Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 10
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
Schließen

Navigation:

Neuntes Capitel.

Der Sänger that einen tiefen Zug, wischte sich den schönen Bart, der gar zierlich kraus, obzwar schon gar merklich grau, den schön geschnittenen Mund umzog und fuhr fort: »Diese letzte Botschaft machte sogar – so schien es – auf Frau Zahmmuthes harten Sinn etlichen Eindruck. Denn sie strich sich mit der umgekehrten Hand über die Augen. Als ihr aber der Nachbar, in der Meinung, nun sei etwas mit ihr in Güte zu richten, vorhielt, sie sei es wohl gewesen, die durch ihre Unsänfte den braven Böppele bis an den Jordan zu den Heiden und in die Mönchskutte gescheucht habe, und deßhalb weine sie jetzt wohl in Reue, – da warf sie dem Nachbar den ganzen Nudelteig, den sie gerade knetete, an den Bart und schrie, sie weine nur vor Zorn, daß sie den feigen Ausreißer, den Böppele, der sich seinen heiligsten Pflichten entzogen, nun nicht vor sich habe, ihm mit dem Besenstiel den Mönch wieder auszuklopfen.

Und alle Boblinger und ihre Nachbarvölker, Herr Egino und auch ich, der es von diesem erfuhr, waren ganz gerührt und erschüttert durch die Bekehrung des Böppele, der in seiner Weltlichkeit, wie vorhin schon beklagt, ein arger Schalk gewesen war.

Desto heftiger war nun aber des Hohenbühlers Zorn, als er den Böppele, den er am Jordan büßend gewähnt und fast bedauert hatte, hier, in einer wunderlieblichen Küsten-Bucht am wunderschönen blauen Mittelmeer, im warmen Ligurien, ganz behäbig und viel feister, denn ihn je daheim Frau Zanke genährt hatte, als Weinschänken recht gedeihlich niedergelassen antraf. Und ich meine fast, er hätte den Rundlichen mit der Schwertscheide zu Tode geschlagen, wär' ich nicht dazwischengesprungen und hätte den armen Gauch freigemacht. Nun mußte er aber Alles beichten, und nachdem ich ihm vor weiteren Schlägen Sicherheit erwirkt, erzählte er denn auch bereitwillig Alles: und kam das so drollig unverschämt heraus, daß zuerst ich laut und fröhlich auflachte« – und er lachte jetzt noch in der Erinnerung.

»Der frohe Himmelswirth segne dein Lachen, mein Walther! Es thut der Seele gut, so recht warm gut, dich Lachen zu hören.«

»Und es steckt an,« meinte der ernste Hochmeister lächelnd.

»Muß wohl was dran sein. Denn gar bald fiel der Ritter, so zornig er noch kurz vorher gewesen, ein: und sogar der Böppele, der sich freilich dazwischendurch immer wieder den Buckel rieb und ängstlich auf den Gestrengen blickte, mußte zuletzt über seine eigene Frechheit schmunzeln und endlich hell auflachen: so lachten wir denn zuletzt alle drei. Der köstliche Ligurer-Wein trug wohl dazu bei. Auch die leckeren, frisch gefangenen Fische, die der Böppele trefflich zu braten gelernt hatte.

