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Felice Leste

Richard Voß: Felice Leste - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorRichard Voß
booktitleRömische Dorfgeschichten
titleFelice Leste
publisherEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
seriesEine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker
volumeSechster Jahrgang. Band 11
year1889
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid014035fd
created20061220
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Richard Voß

Felice Leste

In Frascati lebte zu Anfang dieses Jahrhunderts das Ehepaar Leste, arme Feldarbeiter im Dienste des Sor Sebastiano Loguenzi.

Dieser Sor Sebastiano Loguenzi gehörte zu den sogenannten Mercanti der Campagna, jener berüchtigten Genossenschaft von Pächtern des römischen Landes, welche die ungeheuren Strecken entweder von den Aebten oder den Fürsten für einen ziemlich ansehnlichen Zins auf eine Reihe von Jahren mieten und nun die Kraft des Bodens aussaugen wie ein Mörder das Blut seines Opfers. Sor Sebastiano war jung, unverheiratet und so beutegierig wie der Gewissenloseste seines Gewerbes. Er galt außerdem für einen Wüstling, ein Nebencharakter, zu dem er alle nötigen innern und äußern Eigenschaften mit auf die Welt gebracht hatte. Was die letztern, die äußern Eigenschaften anbetraf, so mußte er unter den blonden Typus des Italieners rubriziert werden. Er hatte eine schlanke Gestalt, ein helles Gesicht mit schwarzen, unerbittlichen Augen, mit stolzen Zügen, von einem langen rötlichen Barte und einem prächtigen Haarwuchs umrahmt. Seine Stimme war klangvoll und gebietend; es wurde ihr auch gehorsamt. Er besaß Scharen von Arbeitern, die er am liebsten aus dem Volskischen und den Abruzzen bezog. Diese Menschen, die jeden Sommer mit Weib und Kind ins Römische kamen, waren Halbwilde und wurden daher am schlechtesten bezahlt. Sie hielten jedoch dem römischen Fieber weniger stand als die Sabiner und das Volk aus den Marken und wurden während der Sommermonate auf den Feldern zu Dutzenden hingerafft. In manchem Jahre blieb von einer Familie keiner übrig, der von dem Arbeitgeber den Lohn hätte fordern können.

Das Ehepaar Leste war von Sor Sebastiano als Feldarbeiter auf seinen Vignen und Oliveten ansässig gemacht worden. Diese befanden sich unterhalb der hochgelegenen Stadt, auf den tiefsten Abhängen des tusculanischen Höhenzuges, also unmittelbar über den unübersehbaren Triften der Campagna. Eine antike Straße, die ehemals zur Villa Luculls geführt, durchschnitt die Besitzung. Aber bereits im Mittelalter war der Weg zum großen Teil zerstört und aus den gewaltigen Lavapolygonen ein Kastell erbaut worden, dessen Mauerwerk, reichlich mit alten Trümmern, Gebälkstücken, Inschriftstafeln, Fragmenten von Säulen und Statuen geflickt, ein ganzes Museum enthielt. Dieser wunderliche Bau wurde außer von Falken, Skorpionen und Vipern ausschließlich von der Familie Leste bewohnt: dem Mann, der Frau und einem Sohn, dem kleinen Felice. Mit Ausnahme der Falken, die das ganze obere, ruinenhafte Geschoß für sich eingenommen hatten, hauste die gesamte Bewohnerschaft in einem einzigen höhlenartigen Raum einträchtig beisammen. Die Wohnung besaß eine niedrige, unverschließbare Thür und auf der nackten Erde einen Feuerplatz. Es befand sich in dem Gelasse ein ungeheures, grellbunt bemaltes, überaus sauber gehaltenes Ehebett, eine schwärzliche Truhe, ein niemals gereinigter Tisch, ein unsicherer Stuhl, eine rußige Pfanne, viel ländliches Handwerkszeug und einige ältliche Kleidungsstücke. An den Wänden, die ein beinahe cyklopisches Mauergefüge aufwiesen, hingen lange Schnüre weißlicher Zwiebeln, getrockneter, purpurfarbener Liebesäpfel und goldgelber Maiskolben, auf dem braunen Grund eine farbenprächtige Mosaik bildend. Das große Putzstück des Hauses war über dem Bette ein verblaßtes, rauchgeschwärztes Heiligenbild; zuweilen wurde es mit frischen Blumen geschmückt. Daneben, so dicht daneben, als solle sie durch die heilige Nähe geweiht werden, war eine alte Büchse aufgehängt. Rings um das Haus breiteten sich Vignen und Oliveten. Mitten darin lagen Felder von Broccoli und Artischocken, von Mais und Liebesäpfeln, aus denen Feigen-, Granaten und Pfirsichbäume aufgrünten. In den Senkungen des welligen Terrains zogen sich Pflanzungen von hohem, bläulichgrünem Cannenrohr hin; an manchen Stellen bedeckten den Boden die Trümmer römischer Ruinen, deren braune Massen Ginster umblühte, Epheu und Brombeer umstrickten. Hohe Hecken von Jasmin und Rosen, die Caprifolium und Winden durchrankten, umschlossen das Ganze.

