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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
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Erstes Kapitel.

Es war ein schöner Juniabend. Die Sonne ging zu Golde: sie warf von Westen, von Vindelicien her, ihre vergoldenden Strahlen auf den Mercuriushügel und die bescheidene Villa, die ihn krönte.

Nur gedämpft drang hierher das Geräusch von der großen Straße, auf der hier und da ein zweirädriger Karren, mit norischen Rindern bespannt, aus dem Westthore von Juvavum, der porta Vindelica, nach Hause zog: Colonen, Landleute, die an dem eben geendeten Markttage auf dem Forum des Herkules Gemüse, Hühner, Tauben feilgeboten hatten. So war es still und ruhsam auf dem Hügel; außerhalb der nicht mannshohen Steinmauer, die den Garten umfriedete, vernahm man nur das lebhafte Geriesel des kleinen Quellbachs, der, an seinem Ursprung zierlich in grauen Marmor gefaßt, nachdem er den Springbrunnen in der Mitte gespeist und dann den wohl gepflegten Garten in kunstvoll gewundenem Rinnsal durchwandert hatte, nahe dem wohlgefügten, von Hermen überragten, aber offnen, thür- und gitterlosen Thoreingang, unter einer Mauerlücke durch, in einer Steinrinne hügelabwärts eilte.

Nach der Stadt zu, nach Südosten, lagen am Fuße des Hügels sorglich gepflegte Gemüse- und Obstgärten, Wiesen in saftigstem Grün und Getreidefelder mit üppigem Spelt, welche Frucht die Römer in das Barbarenland getragen. Hinter der Villa, nach Norden, aber ragte und rauschte, die Berghalde hinansteigend, schöner Buchwald: und aus seiner Tiefe scholl von fern der metallische Ruf des Pirols. Es war so schön, so friedlich; nur von Westen her – und nicht minder auch von Südosten! – stiegen drohende Wetterwolken auf.

Von dem offnen Thor führte durch den weitgedehnten Garten ein schnurgerader Weg, mit weißem Sand bestreut, zwischen ragenden Steineichen und Taxusbüschen hin, die, entsprechend lang herrschender Mode, mit der Schere in allerlei geometrische Figuren zurechtgeschnitten waren: – ein Geschmack oder Ungeschmack, den das Rokoko nicht erfunden, nur aus den Gärten der Imperatoren neu entlehnt hat.

Auf der langen Wegstrecke von dem Thor zu dem Eingang des Wohnhauses waren in regelmäßigen Abständen Statuen angebracht: Nymphen, eine Flora, ein Silvan, ein Merkur –: schlechte Arbeit, aus Gips; der dicke Crispus machte sie nach dem Dutzend in seiner Werkstatt auf dem Vulkanusmarkt zu Juvavum; und er ließ sie billig ab: denn die Zeiten waren nicht gut für die Menschen und schlecht für die Götter und Halbgötter; aber diese hier waren vollends geschenkt. Denn Crispus war ja der Vatersbruder des jungen Hausherrn.

Von dem Thor des Gartens her schollen, an der Steinmauer der Umhegung widerhallend, ein paar Hammerschläge; nur leise, denn behutsam, von Künstlerhand waren sie geführt: es schienen die letzten, nachbessernden, abschließenden Mühungen eines Meisters.

Nun sprang der Hämmernde auf: er hatte dicht hinter dem Thore gekniet, neben welchem, aneinander aufrecht geschichtet, etwa ein Dutzend noch unbearbeitete Marmorplatten die Behausung eines Steinmetz bekundeten: er steckte den kleinen Hammer in den Ledergürtel, der das Schurzfell über der blauen Tunika zusammenhielt, schüttete aus einem kleinen Ölfläschlein ein paar Tropfen auf ein Wolltuch, rieb damit den Marmor, gerade in der Inschrift, sorgfältig spiegelglatt, drehte den Kopf etwas seitwärts, gleich einem Vogel, der etwas recht genau besehen will, und las nun, wohlgefällig nickend, von der Eingangsplatte ab: »Ja, ja! Hier wohnt das Glück: mein Glück, unser Glück –: so lang als meine Felicitas hier wohnt – glücklich und beglückend hier wohnt. Niemals schreite Unheil über diese Schwelle: gebannt von dem Spruch mache jeder böse Dämon Halt! – Nun ist das Haus erst schön vollendet, durch diesen Spruch. Aber wo ist sie denn? Sie muß es sehen und mich loben. Felicitas,« rief er, gegen das Haus gewendet, »komm doch!«