Und so, von vielen Querfragen unterbrochen, erzählte denn unser Wirth: »Ja, meine frommen Herren, das sind Schicksale, das sind Prüfungen der Heiligen! Ihr fragt, – nicht wahr? – um mit dem Anfang anzufangen, Herr Walther, woher ich das Geld bekommen, diese Wirthschaft mir zu kaufen? Denn sehr, sehr mit Recht denkt Ihr: von den par Pfennigen, die mir Herr Egino gab, mich dafür an seiner Statt von den Heiden, so oft diese wollten und konnten, spießen zu lassen, hätt' ich es nicht bestreiten können, auch wenn ich den Gaul – er lahmte! – und die Waffen dazu verkaufte. – Wo sie sind? – Ja, was sollte ich hier mit dem Kriegszeug? Nur den Schild, den hab' ich behalten! – Seht hier!« und er sprang auf, hob den Tafernschild von der Thür herab, kehrte ihn um und wies dem erstaunten Ritter dessen stolzes Wappen, den steigenden gekrönten rothen Löwen im weißen Feld. – Diesmal mußte ich wieder mit Gewalt die Faust des Zornigen festhalten. Eilfertig hing der Wirth den Tafernschild wieder auf: »Könnte mir sonst leicht Einer vorbeiwandern statt einzukehren: der Schild lockt gar stark: hab' ich doch selbst die schöne Wurst darauf gemalt und den rothen Wein in der durchsichtigen Kristallflasche. – Ja also! Um die par Pfennige hätt' ich freilich mich von meinem ehelichen Herd und Bett nicht losreißen können. Und da lag ich denn, nachdem ich Euer Geld empfangen und sorglich vor Frau Zahme vergraben hatte, in diesem meinem Ehe-Bette und sann nach, wie ich das mir zukommende Reugeld mehren könne. Aber da gab mir der heilige Sebastian, den ich von Kind auf besonders verehre, in der Nacht einen Traum, der half. Denn »den Schwaben giebt's der Herr im Schlaf«, schreibt der Apostel Paulus an die Deutschen. Nicht? Nun, das ist gleich. Dann schreibt er was anderes: wahr ist's einmal.«

»Jetzt mein' ich fast,« sagte Friedmuth, ganz bedächtig, »ich kenne diesen Menschen.«

»Also,« fuhr der Dicke fort, »der Heilige erschien mir, von vielen Pfeilen durchbohrt, und er zählte mir die Pfeile und die Wunden vor: es waren zehn: und sprach: »Böppele, dummer Schützling, zehn mal eins sind zehn!« Und so dreimal hinter einander in drei Nächten: und immer waren es der Pfeile mehr und jedesmal sagte der Heilige: »Böppele, dummer Kerl! zehn mal drei sind dreißig«, und das dritte Mal: »Böppele, ganz dummer Kerl, drei mal dreißig sind neunzig«. Sprach's, gab mir einen Rippenstoß und verschwand. Ich aber erwachte und wußte, was er meinte. Ihr habt's noch nicht verstanden? Dann braucht euer Geist mehr als einen Rippenstoß des Heiligen. Nun: ich machte mich auf von Boblingen und fragte entlang dem Neckar, entlang dem Rhein bis Köln und dann, umbiegend, den Rhein wieder hinauf über den Main und die Donau in's Baierland, in's Tirol und in's Wälschland pilgernd, überall an, ob – nun ob nicht noch mehr tapfere Ritter oder auch Bürger und bäuerliche Freisassen wären, welche ein Pfäfflein geschlagen hätten, oder sonst gemäß auferlegter Kirchenbuße oder nach einem Vergleich in Beilegung einer Fehde, verpflichtet worden seien zur Kreuzfahrt, aber viel lieber zu Hause blieben. Gar viele hatte es auch wieder gereut, welche vorschnell, nachdem sie so einen heißen Kreuzprediger gehört und einen Becher Weines dabei getrunken, sich das Kreuz auf die Schulter geheftet hatten. Und so gab es denn wirklich solcher Kreuzfahrer recht viele, die lieber einen Andern an ihrer Statt kreuzfahren lassen wollten. Und gar vielen, vielen that ich es zu Liebe, daß ich für eine kleine Summe auch an ihrer Statt auszog und mein armes Leben einsetzte. So waren es im Ganzen, mit Gottes und des heiligen Sebastians Hilfe, noch sieben und sechzig geworden.«

»Ja aber,« fiel ich ein, »wenn du für jeden auch nur ein Jahr im heiligen Lande fechten mußt, – so kannst du's ja nicht mehr erleben? Denn vierzig bist du gut, Böppele: müßtest ja über ein hundert und sieben Jahre –«

Jedoch da schaute mich unser Wirth gar mitleidig lächelnd an, schänkte mir den Becher voll und sprach: »Da sieht man's, Herr Walther, daß man die feinsten Weisen erfinden und doch in anderen, zumal in geistlichen Dingen nicht sehr klug sein kann. Was schadet das denn z. B. dem edeln Ritter Egino hier, wenn ich das Jahr, das ich für ihn im heiligen Land verbringe, zugleich in meinen Gedanken auch für einen Ritter in Franken ausstehe? Es weiß ja Keiner vom Andern! Und wenn auch. Die heilige Kirche »verstattet den Loskauf vom Gelübde: jeder, der zahlt, wird frei, ob nun die achtundsechzig an achtundsechzig Verschiedene zahlen oder an Einen: – das kann der Kirche und dem Zahlenden doch wahrlich gleich sein: und für den, der sein Herzblut und sein bischen Leben einsetzt – was geht's die achtundsechzig an, daß es so für den leichter in Einem hingeht? – Für den ist's auch Eins, ob er für achtundsechzig stirbt oder für Einen: er kann doch nur einmal büßen, leiden, kämpfen, fallen und sterben.«

