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Feierstunden - Vorwort

Max Eyth: Feierstunden - Vorwort - Kapitel 1
Quellenangabe
typepreface
authorMax Eyth
booktitleFeierstunden
titleFeierstunden - Vorwort
publisherCarl Winter's Universitätsbuchhandlung
printrunDritte vermehrte Auflage
year1904
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070204
projectid4f5c2727
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Max Eyth

Feierstunden


Vorwort

Der Sprung aus den luftigen Höhen einer polytechnischen Schule in die Tiefen der Praxis war in meinen jungen Jahren schwieriger als heutzutag. Man wußte in der Praxis noch nicht, wozu Polytechniker auf der Welt waren, und die Schulen wußten erstaunlich wenig von der Welt der Praxis. So kam's, daß ich an einem trüben Novembermorgen des Jahres 1856 in ganz eigentümlicher Gemütsverfassung vor einem riesigen Schwungrad saß – riesig für meine damaligen Begriffe –, das in der düstern Montierungswerkstätte der Gebrüder Göbel, Eisengießerei und Maschinenfabrik zu Heilbronn am Neckar, auf niedern Holzböcken wagrecht ausgelegt und soeben zusammengeschraubt worden war. Denn es bestand aus acht Segmenten und hatte achtmal achtundvierzig sieben Zoll breite Zähne, mit denen es mich drohend anfletschte. Nach einer Drehbank, ein solches Rad abzudrehen, sehnten sich die Herren Gebrüder Göbel noch vergebens; von einer Fräsmaschine, ihm die Zähne zu putzen, wußte man überhaupt noch nichts. So setzte man mich armen, jungen Wurm vor das Ungetüm, gab mir vier Meisel, einen Hammer und ein paar wohlgebrauchte alte Feilen und vertraute mir eine Blechschablone an, in der ich kopfnickend eine Epizykloidenverzahnung erkannte; denn umsonst hatte ich denn doch das Polytechnikum nicht besucht.

»Nun machen Sie sich dran«, sprach der Werkführer verdrießlich, der mich nach einigem Nachdenken vor das Rad geführt hatte. »Meiseln Sie mir die Zähne ab, Herr – –. Aber fein pünktlich, nach der Schablone, Herr – – Munter, munter!«

»Ich heiße nicht Munter«, sagte ich bescheiden.

»Donnerwetter, machen Sie keine faulen Witze«, erwiderte er mit großer Schärfe und ließ mich stehen. Boshaft lächelnd, wie es schien, brachte er mir nach einer halben Stunde als Leidensgenossen einen Karlsruher, mit gewaltigem Vollbart, der mir für einige Zeit eine unnatürliche Hochachtung einflößte. Glücklicherweise besaß der Neuling, soweit sein Bart dies erkennen ließ, ein kurzes Stumpfnäschen und zwei herzensgute kleine Äuglein, wie man sie bei einem Karlsruher nicht entfernt erwartete. Ohne unpassende Bemerkungen nahm er innerhalb des Rades Platz, und begann seine vier Meisel zu betrachten. Denn das infame Ding, das Rad, hatte auch noch achtmal siebenundzwanzig nach innen gerichtete Zähne, die von dieser Stunde an der Behandlung von Herrn Peters anvertraut waren.

Ich will nichts von dem Elend der nächsten Wochen berichten, das mir in einem besseren Leben angerechnet werden dürfte, von den endlosen Stunden von 5 bis 12 und von 1 bis 7 Uhr in dem rußgeschwärzten Winkel, in dem es nie Tag wurde, von den Öllämpchen, bei denen wir arbeiteten und die gerade hell genug brannten, um den zu bearbeitenden Zahn und seine zwei Nachbarn zu beleuchten, von den Meiseln, die bald zu hart, bald zu weich und immer zerbrochen waren, von den stumpfen Feilen, mit denen der Kuckuck nicht in die Ecken kommen konnte, wo ein verfehlter Meiselhieb besondere Nachhilfe erforderte. Ich sage nichts von dem namenlosen Jammer, mit dem uns ein aus Zorn oder Versehen abgeschlagenes Zahnstück erfüllte, bis wir den Segen des Pfuschens erkannt und es sogar in heimlicher Verborgenheit ohne fremde Hilfe wieder anzukleben gelernt hatten. Ich schweige, wie billig, von den zerschlagenen Fingern, von dem Stück meiner Nase, um das mich ein beim Schmieden aus der Zange gesprungener Meisel gebracht hat, von all den Schweiß- und Blutstropfen, die schließlich an diesem Rade hingen Es ist ja vermutlich schon längst zugrund gegangen. Möge es im Frieden ruhen!

