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Felicitas

Felix Dahn: Felicitas - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleFelicitas
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid5eb9df3f
created20070518
modified20160412
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Neuntes Kapitel.

Minder guten Mutes als der Tribun hatte inzwischen sein Verbündeter Zeno die ersten Nachrichten von dem Erscheinen der Germanen vor der Stadt aufgenommen. Eignete er doch vor den Thoren gar manche Possessio, bewirtschaftet von Sklaven und Sklavinnen, die diese Gelegenheit erfassen mochten, wie es die schwer Gequälten gar oft in solchen Fällen thaten, zu den Barbaren zu entlaufen, mit diesen das Weite zu suchen. Auch bargen seine Villen, war er auch just kein Kunstfreund und zu vorsichtig, Schätze außerhalb der Festung zu belassen, gar manches wertvolle Gerät und Geschirr, auch Herden von Rindern, Schafen und Schweinen, das der Wirtsame ungern den Räubern gegönnt hätte. So hatte er denn in den ersten Morgenstunden, da sich noch nichts von den Alamannen hatte blicken lassen, als Severus zur Kundschaftung und zur Besetzung der Ivarusbrücke auszog, unter dem Schutz dieser Truppen seinen Sklavenmeister, einen Freigelassenen, ausgesendet mit einem Troß von bewaffneten Knechten, um wenigstens aus den diesseit des Flusses gelegenen Landhäusern das Wertvollste hereinzuschaffen, namentlich aber die zu jenen Gütern gehörigen Sklaven – nötigenfalls mit Gewalt – in die Stadt zu führen. Diese, Bauern und Hirten, von je roher, wilder, unbotmäßiger als die städtischen Diener, hatten nur widerstrebend Folge geleistet: in zwei Besitzungen hatten sich die Unglücklichen zur Wehre gesetzt, waren aber von der Überzahl bewältigt und mit Ketten aneinander gebunden worden: unablässig hatte der Sklavenmeister die vielsträngige Ledergeißel über den Fluchenden geschwungen, sie zur Eile zu treiben, zur Aufbürdung immer schwererer Lasten, die sie im Gleichgewicht auf den Köpfen trugen. In langem Zuge, die Gefesselten in der Mitte, die Rinder und Schafe voran, bewaffnete Sklaven an den Seiten, die Freigelassenen an Haupt und Ende der Reihe, kehrten sie nun durch das vindelicische Thor zurück, das sich eben hinter ihnen geschlossen. »Vorwärts, Thrax, du alter Hund!« schrie Calvus, der Freigelassene, – er galt für Zenos Sohn von einer Sklavin – einen weißhaarigen Greis an, der unter der Last der ihm aufgelegten Bronzegeschirre wankte: und da der Zitternde den Schritt nicht zu beschleunigen vermochte, schlug er ihm über den nackten Rücken mit der flachen Schwertklinge einen grausamen Streich. Laut schrie der Alte und taumelte zu Boden. Da machte ein riesiger Rinderhirt, der besonders schwer gefesselt war, – er hatte sich grimmig gewehrt und blutete aus mehreren Wunden, – Halt: er hemmte damit den Schritt aller an ihn Gefesselten. »Ich flehe dich an, Calvus, schone meines Vaters! Lege mir seinen Korb noch auf.« »Warte Këix, verfluchter Thraker, ich will dir auflegen, was dir gebührt,« schrie Calvus und hieb ihn mit der Schärfe des Schwertes über Kopf und Schulter, daß das Blut hochaufspritzte. Der Getroffene schwieg: nicht ein Ruf des Schmerzes entfloh seinen zusammengepreßten Lippen. Calvus aber fuhr fort: »Du hast dich empört, Sklave, in offener Gewalt: vierteilen könnten wir dich lassen dafür. Aber man verliert zu viel Kapital, krepiert solche Bestie, die man dreißig Jahre gefüttert hat. Geduld, mein Söhnchen! Ich werde die neuen Folterwerkzeuge an dir versuchen, die der Patronus aus Byzanz hat kommen lassen. Das wird meine Feierabend-Erholung heute.