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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid5eb9df3f
created20070518
modified20160412
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Siebentes Kapitel.

Hastig hatte sich der Alte von dem Boten und von den Badesklaven wappnen lassen; er eilte, begleitet von Cornelius, an das vindelicische Thor, dort den hohen Wall zu besteigen, der weithin Aussicht gewährte. Es ward ihm heiß dabei: denn nun war es voll Mittag geworden: senkrecht schickte die Sonne ihre glühenden Pfeile auf den schweren Helm. An dem Thore traf ihn ein Centurio des Tribuns; dieser hatte vom Kapitol herab früher schon als die Wächter auf den Mauern Reiter aus dem Westwalde schwärmen sehen: er ließ sagen, es seien nur etwa hundert Germanen: sofort werde er selbst seine Reiter vor die Thore führen: denn er könne wieder zu Pferd steigen.

Severus befahl dem Söldner, ihm einstweilen auf den Wall zu folgen. Scharf schaute er mit Cornelius auf die Ebene, die jenseit, links, des Flusses bis zu dem Westwald sich hinzog. Nach langer Betrachtung wandte er sich: er wollte zu Cornelius sprechen: aber sein Blick traf auf zwei Colonen, die ängstlich in die gleiche Richtung blickten.

»Nun,« sagte er, »Geta! Was seid ihr doch einfältig. Ihr beschwort, bei allen Heiligen und bei den Halaunen, daß ihr keine Spur vom Feinde wahrgenommen. Eure Hütten liegen noch jenseit, westlich des Westwalds. Und nun steckten die Barbaren zwischen euch und der Stadt! Wart ihr blind und taub?« »Oder wolltet ihr es sein?« fiel Cornelius mißtrauisch ein. »Bedenke,« warnte er, »sie haben alle Ursache, es mit den Barbaren zu halten. Rauh und jähzornig sind diese: aber sie quälen den Hörigen nicht das letzte Mark aus den Knochen wie die kaiserlichen Fiskale.«

Aber der ältere der beiden Colonen nahm nun das Wort: »Nein, Herr, ich bin kein Verräter: ich halte es nicht mit den Barbaren: habe ich doch gedient unter dem großen Aëtius und ehrenvollen Abschied und jenes Gütlein empfangen. Glaubt einem alten Legionär – und wenn Ihr mir nicht glaubt, behaltet mich hier als Geisel bis zur Entscheidung: – ich habe noch gestern mit diesem meinem Neffen Pech gesotten im Westwald: – hohen Preis zahlen dafür die Händler aus Ravenna – der ganze Westwald ist keine fünf Millien breit: wären es viele Barbaren gewesen, die im Walde sich bargen, wir hätten sie merken müssen. Keinesfalls ist es ein Wanderzug, ein Volksheer: Abenteurer sind es, wenige Reiter, die einstweilen das Land erkunden, wie es wohl gehütet sei.«

»Wir wollen ihnen zeigen, wie es gehütet ist,« rief Severus, drohend die Rechte hebend. »Der Veteran hat recht, Cornelius. Ich glaube ihm. Es ist nur die Handvoll Reiter, die da gegen den Fluß her tänzelt. Wollen wir ihnen diese Unverschämtheit eintränken. Himilko, zurück zum Tribun. Ich verbitte mir jede Hilfe seiner Mauren –: hörst du, ich verbitte mir sie: es ist Ehrensache, diesen Räubern zu zeigen, daß die Bürger von Juvavum allein Manns genug sind, sie zu züchtigen.« »Ich muß dir beipflichten,« meinte Cornelius. »Es kann wohl nur eine Streifschar sein.« – »Gleichwohl will ich vorsichtig handeln und mit erdrückender Übermacht angreifen: diesmal muß ich siegen: – um deines Gelübdes willen, mein Cornelius.« Er schlug ihm in väterlicher Freundlichkeit mit der Hand auf die Schulter und stieg die schmale Treppe von dem Wall hinab. Unten am Thor angelangt befahl er den Tubabläsern, durch alle Quartiere zu eilen, die gesamte Bürgerschar mit dem Ausfallsignal hierher, an das vindelicische Thor, zu entbieten: in einer Viertelstunde sollte der Angriff geschehen. Laut schmetterten alsbald die mahnenden Töne in allen Vierteln der Stadt und aus allen Gassen strömten die gewaffneten Freiwilligen an das nordwestliche Thor.

