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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid5eb9df3f
created20070518
modified20160412
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Achtzehntes Kapitel.

Über dem schweigenden Garten aber lag der ganze Zauber der warmen, der herrlichen Sommernacht. Die zahllosen Sterne leuchteten prachtvoll am wolkenlosen Himmel. Und nun stieg auch von Osten her, über den Wall von Juvavum, der ihn bisher verdeckt hatte, glanzausgießend der Vollmond herauf, das weiße Haus, die dunkeln Büsche, die hohen Bäume in seinem so hellen, und doch vom Tageslicht so ganz verschiedenen phantastischen Lichte zeigend. Zahllose nachtliebende Blumen in den Gärten der Villen, in den Wiesen draußen öffneten jetzt die bei Tage geschlossenen Kelche und hauchten ihren Duft in die weiche Luft: – der junge Germane durchmaß mit aufgeregten Schritten den Garten. In den Rosen des Nachbargartens sang die Nachtigall: so laut, so schmetternd, so heiß, so leidenschaftlich: Liuthari hätte lieber es nicht gehört! Und doch mußte er dem liebebrünstigen Ton immer wieder lauschen. Der Nachtwind spielte in seinem langwallenden Gelock. Denn er hatte wie die Brünne, so den Helm in dem Saale gelassen, nur den Speer, als Stab ihn zu brauchen, mitgenommen und den runden Schild, den Kopf darauf zu legen, wann er etwa doch ruhen wollte.

Aber er fand keine Ruhe. Er ging weit von dem Hause, das ihn so mächtig anzog, mit festem Entschluß hinweg, auf den Eingang zu, wo noch die Steinplatten durcheinandergeworfen umherlagen. Der alte Sklave hatte, da die Quadern des Vorrats nicht ausgereicht, den Eingang zu füllen, mit dem Pickel noch ein paar Steinplatten an der Schwelle, darunter auch die, welche den Spruch trug, aufgerissen und aufgerichtet. Auf diese übereinander geworfenen Platten setzte sich nun Liuthari, hart hinter dem Eingang, und blickte, traumversunken, in die Sterne, in das sanft quellende Licht des Mondes.

Er zwang sich, an seine Eltern daheim, an den heutigen Tag und seinen Sieg, an die Tochter Agilolfs zu denken, mit dem schönlautenden Namen: – wie sie wohl aussehen mochte? – Ach, es half nichts: er betrog sich nur selbst: durch alle Bilder seiner Gedanken drang, sie zurückschiebend, daß sie wie Nebel zerflossen, jenes edle marmorbleiche Antlitz, – das rhythmische Ebenmaß dieser Gestalt. »Felicitas!« hauchte er leise vor sich hin. Lange, lange saß er so.

Da verstummte plötzlich, verstört, die Nachtigall.

Scharf ward Liuthari aufgeweckt aus seinem Sinnen und Träumen: in rasender Eile sprengten – laut schollen die eisernen Hufe auf dem harten Pflaster der Legionenstraße – von Juvavum her mehrere Rosse heran: deutlich unterschied des geübten Reiters Ohr zwei, vielleicht drei Pferde. Der Jüngling sprang auf und ergriff den neben ihm ruhenden Speer. »Das sind nicht alamannische Reiter,« sagte er sich. »Was sonst können es sein? Flüchtige Römer? Oder gar – ihr Gatte?«

Er trat hinter den Eingangspfeiler zur Rechten, der seine Gestalt, auch seinen Schatten, verbarg, während ihm das Mondlicht die Straße und den Fußpfad, der von ihr herab zu der Villa führte, taghell darwies. Der Hufschlag verstummte nun. Deutlich sah der Späher, wie an der Absenkung des Fußpfades drei Reiter von den Rossen sprangen und dieselben an einem steinernen Meilenzeiger anbanden.

Der eine, der größte, trug einen Römerhelm mit wehendem dunklen Roßschweif, die beiden andern die Schuppenhauben der maurischen Reiter: ihre weißen Mäntel flogen im Nachtwind.

»Schwerlich ist das ihr Gatte. Und das sind nicht Sklaven dieser Villa. Und doch dringen sie hierher. Was mögen sie suchen? Soll ich Haduwalt rufen? Bah, König Liutberts Sohn hat schon öfter drei Feinde zugleich bestanden.« In diesem Augenblick hatte der Behelmte den Eingang erreicht. »Wartet hier,« gebot er, den kurzen Wurfspeer hebend, »ich hole das Weib allein: brauch' ich euch, so ruf' ich. Aber ich denke . . . –« »Halt, steh', Römer!« rief Liuthari, mit gefälltem Speer, nun in den Bereich des Mondlichts, mitten in die Thüre vorspringend. »Was sucht ihr hier?«

»Ein Germane! Nieder mit ihm,« riefen drei Stimmen zugleich. Aber im selben Augenblick taumelte der Führer zwei Schritte zurück. Liuthari hatte ihm den Speer mit aller Kraft gegen den Brustharnisch gestoßen. Hätte die Panzerfabrik zu Lorch nicht so vortreffliche Arbeit geliefert, – die Spitze wäre dem Manne durch und durch gedrungen. So aber prallte sie ab und – brach. Zornig ließ der Germane den nun wertlosen Schaft fallen. »Beim Tartarus, das war ein mörderischer Stoß,« sprach der Getroffene grimmig. »Hier braucht's Vorsicht. – Hebt die Speere! Wir werfen zugleich.«

Die drei Lanzen flogen auf einmal: alle drei fing der Alamanne mit dem Schild auf: eine, mit besonderer Wucht und Wut geschleudert, durchdrang das Gefüge der dreifachen Auerstierhäute und das Eschenholz des Schildes und ritzte den Arm nahe der Schulter. Die leichte Wunde spürte der Kraftvolle kaum: aber er konnte den Schild, von drei Speerschäften beschwert, nun nicht mehr behend gebrauchen.

