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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
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Vierzehntes Kapitel.

Wir schließen uns lieber den zechenden Germanen oberhalb, als dem in ohnmächtiger Wut Zürnenden unterhalb des Marmorbodens an.

»Willkommen, ihr tapfren Bajuvaren, im Sieg!« – »Den wir euch danken, ihr klugen Alamannen.« »Nicht wahr, wir haben sie gut herausgelockt?« meinte sein Waffengenoß. »Zuerst haben wir, das heißt Liuthari, unsres ruhmvollen Königs ruhmvoller Sohn und zwei seiner Gefolgen, einen Posten von fünf maurischen Reitern beschlichen, die der Tribun des Kapitols auf Spähe gegen uns ausgeschickt. Aber wir kennen doch die Wälder besser noch als jene braunen Afrikaner. Vier waren tot oder gefangen, ehe sie sich's versehen hatten. Einer entwischte – leider! Aber es scheint: er hat nicht mehr viel erzählen können. Dann glitt ein Häuflein von uns lautlos durch den Fluß – ein Alamannenroß muß schwimmen wie ein Schwan – und sprengte euch Bajuvaren entgegen, in die Ostberge hinein, auf daß zu rechter Zeit der Ruf des Reihers und des Adlers Schrei sich kreuze.« »Und diesmal seid ihr auch, ihr Schwerhinschreitenden, gegen eure Art und Gepflogenheit, wirklich zu rechter Zeit dagewesen,« neckte Suomar, ein andrer Alamanne. Grimmig fuhr der Bajuvare mit der Hand an die Streitaxt im Gürtel: »Was will das sagen, du suavischer Dickkopf? Ich meine, wir sind fast stets noch früh genug gekommen, euch zu hauen –: euch, so gut wie alle andern, wenn sie nur lang genug darauf warteten! Oft schon waren euch Gedankenbehenden und Wortgeschwinden, wann ihr vor uns, den Wortlangsamen, flohet, Gedanken und Beine zur Flucht nicht flink genug!«

Der so Angefahrene wollte zornig erwidern, aber begütigend fiel der erste Alamanne, Vestralp, ein: »Laßt's gut sein, beide, du, mein Suomar, und du, starker Markomanne! Sind sie einmal da, die Bajuvaren, so schlagen sie so herrlich drein, daß sie die Stunde wett machen, um die sie sich etwa verspäten.« »Das haben sie oft gezeigt!« rief Rando, ein dritter Alamanne. »Zuletzt wieder,« fuhr Suomar fort, »jetzt gerade: auf dem Marktplatz und auf dem Steilweg zu der Hochburg – an den Reitern des Tribuns.«

»Horch! was war das?«

»Ja! Drang da nicht ein Stöhnen aus der Erde?« – »Dort! links neben dem Altar.«

»Seht nach! Hinter dem Altar? Etwa ein Verwundeter?« Ein paar Krieger eilten an den verdächtigen Ort und sahen hinter den Altar: sie fanden nichts

»Aber was liegt da vorn auf den Stufen?« – »Ein Toter.« – »Ein Römer.« – »Ein Priester, wie es scheint.« »Das haben wohl die Sklaven gethan, die empörten, die sich uns anschlossen,« sprach Helmbert, ein bejahrter Gefolgsführer der Bajuvaren, »als wir über die Mauern gestiegen waren. Sie sind jetzt die Wegweiser zur reichsten Beute.« »Schafft die Leiche fort! Auf den Steinstufen da ist am besten sitzen und trinken,« meinte Helmdag, sein Sohn. »Wag' es, du Frevler! Das ist der Tisch des höchsten Himmelsherrn,« drohte Rando. »Nicht wahr ist's,« schrie Helmdag dagegen, »du bist wohl ein Katholischer, ein Gottverdammter? Das hier ist ja eine Ketzerkirche der Römischen, ärger als jeder Greuel. So lehrte mich mein gotischer Taufpate, der Bischof zu Novi.« »Du stinkender Arianer!« erwiderte Rando. »Du Christleugnender Teufelssohn, dich will ich schon lehren, dem Herrn Christus gleiche Ehre geben wie seinem Alten: dir füll' ich den Mund mit meiner Faust. Und mit deinen eigenen Zähnen – als Zuspeis!« »Bei uns tritt der Sohn allemal hinter den Vater zurück,« grollte Helmdag. »Haltet Fried' alle beide,« mahnte Vestralp, »füllt euch beide den Mund, aber mit Römerwein! Her mit dem Schlauch! Crispus, Römerheld! Nicht erst aufschnüren! Ein Hieb mit dem Schwert. So! das spritzt wie rotes Blut aus Wunden! Nun Helme herbei und hohle Schilde, bis sich der edle Römer aus Bockshaut verblutet hat. – Und was den Streit angeht um jene paar Steinstufen dort: – so glaubt mir, ein rechter Mann ehrt alles, was einem andern heilig ist: drum wollen wir alle, ihr Brüder, von jenen Stufen weichen.« »Aber das Gold und Silber an den Wänden, an den Säulen und Steintruhen?« sprach Helmdag, der Arianer.

