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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel.

Sofort, noch bevor sein Begleiter eine Hand nach ihm ausstrecken konnte, ihm aufzuhelfen, hatte der Zornmütige sich erheben wollen: aber mit einem wilden Fluch sank er wieder zu Boden und wehrte nun heftig den Versuch des andern ab, ihn aufzurichten. »Laß mich liegen, der Fuß ist gebrochen! Oder der Knöchel ausgerenkt. Nein! es ist das Knie! Ich weiß es nicht. Aber ich kann nicht stehen. Ich muß mich tragen lassen.« – »Ich will die Hausleute rufen! da kommt schon der Steinmetz aus dem Hause!« – »Tot stech' ich ihn, rührt er mich an. Ich will keine Hilfe von dem! Jenseit der Straße, links, auf dem Übungsplatz, sah ich einige meiner Leute Speere werfen. Die rufe mir! die sollen mich fortschaffen.«

So geschah es. Während der Wechsler die Söldner von dem nahen Exerzierplatz herbeiholte, versagte der Liegende, sich von dem herbeigeeilten Steinmetz abwendend, diesem jede Antwort; schweigend, seinen Schmerz verbeißend, ließ er sich dann von den starken Mauren bis in die Stadt tragen, wo ihn bald eine Sänfte aufnahm und auf das Kapitolium führte. –

Einstweilen hatte Fulvius den Kaufmann an dem Eingang festgehalten. »Nicht über die Schwelle, Vortrefflichster!« sprach er den vorwärts Drängenden zurückschiebend. »Ich bin abergläubisch! du hast den bösen Blick! Sowie ich deiner ansichtig ward und des Tribunus, eilte ich euch entgegen, das Geld, das wohlgezählt in diesem Säckel für dich bereit liegt, ergreifend: hier« – und er fing an, die Silbermünzen auf dem breiten Gesims der nicht mannshohen Mauer aufzuzählen – »hier: zähle nach! Ganz genau gerechnet: – fünfzig Solidi Kapital und, bei dreißig Prozent Zinsen, noch einmal fünfzehn Solidi! Und hier – denn ohne Quittung ist mit dir nicht zu verhandeln! – hier habe ich auf dies Wachstäfelchen die Quittung geschrieben – nimm den Griffel – setze deinen Namen darunter und geh' deiner Wege: – auf Nimmerwiederkehr.«

Aber unwillig schob Zeno mit der magern Hand die Silberstücke zurück, daß etliche klirrend auf die Steinplatte fielen und hier umherrollten. »So rasch kommen wir nicht auseinander, gastlicher Hausherr und dankbarer Schuldner.« – »Dankbar! dreißig Prozent sind, meine ich, Dankes genug. Und gastlich ist man nicht gegen Harpyien und Lemuren. Nimm, was dir hier gehört, und geh!«

»Wenn ich genommen haben werde, was mir hier gehört,« erwiderte der Byzantiner nun grimmig, – »dann gehst du, nicht ich, aus diesem Haus, aus dieser ganzen Besitzung.« – »Was soll das heißen?« – »Das soll heißen, daß es sich nicht nur handelt um die elenden fünfzig Solidi nebst Zinsen. Du bist mein Schuldner für mehr als den zwanzigfachen Betrag: mein ist das Haus, mein diese gesamte Possessio: höchst wahrscheinlich bist auch du in diesem Augenblick schon mein mit allen Knochen, die du im Leibe trägst: mein auch jene Sklaventochter, die dort zwischen den Vorhängen ängstlich lauscht, das Kind an ihrer Brust: – Mutterschaf und Lämmchen sind mein eigen.«

So bösartig wurden diese Worte zuerst leise gezischt, dann, in steigender Wut, immer lauter und drohender hervorgestoßen, daß Fulvius erschrocken zurückblickte, ob auch sein junges Weib nichts von diesem Unheil vernommen. Aber Felicitas war schon wieder hinter den Vorhängen verschwunden, beruhigt, daß der wilde Offizier, den sie fürchtete, sie wußte nicht warum, nicht mehr da war. Daß das Geld für den Wucherer bereit lag, wußte sie ja. So verabschiedete sie lächelnd ihren Gast, der seinen Becher geleert hatte und nun dem Ausgang zuschritt. Kein Wölkchen beschattete ihre weiße Stirn, da sie sich nun auf die Kline niederließ, das mädchenhafte Antlitz mit wunderbar holdem Lächeln über das eben erwachte Kind herabbeugte, verschämt die Brustfalten ihres Gewandes zurückschob – sie errötete dabei – und die Lippen des Kindes an den sanft geschwellten Busen führte. – –

