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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
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Fünftes Kapitel.

Aber Fulvius sollte diese Nacht nicht zurückkommen. –

Als er mit Crispus die Porta Vindelica durchschritten hatte und in die Via Augustana einbog, in der die Basilika des heiligen Petrus und das daran gebaute kleine Priesterhaus lag, bemerkten sie Zeno, der am andern Ende der Straße an das Thor eines stattlichen Gebäudes pochte. Es war das Haus des Richters.

»Er hat es eilig,« meinte Crispus. »Gut, daß wir auch schon zur Stelle.« Und er rührte an den Klopfhammer, der in Kreuzesgestalt an der schmalen Pforte des Priesterhauses hing.

»Er wird wohl alles durchsetzen bei dem Richter; der ist sein Schwager,« sorgte Fulvius. »Und dem Wucherer tief verschuldet. Das hält alles zusammen: wie zäher Kot.«

Da ward die Pforte aufgestoßen und ein Ostiarius führte die beiden durch einen langen, engen, von einer Öllampe in einer kleinen Mauernische spärlich erhellten Gang an das Gemach des Priesters, schlug den Vorhang zurück und schob beide Gäste hinein. Das halbdunkle Gemach war fast leer an Gerät: eine große Truhe diente mit ihrem Deckel als Tisch, darauf stand Schreibgerät; an den Wänden sah man ein Lamm, einen Fisch, eine Taube in sehr rohen Umrissen mit roter Farbe gemalt. Johannes, obwohl im Gespräch mit zwei Priestern, wandte sich ihnen sofort zu: eine hagere Gestalt, nicht gebeugt durch siebzig Jahre, aufrecht gehalten durch starken, begeisterungsvollen Willen; eine graue Kutte, mit einem Strick um die Lenden geknotet, war all' sein Gewand; das Haupt umzog nur ein schmaler Silberreif von weißen Haaren: das glänzte wie ein Heiligenschein. Ein langer weißer Bart wallte bis tief auf die Brust.

»Geduld einen Augenblick, liebe Freunde,« winkte er den beiden zu. »Das Geschäft dieser meiner Brüder hier eilt: – ihr sehet: sie tragen Reisehut und Stab – doch ist ihre Antwort schon erledigt. Du also, Timotheus, wanderst noch heut' Nacht zurück auf deinen Posten; es ist gut, daß du gewarnt hast: aber nur der Mietling verläßt seine Herde, der gute Hirt harrt bei ihr aus.« »Ich gehe,« sprach der Angeredete, ein noch junger Subdiakonus, beschämt errötend: »Ich wollte auch nicht gerade mich flüchten vor den Barbaren: – ich wollte nur . . .« – »Warnen, gewiß. Und dann vielleicht – das gab dir der böse Feind der Feigheit ein – dabei abwarten, ob Johannes dich nicht doch hier behalte, in den sichern Mauern dieser Feste. Aber ich sage dir: wo der Herr nicht das Haus behütet, da wachen die Wächter auf der Zinne umsonst. Und kommt die Kriegesnot über die Armen da draußen, ist dein Zuspruch unentbehrlich. Gehe mit Gott, mein Sohn, zurück in deine Cella bei Isunisca.« »Sind die Barbaren schon so nahe? Bis Isunisca!« rief Crispus erschrocken. »Wahrscheinlich: wenigstens hörte Bruder Timotheus vor drei Nächten Reiter an seiner Cella vorbeijagen mit unbeschlagenen Rosseshufen. Das waren keine Römer.« »Das waren die Nachtreiter, die Götter der Heiden, geführt von Wodanus, der Teufel Oberstem, den unsere Väter Teutates nannten, die Römer aber Mercurius!« sprach Bojorix, der Diakonus, ein älterer Mann, und bebte vor Grauen. »Diesmal schwerlich,« lächelte Johannes milde, »da eines dieser Nachtgespenster, am hellen Tag darauf, mit lang wehendem Graubart, von einem Wolfsfell umflattert, bei der Brücke des Önus ganz allein in einen Zug bewaffneter Kaufleute hineinsprengte, den dicksten Weinschlauch vom Wagen riß, auf sein Roß warf und davonjagte. Gespenster trinken nicht heurigen Räter. – Mehr als diese Botschaft, die von Westen her kam, beunruhigt mich, daß von Osten her, von Ovilava und Lentia, jede Botschaft ausbleibt! Wohl kamen von dort, von Osten, durch die Porta Latina, ein paar Bauern auf den Markt: aber ich kannte sie nicht: sie sind mir verdächtig. Nun, wir stehen im Schutze des Herrn, im Aufgang wie im Niedergang seiner Sonne! Du aber Stephane . . .« –

Der Angeredete hörte nicht.