»Soll das vielleicht den plündernden Sklaven verbleiben?« meinte Rando, der Katholik. »Nein,« rief der aufgeklärte Heide, der vorhin schon zum Frieden gesprochen hatte: es war Vestralp, des helmumflatterten Crispus Bezwinger, »das wäre schade! Das teilen wir unter uns alle: für Gott Zius, für des römischen Bischofs und für des Arius Verehrer.« Und sie machten sich sofort ans Werk: die eherne Sturmhaube oder das Leder der Wildschurkapuze voll roten Weines in der Linken, die Streitaxt in der Rechten brachen sie, während der Arbeit herzhaft trinkend, was irgend von Metallschmuck oder Edelsteinen oder von den sehr häufigen Halbedelsteinen wertvoll war oder auch nur das Auge durch bunte Farbe blendete, aus den Sarkophagen, gestifteten Weiheschreinen und aus den Säulen selbst heraus.

Einer heiligen Anna hob Garizo, ein junger, schlank aufgeschossener Bajuvare, mit zierlicher Verneigung ihr Halsband von schwerem Gold und von Saphiren über den Kopf herab: – »Mit Verlaub, heilige Göttin oder Idise oder was du sonst sein magst. Aber du bist arg häßlich und von totem Stein: gelb ist, was man von deinem Busen sieht: meine Braut Albrun aber ist lebendig und jung und wundersam schön: und gar lieblich werden auf ihrer weißen Brust die blauen Steine strahlen.« »Ja: aber wo habt ihr sie denn, eure Weiber und Kinder und sonstig unwehrhaft Volk?« fragte Vestralp den beflissenen Bräutigam. »Die kommen meist erst morgen: die Ostberge herab,« gab Garizo Bescheid. »Denn das haben wir nun endlich doch auch ausgefunden, – ›schwerhinschreitend‹, wie wir sind, wie dein wortgeschwinder Stammgenosse vorhin meinte – das haben wir nun doch gelernt, daß wir die Männer allein voraus in den Kampf schicken und die Unwehrhaften erst nachkommen lassen, wann Sieg und Land gewonnen.« »Es muß doch was dran sein,« lachte Vestralp, »an dem ›Schwerhinschreiten‹, weil es euch gar so wurmt. Wenn einer euch feig nennte, – ihr lachtet bloß und schlügt ihn nieder. Ihr seid seltsame Leute! Kein anderer Stamm so geruhig, und so furchtbar zugleich im Zorn.« »Das will ich dir sagen, Suave,« sprach bedachtsam Helmbert, der Weißbart. »Wir sind wie die Berge: die stehen ruhig, wieviel an ihnen herumkraucht. Wird's ihnen aber endlich zu arg, so werfen sie um sich mit Fels und mit Feuer.« »Jedoch diesmal habt ihr gezeigt, daß ihr auch recht verschlagen schlau sein könnt,« rief Suomar! »Mit welch listiger Sorgfalt haben sie verhütet, daß die Feinde Wind bekommen konnten von ihrem Heranzug! So scharf haben sie alle Straßen und selbst die Saumpfade und die Gangsteige der Gemsenjäger bewacht, daß keinerlei Kunde vom Aufgang her nach Juvavum gelangen mochte.« »Um aber die Römer nicht durch das Ausbleiben jeder Nachricht argwöhnisch zu machen,« ergänzte Helmbert, »haben wir unsere eigenen römischen Colonen als Bauern und Handwerker, als wären es Leute von Ovilava und Laureacum, nach der Stadt geschickt, dort zu verkaufen und einzukaufen.« »Und wenn diese alles aufdeckten?« frug Suomar. »Traf ihre zurückbehaltenen Gesippen der Tod. Das war ihnen deutlich genug gesagt. Aber die kleinen Leute halten ohnehin lieber zu uns als zu ihren römischen Peinigern.« »Auch die Bürger der Stadt gaben ihren Widerstand bald auf –: sie finden sich in die neue Herrschaft, da sie sehen, wir fressen sie nicht,« lachte Helmdag. »Ja: tapfer und erbittert haben sich nur die Reiter und die Fußkämpfer des Tribuns geschlagen,« sprach Rando. »Erzählt doch,« mahnte Vestralp: »wir, die wir jenseit des Flusses fochten, wissen noch immer nicht genau, wie es innerhalb der Wälle herging, wie die Hochburg so rasch fiel.«