Und er schänkte mir wieder ein: ich kam mir ganz einfältig vor, daß ich es nicht gleich eingesehen hatte.

Aber der Ritter war noch zu gereizt. Er fuhr den Böppele mit einem wüthigen Blick an und schlug auf den Tisch, daß der Wein aus den Bechern spritzte: »Aber, du Gauch du elendiger, du Lügenschelm, du frecher Schwab! Du bist ja wohl gar nicht – so ahnt mir! – in's gelobte Land gegangen? Sowie du in dies sonnige Land gekommen, bist du hier geblieben, für die acht und sechzig mal zweihundert Pfennige! – hast dich hier gemästet – gefaulenzt – denn den Wirth machen ist dir liebste Werkarbeit! – bist deinen maulraschen Hausdrachen losgeworden und hast hier gezecht und geschmaust all diese Zeit. Gesteh's oder –«

»Was hülfe das Leugnen,« schmunzelte der Wirth und wischte sich das Fett von den Lippen – denn er aß wacker mit von den gebackenen Fischen. »Euer Scharfsinn hat mich hier herausgefunden: – er würde auch wohl herausbringen: – das Andere. Nun ja: – ich bin alleweile hier gewesen.«

»Das sagst du selbst?« rief nun auch ich. Ich hatte nicht hindern können, daß ihm Egino den leeren Becher an den Kopf warf.

Der Wirth bückte sich, hob ihn auf, schänkte ihn wieder voll und schob ihn vor den Zornigen, der nun mit noch mehr Staunen als Grimm sprach: »Und all deine Briefe – wie du von Jerusalem an den Jordan gepilgert – darin gebadet – wie du Bethlehem – Gethsemane – gesehen – wiederholt besucht und daselbst gebetet hast: alles erlogen?«

»Alles wahr! Seht: dort das Bächlein, das zwischen den Weinbergsmauern hindurch in das Meer hastet, Hab' ich ›Jordan‹ getauft und gar oft darin mir die Füße gewaschen. – Da droben rechts der Olivenberg: – das ist der Ölberg: – dort links der Stall mit der Krippe, – für Ochs und Eselein – jetzt stehen eure Rosse drin, – den hab' ich Bethlehem genannt: und an all diesen Orten hab' ich gebetet für euch alle achtundsechzig.«

»Aber ein Gebet in Ligurien, – was kann das helfen?« schalt der Ritter.

»Und die Gefahr der Heidenkämpfe, die du übernehmen solltest?« mahnte ich.«

Jetzt aber wandte sich das Spiel.

Aufsprang der Böppele: ganz zorn-roth, das soll sagen: noch mehr roth, färbte sich seine Nase und er rief: »Nein, mit so schlechten Christen theile ich nicht Wein und Fisch! Ihr Kleingläubigen, ihr Unchristen! Wisset ihr nicht, daß Gott, der liebe Himmelsherr, allgegenwärtig? Ist er nicht in dieser Schänke wie am heiligen Grab? Haltet ihr ihn für so – wie soll ich sagen? für so unverständig, daß er ein Gebet nach dem Loch einschätzet, aus dem es zu ihm empor steigt in die Wolken?«

Ich hatte ähnliche Ketzerei schon manchmal still bei mir gedacht und schwieg daher ganz verdutzt, und halb einverstanden. »Aber die Heiden-Kämpfe?« wiederholte ich schüchtern.

Da fuhr mich der Böppele an: »Was? Ein deutscher Rittersmann wollt Ihr sein, Herr Walther, und ein frommer Sänger? Und wisset Ihr nicht das fünfte Gebot: du sollst Gott nicht versuchen? (Nicht? – Nun dann halt ein anderes.) Will mich der Himmelsherr am Leben erhalten, kann er es nicht, und ob dort tausend Saracenen-Pfeile auf mich flögen? Und will er meinen Tod, kann er mich nicht hier durch diese Fischgräte ersticken lassen? Wozu soll ich ihn in Versuchung führen.«

Da verstummte ich: selbst das Lachen verging mir vor lauter eitel Staunen.