Er wischte den Schweiß von der Stirn und richtete sich auf: eine geschmeidige Jünglingsgestalt, schlank, nicht über Mittelgröße, dem Mercurius des Gartens nicht unähnlich, den Crispus, nach alter Überlieferung der Gliedermaße, geformt; dunkelbraunes Haar überzog, ganz kurzgekraust, fast wie eine wollige Kappe, den ungedeckten runden Kopf; unter starken Brauen lachten zwei dunkle Augen lustig in die Welt; die nackten Füße und Arme zeigten schöne Bildung, aber wenig Kraftübung: nur im rechten Arm hoben sich kräftiger die Muskeln; das braune Schurzfell war von Marmorabfall weiß besprengt. Er schüttelte den Staub ab und rief nochmals lauter: »Felicitas!«

Da erschien auf der Schwelle des Hauses eine weiße Gestalt, wie ein Bild eingerahmt in die zwei Wandpfeiler des Eingangs, den dunkelgelben Vorhang zurückschlagend, der, an Ringen schiebbar, von einer Bronzestange gerade herabhing, ein ganz junges Mädchen – oder war es ein junges Weib? – Ja, es mußte schon Weib geworden sein, dieses Kind von kaum siebzehn Jahren: denn ohne Zweifel war es die Mutter des Säuglings, den es mit dem linken Arm an den Busen schmiegte: nur die Mutter hält ein Kind mit solchem Ausdruck in Bewegung und Antlitz.

Zwei Finger der rechten Hand, die Innenfläche nach außen gekehrt, legte die junge Mutter warnend an den Mund: »Stille!« mahnte sie – »unser Kind schläft.« Und nun schwebte die noch kaum vollreife Gestalt die vier Steinstufen hinab, die von der Schwelle in den Garten herabführten, vorsichtig das Kind auf dem linken Arm noch etwas höher schiebend und enger andrückend, mit der Rechten aber leise den Saum des ganz weißen Faltengewandes bis an die feinen Knöchel hebend, das tadellos schön geformte Oval des Hauptes vorsichtig leise senkend: es war ein Anblick von vollendeter Anmut: jugendlicher, kindlicher noch als die Madonnen Rafaels: und nicht demütig und doch zugleich mystisch verklärt, wie die Mutter des Christuskindes; da war nichts Wunderhaftes, nur edelste Einfachheit und doch königliche Hoheit in ihrer unbewußten Würde und Unschuld; wie Wohllaut der Musik umfloß es bei jeder der maßvollen, nie das Bedürfnis überschreitenden Bewegungen diese Gestalt einer muttergewordenen Hebe: Weib und doch ewig Mädchen; rein menschlich, vollendet glücklich, abgeschlossen und befriedet in der Liebe zu dem Jüngling-Gemahl und dem Kind an ihrer Brust: rührend, lieblich und ehrwürdig zugleich bei aller vollendeten Schönheit des Wuchses, des Antlitzes, der Farben so keusch, daß, wie vor einer Statue, jedes Verlangen in dieser Nähe schwieg.

Sie trug keinen Schmuck: das Haar, lichtbraun, wann es die Sonne küßte, in leisem Goldglanz leuchtend, floß in natürlicher Wellung von den offnen, edel geformten Schläfen zurück, die gar nicht hohe Stirne frei gebend, im Nacken in einen losen Knoten geschürzt: ein milchweißes Gewand von feinster Wolle, auf der linken Schulter mit einer schön geformten, aber schmucklosen Silberspange gefestet, umschloß in fließenden Falten die ganze Gestalt bis auf die Knöchel und die zierlichen roten Ledersandalen, den Hals, den oberen Teil des zart gewölbten Busens und die glänzenden, aber fast noch kindlichen, deshalb beinah ein wenig zu lang scheinenden Arme zeigend: unter der Brust war ein Zipfel des Gewandes durch den handbreiten Bronzegürtel geschlungen. So glitt sie, unhörbar, wie eine unmerkliche Welle, die Stufen herab und schwebte auf den Gemahl zu. Das längliche, schmale Antlitz trug jenes wunderbare, fast bläulich schattierte Weiß, das nur den Töchtern Ioniens eignet und das keine Mittagssonne des Südlands zu bräunen vermag; die im Halbkreis, streng regelmäßig, wie mit dem Zirkel, gezogenen Brauen hätten dem Antlitz fast etwas Lebloses, Statuenhaftes gegeben: aber unter den langen, langen, leise nach oben gekrümmten, ganz schwarzen Wimpern leuchteten die dunkelbraunen Antilopenaugen, wie sie sich nun auf den Geliebten richteten, in seelenvollstem Leben.