»Das ging seltsam, bei dem Schwerte Zius,« hob Rando wieder an. – »Dort, auf dem großen Platz, wo der Christenheilige steht mit Löwenfell und Keule . . . –« – »Das ist der rechte Heilige! Das ist ja ein Heidengott!« – »Nein, ein halber Gott.« »Mir gleich,« fuhr Rando fort. »Geholfen hat er den Römern nicht, ob Heiliger, Gott oder Halbgott. Aber überrascht sahen wir drein auf jenem Marktplatz. Nachdem wir, etwa zwanzig Alamannen, mit den herbeigerufenen Bajuvaren – wie die Eichkatzen können sie klettern, diese Bergjäger von Bajuhemum! – über die Mauern geklommen waren, meinten wir, nun sei alles zu Ende. Aber als wir auf den offenen Markt kamen, sprengten mit schmetterndem Tubaschall des Tribuns Reiter geschlossen auf uns ein –: er selbst war nicht zu sehen: er sollte krank liegen auf der Hochburg: aber auch da hat man ihn nicht gefangen. – Wir waren anfangs gar wenige und nur mit Mühe hielten wir Stand. Allmählich drängten wir sie doch zurück: Schritt für Schritt mußten sie aufwärts nach dem Kapitol. Allein dort kamen ihnen des Tribunen Isaurier zu Fuß zu Hilfe: und es galt nun erst recht ein grimmiges Ringen Mann an Mann. Da hab' ich sie wieder einmal kämpfen sehen in ihrer Wodanswut, die Bajuvaren.«

»Sag' du: Löwenmut!« fiel stolz Helmdag ein, der Bajuvare, »denn wir tragen den Löwen in der Heerfahne und Löwenmut im Herzen.«

»Wie kommt ihr zu dem Südlandtier? Der Bär, meine ich, steht euch näher und – ähnlicher.«

»Das meinst du halt, du scherzwitziger Suave,« so kam der alte Helmbert seinem Sohn zu Hilfe, »weil ihr zwar viel mehr wißt, als wir Behäbigen: aber doch nicht alles. Wohl dreihundert Jahre sind's. Da hatte man noch der Alamannen Namen nie gehört. Unsere Ahnen aber, die Markomannen, hatten sich schon lange mit den Römerhelden grimmig gestritten. Und damals wiegte sich noch der Sieg auf den Flügeln der goldenen Adler. Da war am Tiberstrom in dem goldnen Hause Neros ein großer, weiser, zauberkundiger Kaiser. Der hatte durch seine Zauberkunst gefunden: wenn er zwei Löwen über den Danubius schwimmen lasse, werde in der bevorstehenden Schlacht das tapferste Volk der Erde siegen. Aber unsere Väter, die Markomannen, sprachen: ›Was sind das für gelbe Hunde?‹ schlugen die Löwen mit Knitteln tot, und erschlugen darauf das Heer des Kaisers und seinen Feldherrn: zwanzigtausend Römer lagen da tot auf ihren Schilden. Nun wußte also der kluge Kaiser in Rom, welch Volk das tapferste auf Erden ist. – Wir aber führen seitdem zwei Löwen in der Heerfahne. So singen und sagen unsere Sänger. Nun rede weiter, Suave.«

