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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
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senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel.

Inzwischen hatte in der Stadt Zeno in eiligem Lauf die Ecke der engen Straße erreicht. Lautes Geschrei scholl ihm nach: er blickte um: prasselnd schlug die Flamme aus dem Dach eines nahen Hauses: es war das des Richters, seines Schwagers. Voll neuer Angst eilte er vorwärts. Nach wenigen Schritten hielt er vor der Pforte des kleinen Hauses des Priesters. Sie stand geöffnet. Er sprang über die Schwelle, flog den schmalen, halbdunklen Gang entlang: kein Ostiarius, kein Subdiakonus zeigte sich. Er drang in das Gemach des Priesters ein, in welchem wir diesen aufgesucht haben.

Es war verlassen. Die Thüre, die in die anstoßende Basilika führte, war nur angelehnt. Hastig trat der Flüchtling hinein und eilte in dem schwach erleuchteten weiten Raum auf den Altar zu, der, Apsis und Mittelschiff trennend, das Asyl der Kirche in heiligster Steigerung gewährte. Hier, auf den Stufen des Altars, regungslos ausgestreckt, lag Johannes, auf dem Antlitz, mit beiden Armen den Reliquienschrein auf der Kronfläche des Altars umschlossen haltend. Neues Grauen ergriff in seiner Todesangst den harten Byzantiner. War er ermordet? – Er, der ihn vielleicht noch hätte schützen können? »Wehe mir!« stöhnte er. Sein Entsetzen stieg, als der Totgeglaubte sich langsam aufrichtete und ihm schweigend sein bleiches, ehrwürdiges Antlitz zukehrte.

»Ha, stehen die Toten wieder auf?« rief Zeno: er wich zurück. »Warum glaubtest du mich tot?« frug Johannes, den in die Seele dringenden Blick auf das verstörte Antlitz richtend. »Ich nicht – ich nicht! – Aber der Tribun wollte . . . –« – »Ich ahne! – Was suchst du hier?« »Rettung! Rettung!« jammerte der Wechsler. Er dachte jetzt wieder nur noch an die ihm auf den Füßen folgende Gefahr. »Meine Sklaven! Alle Sklaven sind empört. Das Haus des Richters brennt.« Da schlug heller Feuerschein durch die offenen Logenfenster der Basilika, und Waffen klirrten von ferneher. »Hörst du? Sie suchen mich! Sie kommen! Rette mich! Decke mich mit deinem Leibe. Hier all' dies Gold« – er warf auf den Altar den schweren Sack: er barst –: einzelne Goldstücke sprangen klirrend über die Stufen auf den Estrich. »Ach wehe – es entspringt mir treulos! All' dies Gold – oder die Hälfte! – nein: alles, das Ganze schenke ich dir – nein: nicht dir: ich weiß ja, du weihst es dem heiligen Petrus, eurer Kirche, den Armen. Nur rette mich!« Und er stürzte dem Priester zu Füßen, das Beutelchen mit Edelsteinen sorgfältig im Busen verbergend.

Johannes hob ihn auf. »Ich will dich retten –: um Christi willen, nicht um Goldes willen.« »Du bleibst bei mir?« rief der neu Hoffende. »Das kann ich nicht! Mein Platz zu dieser Stunde ist auf dem Schlachtfeld, der Verwundeten zu warten. Meine Brüder habe ich schon dahin entsendet. Ich holte mir nur noch Stärkung in einem letzten Gebet.« »Nein, nein, ich lasse dich nicht fort!« schrie jener, sich an ihn klammernd.

Aber mit unerwarteter Kraft machte Johannes sich los: »Ich muß, sage ich dir. Mich ruft der Herr. Vielleicht kann ich sogar dem Würgen Einhalt thun. Du aber – deine Grausamkeit hat die Unseligen so erzürnt, daß einige von ihnen nicht den Altar, nicht meine Fürbitte scheuen würden . . .« »Ja, ja!« stimmte Zeno bei. Er dachte an Këix, – den rasend gewordenen Stier.

»Du sollst geborgen sein, – wo dich niemand findet als Gott der Herr. Sieh her!« Mit diesen Worten bückte er sich und hob eine Platte des Marmorbodens neben dem Altar auf: eine kurze Leiter ward sichtbar, die in einen dunkeln ziemlich geräumigen Kellerraum führte. »Da hinab! Niemand weiß von dieser alten Gruft als ich. Hier warte, bis ich dich heraushole: ich komme, sobald die Gefahr für dich vorüber.« – »Aber wenn – und wenn . . . –«

»Du meinst, wen ich umkomme? Sieh, so hebt man von unten den Deckstein empor. Eile!« – »Mir graut – lebendig begraben! – Sind Totenknochen – Skelette, verzeih': sind Heiligtümer in der Gruft?« – »Fürchte du fortan den lebendigen Gott, nicht tote Menschen! Hier – nimm die Öllampe! Und nun hinab. Hörst du? Das Geschrei dringt näher.« Da sprang Zeno, die Lampe in der Hand, hinunter. –

Johannes ergriff den Geldsack und warf ihn nach: – bei aller Todesangst bemerkte der Geizige doch, daß der Priester vorher eine Handvoll Solidi aus dem Sack genommen hatte –: jener schloß den Stein über ihm, dann streute er die entnommenen Goldstücke von dem Hauptportal der Basilika, das er von innen verriegelte, bis an den Altar und von da bis an und über die Schwelle der Nebenthür, die von der Kirche in sein Haus führte. Nun eilte er durch diese Nebenthüre und aus seinem Haus ins Freie.

