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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid5eb9df3f
created20070518
modified20160412
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Zweites Kapitel.

Unterdessen näherten sich der kleinen Villa, langsam auf der Legionenstraße heranwandelnd, die beiden von Crispus vorverkündeten Männer; sie blieben oft stehen, in eifrigem Gespräch das Vorschreiten unterbrechend. »Nein, nein,« warnte der Argentarius, den kahlen Kopf, den er trotz der Sonne ungedeckt trug, bedächtig schüttelnd und mit dem langen Stab auf die harte Straße stoßend, »so rasch, so gewaltthätig, so zufahrend geht das nicht, o Freund Tribune, wie deine ungestüme Lust begehrt. Laß mich nur gewähren! Wir sind auf dem rechten, dem sichern Wege.« »Dein Weg ist ein krummer, langweiliger Umweg, ein Schneckenweg!« rief der Soldat ungeduldig und warf das stolze, behelmte Haupt zurück, daß der schwarze Helmbusch auf die Ringe des Rückenpanzers rieselte. »Wozu die Umstände? Dir freilich eilt es nicht, das kleine Gütchen deinem ungemessenen Landbesitz einzufügen. Aber ich! Ich kann nicht mehr schlafen, seit mich der Anblick dieses jungen Weibes entzündet hat. Das Blut schlägt mir ins Herz zum Springen. Nachts treibt mich 's aus dem heißen Lager. Bei der gürtellosen Astarte von Tripolis! Noch nie hab' ich ein Weib entbehrt, des mich verlangte. Ich will sie haben, diese schlanke Felicitas! Und ich muß sie haben: – sonst bersten mir die Adern.« Und seine lodernden schwarzen Augen blitzten. »Du sollst sie haben, nur Geduld.« – »Nein! keine Geduld. Ein Schwertstoß macht den Milchbart von Ehemann kalt, auf diesen Armen heb' ich die sich Windende auf Pluto, mein schwarzes Roß, und hui! hinauf ins Kapitol, mögen die Marktweiber von ganz Juvavum dahinter her zetern.« »Mord und Frauenraub! Du kennst die Strafe.« – »Bah! tritt wirklich ein Kläger auf? Und der Kaiser? – Der Kaiser von Juvavum – der bin ich. Laß sehen, wer über die Wälle meines Kapitoliums steigt.« – »Das Kreuz, mein brüllender Leo, das Kreuz und der Presbyter! Nein, nein, keine himmelschreienden offenen Sünden. Es ist wahr: der Richter und seine Liktoren sind schwach in diesen von Rom fast aufgegebnen Landen. Aber die Kirche ist desto stärker. Spricht der hag're Weißbart, der Johannes, über dich die Ausstoßung, so bist du ein verlorener Mann. Kein Pfund Fleisch, keinen Krug Wein verkaufen dir mehr die Juvavenser,« – »So hol' ich, was ich brauche, mit meinen Lanzen!« – »An deinen Lanzen sind aber befestigt Maurusier: – und diese sind fromme Christen; der Presbyter hat sie getauft, soweit sie's noch nicht waren. Sieh zu, ob sie dir noch folgen, hat dich der Alte verflucht.« »Ich schlag' ihn tot, nach oder besser vor dem Fluch!« rief der Offizier und that einen raschen Schritt voran: sein langer dunkelroter Mantel flog im Wind.

Aber der Wechsler blieb wieder stehen, mit den knochigen Fingern die gelbe Tunika zurechtziehend: »Wie nutzlos! Weißt du denn nicht, daß die unsterblich sind? Schlägst du Einen tot, schickt der Bischof einen andern. Und sie sind alle gleich – viel mehr als deine Soldaten einander gleich sind. Und ich – ich sehe dich nicht mehr über die Straße an, bist du ausgestoßen von der heiligen Kirche.«

