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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 12
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
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Elftes Capitel.

Bald nachdem am folgenden Tage die beiden Gäste sich von Friedmuth verabschiedet und nach dessen linker Flanke hin auf den Weg gemacht hatten, traf bei diesem ein Bote des Kaisers ein, mit der Weisung, der Ritter solle ihm – rechts hin – sogleich auf das wenige Stunden entfernte, in den Bergen gelegene Schloß Klein-Kerak folgen, welches die Christen vor einigen Wochen bei ihrem Vorrücken verlassen gefunden und besetzt hatten; er habe dort kaiserliche Befehle entgegen zu nehmen.

Friedmuth wußte, daß der Kaiser die Burg wiederholt besucht hatte, hier, unbelauscht von päpstlichen Spähern, zumal den Tempelherrn, mit Gesandten der feindlichen Fürsten über Waffenstillstand oder Frieden zu verhandeln: er selbst hatte ihn zweimal dahin begleitet. Auch war jeder Argwohn ausgeschlossen. Der Bote hatte zwar nur mündlichen Auftrag: aber der Ritter kannte ihn genau: es war Hamid, einer aus der arabischen Leibwache des Kaisers, deren Treue und blinde Ergebenheit sprichwörtlich war im Heere.

Nur Hezilo, mißtrauisch, wo es seinem Vogte galt, fragte vorsichtig: »Muß der Herr dir unbegleitet folgen? Wie viele von uns darf er mitnehmen?«

»So viele er will.«

Da beruhigte sich der Knabe, und ließ, mit Friedmuths Erlaubniß, zwölf Knechte aufsitzen, welche er selbst führte.

»Treff' ich den Kaiser in Klein-Kerak?« fragte Friedmuth, als sie aus dem Lager ritten.

»Nein; aber in dem großen Waffensal, unter dem Fuße des achteckigen Steintisches, findest du – versigelt – seinen Befehl.«

Friedmuth nickte, er kannte den Sal und kannte auch den schönen Tisch, dessen Platte von manchfaltig gefärbten Steinen ihm ausgefallen war.

Schweigend ritt der Saracene neben ihm her. –

Als man das blendend weiße Gemäuer des Thurmes aus den steil aufragenden gelben Felsen aufsteigen sah, hielt Hamid an: – der Pfad gabelte sich hier.

»Dort hinan!« und er wies nach rechts mit der Schlachtgeißel, der Keule, an deren Spitze, an einer kurzen Kette, eine eiserne Kugel voll spitzer Stacheln hing. »Ich habe noch andern Auftrag. – Christus und die Heiligen mögen deinen Weg segnen.«

Damit wandte er das Roß und sprengte davon: – pfeilschnell führte ihn der edle Berberhengst dahin: – sein weißer Burnus flatterte wehend im Winde.

Erstaunt sah ihm Friedmuth nach. »Wie? Christus und die Heiligen ruft er an?« sprach der Ritter zu Hezilo, der an seiner Seite ritt. »Ein Leibwächter – getauft? Ein seltener Fall!«

»Ich sah ihn noch vor wenigen Wochen mit den Andern die Gebetspulen drehen und hörte ihn zu seinem Götzen Mahom beten. – Horch, der Thürmer meldet uns: – die Zugbrücke senkt sich: – das sind des Kaisers Apulier oben auf den Zinnen. Ich kenne die bunten Waffenröcke, die »Mi-Parti«: halb Gold, halb blau.«

»Ja, und die spitzen, vorn übergebogenen Helme mit der Nasenschildstange.«

Bald ritten die Ankömmlinge in den Hof des Schlosses ein. Friedmuth überließ sein Gefolge den Apuliern und Sicilianern, welche ihn hier begrüßten, und stieg allein die steinerne Wendeltreppe hinauf, die in den Waffensal führte.

Alles war still auf diesen inneren Gängen.

Er hielt, unwillkürlich lauschend, inne auf dem letzten Absatz der Stiege vor einem offnen Bogen in Hufeisenform, der in einen kleinen Hofraum blickte. Ein gleichmäßiges sanftes Geräusch zog seinen Blick nach jener Richtung: es war der Springbrunnen, der, nach der Sitte des Landes, nicht fehlen durfte, wenn nur irgend ein Strahl Wassers in der Nähe zu finden, oder auch aus der Ferne mit großer Kunst und Mühe heranzuziehen war. So stieg denn auch hier ein dünner Faden Wassers aus einem muschelgeschmückten Becken ein par Schuh in die Höhe, um bald, wie ermüdet von der Anstrengung, zurückzufallen.