Der vom Hohenbühl aber war noch nicht ganz versöhnt: nicht das Geld und Gut schmerzte ihn, aber der Verdruß des Geprelltseins. »Warte nur,« drohte er, »ich werde dich schon noch zwingen, in's gelobte Land zu fahren. Und müßte ich dich aus unsrem Vertrage beim Kaiser verklagen.«

Aber der Schwabe lachte. »Der Kaiser? Der wird mir nicht viel thun. Der ist seinem Böppele gar wohl gewogen!«

»Was weiß der Kaiser von dir?« meinte ich.

»Kaiser Friedrich liebt einen guten Trunk, einen frischen Fisch, einen freien Sang und einen lust'gen Schwank. Die fand er alle bei mir. Und deßhalb ward er mir wohl geneigt.«

»Ach ja,« fiel Herr Hermann ein, »ich gedenke. Daher hatte ich den Namen Böppele gehört.«

Unser Wirth aber fuhr fort: »Vor wenigen Wochen erfuhren wir hier in Sestris: der Kaiser werde von Genua aus, wo er die Befrachtung von ein par Userien mit Kriegsmaschinen leitete, einen Jagdausflug machen längs der Riviera und dabei durch unser Dorf kommen. Ich putzte den Tafernschild blank –«

» Meinen Schild!« grollte der Ritter.

»Nur die Rückseite und die Wurst, nicht den Leuen! sorgte für frische Sardinen und Meeraale, setzte die dreisaitige Harfe in Stand, die Herr Rudolf von dem Baumbach, ein fahrender Sänger, ein trefflicher, aber durstiger Thüring, bei mir zu Pfand gelassen – für vielen, ach sehr vielen Weintrunk! – Und wie der Kaiser angeritten kam, und als die Wälschen ihr viva, viva! schrieen, grüßte ihn von meiner Schwelle aus, zur Harfe gesungen, mein neuestes Lied.«

»Was, ein Sänger bist du auch?« fragte ich erstaunt.

»Ha, meint Ihr, Ihr könnt's allein? Höret, ob Euch meine Weise nicht gefällt.«

Und er fing an zu singen:

»Bischöf, Ihr seid mißleitet! Du edle Priesterschaft,
Dich führt in Teufelsschlingen der Papst: drum aufgerafft!
Nie schlimmer war's bestellt noch um's Heil der Christenheit,
Der Papst, der uns sollt' lehren, der ist – – –«

»Mann!« rief ich und griff nach seinem Barte. »Das sind ja meine Weisen, falsch zusammengestellt.«

»So?« fragte der Andere kühl. »Nun, das ist gleich. Sie lagen mir so im Munde. Wißt Ihr's gewiß? Ich meinte wirklich, sie wären mein. – Aber gleichviel: – dem Kaiser gefiel das deutsche Lied unter all' dem wälschen Klingklang; er rief: ›Hier rasten wir!‹ sprang vom Roß und trat über meine Schwelle. Er trank und speiste: und trefflich mundete ihm, was ich bot, und als er davon ritt und sein Kämmerer – oder wer es war – den Geldsack zog, da sprach ich: nein, Herr Kämmerer! Heute war der deutsche Kaiser zu Gast bei'm Böppele: und das ist reich bezahlt.«

»Und wahr ist's auch, merkwürdigerweise!« bestätigte Herr Hermann. »Denn der Reisemarschall für diese Jagdfahrt war ich selbst. Und dem hohen Herrn hatte der Schwab' und sein Wesen und sein Wein so sehr gefallen, daß er, als wir nach einer Woche zurückkehrten, sich im Voraus ansagen ließ bei dem Wurst-Böppele, wie er ihn nannte, und sich ein Gericht frischer Fische ausbedang: aber lebend wolle er sie noch sehen und einer, ein Meeraal, müsse groß, armslang, sein. Der Wirth versprach's und wir kamen. Jedoch inzwischen hatte heftiger Nordost geherrscht: kein Fischer an der Riviera hatte eine Flosse gefangen und unser Herr sprach: »Will sehen, wie sich der Schwab' herauslügt.« Der Kaiser sprang ab und rief dem Böppele zu: Herr Wirth, wo sind die Fische? Und leben sie noch? Und ist der eine, der Aal, auch recht groß?