Dieser flog ihr mit raschen Schritten entgegen, löste, sorglich, zärtlich, das schlummernde Kind aus ihrem Arm und legte es in den länglichen flachen Strohdeckel, den er von seinem Arbeitskorbe herabhob, unter den Schatten eines Rosengebüsches: eine voll erblühte Rose warf im Abendwind duftige Blätter auf den Kleinen; er lächelte im Schlummer.

Der Hausherr führte nun, den Arm um die fast allzuschmalen Hüften schlingend, das junge Weib vor die eben vollendete Eingangsplatte und sprach: »Jetzt ist der Spruch fertig, den ich vor dir geheimgehalten, bis ich ihn, rasch fortarbeitend, vollenden konnte; nun lies, und wisse und fühle« – und er küßte sie zärtlich auf den Mund: »Du – Du selber bist das Glück –: Du wohnest hier.«

Das junge Weib hob die Hand vor die Augen, sich vor den durch den offenen Eingang nun fast schon horizontal einfallenden Strahlen der Sonne zu schützen; sie las und errötete: eine Blutwelle stieg sichtbar in die zart weißen Wangen, ihr Busen wallte, ihr Herz schlug lebhaft: »O Fulvius! Du Guter. Wie liebst du mich! Wie sind wir glücklich!« Und sie legte nun beide Hände und Arme auf seine rechte Schulter, auf die andere ihr wunderschönes Haupt.

Innig drückte er sie an sich. »Ja, überschwenglich, ohne Schatten ist unser Glück, – ist ohne Maß und Ende.« Rasch, mit leisem Beben, wie fröstelnd, richtete sie sich auf, und sah ihm bang ins Auge. »O fordere nicht die Heiligen heraus. Man flüstert,« sagte sie, selber flüsternd, »sie sind neidisch.« Und sie hielt ihm die Hand vor den Mund.

Aber er drückte einen lauten Kuß auf die schmalen Finger und rief: »Ich bin nicht neidisch, nur ein Mensch, wie sollten die Heiligen neidisch sein? Das glaub' ich nicht. Nicht von den Heiligen glaub' ich's – wie nicht von Heidengöttern, falls sie etwa doch noch leben und Gewalt haben.« – »Sprich nicht von ihnen! Sie leben freilich –: aber sie sind Dämonen, und wer sie nennt – der ruft sie nahe: so warnt der Presbyter der Basilika.« – »Ich fürchte sie nicht. Viele Geschlechter hindurch haben sie unsere Ahnen geschützt.« – »Ja, wir sind aber abgefallen von ihnen! Sie schützen uns nicht mehr. Nur die Heiligen sind unsere Schirmer – gegen die Barbaren. Wehe, wenn sie hierher kämen, unsere Blumen im Garten zerstampften, unser Kind davonführten.« Und sie kniete nieder und küßte den kleinen Schläfer.

Doch der junge Vater lachte: »Die Germanen, meinst du? die stehlen keine Kinder! Sie haben mehr davon als sie füttern können. Aber es ist wahr –: die könnten wohl einmal ihren Schildruf anstimmen vor den Thoren von Juvavum.«

»Ja, das können sie bald!« fiel eine ängstliche Stimme ein und der dicke Crispus trat, mächtig schnaufend nach erhitzendem Gang, in den Garten.