Ein Pfau sonnte, auf dem weißen Sande gelagert, oder vielmehr in denselben hineingegraben, seine steif zur Seite gestreckten schillernden Schwingen in der heißen Mittagsgluth; ein großer, breitflügliger Tagfalter flog mit langsamem Schweben über eine brennend rothe Kelchblüthe hin, von der betäubender Duft aufstieg.

Vogel, Falter und Blume hatte der Deutsche nie gesehen: er starrte darauf wie in Traum versunken: er lauschte dem eintönigen Geriesel des Springbrunnens: – sonst war Alles still. Eine seltsame Spannung regte ihn auf: – er blickte auf die halbangelehnte Pforte des Waffensals.

»Welcher Befehl erwartet mich hinter jener dunkelfarbigen Thür? Warum so seltsam, so geheimnißvoll? Ach was, Friedel, schäme dich! – Geh hinein! – Lies den Brief und du weißt es: – wenn du hier draußen stehen bleibst und auf das dumme Wasser achtest, erfährst du's nie!«

Und mit rascher Bewegung – seine Waffen erklirrten dabei – riß er die Halbthüre auf und trat über die Schwelle auf den hoch mit Teppichen belegten Marmor-Estrich.

Das geräumige achteckige Gemach schien leer zu sein. Der bezeichnete Steintisch stand in der Mitte: Alles still: aber dem Eingang gerade gegenüber, hinter dem Vorhang, der den Austritt auf einen Balcon verhüllte, rauschte es: – offenbar war darin jemand verborgen. – Rasch trat Friedmuth darauf zu, die gepanzerte Hand ausstreckend: aber rascher noch fuhr er zurück: er wäre am liebsten wieder über die Schwelle entwichen: denn heraus trat nun, sich entdeckt findend, – ein Weib.

»Gioconda! Frau Fürstin: Ihr hier!«

Aus den schweren Falten des Vorhangs schwebte hervor eine herrliche, eine königliche Frau.

Sie war nur wenig kleiner als der hochgewachsene Ritter: auf breiten, stolz getragenen Schultern ruhte ein majestätischer Hals: dunkelbraunes Haar, auf der Mitte der Stirn mit schmalem, weißem Scheitel getheilt, durch die plötzliche Bewegung des Erschreckens los gegangen, fluthete in großgeschwungenen Lockenwellen, aus einem goldgegitterten Netzgeflecht, das diese Fülle zusammenzuhalten kaum vermochte, auf den blendend weißen Nacken. Die vollschwellenden, fast üppigen Formen drangen, trotz keuschester Verhüllung, aus dem dunkelveilchenfarbigen sammtähnlichen Stoff des reichen, ebenfalls mit Goldfäden durchwirkten Gewandes.

Den Mantel wie den über dem Haarnetz getragenen Reisehut hatte sie wohl abgelegt, da sie aus dem Sattel gehoben ward. Das Hemd, von glänzend weißer arabischer Seide, bedeckte nur bis unterhalb der Schultern die schönen vollen Arme: das »heimelich«, das heißt eng um Busen und Hüften angeschmiegte Oberkleid war ärmellos; ein handbreiter Gürtel von feinem weichen Leder, mit nur fünf aber höchst kostbaren Edelsteinen geschmückt, umschloß die schlanken Hüften und fiel in einem langen Streifen vorn auf das Unterkleid von schwerer tiefdunkelgelber Seide, welches in faltiger Weite bis auf die Knöchel wallte und kaum die zierliche Spitze des kleinen weißseidenen Schuhes zeigte.

Marmorweiß, mit leise bräunlichem Anhauch, war die Farbe des vollendet edel geschnittenen länglichen Antlitzes wie des nackten, wohl gerundeten rechten Armes, der sich wie abwehrend gegen den Eindringling erhob: auf diesen vornehmen Zügen thronte vollberechtigter Stolz. »Königlich«: dies Wort mußte sich Friedmuth immer wiederholen, und dabei nach einer Ähnlichkeit suchen, die er fühlte, aber nicht auszusprechen vermochte.

Das schöne Weib ward in diesem Augenblick noch viel schöner durch einen Hauch von Verwirrung, von holder Scham auf den jungfräulichen Zügen, der ihren Reiz erhöhte: in reizender Bestürzung war sie vorgetreten, das Oberkleid mit der Linken ein wenig in die Höhe lüpfend. – Ihr Schweigen, ihre Verwirrung gaben ihm Zeit.