Der machte einen Kratzfuß und sprach: »Alles wie befohlen!«

»Ich will sie sehen,« meinte unser Herr. »Dort ist der Fischbehälter. Ich weiß es noch von neulich« ging hin und hob den schweren Eichendeckel ab: da lagen im Wasser oben ein par elende fingerlange Sardinen, ganz steif und todt: »Ei, Böppele,« fragte der Kaiser, »was ist das? Sie sind ja todt!«

»Wirklich?« sagte der ganz erstaunt. »Ja, todt! Nun, das ist gleich! Sie sind's halt nicht gewöhnt, daß der Kaiser den Topfgucker macht: und da sind sie gestorben vor eitel Ehrfurcht.«

»Gut!« lachte Friedrich. »Aber wo ist denn der Aal, der große, der armslange?«

»Ja,« meinte der Böppele, »das ist gespaßig. Aber seht, o Herr: es war nur Ein großer König und Lehnsherr und sehr viele Kleine, Vasallen: da haben allmählig die vielen Kleinen den einen Großen ganz aufgefressen.«

»Wie im deutschen Reich,« lachte der Kaiser. »Du bist ein kluger Schwab!« und beschenkte ihn reich und ritt davon.«

»Nun, es freut mich, daß der Böppele also einmal nicht gelogen hat,« meinte Herr Walther. »Ich konnte ihm nicht zürnen! Aber den vom Hohenbühl wurmte es doch, daß er so schmählich betrogen. Als wir nun aufbrachen, sprach er zu dem Wirth: »Was macht die Zeche?«

»Ist schon bezahlt: – voraus bezahlt!« erwiderte der eifrig und rieb sich den Rücken.

»Nicht doch,« fuhr der Ritter mit beängstender Freundlichkeit fort – er lachte so süßsau'r dabei! »Du mußt deinen Lohn haben. Nimmst du kein Geld – wohlan! Ich zahl' dir's dennoch heim. – Komm, laß uns zu Pferd, Walther«, und damit stand er auf und ging nach »Bethlehem«: zu dem Stalle, wo unsere Gäule standen.

»Herr; was meint Ihr mir Böses zu thun?« forschte der Wirth, ängstlich hinter ihm herlaufend; und auch ich war gespannt.

Aber der Andere lachte noch giftiger und schwieg: gar bang hielt ihm der Böppele den Steigbügel und überließ mir's allein, in den Sattel zu kommen.

»Was wollt Ihr mir anthun, Herr?« wiederholte der Ahnungsvolle.

»Anthun? Ha, einen Gefallen thu' ich dir! Eine Boten-Sendung erspar' ich dir. Mein Geschäft mit den reichen Herren von Genua ist zu Ende. Morgen brech' ich auf und zieh' nach Hause gen Tübingen, dem Herrn Pfalzgrafen zu berichten. Der Umweg über Boblingen soll mich nicht verdrießen! Man thut gern was Übriges für seine Freunde. Ich trage dir Botschaft dorthin. – Hui, Rößlein!« Und er gab dem Rappen den Sporn.

»An wen?« schrie der Wirth und hielt den Gaul fest, der mächtig stieg.

»Ei, an Frau Zahme! Ich lade sie hierher: – ich mal' ihr aus, wie herrlich sich's hier lebt in ihres Ehegatten Weinschank zu Sestris. Dann kommt sie gar eilfertig.« Und noch ein Sporenstoß und hinweg sauste das Roß.

»Nein! Nein! Lieber Herre! Nein! Thut's nicht! Nur das thut nicht!«

Aber der Ritter hörte ihn schon nicht mehr.

Da sprach der Böppele ganz traurig zu mir: – aschfahl war sein Antlitz: – »Herr Walther, glaubt Ihr: – er thut's?«

»Ich fürchte: ja!« rief ich und setzte das Pferd in Trab.

»Morgen fahr' ich in's gelobte Land!« sprach der Arme ganz feierlich.«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.