Sanft verweisend faßte ihn der Presbyter am Gewand: »Ei, Stephane, Stephane! Hörst du immer noch nur auf deinen barbarischen Namen Bojorix? – Du, mein Stephane, sage den Kindern der Witwe zu ad Fontes: ich werde den vorletzten Silberbecher der Basilika verpfänden und mit dem Erlös den Argentarius befriedigen, die Schuldknechtschaft von ihr zu wenden. Ich bringe ihr morgen das Geld oder übermorgen.« – »O Herr, sie banget sehr! Warum nicht schon heute Nacht?« – »Heute Nacht muß ich die Wunden frisch verbinden dem armen aussätzigen Juden, den die weltlichen Ärzte nicht mehr anrühren wollen, und bei ihm wachen. Gehet nun beide, meine Brüder: und der Engel des Herrn, der Tobias geleitet hat, schwebe über euren Wanderstäben. Fürchtet euch nicht, wiewohl es Nacht ist: ihr wandelt im Licht.« Ehrerbietig verneigten sich die beiden und gingen; Johannes wehrte dem Kuß, den sie auf seine Hand drücken wollten.

»Und nun zu euch, meine Lieben,« sprach der Alte, »was kann ich für euch thun?« Rasch und erregt brachten die beiden, sich gegenseitig ergänzend, ihr Anliegen vor. Ernst, aufmerksam hörte der Priester zu. »Es ist,« sprach er dann, »wie mein liebes Beichtkind gesagt. Krates, ihr Herr, hat die Eltern und das Kind freigelassen: vor mir, in dieser Basilika.« »O so sind wir ja sicher vor dem Ärgsten!« jubelte Fulvius. »So lang ich lebe –: aber ich bin ein alter Mann: über Nacht kann mich der Herr abrufen. Eile thut not gegenüber jenem gewaltthätigen Wüstling. Ihr habt Galla gekannt, des Colonen Gaudentius, nahe an der Zollstätte, achtzehnjährig Kind. Wenige Tage sind's. Der Arge sah sie am Mittag: – vor Nacht war sie verschwunden: – am Morgen darauf lag sie, zerschmettert, am Fuß der Felsen des Kapitols –: sie sei verunglückt beim Beerensammeln, hieß es –: aber ein Fischer, der bei Tagesanbruch seine Netze hob, hat mir vertraut, er habe gesehen, wie sie sich kopfüber aus dem Turmfenster stürzte.« »Dort wohnt der Tribun!« schrie Crispus. Fulvius griff stumm nach dem Hammer in seiner Tunika.

»Kommt! Der Richter, die Kurie wird so spät keine Erklärung mehr zu den Akten nehmen. Sie schmausen und zechen. Wir wollen sofort die Ältesten der Gemeinde aufsuchen: vor ihnen beschwöre ich meine Kenntnis der Freilassung. Und noch heute abend will ich mit ihnen beraten, ob wir nicht, wie deines Weibes Unschuld, auch dich selbst, wackerer Steinmetz, schützen können auf deinem Erbe vor diesem Wucherer. Folget mir.« Sie eilten alle drei auf die Straße. Dort war es noch ziemlich hell: nur leise begann die Dämmerung des langen Junitages.

Als sie an das Haus des Richters gelangten, öffnete sich nach außen dessen Thor: heraus trat der Hausherr, dem Argentarius das Geleite gebend. »Ich denke,« sprach jener, »morgen in aller Frühe hinauszuschicken. Dein Recht ist zweifellos, auch die Fluchtgefahr des Schuldners wahrscheinlich und so kann ich den Haftbefehl . . . – – aber da steht er selber vor uns.«