»Ihr hier?« wiederholte er im höchsten Erstaunen.

Aber nun wechselte der Ausdruck in Antlitz und Haltung des schönen Weibes: hoch richtete sich die prachtvolle Gestalt auf: sie warf mit heftiger Handbewegung die über den herrlich gewölbten Busen fluthende Haarwelle hinter die Schulter: – flammende Röche schoß ihr in die Wangen und aus den leuchtenden hellbraunen Augen flog ein Blick verhaltenen Vorwurfs:

»Ihr fragt? – Ihr seid überrascht, fast bestürzt? – Ihr, der mich hieher gerufen – geheim vor Allen? – Wahrlich,« fügte sie sanfter bei und in raschem Wechsel der Stimmung verschleierten sich die feucht schimmernden Augen: »keines andern Mannes Ruf wär' ich gefolgt.«

Aber der Ritter hörte nicht: er achtete nicht des so zärtlichen Klanges dieser melodischen Stimme, welche das ihr fremde Deutsch mit italischem Wohllaut sprach: er sah nicht den ernsten Vorwurf in diesen nun sich senkenden Augen: – ungehalten über das »Weiber-Spiel«, das ihn hieher gelockt, trat er, zorngemuth, einen Schritt näher und rief – ziemlich laut –:

»Welch' kecke List! – Gleitet von wälscher Frauen Mund so leicht – die Lüge?«

»Ah,« stöhnte das schöne Weib auf. »Welch' Wort! Ihr zeiht mich der – Lüge! Das ist nicht zu tragen! Nehmt sogleich, – um Euretwillen! – das Wort zurück, das Euch beschimpft, nicht mich!«

»Mich?«

»Ja! Denn ich bin schuldlos und ich bin unfähig jeder Lüge. Glaubt Ihr, – schaut mir in's Auge, – glaubt Ihr, ich kann lügen?«

Hoheitvoll trat sie dicht vor ihn und schlug die wundervollen Augen groß auf, sie fest und tief in seine Seele senkend.

»Nein, bei Sanct Georg,« sprach er rasch, bestürzt. »Ich – ich that Euch Unrecht! – Aber – ich begriff nicht –«

»Oh, Herr Friedmuth,« klagte sie nun in lautem Wehruf. »Wie bitter weh thut Ihr mir! Nicht durch jenes Schmähwort: – es haftete nicht an meiner kristallenen Seele: – Aber Ihr habt es erreicht, was keine Macht der Welt bei mir vermocht hätte: Euch selbst, das schöne Bild, das ich von Euch im Herzen trug, habt Ihr herabgezogen! – Wie unritterlich, – wie grausam hart habt Ihr ein Weib gewürdigt, das – – gleichviel! Also weil Ihr durch irgend einen Zufall oder wohl durch eines Dritten Anstiftung mich auf Euerem Wege findet, glaubt Ihr sofort, ich muß mich Euch in den Weg geworfen haben? – Und sei es, – wenn ich es gethan hätte: – glaubt Ihr, ich würd' es leugnen? Ich – Euch – belügen? O Herr Friedmuth von Fragsburg, ist das deutsche Art?« – Es klang mehr wie Schmerz denn wie Vorwurf.

»Vielleicht, Frau Fürstin –« stammelte er tief beschämt, und nun stand ihm dies sehr anmuthig, – »oder doch Etschthaler Art. Verzeiht: wir sind ein wenig ungefüg in Gedanken – oder doch in Worten: plump, schwerdenkig; und zumal – ich! Ich bin ganz ungeübt, mit Frauen nach höfischer Sitte zu verkehren, – denn Frau Wulfheid –! Ich bitt' Euch herzlich, edle Frau – verzeiht!«

»Es steht Euch so herzgewinnend an, wenn Ihr bittet, daß man Euch öfter im Unrecht sehen möchte,« lächelte sie. »Laßt es vergangen sein – oder – besser – nie geschehen! – Es soll Euch nicht schaden an meiner Gunst. Doch laßt uns nun beide unsern Scharfsinn anstrengen,« – sie schmunzelte ein wenig, – »herauszuklügeln, von wem, – warum – uns beiden dieser Streich gespielt ward?«

»Ja, von wem?« drohte der Ritter, zornig den Schwertknauf drückend. »Der freche Bube soll –«

»Ihr könnt es ihm, scheint es,« lächelte die Anmuthvolle, »immer noch nicht verzeihen, daß er Euch gezwungen hat, Gioconda wieder zu sehen.«

»Wohl, wohl! Das ist just nicht so schlimm,« meinte der Fragsburger ehrlich.