»Das will ich: zu eurem Ruhme! Wie die Katzen – oder wenn du, Helmdag, es lieber hörst, wie die Löwen – sprangen die Bajuvaren den maurischen Rossen an den Hals und ließen sich eher schleifen, als daß sie losgelassen hätten. ›Gieb auch Loge, was ihm gebührt‹, sagt ein Sprichwort, das ich einst bei den Angelsachsen vernommen: verzweifelt fochten Mauren und Isaurier, Mann für Mann den engen Steilweg deckend, der nur für zwei Rosse Raum bot. Endlich kam der Herzog von draußen uns zu Hilfe: er führte frische Mannschaft zu und nun sprengten wir, mit gefällten Speeren, in plötzlichem Anlauf zwischen die Pferde eindringend, den ganzen Knäuel auseinander. Furchtbar wütete jetzt im Nahkampf das kurze Messer der Bajuvaren: sie unterliefen die langen Lanzen der Isaurier, sprangen zu den maurischen Reitern auf den Sattel, stießen den ganz Gepanzerten, sonst Unverwundbaren, ihre Dolchklingen in Gesicht und Gurgel: zu beiden Seiten, nach rechts und nach links, stürzten die Feinde, Roß und Mann, über die niedere Brüstung der Römermauer hinunter, auf das Felsgezack, in den Abgrund. Gleichwohl hätte der Kampf um die Burg selbst noch lange währen mögen, ja gewiß hätte nur der Hunger jene Felsmauern bezwungen, wären die Reste der Feinde, die nun endlich flohen, noch in das Thor gelangt. Aber sie gelangten nicht mehr hinein! Eine hohe That geschah durch eines bajuvarischen Knaben Hand. Ich sah es deutlich: denn ich hatte, von den Bajuvaren überholt, zuletzt nicht mehr selbst kämpfend, nur das Thor der Burg, hoch über mir deutlich wahrnehmbar, im Auge. Da sah ich, wie von zwei Isauriern, die dort Wache standen, der eine den Seinigen entgegenlief: offenbar bedeuteten seine Bewegungen, die Hintersten, dem Thore Nächsten, zu eiliger Flucht in die Burg zu mahnen, bevor die Barbaren mit eindrängen. Der andere Isaurier stand auf der Schwelle des Thors, den ehernen Riegel des einen Flügels in der Hand, bereit das Halbthor von innen zuzuwerfen und den Riegel vorzuschieben, sowie die Flüchtlinge hereingeströmt waren. Da plötzlich stürzte der Mann, wie vom Blitz niedergestreckt von hinten nach vorn auf das Antlitz nieder: er stand nie mehr auf: das Thor ward von innen zugeworfen: – gleich darauf erschien ein Knabe in blondem Gelock auf dem Turm oberhalb des Thores, schlug mit der Streitaxt die kaiserliche purpurne Standarte herunter und pflanzte an hohem Speer, weithin leuchtend, einen blauen Schild an die Stelle des gestürzten Paniers.

›Mein Hortari‹, rief da Garibrand, der Herzog, ›meines Bruders Sohn, der vor vielen Wochen geraubte, tot geglaubte! Sein Schild, unseres Hauses, unserer Sippe sieghafter Blauschild! Vorwärts, ihr Bajuvaren! Nun haut Hortari heraus!‹

Aber da war nichts mehr herauszuhauen: der Tribun lag nicht darinnen: auch die Sklaven des Tribuns waren nicht in der Burg zu finden: das kühne Kind war der einzige Mensch innerhalb des Kapitols. Der Kampf vor dem geschlossenen Thor war nun auch gleich zu Ende: die Feinde, ausgesperrt, unfähig, obzwar einer auf des andern Rücken sprang, die turmhohen Mauern zu ersteigen, von uns unablässig bedrängt, warfen die Waffen weg und ergaben sich. Einzelne spornten freilich, an Gnade verzweifelnd oder sie verschmähend, lieber ihre Rosse rechts vom Steilweg in den Abgrund. Nun sprang von innen das Thor der Hochburg von Juvavum auf: und jung Hortari flog in seines Oheims Arme: der junge Knabe der Bajuvaren hat seinem Volk das Kapitol von Juvavum gewonnen. – Heil Hortari dem Jungen! Die Sänger werden sein gedenken!«

»Heil Hortari dem Jungen!« scholl es laut durch die weiten Hallen der Basilika.