« – Der starke Thraker erbleichte: aber nicht aus Furcht: aus Wut. Er warf nur einen Blick auf seinen Peiniger und schritt wieder vorwärts. – Während nun andere Knechte die Herdentiere unter die städtischen Stallungen Zenos verteilten, wurden die Gefesselten behufs ihrer Bestrafung von Calvus in den Hof des Herrenhauses in der Via Augustana geführt. »Thu' mit ihnen wie du willst,« hatte Zeno zu dem Freigelassenen gesprochen, das Verzeichnis des geflüchteten Inventars in seinem Schreibgemach durchlesend, »nur sorge, daß Leben und Wert das heißt Arbeitskraft der Faulpelze nicht darunter leide. Auch müssen wir, nach dem Gesetz des frommen Constantin, für Verstümmelung vorher den Spruch des Richters einholen. Ich werde meinen Schwager Mucius fragen,« lächelte er, »aber, mit leiser Änderung des Gesetzes, nachträglich. Nun gehe ich in das Bad der Amphitrite, Neuigkeiten zu erfragen.« Während er, von Calvus begleitet, durch den Hof schritt, fiel sein Auge auf den alten Thrax, der auf Stroh in einer Ecke lag: erschöpft war er in tiefen Schlaf gesunken: neben ihm lehnte an der Mauer, schwer gefesselt, sein riesiger Sohn: Blut lief aus dessen Wunde auf den Vater nieder. Zeno stieß nach dem Schläfer mit dem Stabe: der Greis öffnete die müden Augen: »Ach, daß ich noch lebe! Mir hatte geträumt, der Herr hätte mich schon abgerufen! Ich wandelte im Paradiese! Aber auch auf Erden bin ich des Herrn Christus!« »So soll dein Herr Christus dich auch füttern,« höhnte Zeno. »Calvus, der Alte da ist nichts mehr wert. Entzieh ihm Wein und Speck. Man mästet ihn umsonst.« – Da begegnete sein Blick dem Auge des Sohnes, der mit den Fäusten in seine Fesseln griff. Zeno erschrak. »Höre, Calvus,« flüsterte er, »diesen da, nachdem er gefoltert, verkaufe bald. Er ist mir unheimlich. Er blickt wie unser schwarzer Stier blickte, gerade bevor er wütend ward. In die Bergwerke des Fiskus mit ihm! Dort brauchen sie solche starke Lümmel – und das Blei vergiftet sie bald. – Nun in das Bad!« Damit schritt er zum Hofe hinaus. Kaum hatte er die Schwelle seines Hauses überschritten, als ein lahmer Sklave hereinhinkte, der dem gliedergewaltigen Këix sehr ähnlich sah: es war dessen älterer Bruder. Doch schien er weder des alten Vaters noch des bluttriefenden Bruders zu achten, humpelte gerade auf Calvus zu und sprach, tief sich verneigend: »Mein Herr, Mucius der Richter, sendet dir dies Schreiben. Zeno und du, ihr seid bei ihm verklagt von Johannes dem Priester, weil ihr die Syrerin gegeißelt habt, daß das ungeborne Kind starb. Er meint, er werde euch auch diesmal nur schwer freisprechen können.« Die Schrift war lang: während Calvus sie stirnrunzelnd las, glitt der Lahme unhörbar zu seinem Bruder hinüber und drückte ihm eine Feile in die Hand: sie war in einen Papyrusstreif gewickelt: Këix las: »Nach dem Mittagsmahl.« Er führte mit der gefesselten Hand den schmalen Streifen an den Mund und verschluckte ihn. Der Lahme stand wieder hinter Calvus: »Welche Antwort, Herr?« Unwillig gab ihm der Freigelassene die Anklageschrift zurück: »Der Orkus verschlinge diesen Priester! Er weiß alles, was ihn nicht angeht. Ich muß selbst mit deinem Herrn reden. Geh' voran! – Du hinkest ja häßlich, Kottys,« lachte er. »Aber es hat geholfen das Mittel. Wir haben dich als unverbesserlich dem Richter verkauft. Seit aber dein neuer Herr dir die Sehne hat durchschneiden lassen, hast du das Entlaufen nicht wiederholt und bist zahm geworden, ganz zahm.« Damit verließen beide den Hof.