»Ave, Pheidias in Gips,« rief ihm Fulvius entgegen. »Willkommen, Oheim,« sprach Felicitas, ihm die Hand reichend. Crispus warf den breitrandigen Filzhut, den er, sein weingerötetes, von Fett glänzendes, sehr gutmütiges Gesicht und seine Stumpfnase gegen die Sonne zu schützen, in die Stirn gerückt hatte, in den Nacken, daß er nun am Lederband herabhing auf seinen breiten Rücken: »Möge Hygiea niemals von dir weichen, mein Töchterchen –: die Grazien verlassen dich ohnehin nie, ihre vierte Schwester. Ja, die Germanen! Ein Reiter kam heute Nacht mit ganz geheimer Meldung für den Tribunus. Aber ein paar Stunden darauf wußten wir es alle, wir Morgengäste des Bades der Amphitrite. Der Reiter ist ein Wascone – kein Wascone schließt den Mund, gießest du ihm Wein hinein. Ein Treffen ist geschlagen an der Furt der Isara: die Unseren sind geflohen, der Wartturm bei Vada ist verbrannt. Die Barbaren sind über den Fluß gefolgt.«

»Bah!« lachte Fulvius, »das ist noch weit weg. Geh, Goldkind, bereite dem Oheim den Kühltrank – du kennst seine Mischung: ja nicht zu viel Wasser! – Und wenn sie kommen – werden sie uns nicht fressen. Es sind grimme Giganten in der Schlacht –: Kinder nach dem Sieg. Habe ich doch Monate als ihr Gefangener unter ihnen gelebt. Ich fürchte nichts von ihnen.« – »Nichts für dich: – aber für dies holde Weib?«

Felicitas hörte diese Frage nicht: sie hatte das Kind aufgenommen und war mit ihm in das Haus gegangen.

Fulvius schüttelte die krausen Locken: »Nein! Sie thun ihr nichts, das ist nicht ihre Art. Freilich: wäre ich gefallen, – man ließe sie wohl nicht lange Witwe bleiben. Aber es giebt Leute, – nicht im Bärenfelle der Barbaren! – die rissen sie gern dem Ehemann aus den Armen.« Und er umfaßte zornig den Hammergriff in seinem Gürtel. »Sie darf nichts davon ahnen, das reine Herz!« fuhr er fort. »Gewiß nicht. Aber du sei auf der Hut. Ich traf den Tribunus neulich in der Geldstube des alten Argentarius.« – »Des Wucherers! des Blutsaugers!«

»Ich konnte ihm – glücklicherweise! – meine kleine Schuld bezahlen – der Sklave meldete mich: ich mußte hinter dem Vorhang warten: da hörte ich eine tiefe Stimme deinen Namen nennen – und Felicitas. Ich trat ein: der Tribun stand vor dem Wechsler. Sie verstummten rasch, da sie mich erkannten. Und jetzt eben, auf dem Weg hierher, – wen treffe ich auf der großen Straße hierher? Leo den Tribun und Zeno, den Argentarius! Der wies mit seinem Stab nach deinem Haus, dessen kleine Göttergestalten von dem Flachdach aus dem Grün ragten. Ich erriet ihr Gespräch – und ihres Weges Ziel. Ungesehen sprang ich von der Heerstraße in den Graben und eilte den kürzeren Weg, den Wiesensteig, ihnen voraus, dich zu warnen. Gieb acht – bald werden sie da sein.«

»Er soll nur kommen, der Geizhals! Mühsam verdient und sorglich gespart liegt der Betrag, den ich ihm schulde für gelieferten Marmor aus Aquileja und für die städtische Steuer. Alle meine anderen Gläubiger habe ich gebeten, zu warten, lieber erhöhten Zins zugesagt und alles Geld zusammengelegt für diesen Würger. Was aber will mir der Tribun? Ich schulde ihm nichts: als für jeden seiner Blicke, mit denen er mein goldrein' Kind verschlingt, einen Messerstich.« – »Hüte dich! Sein Messer ist stärker: es heißt Schwert. Und hinter ihm stehen die wilden Maurusier, die Reiter, und die isaurischen Söldner, die wir mit teurem Geld bezahlen müssen, uns gegen die Barbaren zu schützen.« – »Wer aber schützt uns gegen die Schützer? Der Kaiser? Im fernen Ravenna! Der ist froh, wenn die Germanen nicht zu ihm über die Alpen steigen –: er kümmert sich längst nicht mehr um dies so lange Zeit römisch gewesene Land.« – »Außer, um in unerschwinglichen Steuern unsern letzten Blutstropfen uns abzupressen.« – »Bah! die Staatssteuer! Sie ist viele Jahre nicht mehr erhoben worden. Kein kaiserlicher Beamter wagt sich ja mehr über die Berge. Sitze ich doch hier auf kaiserlicher Scholle: wie mag aber wohl der Mann heißen, der jetzt Kaiser ist und dem dieses Stuck Erde gehört, von dem er nie erfuhr? Alle paar Jahre wird ein anderer Kaiser uns bekannt: – aber nur durch die Münzen.« – »Und diese werden immer schlechter!« – »Nun, noch schlechter können sie kaum werden: das ist ein Trost.« – »Aber die Steuern werden immer unerträglicher, ließ mir ein Vetter sagen aus Mediolanum, wo man noch Büttel und Soldaten hat, sie mit Gewalt zu erheben.« »Uns kann's gleich sein,« lachte der Junge. »Wer weiß, wie viel ich schon schulden mag von diesen paar Joch Landes.« – »Und die Legionenstraßen überwächst das Gras, ja das Buschwerk des Waldes.« – »Und die Truppen erhalten keinen Sold.« – »Aber sie machen sich durch Plünderung der Bürger bezahlt, die sie verteidigen sollten.« – »Und die Wälle von Juvavum zerfallen, die Gräben liegen trocken, die Schleusenwerke verdorben –: die reichen Leute ziehen davon –: nur arme Schlucker, die nicht fort können, wie wir, bleiben.« – »Mich wundert, daß der Argentarius nicht schon lange mit seinem großen Geldsack über die Alpen davon gezogen ist.«