Als der frohe Ruf verhallt war, vernahm man abermals Zankworte aus dem Hintergrund des Gebäudes. Da war in der Apsis hinter dem Altar ein weingerötet Paar in lauten Streit geraten. Aus einer aufgesprengten Truhe hatten zwei der Männer unter anderen römischen Denkmälern, die der eifrige Johannes seinen immer noch stark heidnischen Schäflein weggenommen hatte, allerlei Aberglauben abzuschneiden, den sie damit trieben, ein kleines, zierlich gearbeitetes Marmorrelief, die drei Grazien, die sich zärtlich umschlangen, darstellend, erbeutet. Jeder hatte das Stück an einem andern Ende gepackt: und schreiend und lärmend zerrten und zogen sie sich nun durch die Kirche bis dicht vor Vestralp und Helmbert hin. Da ließ der eine der Streitenden den Marmor fahren und zückte das kurze Messer wider seinen Gegner, der sofort die Beute fallen ließ und das Handbeil aus dem Gürtel riß. »Halt! Agilo!« rief Vestralp, seinem Stammgenossen in den Arm fallend. »Stich du Römer, wenn du stechen mußt, nicht Alamannen,« schalt Helmbert und drückte seines Landsmanns Messer nieder. »Wohl! Ihr sollt entscheiden,« riefen beide Streitende aus einem Mund.

»Ich hab's zuerst gesehen,« rief der Alamanne. »Ich wollt' es meinem Lieblingsroß vorn als Brustplatte vorhängen.« »Ich aber hab's zuerst genommen,« entgegnete der Bajuvare. »Es sind die drei schicksalspinnenden Schwestern. Ich hänge sie auf ob meines Kindes Schildwiege.« »Der Streit ist leicht schlichten,« sprach Vestralp, hob die drei Grazien vom Boden auf, nahm dem Alamannen das Beil aus der Hand, zielte scharf und schlug das Relief genau in der Mitte durch. Helmbert aber ergriff die beiden Stücke und sprach: »Nicht Forasitzo, Wodans Sohn, der da Recht spricht auf Heligoland, könnte gerechter teilen: da hat jeder von euch anderthalb Göttinnen. Jetzt geht und trinkt Versöhnung.« »Wir danken auch schön,« sagten wieder einstimmig, hochbefriedigt, die Streitenden.

»Aber es ist ja kein Wein mehr da,« klagte der Alamanne. »Sonst hätt' ich ihn längst getrunken,« seufzte der Bajuvare. »He, Crispe, Sohn des Mars und der Bellona,« rief Vestralp, »wo ist noch Wein?« Crispus schleppte sich keuchend herbei: »Oh Herr! Es ist unglaublich! Aber sie haben wirklich alles ausgetrunken. Jaffa, der kluge,« flüsterte er, »hat wohl noch ein klein Schläuchlein vom allerbesten: aber der ist nur für dich allein, weil du meines Lebens geschont hast.« Laut fuhr er wieder fort: »Hier ist ein großer Thonkrug voll Wasser: mischt man den mit dem letzten Spülrest in den Schläuchen, giebt's noch ein breit Getränk.« Aber Vestralp holte aus mit dem Speerschaft und zerschlug den weitbauchigen Mischkrug, daß das Wasser stromweise floß: »Der Mann sei ausgethan vom Stamm der Alamannen,« rief er, »der jemals Wasser mischt in seinen Wein, – Den Sonderschlauch,« fuhr er leise zu Crispus fort, »soll der arme Jude behalten: er soll ihn selber trinken – auf all' den Schreck.«

Da scholl von draußen der Ruf des Auerhorns. Und gleich darauf ward die zerbrochene Hauptthüre der Kirche aufgerissen: ein riesiger Bajuvare stand auf der Schwelle und rief mit lauter Stimme herein: »Da sitzt ihr und sauft in seliger Saumsal, als sei alles schon zu Ende: und doch neu in den Straßen entbrannte der Streit. Die Knechte der Römer! Sie brennen und sengen! während doch unser die Stadt! Schützt euer Juvavum, bajuvarische Männer! So gebeut Garibrand, der Herzog.«

Im Augenblick hatten sämtliche Germanen ihre Waffen ergriffen und mit dem lauten Ruf: »Schützt das Juvavum der Bajuvaren,« stürmten sie aus der Kirche.


