehen, hart an der Thüre. Er wäre so gern gegangen. – Dieses ganze krause, unklare Verhältniß widerstrebte von Grund aus seiner einfachen hellen Seele. Aber in dem Tone jener ringenden Frau lag etwas Hohes, das er nicht ungewürdigt lassen konnte. So hob er unmuthig das behelmte Haupt und sprach kurz: »So sprecht. Ich kann mir zwar nicht denken, was Ihr mir mögt zu sagen haben. Oder« – besserte er, ziemlich ungeschickt, nach, denn nun reute ihn doch diese Barschheit – »was dadurch anders werden soll.«

Mit langem, vornehmem Blicke maß ihn die schöne Frau.

»Ja, Ihr habt Recht. Ihr seid nicht fein –! Oder besser: – so groß und stark Ihr seid und so mannesstark Ihr ohne Zweifel dreinschlagt, Ihr seid – verzeiht mir – mit Euren Mannesjahren noch ein Knabe, der Welt und Leben und Menschenherzen und vielleicht sich selbst nicht kennt.«

»Das wäre,« lachte der Wackere und stützte sich schwer auf sein langes Schwert. »An mir ist nicht viel. So ist auch nicht viel an mir zu kennen!«

»Vielleicht doch: nur schläft es etwa noch in Euch. Oh,« – und nun leuchtete ihr edles Auge – »wer das schlummernde Leben in Euch wecken dürfte, das wäre ein selig, selig Weib,« flüsterte sie, unhörbar für ihn. »Aber von mir, nicht von Euch muß ich nun reden. Meine Ehre, mein Stolz, mein Frauenrecht fordern das und – Ihr seid ein Ritter – Ihr müßt mich hören. Ihr habt mir die Schmach angethan, mich der Lüge fähig zu halten, der Aufdringlichkeit in rohem Trug.«

»Ich dachte, das wär' abgethan,« meinte er, unbehaglich.

»Es ist's: – es zeigt nur, wie klein Ihr von Gioconda denken könnt. Das aber trag' ich nicht. Hasset mich.«

»Hab's nicht Ursach',« meinte er gutmüthig.

»Vergeßt mich! Aber klein sollt Ihr nicht von mir denken. Hört mich an! – Ich bin gerade zwanzig Jahre alt: und was hab' ich erlebt! Meine Mutter hab' ich nie gekannt: sie starb, nachdem sie mir das Leben gegeben. Mein Vater« – sie erröthete: – »Kaiser Friedrich hatte von frühesten Tagen für mich Sorge getragen. Er hat das Kind auf den Knieen gewiegt und geküßt und mir ein Bild gezeigt, auf Goldgrund gemalt, und mir gesagt: Das war deine Mutter und sie war das schönste Weib Italiens und der Erde und das edelste Herz. – Und als ich heranwuchs und nach meinem Vater fragte, verschloß er mir den Mund mit einem Kuß und gebot: Frage nie! Ich, Kaiser Friedrich, will, so lange ich lebe, mit solcher Vaterliebe dich umhegen, daß du mich als deinen Vater ansehn sollst. Und er hat Wort gehalten bis heute.«

Hoch auf horchte Friedmuth.

Sein schlichter Sinn hatte sich nie Gedanken gemacht über allerlei Dinge, die Anderen auffallen mochten. Aber jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Augen! Er fand jetzt plötzlich die gesuchte Ähnlichkeit der edelschönen Züge mit einem anderen Antlitz.

»Ein Bastard! Mir – einen Bastard zum Weibe bestimmen wollen, zu christlicher Ehegemeinschaft!« Mit Mühe unterdrückte er diesen Ausruf: zornig rückte er an der Schwertfessel.

Aber sie fuhr fort: »Mit acht Jahren schon ward ich verlobt – mit zwölf Jahren, ja mit zwölf! ... ward ich vermählt: – mein Gemahl, einer der edelsten, der reichsten Vasallen der drei Reiche des Kaisers, – war der Fürst von Paluzzo.«

»Ja,« sagte Friedmuth ganz erstaunt, »wirklich, ja das ist wahr. Er war ein sehr edler Herr. Und sonst sehr stolz,« dachte er bei sich. »Aber – bei Sanct Georg!« rief er unwillkürlich – »er war ja tief in die achtzig, als er starb?«

»Und neunundsiebzig, als wir die Ringe tauschten im Dome zu Palermo.«

Sie schwieg.

Friedmuth ließ einen milderen, fast mitleidigen Blick auf sie gleiten.