»Ich ginge nicht, Oheim, auch wenn ich könnte. Und weshalb, am Ende, könnte ich nicht? Meine Kunst, mein Handwerk wird noch überall geehrt, solang Römer in Steinhäusern wohnen, nicht in Holzhallen, wie die Germanen. Aber ich bin mit meiner Seele festgewachsen hier an diese Scholle. Viele, viele Geschlechter hindurch haben meine Väter hier gehaust: man sagt, seit der Gründung der Kolonie durch den Imperator Hadrian. Sie haben den Urwald gelichtet, den Sumpf getrocknet, Straßen gebaut, Furten erhöht, Haus und Garten angelegt, Edelfrüchte auf die wilden Apfel- und Birn-Bäume hier gepfropft: das Klima selbst und der Himmel sind milder geworden: ich kenne Italien, ich habe Marmor in Venetien gekauft: aber ich wohne lieber hier, auf meiner Väter altem Erbe.« – »Doch wenn die Barbaren kommen! Willst du auch dann? . . .« –

»Bleiben! Ich habe darüber meine ganz eignen Gedanken. Für uns kleine Leute ist es unter den Barbaren besser als –« – »Sage nicht: als unter dem Imperator. Du bist ein Römer!« Ganz ernsthaft sagte das der Dicke: aber der andere lachte: allzuwenig glich der gute Oheim einem Römerhelden: seine Nachbarn meinten, er forme nach dem eignen Bilde seine Silenusgestalten. »Halbblut! Meine Mutter war eine norische Keltin: Induciomara! Das klingt nicht sehr quiritisch. Und nicht unter dem Imperator stehen wir, sondern unter seinen Henkersknechten von Fiskalbeamten und unter der Mordfaust maurischer und isaurischer Soldknechte: – muß ich Barbaren dienen, ziehe ich die Germanen vor.« – »Sie sind aber Heiden.« – »Zum Teil. Vor hundertfünfzig Jahren waren wir das alle. Mein Großvater hat noch heimlich dem Jupiter geopfert. Und es sind auch Christen darunter.«