Als der letzte Fußtritt lange verhallt, ward die Marmorplatte behutsam aufgehoben: hervor stieg der Tribun: der tapfere, kriegsfreudige Mann hatte bitterste Qualen der Demütigung erduldet diese lange Zeit. War er auch kein Römer und kannte er auch keine Pflicht –: es brannte ihm doch auf seiner Soldatenehre, daß er, blind seinen Leidenschaften folgend, nur seinen Zwecken nachjagend, den Barbaren den Sieg so sehr erleichtert hatte. Er blickte finster: er biß die Lippe: »Meine Reiter! das Kapitol! Juvavum! die Rache an dem Priester! der Sieg! Alles verloren! bis auf – Felicitas! Ich hole sie mir: – und fort, fort mit ihr über die Alpen! – Wo mag mein Pluto geblieben sein?«

Leo bog durch das Haus des Priesters in die enge Gasse ein und suchte vorsichtig den Schatten der Häuser. Es begann nun zu dunkeln: so lange hatte ihn das Gelage der über seinem Haupte Zechenden festgehalten! – Wie ein schleichend Raubtier, sich duckend an jeder Ecke und rasch die andere Seite der Querstraße im Sprung gewinnend, mied er die großen freien Plätze und die breiteren volkreicheren Straßen. Da vernahm er in der Ferne brausenden Lärm verworrener Stimmen: er blickte zurück: Feuerschein stieg dort lohend in den rauchverfinsterten Himmel.

Der Tribun eilte, die Nordseite des Walles zu gewinnen: das vindelicische Thor selbst unbesetzt zu finden, durfte er sogar von germanischer Sorglosigkeit nicht erhoffen: aber er kannte das Geheimnis, ohne Schlüssel den Mechanismus eines Ausfallpförtchens zu öffnen, das ebenfalls auf die Heerstraße nach Vindelicien mündete. Dieses Pförtchen trachtete er nun hastig zu erreichen.

Unangerufen, ungesehen erstieg er den Wall, die Stufengänge vermeidend, öffnete das Pförtchen, schloß es sorgfältig wieder, glitt die steile Böschung hinab und gelangte in den Graben, der, ehemals unter Wasser zu setzen, nun – das Schleusenwerk war verdorben – seit Jahrzehnten trocken lag. Unkraut und hohes Gebüsch, über Manneshöhe ragend, wucherten darin.

Kaum hatte er die Sohle des Grabens betreten, als ihn aus dem Weidengebüsch lautes Gewieher begrüßte: sein treuer Rappe trabte ihm kopfnickend entgegen. Zwei andere Rosse antworteten aus dem Gebüsch. Gleich darauf krochen zwei Männer, platt auf die Erde sich duckend, auf allen Vieren aus dem Dickicht – Himilco war's, der Centurio, und noch ein Maure. – Sie winkten ihm schweigend, in das Versteck zu folgen. Sie waren nach der Zersprengung ihrer Schar durch die Bajuvaren fliehend in den Wallgraben herabgesetzt: der Rappe, dessen Hüter gefallen, war den anderen beiden Rossen gefolgt. Einstweilen hatten sie sich hier im tiefsten Dickicht des Grabens versteckt.

»Der erste Lichtstreif glücklichen Zufalles an diesem schwarzen Tage,« meinte der Tribun. »Wir fliehen selbdritt! Kommt! Dort links reicht der Fluß fast an den Graben. Die Gäule können ihn springend leicht erreichen – dann schwimmen! Ich muß noch auf den Mercuriushügel – die vindelicische Straße hinab! Dann – über die Berge!« »Herr,« beschwor ihn Himilco, »warte die Nacht ab! Schon zweimal suchten wir so auf diesem Wege zu entkommen –: beidemal entdeckten uns die alamannischen Reiter, die unablässig vor den Thoren streifen, Flüchtlinge aufzugreifen: beidemal entkamen wir nur mit knapper Not wieder hierher. Nur im Dunkel der Nacht läßt sich's wagen.« Widerwillig mußte der Tribun diesen Rat als vollbegründet anerkennen: auch sagte er sich, daß zur Nacht der Frauenraub leichter auszuführen sein werde. – So entschloß er sich, ungeduldig genug, den Einbruch der vollen Finsternis in diesem Versteck abzuwarten.

 


 

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