Einer der ersten, der aus seiner nahen Werkstätte herankeuchte, war der dicke Crispus: er schleppte einen ungeheuren Speer mühevoll auf der Schulter, der schwere Schild belastete ihn: es war heiß und Crispus war alt und beleibt. Auf dem Haupt trug er statt des Helmes ein Küchengerät, in dem die alte Ancilla ihm in friedlichen Zeiten die – nur allzufetten! – Festkuchen zu backen pflegte: es war jetzt zwar recht blank gescheuert: aber es war etwas zu weit und klapperte ihm bei jedem Schritt um die Ohren: er bot keinen sehr kriegerischen Anblick.

Kopfschüttelnd betrachtete ihn Severus: »Nun, der Wille ist gut. –« »Und das Fleisch ist nicht schwach!« spottete Cornelius. »Aber,« fuhr Severus fort, »lieber sähe ich deinen schlanken Neffen, den Steinmetz. Was weigert er seinen Arm dem Vaterland? Immer bei seinem jungen Weibe? Wo steckt er?«

»Hier steckt er!« rief, bevor Crispus erwidern konnte – nur mit der Hand hatte er auf den Turm neben dem Thor gedeutet – hoch auf ihre Häupter herab eine bittende Stimme. Und hinter der vergitterten Luke des zweiten Turmstockwerkes ward Fulvius sichtbar, der beide Hände eifrig emporreckte. »Laß mich heraus, o Feldherr, hilf mir herunter, und mit dem Speer will ich dir danken.« »Severus,« bat nun der dicke Crispus den verwundert Blickenden, »befiehl dem Wärter, – da steht er in der Thür, – ihn herauszugeben. Zeno der Wucherer hat ihn einsperren lassen.« »Gieb den Mann heraus, Carcerarius!« befahl der Alte. »Ich brauche so jugendstarke Arme. Er zahle vorerst seine Schuld dem Vaterland: fällt er, ist er aller Schulden quitt: überlebt er, wandert er wieder in den Turm.« Der Carcerarius zögerte: aber ein Rippenstoß, den ihm Cornelius ungeduldig versetzte, stimmte ihn um. »Ich weiche der Gewalt!« rief er und rieb sich die getroffene Stelle. »Welch' eiserne, pflichtstrenge Römerseele!« meinte Cornelius. Gleich darauf sprang Fulvius über die Schwelle, ergriff Schild und Speer, die ihm von dem Waffenvorrat auf dem Wall herabgebracht wurden, und rief: »Hinaus, hinaus vors Thor!« Wohlgefällig ruhte des Feldherrn Blick auf ihm: »Solchen Eifer lob' ich! Du sehnst dich nach dem Kampf?« »Ach nein, Herr,« antwortete der junge Mann aufrichtig, »nur nach Felicitas.« Während jener sich unwillig abwandte, tröstete Crispus den Neffen. »Ich habe stets dein Haus im Auge behalten vom Wall aus: beruhige dich, kein Barbar hat noch den Fluß überschritten.« »Und der Tribun?« flüsterte der junge Ehemann. »Hat noch das Kapitol nicht verlassen.« – »Und Zeno?« – »Ist vollbeschäftigt, seine Schätze in die Stadt hereinzubringen und zu verstecken.«

Da kehrten die Tubabläser von ihrem Rundgang zurück, die letzten Bürger von den entlegensten Häusern trafen nun ein. Severus und Cornelius gliederten sie in zwei Haufen, jeden etwa zu dreihundert Mann; nun trat der alte Held vor und sprach: »Römer! Juvavensische Männer! Folgt mir! Hinaus vors Thor und wehe den Barbaren!« Er erwartete laut lärmenden Beifallsruf: aber alles blieb still. Nur ein Mann trat aus dem Glied und sprach ängstlich: »Darf ich eine Frage stellen?« »Frage!« erwiderte Severus unwillig. »Wie viele Barbaren mögen's wohl sein da draußen?« – »Kaum hundert.« »Und wir sind sechshundert!« meinte der Tapfre behaglich lächelnd und sich zu den Bürgern wendend. »Auf!« schrie er plötzlich und sein Schwert an den Schild schlagend. »Auf das Thor! Und wehe den Barbaren!« »Wehe den Barbaren!« rief nun die ganze Schar. Das Thor ward aufgezogen und über die Zugbrücke, die sich gleichzeitig über den Wallgraben niederließ, eilten die Männer aus der Stadt. Nur spärliche Wachen waren auf dem ganzen Umkreis der Mauern zurückgelassen worden; Weiber und Kinder eilten nun aus den Häusern, erstiegen die Wälle und blickten den Ihrigen nach, die in raschem Marschschritt auf die Brücke unterhalb der Stadt zu eilten, deren Westende, wie wir sahen, seit dem Morgen verrammelt und von einer kleinen Schar besetzt war.

 


 

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