Nach einigen Minuten hörte Zeno, mit verzagendem Herzen, wütende Beilhiebe an die Hauptthüre der Basilika donnern. Sie barst: eine große Schar von Menschen, nach den Stimmen und den Fußtritten zu schließen, drang herein. Zeno hielt den Atem an, vor Furcht: er drückte das Ohr an die Platte, schärfer zu hören. Er vernahm zuerst die Stimme eines Weibes:

»Nicht in der Kirche ihn töten! Nicht im Asyl der Heiligen! Er hat mich fast zu Tode gegeißelt und mein Kind gemordet: – aber nicht in der Kirche! Ehret das Haus des ewigen Gottes!« »Eher noch in dem Hause Gottes, als in dem Hause des frommen Johannes!« mahnte eine andere Stimme. »Asyl ist nur auf dem Altar, nicht in der ganzen Kirche!« schrie ein Dritter. Aber da hörte Zeno den furchtbaren Këix schreien: »Vor den Füßen des Himmelsvaters würd' ich ihn erdrosseln! Er hat zuletzt noch meinen alten Vater gemordet. Der hatte mich angefleht, des Scheusals zu schonen. Als es nichts fruchtete, stahl er sich von meiner Seite. Ich fand ihn erst wieder, als wir des Alten Thür erbrachen – und sein Dolch stak in meines Vaters Halse! Ich möchte ihn siebenmal ermorden!« »Einmal ist genug,« lachte Kottys, »wenn man so langsam mordet, wie wir meinen Herrn abgethan. Wir haben den Richter Mucius im Feuer seines eignen Hauses lebendig verbrannt.« – »Halt! Sieh hier, Bruder Kottys: das ist des Flüchtlings Spur. Die wunde Hyäne schweißt blutig: der fliehende Geizhals schweißt in Gold. Seht ihr – hier – vom Hauptportal hebt es an – da ist er herein – hat hinter sich den Riegel eingeworfen – hierher, am Altar vorbei, ist er gelaufen und da – durch diese Thür in des Priesters Haus! Dort hält er sich versteckt. Nach!«

»Nach! Nieder mit ihm!« brüllte der ganze Haufe und rannte mit dröhnenden Schritten über die Platte, über Zenos Haupt hinweg in das anstoßende Haus.

Der Verborgene war, sinnlos vor Todesangst, in den letzten Winkel zurückgekrochen: lang kauerte er so –: kalter Schweiß rann von seiner Stirn. Aber alles blieb ruhig: – der letzte Ton verhallte: die Verfolger hatten sich, nachdem sie das Priesterhaus durchsucht, in die Straße ergossen. Er sagte sich: »Bald muß der Tribun den Brand, den Aufruhr in der Stadt bemerken. Er hat schon wiederholt solche Empörungen niedergeworfen. Er stellt in wenigen Stunden mit seinen Lanzen die Ordnung her.« Da kehrte dem Kaufmann langsam die Besinnung, ja ein gewisser Mut wieder. Er sah sich nun bei dem Scheine der Öllampe um in der kellerähnlichen Gruft. Er stieß auf eine Truhe. Seltsame Neugier, mit Grauen gemischt, trieb ihn unwiderstehlich, sie zu öffnen: barg hier der alte Schlaukopf die Schätze seiner Kirche? Er hob den Deckel auf: die Kiste enthielt nichts als Papyrusrollen und Pergamente. Darüber gebreitet lag ein weißes Priestergewand mit einer Kapuze, genau das gleiche, wie es Johannes am Leibe trug.

Ein Gedanke durchblitzte den Flüchtling.

Hastig streifte er das weite Priesterkleid über sein Gewand: »Hier ist meines Bleibens doch nicht mehr lang. Und am sichersten deckt – besser als ein Harnisch – dieses Kleid.« Nach einiger Zeit, da alles noch still blieb, ward es ihm in der dumpfen Luft der Grube höchst unbehaglich: der Atem verging ihm, er fürchtete zu ersticken: er hob deshalb vorsichtig die Platte halb empor, stieg auf die oberste Staffel der Leiter und schaute in die leere Kirche. Da fiel sein Auge auf die blinkenden Goldstücke, die im Glanz der Altarampel leuchteten. Einige, aber lange nicht alle, hatten die Verfolger aufgelesen: sie dürsteten mehr nach Blut als nach Gold. Längst hatte den Geizhals gereut, dem Priester so viel versprochen zu haben. »Er hat es übrigens verschmäht: – so bin ich nicht mehr gebunden. Und diese verstreuten Stücke  . . . – Schade, verfielen sie den Schurken.« Er hob nun die Platte ganz empor – und horchte nochmals ängstlich. Alles still. Da legte er bedächtig Geldsack und Beutel mit Edelsteinen in die Truhe, schloß deren Deckel, kletterte behend heraus und las die Solidi auf. Zuerst die Nächstliegenden, dann die auf dem Altar –: da sah er auch rechts vom Altar einen ganzen Haufen beisammen liegen, wie sie aus dem geborstenen Sacke gesprungen waren. Er ging nun vom Altar hinweg von links nach rechts, bückte sich – da, Entsetzen! – hörte er von dem Priesterhause her Schritte nahen: zwar nur eines Mannes –: aber das war nicht Johannes. Ehern klang der Tritt. Rasch wollte er in sein Versteck zurück. Allein bevor er den Altar hatte umgehen können, stand ein schwarzer Schatten auf der dunkeln Schwelle des Ganges. Zeno konnte nicht mehr unbemerkt in die Gruft springen. Die Kniee brachen ihm. So warf er sich denn in der Stellung, in der er Johannes gefunden, die Kapuze rasch von hinten über das Haupt schlagend, auf den Altar, beide Arme um den Reliquienschrein geschlungen. Im Augenblick darauf fuhr ihm kalter Stahl in den Wirbel, der Hals und Rückgrat scheidet. Er war tot, bevor er noch das Wort vernommen: »Stirb, Priester!«

 


 

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