»Wirklich? Die Höfischkeit hat Euch nicht verdorben,« lachte sie nun heiter.

Friedmuth ward verlegen, unwirsch: er fühlte, daß er hier keine günstige Rolle spielte vor dieser überlegenen Frau. Aber er wollte gar keine Rolle spielen! Keine gute und keine schlechte: hinaus wollte er!

So sprach er wieder in fast feindlichem Ton:

»Nicht zu Narrenritten: zu Christi, zu Kaisers Dienst bin ich in dieses Land gezogen. Das ist kein Boden für Fastnachtspäße. Wer ist der Freche? Kennt Ihr ihn?«

Sie schüttelte das schöne Haupt. »Des Kaisers Leibwächter brachte mir den Auftrag seines Herrn, Euer heute hier zu harren. Ihr hättet geheime Zwiesprach mit mir verlangt. Ich hatte guten Grund, – hieran zu zweifeln –«, fügte sie mit leisem Vorwurf bei: – »denn Ihr habt mich immer mehr gemieden als gesucht. Doch der Kaiser befahl und – ich – – ich gehorchte: – gern« klang es schüchtern nach.

»Und mir ließ der Kaiser sagen – aber halt! Der Brief unter dem Marmeltisch! – Laßt sehen, ob das auch eitel Lüge!«

Eilfertig schritt er auf den Marmortisch zu, bückte sich, hob das schwere Fußgestelle mit der Linken sacht vom Boden auf und zog mit der Rechten ein zusammengefaltetes Pergamentblatt darunter vor.

»Ich bitt' Euch, lest: – mir wird es immer schwer – auch in der Ruhe: – und jetzt vollends schwimmen mir die Schrifthaken vor den Augen.«

Sie nahm, warf einen Blick hinein und rief: – »Ich kenne diese Schriftzüge.«

»Des Kaisers?«

»O nein, des Bruders Sebastian.«

»Der Tropf! Er wagt es!«

Aber Gioconda las:

»Einen Tropf wahrscheinlich werdet Ihr mich schelten, gestrenger Ritter, oder sonst was Ungutes, kommt Ihr hinter den Schlich. Aber ich hielt es nicht mehr aus. Ich mußte mir helfen. Ich habe Hamid getauft, und ihm gesagt, sein neuer Schutzpatron, Sanct Sebastian, sei mir im Traum erschienen und lege ihm die Doppelbestellung an euch beide im Namen des Kaisers auf. Ihr müßt euch sehen – euch sprechen.«

Hier ließ sie mit einem Aufschrei das Blatt fallen: Friedmuth hob es auf und las mit seiner zorngrimmigsten Stimme: »Der Kaiser will wirklich, daß ihr euch heirathet. Die Ehe des Herrn Friedmuth – das wisse Frau Gioconda – fällt wie ein welkes Blatt, sobald er will. Sie ist sogar sehr sündhaft. Ihr thut ein gutes Werk, wenn Ihr ihn heirathet. So bringt denn des Kaisers Willen und seinem Seelenheil dies schwere Opfer. Herr Friedmuth, Ihr denkt jetzt in Eurem Sinn: »Wenn ich den Pfaffen greife, walk' ich ihn weidlich.« Aber Ihr werdet ihn nicht greifen. Mir ist das Christenlager verleidet. Ich gehe anderswohin. Ihr, schöne Fürstin, sucht Euch einen andern Beichtvater: ich bin noch zu jung dazu. Und viel zu weltlich. – Scham und Zorn gegen mich glühen jetzt in euch beiden: – aber Frau Minne wird euch noch lehren, wie gut der es mit euch gemeint hat, der Bruder Sebastian hieß. Ich hab' Euch an der schönen Nase herumgeführt, Frau Herzogin, aber ich kann es nicht länger thun. Ich bin nicht ganz nichtsnutzig, nur so viel ich's nicht bessern kann. Ich wollte gut machen, was ich an Euch gefehlt.«

Da erröthete die stolze Frau, zog ihm das Blatt aus der Hand, zerriß es und warf die Stücke zum Bogenfenster hinaus. »Ha, welche Schmach!« rief sie. Der Zorn wich tiefer Scham. Sie schluchzte laut auf, barg das Antlitz in die Hände und sank auf den niedern, mit Tiger- und Pardel-Fellen bedeckten Divan, der sich rings um die Wände des Gemaches zog.

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