Nach einer Stunde kehrte Zeno von dem Bade zurück; als er den Hof durchschritt, saßen die Sklaven sämtlich, auch die ungefesselten, bei dem kargen Mittagsmahl von winzigen Stücken rohen Gerstenbrots, Zwiebeln und schlechtem, zu Essig verdorbenem Wein. Er begab sich in seine Schreibkammer, zu rechnen. Dort durfte ihn – das wußte man – niemand stören. Dies Gemach allein im Hause hatte, statt des Vorhangs, eine verschließbare starke Holzthüre. Das niedere Fenster mündete in eine enge Gasse, nicht in die Hauptstraße. Bald fiel ihm auf, daß ungewöhnlich lebhaftes Geräusch, wie von Schreien und Laufen vieler Menschen, von weitem an sein Ohr schlug. Da öffnete sich leise die Thüre. Staunend, unwillig über den Störer wandte sich Zeno. Er staunte noch mehr: der alte Thrax stand auf der Schwelle, zog die Thür vorsichtig an, drehte den Schlüssel um und legte warnend den Finger auf den Mund, Schweigen bedeutend: denn sein Herr hatte zornig einen Ruf des Ärgers ausgestoßen. »Flieh, o Herr! Rasch! Durch das Fenster! Du bist des Todes, greifen sie dich.« – »Wer? Sind die Barbaren in der Stadt?« – »Deine Sklaven! Sie sind verschworen, alle, in der ganzen Stadt. Gleich brechen sie los.«

Entsetzen ergriff den Byzantiner. Er war sich bewußt, welche Rache er heraufbeschworen. Schon drang vom Hofraum her wüstes Geschrei an sein Ohr. Er packte einen großen Sack voller Goldstücke und einen kleinen Beutel voller Edelsteine, die vor ihm auf dem Rechentische von Schiefer lagen – eben hatte er sie nachzählen wollen: der Greis rückte einen Schemel an das Fenster, ihm das Aufsteigen zu erleichtern. Zeno stutzte: mit Staunen sah er den Alten eifrig um seine Rettung bemüht. »Weshalb thust du das für mich?« Da antwortete der Sklave feierlich: »Das thu' ich um des Heilands willen: Johannes hat mich gelehrt, mein Herr Christus hat gesagt: vergeltet Böses mit Gutem.« – »Aber wohin! Wohin soll ich fliehen?«

»In die Basilika! Dort ist Asyl. Johannes wird dich schützen.« – »Johannes!« Zeno überlegte, ob wohl der Tribun seinen blutigen Rat schon ausgeführt habe? Seine Kniee schlotterten. Er vermochte nicht, die niedere Fensterbrüstung zu ersteigen. Schon näher und näher drang der Lärm vom Hofe her. Er hörte des Calvus Stimme: »Gnade! Gnade!« schrie dieser. Gleich darauf vernahm man einen dumpfen Fall.

»Wehe!« stöhnte Zeno, nun von dem Alten endlich an das Fenster gehoben. »Wenn sie erraten – mein Versteck! –« – »Herr, niemand weiß davon als ich! Und ich –« »Du sollst mich nicht verraten!« rief der Byzantiner, riß seinen Dolch aus der Tunika, stieß ihn dem Alten bis an das Heft in den Hals und schwang sich auf die Straße hinaus.

 


 

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