»Arianer! Ketzer! schlimmer, sagt die heilige Kirche, als Heiden.« – »Vor wenigen Jahrzehnten waren unsere Kaiser auch Ketzer. Und die Germanen fragen keinen, was er glaubt: wie schwer aber haben unsere Väter leiden müssen, wenn sie nicht just des jeweiligen Imperators Glauben richtig trafen.« – »Du stellst dir's doch zu glimpflich vor, wenn die Barbaren kämen. In so manche Stadt haben sie Feuer geworfen.« – »Ja: aber Stein brennt nicht. Gar bald haben die Römer die verbrannten Balken neu eingefügt in die unzerstörten Mauern. Denn kein Germane setzt sich ja in eine Stadt! Auf dem Lande weiden sie ihre Herden, zu dem Bauer in sein Gehöft legen sie sich. Ein Drittel nehmen sie ihm freilich von Acker und Weide. Aber das Land lebt auf dabei: ist es doch traurig entvölkert, fehlt es doch überall an freien Bauern auf freier Scholle. Für den Herrn, den sie nie gesehen, der in Neapolis oder Byzantium praßt, bearbeiten den Boden – Sklaven. Oder vielmehr – sie bearbeiten ihn nicht. Nur so viel arbeiten sie, daß sie nicht gerade verhungern. Was sie mehr erarbeiten, nimmt ihnen doch der Sklavenmeister fort. Da geht das anders her mit Pflug und Sichel, wenn hundert Germanen in den Pagus rücken, jeder mit ungezählten weißköpfigen Kindern. – Denn so viele Kinder als dieses Volk hat, habe ich nie herumrutschen und springen geglaubt auf dem ganzen Erdkreis! – Und in wenigen Jahren baut sich jeder der heranwachsenden Söhne sein eignes Holzgehöft in dem gerodeten Wald, dem getrockneten Sumpf. Wie die Ameisen wimmeln sie über die Furchen! Und bald werfen sie ihre alten Holzpflugscharen fort und bilden dem Colonen die eiserne Schar nach. Und das Land trägt in wenigen Jahren so unvergleichlich mehr als zuvor, daß es Sieger und Besiegte reichlich nährt.«

»Ja, ja,« nickte Crispus, »das haben wir erlebt in dem Grenzland, wo sie sich seßhaft gemacht. Sind der Söhne zu viele herangewachsen, so werfen sie das Los und der dritte Teil, der die Wanderung erlost, zieht weiter, wohin Falke oder Wolf sie weist. Aber nie zurück, nie nach Norden!« – seufzte Crispus, »so rücken sie uns immer näher.« – »Aber sie lassen uns unser Recht, unsere Sprache, unseren Gott, unsere Basiliken: und viel, viel weniger verlangen sie an Zins als der Sklavenmeister des Herrn oder der Steuererheber des Kaisers.« – »Gut, daß dich Severus nicht hört, der alte armaturarum magister in Juvavum. Der würde dich –!« – »Ja, der meint, es seien noch die alten Zeiten und es lebten noch die alten Römer, wie etwa zu den Tagen des Germanenbändigers, des Kaisers Probus, zu dessen Geschlecht er sich zählt. Aber bei den Heiligen und den Halaunen! Er irrt sich. Warum sollte ich mich für den Imperator ereifern? Er, dieser Imperator, ereifert sich wahrlich nicht für mich: fern, im festen Ravenna, sitzt er und ersinnt neue Steuern und neue Strafen für die, welche keine Steuern zahlen, weil sie nichts haben.« – »Der alte Severus übt lange schon Freiwillige ein, sie gegen die Barbaren zu führen, falls solche bis hierher schweifen. Ich bin darunter seit ein paar Tagen. Mühsam trag' ich Schild und Speer bei dieser Hitze. Dich, so viel jünger, kräftiger, habe ich nie gesehen auf unserm ›campus Martius‹, wie er's nennt.« Fulvius lachte: »Ich hab's nicht nötig, Oheim. Ich habe mit den Waffen umgehn gelernt als Gefangener der Germanen lange genug. Und gilt es, die Stadt und den eignen Herd zu schirmen, ich werde nicht fehlen – der Ehre halber! Nicht in der Meinung, viel auszurichten. Denn glaube mir: wenn sie ernstlich wollen, das heißt, wenn sie müssen, weil sie unsere Äcker brauchen, die Germanen, – dann hält sie Severus nicht ab mit seinen altmodischen Feldherrnkünsten und seinen neumodischen ›Legionarien des juvavischen Kapitols,‹ unter dem von ihm geschenkten goldnen Adler. Aber der Tribunus auch nicht mit seinen Reitern aus Afrika und seinen Söldnern aus Isauria. Doch siehe, da winkt der alte Philemon, der Sklave: in dem kleinen Portikus sehe ich den Mischkrug auf dem Schemel blinken: der Tisch ist bestellt. Nun trink von unserem herben Räterwein: schon Augustus wußte ihn zu schätzen: und er steht bereits ein Jahr im Keller, seit ihn von Teriolis her das Saumtier gebracht. Laß uns Felicitas anschauen und das Kind an ihrer Brust und vergessen Kaiser und Barbaren.«

 


 

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