»Haduwalt!« rief er jetzt mit lauter Stimme, »Waffenâ! Feindiô! zu Hilfe!« Gleichzeitig packte er eine der drei Lanzen in seinem Schilde, riß sie heraus und warf: – der Maure zur Rechten des Tribuns schrie auf und fiel tot zu Boden. »Ich werfe ihn nieder: du, Herr, stichst ihn ab!« rief da der Zweite: – es war Himilco, der Centurio. Er sprang nun mit dem Satz des Panthers seiner heimatlichen Wüste dem Alamannen an die Gurgel. Jedoch dieser hatte blitzschnell das kurze Messer aus seinem Wehrgehäng gerissen: er stieß es dem Angreifer zwischen den Augen in die Stirn: die braunen, sehnigen Arme, welche die beiden Schultern Liutharis gepackt hatten wie mit Krallen des Raubtieres, lösten sich: lautlos stürzte der Afrikaner auf das Hinterhaupt. Aber Liuthari blieb nicht einmal Zeit, die tief eingedrungene Dolchklinge wieder herauszuziehen. »Haduwalt! zu Hilfe!« rief er laut. Denn schon hatte der dritte Feind, ein höchst gefährlicher Gegner, sich auf ihn geworfen. Mit gewaltigem Schwertstreich spaltete er Liutharis Schild, daß derselbe, in zwei Hälften geborsten, links und rechts samt den darin haftenden Speeren ihm vom Arme fiel. Zugleich aber hatte der Römer den scharfen Eisenstachel auf dem Nabel seines gewölbten Schildes tief in den nackten rechten Arm des Königssohns gestochen: hochauf spritzte sein Blut. Er prallte, von der Wucht dieses Stoßes schwer getroffen, mehrere Schritte zurück, nahezu stolpernd über die Steinplatten zwischen seinen Beinen. Der grimmige, ganz in ehernen Schutz- und Trutzwaffen starrende Feind trat sieghaft mitten in den Eingang, mit dem Fuß die beiden Schildhälften nach außen schleudernd, auf daß sein Gegner die darin haftenden Speere nicht herausziehen könne.

Mit scharfem Blick maß der Römer seinen Gegner, der nun seine letzte Waffe, die kurzstielige Streitaxt, aus dem Gürtel gezogen hatte und drohend damit ausholte: furchtbar mußte wohl der viel höher gewachsene Germane dem Eindringling unerachtet der überlegenen Waffen erscheinen. »Wofür zerfleischen wir uns, Barbar? Weshalb verteidigst du so todesgrimmig dieses Haus? Ich will dir's nicht bestreiten! Ich laß es dir, sobald ich ein einzig Gut daraus geholt.« – »Was für ein Gut? Ein dir gehöriges? Du bist der Herr des Hauses nicht.« – »Ich lasse dir ja das Haus. Ich hole nur – ein Weib.« – »Dein Weib? Felicitas? Nein! Die ist nicht dein.« Wütend schrie der andere: »Wie? Du bist ja schon ganz vertraut hier im Hause! Aber auch nicht dein Weib ist Felicitas. Und soll's nicht werden. Mein wird Felicitas.« »Niemals!« rief Liuthari, sprang vor und schmetterte seine steinerne Streitaxt auf den prachtvollen ehernen Helm, daß er, wo der Helmbusch angefügt war, zerbarst, und in Stücken vom Haupte seines Trägers fiel. Aber ach! Unversehrt war dieses Haupt geblieben, während die Streitaxt, mit höchster Kraft in die Erzwölbung geschlagen, am Schaft abbrach. Einen Augenblick stand der Getroffene wie betäubt von dem Gedröhn dieses Streiches. Aber sogleich ersah er, wie sein Gegner, nun völlig wehr- und waffenlos und doch das Antlitz nicht zur Flucht wendend, vor ihm stand. Mit einem wildgellenden, tigerhaften Aufschrei, in welchem Mordlust und Rachefreude schrill zusammenklangen, ließ er den Schild gleiten, holte mit dem kurzen breiten Römerschwert zum Stoß aus und sprang mit dem Ruf: »Mein ist Felicitas!« auf den Germanen. Aber bei jenem ersten Aufschrei hatte Liuthari rasch, mit beiden Händen vorgebeugt, die Ferse des zurückgenommenen linken Fußes leicht erhebend, eine der vor ihm liegenden Marmorquadern ergriffen: und nun warf er sie, über seinem Haupte einmal hoch sie schwingend, mit dem Rufe »Felicitas!« mit beiden nervigen Fäusten, wohl gezielt, dem Heranspringenden gegen die helmlose Stirn. Dumpf stöhnend, klirrend in seinen Waffen, stürzte der Angreifer auf den Rücken: das Schwert entfiel seiner Hand.

Schon kniete Liuthari auf seiner Brust, faßte die entsunkene Klinge und zückte sie, ihm die Kehle zu durchstoßen. Aber der Gefallene atmete nicht mehr: er war tot. –

Liuthari erhob sich, warf das Schwert von sich und sah stolz auf die drei erschlagenen Feinde: »Für Felicitas!« sprach er. »Jetzt – zu ihr: ich glaub', – ich hab's verdient.« –

Er kniete an dem neben ihm rinnenden Brünnlein nieder, wusch die schmerzende, stark blutende Wunde des rechten Arms, riß von dem Linnenmantel des toten Centurio einen breiten Streifen ab, band ihn fest über die Wunde und schritt leisen, elastischen Ganges den langen Weg durch den Garten zurück nach dem Hause.

 


 

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