Gino Leste stammte aus dem Volskischen. Es war eine wilde, zügellose Natur, leidenschaftlich, habgierig, rachsüchtig. Er verzieh nicht die kleinste Kränkung; vielleicht vergingen Jahre, bis er Rache dafür nahm; aber Rache nahm er. Dieser Charakterzug vererbt sich bei den Volskern seit dem Altertum vom Vater auf den Sohn. Er ist eine Stammeseigenschaft. Uebrigens war Gino Leste einer der besten Vignajuolen. Trotzdem hätte ihm sein Padrone, eben seines echt volskischen Blutes wegen, längst den Dienst gekündigt, wäre sein Weib, Marietta, nicht gewesen. Diese Marietta war ein merkwürdig schönes Geschöpf. Als sie bereits Mutter geworden, sah sie noch immer aus wie ein vierzehnjähriges Kind: klein, zierlich, zart, mit einem feinen, schmalen, olivendunklen Gesichtchen, aus dem die großen, mächtigen Augen mit einem eigentümlichen Ausdruck von Scheu und Tiefsinn in unveränderlichem Ernst jedermann gleich apathisch und fremd ansahen. Weder ihr Mann noch ihr Sohn besaßen die Gewalt, in diesen Augen einen Strahl von Empfindung aufleuchten zu machen. Leste mochte sie in einem seiner Wutanfälle morden wollen oder sie in derselben wütenden Weise liebkosen, Marietta ließ das eine wie das andre mit regungsloser Miene über sich ergehen. Der kleine Felice mochte schmeicheln oder trotzen, sie mit ihren eignen tiefsinnigen Augen oder den brennenden Blicken seines Vaters anschauen, Marietta verharrte in ihrer sanften Teilnahmlosigkeit.

Die Einnahmen des Ehepaars waren sehr gering; da sie aber lediglich von Gemüsen und Früchten lebten, nur des Feiertags Oelsuppe oder Minestra aßen, selten für ein Kleidungsstück Geld ausgaben, so sparte Sor Leste doch eine kleine Summe zusammen. Außer der volskischen Rachsucht war von allen seinen heißen Leidenschaften die Leidenschaft für »Quattrini« die heißeste.

Eines Sommerabends kam er dazu, wie sein Padrone seinem Weibe etwas zusteckte, das Marietta mit einem seltsamen Aufleuchten ihrer Augen in Empfang nahm und hastig im Mieder verbarg. Leste that, als habe er nichts gesehen, warf jedoch dem Padrone einen Blick zu, bei dem dieser aschfahl im Gesicht wurde und Marietta heftig zu zittern begann. Eilig schwang sich Sor Sebastiano auf sein langmähniges und langschweifiges Pferd. Den breitkrempigen Hut tief in die Stirn gedrückt, bis zum Kinn in seinen schwarzen, faltenreichen Mantel gewickelt, sprengte er davon.

Kaum war er fort, als Leste mit furchtbarer Ruhe seinem Weibe das Zugesteckte abforderte. Es erwies sich als ein armseliges Korallenkettlein, das der Volsker mit einer Verwünschung fortschleuderte: er hatte sehr auf Gold gerechnet. Marietta nahm an, daß ihr Mann sie sofort töten würde; als sie jedoch zu ihrem großen Erstaunen leben blieb, wußte sie, daß es auf einen andern abgesehen war. Ohne ein weiteres Wort warf sich Leste aufs Bett; Marietta ließ er die ganze Nacht auf dem Boden kauern und behielt sie stets im Auge, von Zeit zu Zeit aufstehend und das Feuer schürend. Kaum graute der Tag, als er sich erhob, das Gewehr von der Wand nahm, es zuerst mit Weihwasser besprengte und darauf sorgfältig reinigte. Seine Frau durfte nicht zum Hause hinaus; dann weckte er Felice, dem er auftrug, nach Frascati zum Padrone zu laufen; seine Mutter lasse ihm sagen, der Vater sei zum Weinhändler nach Marino gegangen, der Padrone möge gleich herab in die Vigne kommen. Leste drohte dem Knaben, ihn umzubringen, falls er etwas andres sage. Als Marietta ihrem Sohn ein Zeichen machte, schlug Leste sie nieder und gebot Felice, nachdem er seinen Auftrag an den Padrone ausgerichtet, nach Tusculum zu steigen und von dem Ziegenhirten dort Käse zu holen.