Jetzt aber machte der Soldat Halt und lachte laut: »Du! Zeno von Byzanz! Du glaubst so wenig an die heilige Kirche wie Leo, meiner Mutter Sohn. Und ich meine, dein seelenwürgender Zinswucher steht nicht besser angeschrieben bei den Heiligen denn mein bischen Liebeslust und Mordlust. Was hast du mit der Kirche zu thun!« – »Das will ich dir sagen, du kurzdenkender Sohn des Mars: ich fürchte sie! Sie ist die einzige Macht in dieser Zeit, in diesen Landen. Der Kaiser ist fern, seine Beamten sind alle zu kaufen; die Barbaren sind wie das Gewitter: sie brausen heran, man duckt sich, sie brausen wieder davon; aber die Kirche ist überall, wo auch nur ein einziger Priester im halbzerfallenen Bethaus die Messe hält. Und der Priester ist – nicht zu kaufen! – Der Elende darf ja gar nicht leben wie ein Mensch: so braucht er nichts –: und alle, die auf den Himmel hoffen, folgen ihm, das will sagen: alle Narren. Wehe aber dem Mann, der die Narren wider sich hat –: er ist verloren. Nein, nein! Mit dem Presbyter dürfen wir's nicht verderben.« »Ich brauche ihn noch, den Schleicher!« knirschte Leo leise durch die Zähne mit einem zornigen Blick auf seinen Begleiter und schob ungeduldig sein kurzes breites Schwert in dem schöngearbeiteten Wehrgehäng zur Seite. »Deshalb hab' ich ja,« fuhr der Kaufmann fort, »dir zu dienen –« »Gegen gute Bezahlung,« warf Leo verächtlich ein.

»Die ich aber – leider! – erst zur Hälfte empfangen!« – »Die andere Hälfte, nachdem ich die Rehäugige in meiner Kammer habe.« – »Deshalb hab' ich ja mir all' diese Mühe gegeben, all' diese Maschen gestrickt und in meiner Hand versammelt: – ein Ruck und das Netz schlägt über des Steinmetzen Kopf zusammen: er und die süße Puppe zappeln wehrlos, machtlos und, was das Beste, rechtlos darunter. Kaiser und Kirche können dabei zusehen, wie du das Vögelein greifest und ich das Land. Nicht, als ob das wertvoll wäre: aber es rundet meine Felder hier ab. Ich verkaufe dann leichter das Ganze an einen großen Herrn in Italien.«

»Auch ich habe nicht vor, das zerbrechliche Geschöpf lange zu behalten: nur Herbst und Winter über. Kommen im Sommer die Sklavenhändler wieder von Antiochia, schlag' ich sie los um hohen Preis. Dies halb bläuliche Weiß des Auges ist gesucht. Wo hat sie's her?« – »Aus Hellas oder aus Ionien. Ihre Eltern waren Sklaven eines griechischen Purpurhändlers, der hier starb auf der Rückreise aus Pannonien. Sie behaupteten, der Alte habe sie freigelassen vor seinem Tod; sie trieben nun einen kleinen Salzhandel. Als auch sie gestorben, ward das Kind das Weib des Nachbarsohnes, des Steinmetz, der mit ihr aufgewachsen. Ich bin gespannt, ob sie den Freilassungsbrief verwahrt haben. Wenn nicht, – dann gute Nacht, Felicitas! – Wir sind nun gleich am Ziel – hier lenkt der Fußpfad abwärts von der großen Straße nach dem Mercuriushügel. Mäßige, ich bitte, dieses Ungestüm und die Gier in deinen Blicken –: du verdirbst uns sonst alles!« – »Ich bin nicht geboren und nicht geschult, zu warten.« Damit trat der Tribun in den offnen Eingang des Gartens. Zeno folgte langsam; der volle Guß der sinkenden Sonne fiel auf den Schwellenstein und die frisch eingelassene Inschrift. »Hic habitat Felicitas!« las der Tribun, – »Wie lange noch?« frug er lachend.

»Nihil intret mali!« schloß der Kaufmann. »Gut, daß Wünsche keine Riegel sind.« »Sonst kämen wir nicht herein!« meinte der andre und trat höhnend, mit raschem Schritt, auf die zierlichen Buchstaben: diese waren spiegelglatt gesalbt mit frischem Öl –: Leo's Fuß glitt aus, er strauchelte, suchte sich zu halten, stürzte und schlug mit einem Schrei des Schmerzes, schwer rasselnd mit Helm und Harnisch, auf die Steinplatte nieder.

 


 

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