Einstweilen hatte ihr Gatte, im Schreck und Zorn, den zögernd Weichenden mit dem Ellbogen einen Schritt weiter hinweg von dem Eingang gedrängt; die Muskeln seiner nackten Arme spannten sich, seine beiden Fäuste ballten sich; drohend, aber sprachlos, stand er vor dem Mann, der so furchtbare Worte gesprochen hatte. Jetzt trat Crispus heran: er faßte seinen jungen Neffen fest am Handgelenk des rechten Armes, den dieser eben, langsam drohend, zum Schlag erhob. »Was bedeutet das?« rief der dicke Oheim besorgt. Fulvius brachte kein Wort hervor.

Aber Zeno antwortete: »Das bedeutet, daß ich vom kaiserlichen Fiskus dies Gut gekauft habe: und die ganze alte Steuerforderung des Staates dazu, daß nach den Steuerbüchern dieser Erbpächter und sein Vater seit Jahrzehnten mit dem inzwischen vom Kaiser versiebenfachten Pachtzins im Rückstand sind, d. h. mit den Strafzinsen zusammen über siebentausend Solidi schulden.«

Crispus überrechnete im Augenblick, daß er, wenn er sein ganzes Vermögen geben wollte, den Neffen zu retten, noch nicht den siebenten Teil dieses Betrages zusammenbrachte. –

»Das bedeutet,« fuhr Zeno fort, »daß ich, bei der zweifellosen Zahlungsunfähigkeit des Schuldners, diesen mir als Schuldknecht zusprechen und mich morgen vom Magistratus in den Besitz einweisen lassen werde.« »O Felicitas!« stöhnte Fulvius. »Sei ruhig, – ich nehme, bis der Prozeß entschieden, Mutter und Kind zu mir,« tröstete der gutmütige Oheim. »Prozeß?« lachte Zeno. »Ein Prozeß, der mit der Vollstreckung anfängt, ist rasch entschieden. Zweifellos bewiesen ist mein Anspruch durch die kaiserlichen Steuerlisten –: sie machen vollen Beweis. Und jenes junge Geschöpf –« »Willst du vielleicht auch die Gattin, wegen der Schuld ihres Mannes, dir zusprechen lassen? das giebt es nicht im Recht der Römer,« rief Crispus.

»Bleibe bei deinen Gipsfratzenbildern und lehr' nicht du mich das Recht und seine Wege! Das junge Weib ist ein Sklavenkind, ist Eigentum des Herrn ihrer Eltern. Dieser Herr starb ohne Testament, ohne nachweisbare Familienerben. Sein Nachlaß fiel, als erbloses Gut, an den Fiskus: dem Fiskus gehörten die Eltern und gehört das Kind.« – »Der alte Krates ließ die Eltern und das Kind vor seinem Tode frei.« – »Wo ist der Freilassungsbrief?« Und da beide verstummten, fuhr der Wechsler triumphierend fort: »Ihr schweigt? So ist es, wie ich vermutet: mit dem Brand ihres Elternhauses, bei dem Aufstand der Colonen gegen die Steuerpächter, ist der Papyrus mit verbrannt. Die unfreie Geburt steht fest –: die Freilassung ist nicht zu beweisen –: also her mit der Sklavenbrut!«

Da übermannte der Zorn, mit Angst gemischt, den jungen Gatten: er stieß den Bösartigen mit der Faust vor die Brust, daß dieser zurücktaumelte. »Hast du denn, alter Sünder, vielleicht, wie mich und mein Haus, vom Fiskus auch im voraus schon mein Weib erhandelt?« »Nein,« grinste der Erbitterte, »die schöne Griechin wird eines schönern, jüngern Herrn, der besser zu ihr paßt: bald schleppt sie in seine Löwenhöhle ein Löwe. Du weißt ja wohl, in welcher Art der Löwe um Liebe wirbt.« »Der Tribun!« schrie Fulvius. »Ich erwürge ihn vorher mit diesen Fäusten. Und du, Kuppler, nimm . . . –«

Aber Crispus schlang beide Arme um seine Brust, ihn festhaltend. So gewann der Argentarius Zeit, sich davon zu machen; eilfertig stieg er den Stufenpfad hinauf, der zu der Legionenstraße empor führte; als er die Höhe erreicht, wandte er sich um und blickte durch die grünen Büsche auf die Villa zurück: drohend erhob er die Faust und rief den beiden Männern zu: »Wehe den Besiegten!«

 


 

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