Unterwegs dachte der Knabe darüber nach, ob er dem Padrone nicht doch sagen solle, daß er vom Vater abgeschickt worden. Er fürchtete sich nicht vor seinem Vater; obgleich er wußte, daß dieser seine Drohung ausführen würde, fürchtete er sich nicht. Aber er hatte versprochen, alles genau so auszurichten, wie es ihm aufgetragen worden, und wie konnte man ein Versprechen nicht halten? Felice war zehn Jahre alt und so wild aufgewachsen wie ein junger Falke; weder Vater noch Mutter hatten sich darum gekümmert, ob er im Nest umkam oder ob ein junger Raubvogel aus ihm wurde; niemand hatte ihm gesagt, daß man ein Versprechen halten müsse; dennoch hätte niemand ihn dazu gebracht, ein solches zu brechen.

Marietta raffte sich vom Boden auf, ordnete gelassen ihr Haar und sah gleichmütig mit ihren Kinderaugen auf ihren Mann. Dieser befahl ihr, Feuer anzuzünden und ihm Kugeln gießen zu helfen, was sie mit derselben Ruhe that, als kochte sie ihr Essen. Darauf lud Leste vor ihren Augen seine Büchse, warf sie über die Schulter, hieß Marietta Hacke und Grabscheit zu nehmen und ihm an den Platz in der Oliveta zu folgen, wo sie gestern abend das Liebeszeichen Sor Sebastianos erhalten. Dort angekommen, lehnte er die Büchse an den Stamm eines Oelbaums, griff zur Hacke, bedeutete seinem Weibe zu graben und machte sich an die Arbeit. Gerade ging die Sonne auf. Die Campagna leuchtete in Morgensonnengluten, als die Landleute, die von Frascati in die Weinberge zogen, in den Vignen des Sor Sebastiano einen Schuß fallen hörten. Bald darauf sahen einige die Marietta aus der Oliveta kommen und dem Hause zugehen mit ihrem gewöhnlichen, langsamen, müden Schritt.

Am Abend kam Felice von Tusculum mit dem Käse nach Hause. Er fand die Schüssel mit Maisbrei schon auf dem Tisch und die Mutter auf ihn wartend. Mutter und Sohn setzten sich und aßen. Felice war durch den weiten Gang schrecklich hungrig; aber es mußte doch für den Vater etwas übrig bleiben, der noch immer nicht von der Arbeit zurück war. »Iß alles auf!« sagte seine Mutter und schob ihm die Schüssel zu. Verlegen schaute Felice darauf, traute jedoch seinem Glück noch nicht recht. »Aber der Vater« – – »Der kommt nicht, iß nur.« Jetzt ließ er sich's schmecken! Also war der Vater doch noch nach Marino zum Weinbauern gegangen. Nach dem Padrone wagte er nicht zu fragen. Dann gingen beide schlafen. Ueber dem Bett neben dem Heiligenbild hing wieder die Büchse.

Als Felice erwachte, war es heller Tag. Seine Mutter stand bereits mit der Spindel vor der Thür und spann. Er lief hinaus, um den Vater bei der Arbeit aufzusuchen und ihm zu sagen, daß der tusculanische Ziegenhirt ihn grüßen lasse. Als er in die Oliveta kam, fand er seinen Vater tot in einer Lache schwarzen, geronnenen Blutes. Der Gemordete war auf den Rücken gefallen, hatte die Augen weit offen und ein seltsamer Ausdruck von Staunen lag auf dem braunen, wilden Gesicht. Felice lief schreiend zur Mutter zurück; aber die sagte: »Ich weiß schon,« und spann ruhig weiter. Felice schluchzte noch einige Male, aber mehr aus Schreck als aus Schmerz; sein Vater hatte ihn vor Jahren ungerechterweise gezüchtigt, was der Knabe nie vergessen konnte.