»Ich pflegte ihn gut: – das darf ich von mir rühmen. Kein Ritter, kein Troubadour, der nicht der jungen Fürstin Minnedienst gesucht hätte – der Kaiser lächelte dazu: – aber ich hieß bald »die Fürstin von Eis«. Wohl fühlte ich mein Herz öde, eine brennend heiße Sehnsucht zog durch meine Seele! – Aber, bei der heiligen Jungfrau, es war kein Verdienst, daß ich die Treue wahrte, auch im Wunsch, im Gedanken nie verletzte: denn von den Hunderten, ja Tausenden, die sich mir nahe drängten: – nicht Einer hat mir einen Pulsschlag lang den Sinn beschäftigt. Der Fürst starb vor zwei Jahren. – Auf der Überfahrt von Cypern nach Akkon rief mich der Kaiser in sein Schiffszelt und sprach – »Mein Töchterlein,« – er nennt mich gerne so, »diesem Ritter vertrau' ich deinen Schutz auf der Fahrt.« Ich sah Euch an – und ich vertraute Euch: ein Mann wie einer der deutschen Buchenstämme, die ich nordwärts der Alpen bewundern lernte: stark und doch mild. Auf der Überfahrt trugt Ihr wenig Sorge um mich –«

»Ihr, Frau Fürstin, bedurftet deren nicht.«

»Aber die armen Pilger, die, auf dem überfüllten Schiff zusammengedrängt, erkrankten, die hatten keinen treueren Pfleger als Euch; obzwar Euch kein Gelübde zwang.«

»Ich bin ein Mensch: – ein Christ dazu. Was redet Ihr von Dingen, die man nicht anders thun kann

»Das gewann Euch meine Verehrung, mein warmes stilles Lob. Und als bei dem heftigen Südsturm das kranke Knäblein des armen Schifferknechts vom Decke der hochbordigen Dromone herab geschwemmt ward von der wilden Sturzwoge und alle die Schiffsleute, die meervertrauten, unthätig in den schlingenden Wasserschwall schauten, – Ihr aber, der Sohn der Berge, in voller Rüstung ohne Besinnen hinabstürztet in das fast sichere Verderben: – da schrie ich laut auf vor Schreck und ach! vor Wonne, vor Stolz – auf den Mann, den allein unter Allen – ich gelernt hatte, – sehr hoch zu schätzen! Der jähe Schreck, dann die heiße, in's Herz mir einschießende Freude lehrte mich: – Viel! – Und als man Euch, den halb Bewußtlosen, Erstarrten, – aber das Kind hattet Ihr nicht aus dem linken Arm, nicht von Eurer Brust gelassen! – an dem Seil heraufhob, das Ihr mit der Rechten gerade noch vor dem Versinken erhascht hattet –«

»Da vergingen mir die Sinne. Ich wußte nur, der Bub' war in Sicherheit. Im Fieber sah ich dann wohl oft einen wunderschönen Engel über mich gebeugt, der Tag und Nacht nicht von meinem Lager wich, – mich pflegte, – mir den Heiltrank bot. Ich ahne jetzt,« –

Gioconda wandte erröthend das herrliche Haupt; eifrig fiel sie ein: »Nach der Landung drängte es mich, meine wogende, ringende Seele zu entlasten: ich hatte den Ring an Eurer Hand bemerkt! Ich mußte beichten.

Den Kaiser hatte wegen des Bannes sein Beichtiger, der auch der meinige gewesen, verlassen. Da sandte mir der Gebieter den Bruder Sebastian. – halb im Scherz ließ er mir sagen, ich möge mit diesem Zugelaufenen einstweilen vorlieb nehmen: er habe gerade keinen bessern Pfaffen. Klug war der, auch gutmüthig und mir sehr zugethan: aber allzu weltlich, zu unwissend. oft roh. Ich konnte ihm unmöglich beichten, nicht ihm sagen, daß ich Euch schon auf der Überfahrt kennen gelernt: mein Herz sträubte sich dawider. Er glaubte, damals, auf der Reiherjagd, hätte ich Euch zuerst gesehn: er lachte oft gutmüthig spöttisch. Was lag mir daran? Aber ihm konnte ich nicht beichten! Nur Einer lebte, dem ich mein Herz ausschütten, es rechtfertigen konnte: der wäret Ihr selbst! Und da ich nun wähnte, Ihr selbst hättet mich hieher beschieden, Ihr ließet mir sagen – oh wie jubelte da meine Seele auf! Grausam war die Enttäuschung! Aber ich danke dem Mönche doch dafür. Ich konnte Euch nun sagen, wie Alles kam. Verwerft mich, wenn Ihr das nicht begreifen könnt.« –

Erwartungsvoll sah sie zu ihm auf. Ruhig, unbewegt stand er vor ihr. mit klarem Blick sie betrachtend.

