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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
correctorreuters@abc.de
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Elftes Kapitel.

Außer den beiden Führern hatten nur sehr wenige Römer in dem kurzen Handgemenge den Tod gefunden: denn der Bajuvaren Herzog hatte vor Beginn des Angriffs gerufen: »Heute: Gefangene! keine Toten! Bedenkt, ihr Männer, jeder Tote ist ein verlorener, jeder Gefangene ein gewonnener Knecht der neuen Herren des Landes.« Unter den Scharen, welche Severus gegen die Bajuvaren gewendet, hatten sich auch Fulvius und Crispus befunden. Als ihre Reihen gesprengt waren, rief der Neffe dem Oheim zu: »Zu Felicitas! Durch die Furt!« und nun liefen beide, wie sie nebeneinander gestanden, nebeneinander auf den Fluß zu, in der Richtung unterhalb der Brücke: denn diese war von den Bajuvaren besetzt. Aber alsbald blieb der dicke Crispus, obwohl er wie den Speer so den Schild sofort weggeworfen hatte, weit hinter dem flinken Steinmetz zurück. Ein alamannischer Reiter, begleitet von einem zu Fuß neben ihm herspringenden Jüngling, verfolgte beide. Bald war Crispus eingeholt. Der Reiter gab ihm mit dem Schaft des Speeres einen Hieb auf das helmähnliche Becken auf seinem Kopf, das den Humor freilich geradezu herausforderte: das Kochgeschirr fuhr dem laut Schreienden bis über Augen und Nase, aus der ein Blutstrom schoß: er fiel zu Boden: er hielt sich für tot. Aber er kehrte sofort zur behaglichen Gewißheit des Lebens zurück, als der Fußkämpfer, der bei ihm stehengeblieben, ziemlich unsanft die Kasserolle ihm über das Haupt zurückriß: Crispus sprang, Luft schnappend, auf: der Alamanne lachte ihm in das dicke, fette, höchlich erstaunte Gesicht: »Ei! dieser Römerheld ist in gutem Futter gestanden! Und diese Nase ist nicht vom eignen Blut so rot: aber auch nicht vom Wasser. He, Freund, ich gebe dich frei, verrätst du mir, wo in Juvavum der beste Wein geschenkt wird. Mich deucht: du bist der Mann, das zu bezeugen.« Crispus, so gutartig angeredet, erholte sich rasch, zumal er nun fest überzeugt war, nicht gestorben zu sein und auch nicht sterben zu müssen für das Vaterland. Er holte tief Atem und sprach, die Hand zum Schwur erhebend: »Ich schwöre als römischer Bürger – den süffigsten hat Jaffa, der gute Jude, neben der Basilika. Er ist nicht getauft: – aber sein Falerner auch nicht.« »Trefflich!« rief der Alamanne. »Heran, ihr Freunde!« – ein ganzes Rudel von Alamannen und Bajuvaren traf sich, händeschüttelnd, dicht neben ihm – »Zu Jaffa, dem Juden, Gott Ziu Dank zu trinken für lustigen Sieg! Du aber, dicker Schlauch, du führst uns hin – und ist er, gegen deinen Eid, sauer, der Judenwein, ersäufen wir dich darin.« Das machte nun Crispus nicht bang: er freute sich im Gegenteil, von dem teuersten, dem lang abgelagerten Kyproswein, den er immer nur Reichere hatte trinken sehen müssen, diesmal ohne Bezahlung nach Genüge zu schlürfen. Daß es dem Gotte Ziu zu Ehren geschehen sollte, machte den Wein nicht schlechter. Und endlich sagte er zu sich: es ist immer noch gottgefälliger, wir trinken des Juden Schläuche leer, als die eines Rechtgläubigen.« Um sein Haus sorgte er nicht: »Meiner alten Ancilla thun sie nichts: – die schützen ihre Runzeln sicherer denn viele Schilde. Das bischen Geld ist vergraben. Die Gipsstatuen werden sie nicht davonschleppen: nur die Nasen schlagen sie ihnen, mit unbegreiflicher Vorliebe und Regelmäßigkeit in dieser Beschäftigung, ab: thut nichts: man klebt sie wieder an.« –

Aber ihm bangte um Fulvius, um Felicitas. Er schaute sich nach dem Flüchtling um, sah ihn aber weder tot liegen, noch gefangen eingebracht: er schien vom Erdboden eingeschluckt: der Reiter, der ihn verfolgt hatte, tummelte sein Roß schon wieder in ganz anderer Richtung hinter fliehenden Römern her. Crispus hoffte also, der junge Gatte sei entkommen: Felicitas aber vermochte er nicht zu helfen: denn sein Besieger nahm ihn mit festem Griff an der Schulter und schob ihn gegen die Brücke. »Vorwärts! Du ahnst nicht, Römer, wie alamannischer Durst brennt. Und neben der Basilika, sagst du? Recht so! Da finden wir doch Gold- und Silber-Schalen für den Trunk obenein.«

Und vor dem ganzen lärmenden, lachenden, jauchzenden Schwarm stapfte nun, so rasch ihn die kurzen Beine tragen wollten, der dicke Crispus, ein unfreiwilliger Zechbruder, durch das Thor hinein, das er vor kurzem, ein stolz behelmter Legionär, durchschritten. Das Becken hatte er liegen lassen, wo es lag. Denn schon bei der Erinnerung daran schmerzte ihn die Nase.


Fulvius war inzwischen wirklich verschwunden.

Er hatte Schild und Speer nicht weggeworfen wie sein beleibter Genoß: er war jung, stark, nicht furchtsam und er gedachte des Versprechens, das er bei seiner Befreiung dem wackern Severus gegeben. Er hatte nun den Fluß erreicht und stand hart an dem sumpfigen Uferbord. Als er den Hufschlag des galoppierenden Rosses näher und näher heran dröhnen hörte, machte er entschlossen Kehrt, sah dem Feind grimmig ins Auge, hob den Wurfspeer, zielte scharf und entsandte ihn mit aller Kraft seines Armes gegen das Antlitz des Alamannen. »Gut gezielt!« rief dieser, ließ den Zügel fallen und fing den scharf sausenden Speer mit der Linken. Wenig würde jetzt Fulvius der Schild gefrommt haben, den er vorhielt: denn der heransprengende Reiter zielte nun mit beiden Speeren, dem eignen und dem aufgefangenen, nach des Römers Haupt und Unterleib zugleich. Aber bevor die tödlichen Lanzen flogen, war deren Ziel plötzlich verschwunden.

In unwillkürlicher Bewegung rückwärts tretend vor dem schnaubenden Roß, das ihn im nächsten Augenblicke niederwerfen mußte, verlor Fulvius das Gleichgewicht, rutschte in dem glatten Ufergras aus und stürzte rücklings in den Fluß, dessen Wellen hoch aufspritzend über ihm zusammenschlugen. – Der Alamanne sah ihm, vom Gaul herab sich vorbeugend, lachend nach, wie er fortgerissen ward. »Grüße mir den Danubius!« rief er, »wann du ihn erschwommen,« wandte sein Roß und sprengte querfeldein.

 


 

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