Der Ermordete wurde gefunden und begraben und der Mörder, den jedermann zu kennen meinte, auf freiem Fuß gelassen. Er hielt es nicht einmal für nötig, auf einige Zeit in den Buschwald zu gehen: der Macchie bedienten sich damals in der Romagna nur mittellose Totschläger.

Die Witwe des Ermordeten blieb im Kastell, darin für Felice im Turm ein Gelaß eingerichtet wurde. Marietta trug eine neue Korallenschnur und ging des Sonntags in einem neuen, purpurfarbenen Mieder zur Kirche. Auch ihr gesticktes Schleiertuch erregte vielfachen Neid. Sie sah darin so kindlich holdselig aus, wie eine Luinische Madonna, ihre ernsthaften Augen hatten seit einiger Zeit einen eigentümlichen Glanz. Sie ließ für ihren ermordeten Mann auffällig viele Messen lesen, trieb eine Verschwendung mit geweihten Kerzen und stiftete der Madonna bei den Kapuzinern auf Tusculum, zu denen sie beichten ging, ein Paar silberner Leuchter. Sor Lestes ersparte Schätze gingen für sein Seelenheil auf. Solche Frömmigkeit trug ihr den Beifall aller ein.

Nach einem halben Jahr gebar sie einen Knaben und kurze Zeit nachher setzte Sor Sebastiano in seine frascatanische Vigne einen neuen Aufseher ein. Marietta mußte mit ihrem Sohne und dem Säugling das Kastell räumen und bezog in der Nähe irgend eine andre höhlenartige Wohnung. Sie wollte nun bei ihrem frühern Padrone auf Tagelohn arbeiten, erhielt aber abschlägigen Bescheid. Auch das nahm sie mit größter Gelassenheit auf. Im übrigen war seit der Geburt des Knaben eine große Wandlung mit ihr vorgegangen. Marietta hatte sich in die glückseligste Mutter verwandelt. Sie ließ ihren drallen Buben nicht von den Armen, ihr Gesicht strahlte, ihre Augen leuchteten. Sie scherzte mit dem Kinde, sang es in Schlaf, ließ es von jedem anstaunen; sie war plötzlich belebt, wie neugeboren. Um Felice kümmerte sie sich noch weniger als früher, kaum, daß sie notdürftig für seine Nahrung Sorge trug. Zu seinem Glücke konnte sich Felice dieselbe selbst vom Felde holen, denn der Cichoriensalat, den sie jetzt täglich aßen, wuchs allerorts wild.

Felice blieb ein zarter Knabe; aber eine mächtige Leidenschaft erfüllte ihn ganz und gar. Als sie ihn und die Mutter aus der Vigne vertrieben, hatte er nur darauf geachtet, daß seines Vaters Büchse mitgenommen wurde; er ließ sie damals nicht aus den Händen, sich weder um das Heiligenbild, noch um sein rotes Sonntagshemd kümmernd; in der neuen Behausung suchte er sorgfältig einen sichern Platz für das Gewehr aus. Das Gedächtnis jener blutigen That lebte auf das heftigste in ihm fort. Jeden Abend, wenn er sein gewohntes Gebet abmurmelte, unterließ er nicht, hinzuzufügen: »Liebe Gottesmutter, und sie haben auch meinen Vater totgeschossen.« Einmal hörte ihn seine Mutter mit vor Leidenschaft bebender Stimme so beten. Eine ganze Zeit lang wiederholte er dieselben Worte, laut und lauter, immer leidenschaftlicher. Marietta stand mit hoch emporgehaltener Oellampe regungslos hinter ihm, aus weit aufgerissenen Augen entsetzt ihren Sohn anstarrend. Sie hätte sich gern aus der Kammer fortgeschlichen, aber sie konnte sich nicht regen. Als der Knabe sich umwandte, schrie er beim Anblick der Mutter laut auf. Ihn immerfort ansehend, ging sie rückwärts zur Kammer hinaus.

Andre Knaben zeigten Felice den ehemaligen Padrone seiner Eltern: »Du, der hat deinen Vater erschossen!« Oft spielten sie: Sor Leste und Sor Sebastiano. Derjenige Knabe, der den letztern vorstellte, mußte herumgaloppieren und wurde von Felice mittels Galläpfel aus dem Hinterhalt niedergestreckt. Darauf floh er in die Macchie, wo die Sbirren ihn vergeblich suchten. Der düstre, leidenschaftliche Ernst, mit dem der Sohn des Gemordeten diese Spiele betrieb, riß seine Gefährten hin. Trotz seiner Zartheit hatten selbst die Größeren und Stärkeren Respekt vor ihm. Die Kinder machten unter sich aus, daß Felice den Mörder seines Vaters töten müsse, sobald er »erst groß geworden«. Und der junge Bluträcher war ganz damit einverstanden.

