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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
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Fünfzehntes Kapitel.

Weit hinter dem Rücken der verborgnen Flüchtlinge, in der Südostseite der Stadt, tobte indessen der Lärm und Streit fort.

Hier hatten sich die wildesten der empörten Sklaven, – viele warfen nun, nachdem sie an ihren Herren die Rache gestillt, die Waffen weg – von den Bajuvaren von weiterem Brennen, Morden und Rauben abgehalten und, sofern sie sich widersetzten, mit Gewalt von Straße zu Straße getrieben, zusammengedrängt zu letztem Widerstand. Hier lagen die großen kaiserlichen Magazine für den Nachen- und Floß-Bau der Fahrt, zumal des Salzhandels, auf dem Ivarus: ungeheure Vorräte von wohl getrocknetem Holz, von Segeltuch, von Pech und Teer: diese Lieblinge des Feuergottes wollten die Wütenden in Flammen setzen: sie hofften in ihrer blinden Zerstörungswut, von da aus werde bald Brand unhemmbar über die ganze Stadt seine roten und schwarzen Fittiche spreiten. Die Magazine waren aber auf den Flachdächern mir Schieferplatten gedeckt, von hohen Steinmauern geschützt, die starken Eichenthore gesperrt: die wenigen Wachen ringsum waren zwar längst entflohen: aber auch unverteidigt leisteten Stein und eisenbeschlagen Holz eine Zeitlang den Tobenden Widerstand. Doch nun kam Këix, der Führer der Schar, von der nächsten Brandstätte her, dem Bad der Amphitrite, angestürmt, in jeder Faust schwingend eine blau- und eine grünbrennende Pechfackel, wie sie bei Illuminationen des großen Weihers in diesen Prunkgärten aufgesteckt wurden: »Hei!« schrie er. »Nun gebt acht! Das wird heute das reichste Feuerwerk! Die Saturnalien haben zwar die Christenkaiser verboten, aber wir führen sie wieder ein. Doch diesmal dem Vulkan zu Ehren – und dem Chaos!« Und er stemmte beide Fackeln an die Eichenplatten des Hauptthores, die sofort zu schwelen begannen.

Allein nun hatten auch die verfolgenden Bajuvaren diesen Platz erreicht. Die über mannshohen Verrammelungen in den einmündenden Straßen hatten sie nach kurzem wilden Kampf mit den Verteidigern niedergerissen: und jetzt stürmten sie im geschlossenen Keil heran, an der Spitze Garibrand der Herzog. »Haben wir euch, Mordbrenner? Nieder die Waffen! Augenblicklich löscht jenes Thor. Oder, beim Speere Wodans, kein Mann unter euch bleibt lebendig.« Statt aller Antwort hob Kottys die schwere Eisenstange, den langen Riegel, den er von seinem eignen Sklavenzwinger abgerissen hatte, und schrie: »Meinst du, wir wollen nur unsere Herren tauschen? Frei wollen wir sein! Und selber Herren! Und alles soll vernichtet werden auf dem ganzen Erdball, was an die Zeit unserer Knechtschaft gemahnt. Kommt heran, ihr Barbaren, gelüstet's euch, mit Verzweifelten zu kämpfen.«

Und nun drohte ein grimmig Wüten loszubrechen.

Da rief eine laute, machtvolle Stimme: »Haltet ein. Friede sei mit euch allen!« Zwischen die Streitenden trat des Johannes ehrwürdige Gestalt: hinter ihm erschienen seine geistlichen Genossen: sie führten, von Bürgern Juvavums unterstützt, auf Tragbahren und in Sänften verwundete Sklaven, Mauren, Isaurier, auch einige Germanen mit sich. »Gebt uns die Straße frei! – Laßt uns diese Verwundeten – sie gehören euch allen an, die ihr hier streitet – in meine Kirche führen.« Dieses Wort, der Anblick schon wirkte beschwichtigend, versöhnend: – die Bajuvaren senkten auf ihres Herzogs Wink die erhobenen Waffen: auch die meisten der Sklaven.

Furchtlos schritt Johannes in deren dichtesten Haufen hinein: ehrerbietig wichen alle zurück: die Weiber, – denn auch gar manche Sklavin war unter der Rotte, – knieten nieder und küßten den Saum seines Gewandes. So schritt er gerade auf das Thor zu, das eben Feuer zu fangen begonnen hatte: Nur Kottys wollte ihm wehren: »Zurück, Priester!« schrie er und schwang die Stange: und da Johannes ruhig vorwärts schritt, traf ihn das Eisen schwer auf die Schulter: er sank: sein Blut floß auf die Erde. – »Wehe dir, Bruder!« rief Këix, »du hast den einzigen Beschirmer der Armen und Elenden, unseres Vaters besten Freund hast du ermordet!« Und der Wilde kniete neben den Priester, ihn mit beiden Armen umfangend. Er mußte dabei den ehernen Dreizack, seine furchtbare Waffe, die er soeben einem Neptunus auf dem Brunnen aus der Faust gerissen hatte, von sich werfen. Diesem Beispiel folgten fast alle seine Genossen: Auch Kottys warf die Stange zu Boden und bat: »Verzeih' mir, Vater Johannes!« Dieser aber erhob sich: »Du hast bereut – so hat dir Gott vergeben! Wer bin ich Sünder, daß ich zu vergeben hätte?«