»Verwerfen? Nein! Aber begreifen? Auch nicht! Ich versteh' all das nicht! Es ist, wie wenn Ihr arabisch zu mir sprächt. Ich weiß nicht,« fuhr er leise, nachdenksam den Kopf schüttelnd fort. »Ja ja! So muß es sein: es muß wohl etwas geben, was die Andern Minne nennen, hohe Minne, volle Minne: und das mir völlig fremd und unlernbar! Ihr seid schön, sehr schön! das seh' ich wohl: das schönste Weib, das ich bisher erschaut. Und Ihr habt auch, das fühl' ich dunkel, eine Seele, groß und tief und weit. Und es scheint ja – Ihr seid mir nicht abgeneigt. Aber – straf' mich der heilige Georg! – wäre Frau Wulfheid todt und begraben und ich wirklich frei: nie, niemals würde mir beifallen – ich kann mir das so wenig vorstellen, wie, daß mir auf einmal Flügel wüchsen und ich durch die Wolken segelte! – nie würde mir einfallen, je ein ander Weib zu nehmen. Und gäbe mir der Kaiser Cypern und Sicilia zur Mitgift, – ich spräche: Nein, ich will nicht.«

»So mächtig, so treu über das Grab hinaus liebt Ihr Euer Ehgemahl! O die Beneidenswerthe!«

»Nein! Das ist es nicht. Ich halte sie recht werth: aber das ist es nicht! Ich habe nicht nach ihr verlangt und würde, wäre sie todt, wahrlich nach keiner Andern verlangen. Ich habe wohl kein Herz, d. h. kein minnegehrend Herz.«

Da trat die schöne Frau dicht vor ihn und sprach, alle Kraft zusammennehmend, um ruhig zu scheinen:

»Lebt wohl. Segen über Euch! – Ihr seht mich niemals wieder.«

»O doch! Im Laufe des Kreuzzugs – –«

»Ich kehre morgen – heute noch zurück in's Abendland.«

»Wohin?«

»In – ein Kloster.«

»Ah! – Wie schade!« meinte er gutmüthig. »Bei Leibe nicht! So jung, so klug, so edel, so schön! Ihr schlagt Euch bald aus dem holden Kopf, was jetzt darinnen: – »lange Haar' und kurzen Sinn«, sagt man, haben schöne Frauen.«

Aber da richtete sich die Hoheitvolle stolz auf: »Schweig, Friedmuth! Lästre nicht, was du nicht kennst. Du Armer! Wahres Glück – bleibt dir versagt. Ich – ich habe nur das Weh, das Sehnen kennen gelernt echter Liebe: und doch! dieser Schmerz ist mir – höchste Seligkeit! – Denn ich darf ihn tragen: um dich! Und ich vertauscht' ihn nicht, diesen Schmerz, um aller andrer Frauen Liebesglück! Du aber wisse: wahre Liebe kennt keinen Wechsel! Lieben: – das ist Ewigkeit! – Friedmuth, mein Friedmuth, der nie der Meine war und doch ewig, unentreißbar mein ist: o du mein armer Friedmuth: – lebe wohl! –«

So schön war dieses Antlitz nie gewesen: tiefstes Weh der Seele, innigste, entsagungsstarke Liebe verklärte die edlen Züge mit heiligem Schimmer. Betroffen trat der Ritter einen Schritt zur Seite: der Vorhang des Eingangs rauschte: sie war verschwunden. –

Friedmuth vermochte nicht, ihr zu folgen.

Wie träumend strich er mit der gepanzerten Hand über die kühle Stirn.

»Das also war die Minne? Ja, ja! Das war sie wohl! War etwas Hohes – Edles! – Aber fast Unheimliches! – Lieber Himmelsherr und du, Sanct Georg, haltet mir das fern! –

Laßt mich meine Lehnspflicht thun für Kaiser und Reich und meine Christenpflicht gegen Jedermann. Andres brauch' ich nicht – will ich nicht! – Horch! Die Apulier stoßen in's Horn! – Sie reiten ab! – So reit' auch ich zurück auf meinen Posten. Ich wollte, es setzte heute noch ein frisch Gefecht. Denn mir ist schwül. –«

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