Marietta pflegte mit ihrem Jüngsten den ganzen Tag vor der Hütte zu kauern. Den Weg nämlich, der an ihrem Hause vorbeiführte, mußte jeden Tag Sor Sebastiano kommen, wenn er von Frascati nach seiner Vigne ritt. Erblickte sie ihn, hob die junge Mutter, ohne aufzustehen, ihr Kind hoch empor, es gewissermaßen dem Reiter weisend. Dieser sprengte im Galopp vorüber, was dem kleinen Buben stets solche Freude machte, daß er laut aufjubelte und verlangend seine beiden runden Aermchen ausstreckte. Dann lachte auch Marietta. Felice wohnte dieser Scene häufig bei. Mit geballten Händen stand er neben seiner Mutter, aus düstern Augen den vornehmen Mann feindselig anstarrend. Jedesmal, wenn Sor Sebastiano vorüber, sagte er mit einem tiefen Atemzug: »Der hat den Vater totgeschossen! Wenn ich groß bin, schieße ich ihn wieder tot.« Seine Mutter erwiederte nie ein Wort, doch sie sah ihren Sohn mit demselben entsetzten Blick an, mit dem sie ihn an jenem Abend angeschaut hatte, als sie, vom Schein der Lampe beleuchtet, vor ihm gestanden.

Wochen, Jahre vergingen. Die Witwe des Gemordeten sank immer tiefer in Elend und Not. Verdiente sie sich einmal etwas durch Spinnen, verspielte sie das Geld sogleich wieder in der Tombola; die kleinen Gewinste, die sie von Zeit zu Zeit erhielt, verthat sie entweder in Pizzakuchen, den sie ihrem Jüngsten aus Frascati mitbrachte, oder für geweihte Kerzen. Zu Totenmessen reichte es nicht mehr aus.

Sor Sebastiano betrieb unterdessen seinen doppelten Lebensberuf mit Nutzen und Erfolg weiter. Er war noch immer nicht verheiratet, aber man munkelte, daß er um ein albanisches Mädchen werbe. Marietta vernahm das Gerücht mit einer an Stumpfsinn grenzenden Gelassenheit. Sie hockte so ziemlich den ganzen Tag vor der Hütte, ließ den jetzt sechzehnjährigen Felice für die Ernährung der Familie sorgen und lebte dann nur für Augenblicke auf, wenn sie Sor Sebastiano vorbeigaloppieren sah, oder wenn der kleine Carlo, von Hunger getrieben, zu ihr gelaufen kam. Ihre mütterlichen Liebkosungen nahmen immer mehr den Charakter einer solchen Leidenschaft und Wildheit an, daß der Knabe unter ihren Umarmungen und Küssen häufig mörderisch zu schreien begann. Mehr und mehr fing er an, sich vor seiner Mutter zu scheuen, während er seinem Bruder Felice, den er abgöttisch liebte, trotzdem dieser ihm nie ein freundliches Wort gab, beinahe nicht von der Seite ging. Marietta haßte deshalb ihren Erstgebornen.

Unmittelbar hinter der Steinhöhle, welche die Lestes bewohnten, erstreckte sich der Wald von Grottaferrata, eine schöne Wildnis von Myrten und Lorbeerdickichten, aus denen gigantische Eichen, umschlungen von Epheu, feierlich aufstiegen. Scharen von Wildtauben und glänzend gefiederten Blaudrosseln, von Amseln und Nachtigallen belebten diese köstliche Waldung, sie mit ihrem Gesang erfüllend und durchtönend. Felice trieb sich zu jeder Jahreszeit von früh bis spät darin umher mit seines Vaters Büchse und schoß Vögel. Als echter Italiener machte er zwischen einer Krähe und einer Nachtigall nicht den geringsten Unterschied. Sehr bald gewann er eine solche Fertigkeit und Sicherheit im Schießen, daß er den kleinsten Vogel im Fluge traf. Jeden Abend brachte er seinen Jagdkorb, den er sich selbst aus Binsen geflochten, voller gefiederter Beute nach Haus. Was sie nicht verzehrten, verkaufte er in Frascati.

Im nächsten Sommer hieß es plötzlich: Sor Sebastiano hält Hochzeit.