Auch Zeno wandte sich nun gegen die Straße und sah die drei Männer heran kommen; es mißhagte ihm, sein Opfer in Begleitung des Priesters zu finden, den die Bürger liebten, den er fürchtete und haßte. Er grüßte den Angesehenen scheu: es waren noch andere Leute auf der Straße: es hätte ihm geschadet, hätte er dem Allverehrten den Gruß versagt: doch wollte er sich rasch an ihm vorüberdrücken. »Halt, Zeno von Byzanz!« rief da der Priester laut – und man hätte dem Greise diese Gewalt der Stimme nicht zugetraut. »Ich habe dich zu warnen, dich und jenen Tribun der Wollust. Ich weiß allzuviel von euren Sünden: das Maß ist voll. Wenn ihr nicht Buße thut, kann ich euch nicht mehr dulden in der Gemeinschaft der Heiligen.« Da erbleichte der Kaufmann. »Ein Wucherer bist du: und er – er ist ein Mörder des Leibes und der Seelen. Ich weiß von eurem neuen Anschlag. Ihr werdet ihn nicht vollführen. Wisse: ob der Freibrief verbrannt ist – das reine Weib wird euch nicht verfallen. Sie ist frei – freigelassen vor mir, in der Kirche.« »Das kannst du leicht sagen!« meinte Zeno, mit lauerndem Blick. »Ich gehe, es vor Zeugen zu beschwören.« »Also weiß es noch niemand außer dem Alten,« dachte der Andere. »Du aber, der du dreißig vom Hundert nimmst und mehr, ich ziehe dich zur Rechenschaft vor der Gemeinde. Und nicht deshalb allein! Gedenke deiner armen syrischen Sklavin! Für sie klage ich auch vor dem weltlichen Gericht.« Der Byzantiner erbebte. »Und kannst du dich und kann sich jener Feldhauptmann der Lust und der Gewalt nicht reinigen vom Blute der Galla: – ausstoße ich euch am nächsten Sonntag aus der Gemeinde.«

Bevor Zeno antworten konnte, klirrten Waffen und schwere Schritte und ein Zug von den Isauriern des Tribuns bog um die Ecke. Der Centurio eilte auf den Kaufmann zu: »Dich such' ich! Von deinem Hause wies man mich hierher, zum Richter. Lies! – Vom Tribun.« Zeno nahm das Wachstäfelchen an sich. »Offen?« frug er mißtrauisch. »Für uns gesiegelt,« lachte der Soldat. »Wir lesen nicht: wir schlagen nur.« Zeno las: »Es war nur das Knie. Mein griechischer Sklave hat mich geknetet, morgen steig' ich wieder zu Roß. Das Dreifache, schaffst du morgen das Weib.« Der Grieche tauschte einen raschen Blick mit dem Richter –: dann drückte er mit der Rückseite des Griffels das Geschriebene platt, wandte den Griffel und schrieb: »Der Priester allein weiß, daß sie freigelassen. Sonntag spricht er den Bann über dich. Tote Hunde bellen nicht.« »Bring das deinem Tribun,« winkte er dem Centurio. »Ich kann nicht: – ich ziehe auf Wache ans vindelicische Thor. Aber hier, Arsakes, geht zurück aufs Kapitol.« – Er gab das Täfelchen einem der Söldner; der neigte sich und verschwand.

»Ans vindelicische Thor? Warte noch!« Und Zeno flüsterte dem Richter ein Wort zu. »Halt, Centurio!« rief dieser. »Ich habe meine Carcerarii nicht zur Hand –: im Notfall darf ich über euch Krieger verfügen, nach des Kaisers Diokletian Reskript. Ergreife diesen fluchtverdächtigen Schuldner des Kaisers und führe ihn in den Thurm für die Steuerschuldner: er steht neben dem vindelicischen Thor.« Fulvius war im Augenblick umringt –: der Centurio legte die Hand auf seine Schulter, vier Mann ergriffen seine Arme. »O Felicitas!« seufzte der Wehrlose. »Ich rette sie! ich fliege hinaus!« schrie Crispus und eilte davon. Er wollte um die Ecke biegen: aber er konnte nicht mehr: denn da erschollen plötzlich Hufschläge eines in rasender Eile heranjagenden Reiters: dahinter her aber wälzte sich brausendes Stimmengewoge, bald Menschengewoge heran –: Soldaten, Bürger, Frauen, Kinder, alles durcheinander. »Einer unserer maurischen Reiter!« rief der Centurio und fiel dem Roß in die Zügel: »Jarbas! Waffengenoß! Was ist's?« Der Reiter, der von Wasser troff, richtete sich hoch auf im Sattel: Helm und Schild hatte er verloren: einen zerbrochenen Speer hielt er in der Rechten: Blut strömte über seinen nackten linken Arm. »Meld' es dem Tribun!« schrie er mit heiserer Stimme wie aus letzter Kraft. »Ich kann nicht mehr – der Pfeil im Nacken! – Sie sind da! – Schließt die Thore! – Die Germanen stehen vor der Stadt!« Und den Zügel fahren lassend, stürzte er rücklings vom Pferd. Er war tot.

 


 

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