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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid5eb9df3f
created20070518
modified20160412
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Neunzehntes Kapitel.

Angelangt schob er vorsichtig den gelben Vorhang der äußeren Thüre zur Seite, das Mondlicht in den dunkeln Speisesaal fallen lassend. In dem Eingang zu dem Schlafzimmer, vor dessen rotem Vorhang, lag Haduwalt – schnarchend: neben ihm, auf die Seite gelegt, leergetrunken, die Amphora.

Leise, leise auf den Zehen trat der Jüngling, klopfenden Herzens, vor ihn und teilte behutsam die beiden Hälften des roten Vorhangs auseinander. Da gewahrte er – mit Lächeln sah er's – die kunstvolle Vorrichtung des ausgespannten Fadens: wohl haftete er noch an des Wächters Ledergurt: aber die Hand der Schläferin hatte sich geöffnet: der Knäuel lag auf dem Schemel vor ihrem Lager.

Mit hohem Schritt trat Liuthari über den Alten hinweg, in das Schlafgemach hinein. Oberhalb des Kopfendes des Lagers, in einer Wandnische, stand die kleine thönerne Lampe: sie goß ihr mildes Licht über das Pfühl. Bei ihrem rötlichen Schimmer erblickte er den Säugling neben dem breiten Ehebett in strohgeflochtner Wiege. Die wunderschöne Schläferin aber hatte das reiche, hellbraune Haar gelöst: es flutete über die beiden nackten Schultern und den herrlich gewölbten, obzwar so zarten Busen, unter welchen die Wolldecke halb herabgeglitten war. Den blendend weißen linken Arm hatte sie zwischen Hinterhaupt und Nacken geschoben: die rechte Hand deckte, wie beschützend, die linke Brust. Ganz dicht trat nun der Lauscher heran.

So hinreißend schön hatte er die Wache nicht gesehn –: und die strenge Hut, die diese ernsten Augen, wenn voll aufgeschlagen, übten, war ja nun entschlummert. – Die vollen Lippen waren halb geöffnet: er sog den süßen Atem ihres Mundes. Der Jüngling bebte vom Wirbel bis zur Sohle. »Nur Einen Kuß!« dachte er. »Und sie soll nicht davon erwachen.«

Schon beugte er sich sacht auf ihr Antlitz nieder: da bewegten sich die schönen Lippen im Schlaf und zärtlich sprach die Schlummernde: »Komm, o mein Fulvius, küsse mich!« –

Wie vom Blitz getroffen wandte sich Liuthari, sprang mit einem leisen Satz über die Schwelle und den Schläfer hinweg, mit einem zweiten die Stufen hinab in den Garten, schlug beide Hände vor die Augen und flüsterte: »O welchen Frevel hätt' ich fast begangen!« Er glitt nieder auf ein Knie und barg das fieberheiße Haupt in dem tauigen Grase: Reue, Schmerz, ungestillte Sehnsucht wogten in ihm zusammen und lösten sich alsbald wohlthätig in einem Strom von Thränen.

Lang lag er so.

Endlich machte die Jugend des Erschöpften, Verwundeten sich heilsam geltend: er sank in tiefen, traumlosen Schlaf.

 


 

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