Am Tag vor der Vermählung sollte in der Vigne ein ländliches Fest gefeiert werden. Am Morgen schickte der Bräutigam einen Boten an Marietta: Wenn sie heute wieder vor ihrer Hütte hocke, werde man sie andern Tages zwingen, sie zu verlassen. Sie möge dann zusehen, wo sie unterkomme; in Frascati würde kein Mensch sie und ihr Kind aufnehmen. Als der Mann diese Drohung ausrichtete, war Felice zugegen. Marietta gab keinerlei Bescheid und that, als ginge sie die ganze Sache nichts an; auch ihr Sohn blieb stumm. Sobald sich der Knecht entfernt, kramte sie ihren sorgfältig verwahrten Sonntagsstaat hervor und begann sich festlich anzukleiden. Felice sah ihr zu, ergriff dann seine Büchse und verließ, ohne ein Wort zu sagen, die Kammer. Er begab sich in seine Stube, wo er noch eine jener Kugeln verwahrte, die seine Mutter einstmals dem Vater hatte gießen helfen.

Schon um Mittag saß Marietta trotz der Sonnenglut in vollem Staat vor der Thür und schaute unverwandt auf die Straße. Der kleine Carlo, der den ganzen Nachmittag seinen Bruder draußen gesucht hatte, kam bitterlich weinend zur Mutter, die ihn mit einem Stück Maisbrot trösten sollte. Marietta gab ihm außer ihrem eignen Anteil auch noch den von Felice, dem Kinde überdies einen großen süßen Kuchen versprechend, wenn es hübsch artig bei ihr bleibe. Solcher Lockung war nicht zu widerstehen. Mit vollen Backen kauend setzte sich der Knabe glückselig zu Mariettas Füßen, bei jedem Geräusch erwartungsvoll aufblickend, ob sein lieber Felice nicht endlich komme.

Gegen Abend vernahm Marietta von fern festlichen Lärm: Tamburingerassel, Lautenspiel und die schwermütigen Töne des Dudelsacks. Junge Burschen sangen dazu. Marietta wußte, was sie sangen: das Brautlied. Sie konnte es auswendig, denn sie hatte es sich einmal selbst gesungen, leise, leise, damit ihr Mann sie nicht vernahm. Regungslos dasitzend und lauschend, sang sie unwillkürlich mit: leise, leise.

Immer näher schallten Musik und Gesang. Carlo sprang auf und wollte hinlaufen. Aber seine Mutter hielt ihn fest und zog ihn an ihre Kniee. Das Abendrot hüllte Mutter und Kind in eine Glorie.

Bald ward zwischen den hohen Hecken der Zug sichtbar. Voraus in ihrer buntesten Festtracht latinische Landleute, Feldarbeiter des Sor Sebastiane, welche die Musik und den Gesang vollführten. Dann zu Pferd, prächtig geputzt, Bräutigam und Braut, von jungen, Tamburin schwingenden Mädchen umtanzt. Dem Paare schlossen sich die gleichfalls berittenen Gäste an, Volk von Frascati und andern albanischen Bergstädten drängte nach.

Marietta rührte sich nicht.

Als der Zug zur Hütte kam, stieß der kleine Carlo einen Freudenschrei aus, riß sich von seiner Mutter los und wollte auf Felice zueilen, der eben aus dem Hause trat. In demselben Augenblick fiel ein Schuß. Sor Sebastiano wankte im Sattel und stürzte mit dem Oberleib auf den Hals seines Pferdes.

»Sieh, Carlo, das ist dein Vater!«

Mit diesen wild gerufenen Worten riß Felice den Knaben auf und zeigte ihm den Gemordeten. Gleich darauf war er in der Macchie verschwunden. Bei der nun folgenden Verwirrung dachte niemand daran, ihn zu verfolgen. Keiner der Landleute hätte es wohl auch gethan.

Marietta gebärdete sich wie unsinnig; sie verwünschte ihren Sohn und schrie in einem fort: »Ich bin es ja gewesen, die den Gino Leste umgebracht hat! Ich bin es ja gewesen!« Man hielt sie für toll und vertrieb sie mit Schlägen. Wie ein Hund schlich sie von weitem der Leiche nach, die man in die nächste Kapelle schaffte, und kauerte die ganze Nacht auf der Schwelle.

* * *

Zwanzig Jahre später setzte die päpstliche Regierung auf den Kopf eines volskischen Briganten einen hohen Preis. Dieser Räuber war Felice Leste.








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