Er schritt nun ungehindert auf das Thor zu, stieß die Fackeln um, hob einen der weggeworfenen breiten Schilde auf, preßte ihn mit der Rechten auf die noch kleine Flamme in dem Thor, erhob beschwörend die Linke gegen den Himmel und sprach: »Kreatur des Feuers! Auch du dienst Gott dem Herrn! Ich befehle dir: – ich beschwöre dich, höllischer Dämon der Flamme: – weiche von hier in die Hölle.«

Da war das Feuer erloschen. –

Johannes ließ den Schild sinken und kehrte sich wieder der Menge zu: die fromme Verklärung tiefster Überzeugung leuchtete aus seinem Antlitz. »Ein Wunder! Ein Mirakel des Herrn durch die Hand des frommen Johannes!« So scholl es aus der ganzen Sklavenschar: auch die Trotzigsten warfen nun die Waffen weg und sanken, sich bekreuzend, auf die Knie: auch unter den Bajuvaren bekreuzte sich mancher und bog das Knie: Këix und Kottys aber hoben wie anbetend die Hände zu Johannes empor.

Da schritt Garibrand der Herzog auf den Presbyter zu und sprach langsam: »Das hast du gut gemacht, Weißkopf. Hier, meine Hand. – Aber sprich,« fuhr er fort und ein schlaues Lächeln zuckte um seine Lippen: – »wenn du dem Zauber deiner Runenworte, die du in das Feuer rauntest, voll vertrautest, – weshalb noch den Schild daneben brauchen?« Hoch richtete sich der so Gefragte auf und sprach: »Weil wir Gott nicht versuchen sollen. Wollte aber der Herr das Feuer löschen, brauchte er nicht meines Armes noch des Schildes.«

»Das war wohl noch nie,« sprach der Herzog, bedächtig kopfnickend, »seit ihr Christenpriester Runen ritzet, daß einer von euch auf irgend eine Frage verstummte. – Ihr habt und besonders du hast Gewalt über die Seelen, – mehr als mein Schwert über die Besiegten: brauche sie immer wie diesmal. Ich kenne es wohl, wie mächtig ihr seid, ihr Männer des Kreuzes. An dem Danubius waltet Einer – Severinus heißt er –: der ist gewaltiger mit seinem Wort als Rom und die Barbaren. Wir wollen gute Freundschaft halten. Ich scheue dich! – Aber das eine höre: ich werde euch zu Christus beten lassen, wie ihr wollt: hüte auch du dich, den Meinen zu wehren, zu opfern wie sie wollen. – Nein, nein, Alter – schüttle nicht das Haupt. Ich dulde keine Widerrede!« Und er hob drohend den Finger. Aber unerschrocken sprach Johannes: »Wenn der Herr die Verirrten zu sich rufen will durch meinen Mund, – wird Furcht vor dir ihn mir nicht schließen. Deine Herzogin ist schon dem Herrn gewonnen – wahrlich, ich sage dir: du und dein Volk – ihr werdet ihm nicht entrinnen. –

Ihr aber, erhebt euch« – so wandte er sich zu den Sklaven. – »Ich werde für euch bitten bei den Siegern, die nun die Herrscher dieses Landes sind. Ich werde sie lehren, daß auch ihr, nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, ihre Brüder seid und auch eure unsterblichen Seelen erlöst sind durch Christi Opfertod. Ich werde sie lehren, daß, wer seine Sklaven frei läßt, sich in des Himmelvaters Herzen den wärmsten Platz gewinnt.«

»Wer aber auszuharren hat in der Knechtschaft,« fiel der Herzog ein, »der wisse, daß wir Germanen hochherzige Herren sind: wir belasten und strafen den Knecht nicht nach Willkür oder Laune des Herrn: nein, wie über unsere Freien das Gericht der Freien, so richtet über unsere Unfreien der Spruch ihrer eigenen Genossen: im Hofgericht nach Hofrecht. Ihr steht fortab unter dem Schutz der stärksten Rechtsburg: des Rechts und des Gerichts eurer eigenen Genossen! So seid getrost: ihr dienet edeln Herren!«

 


 

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