Doch selbst die finsterste Nacht hat ihre Sterne; sie warfen nach kurzer Zeit kleine milde Strahlen auch in die unsere. Freund Peters war allerdings ein Ausländer, ein richtiger Badenser, und die Karlsruher verachteten damals uns Stuttgarter wegen ihres Redtenbachers, der uns allen heute wie ein alter Runenstein technischer Wissenschaft erscheint, unbrauchbar und verehrungswürdig. Wir vergalten ihnen dies durch einen ausgesprochenen Mangel an Zuneigung. Aber wenige Tage an unserem gemeinsamen Rad genügten, um diese Gefühle vollständig abzuschleifen. Stuttgart und Karlsruhe meiselten hinfort in musterhaftem Wetteifer, daß es den grämlichsten Werkführer hätte freuen können. Den Kerl freute aber nichts.

Peters war überdies ein Philosoph. Seine atomistische Erklärung der Anziehungskraft war großartig. Ob er sie selbst erfunden hatte, weiß ich nicht; er glaubte es. Sie entwickelte sich jedenfalls in jenen zwei Wintermonaten in erstaunlicher Weise, umfaßte bereits das Kapitel der chemischen Verwandtschaften und war nahe daran, auf das ethische Gebiet überzugehen, ja, ließ da und dort schon eine heilsame Umgestaltung der wichtigsten menschlichen Beziehungen voraussehen. Ich wußte an einem eigentümlichen Zucken seines schwarzen Bartes, daß wieder ein neues Licht über dem Chaos unseres Erkennens aufgegangen war. Wenn er gar beim Meiseln plötzlich vor der Zeit still hielt – vorausgesetzt, daß er sich nicht auf die Hand gehauen hatte –, das Öllämpchen vom Haken nahm und den schmierigen Docht mit der Meiselspitze nachdenklich aus der halbzerquetschten Röhre herauszog, durfte ich sicher sein, abends beim Nachhausegehen eine lange Abhandlung zu hören, von der ich nicht den zehnten Teil zu verstehen brauchte, ohne meinen Freund zu kränken.

Auch ich hatte meine Art, mich zu trösten, entdeckt. Ich machte Gedichte. Das taktmäßige Meiseln trug viel dazu bei. Es gab den Sachen ihren einfachen, natürlichen Rhythmus, so daß Dichten und Meiseln fast eine traute Gewohnheit wurde. Damals entstanden die »Lieder am Schraubstock«, die im vorliegenden Bande zu finden sind. Das heißt, um die Wahrheit zu gestehen, ungefähr dreimal soviel, denn auf sieben Zähne kam durchschnittlich ein Gedicht. Aber sie waren, wie die Zähne, nicht alle gleichwertig. Wenn ich Peters das neueste mitteilte, und er es mit dem höchsten Lobspruch bedachte, den ich ihm abringen konnte: »Nicht übel, Eyth, nicht übel!«, so wurde es für künftige Geschlechter aufbewahrt. Die übrigen blieben in den Feil- und Meiselspänen in der Fabrik zurück.

Das Leben wurde auf diese Weise fast erträglich. Was uns nebenbei wunderte, war, daß der Werkführer unsere wachsende Zufriedenheit nicht zu teilen schien. Unser Erstaunen erreichte jedoch einen ungeahnten Höhepunkt, als wir kurz vor Weihnachten entlassen wurden.

Mit rauher Hand riß uns das Schicksal auseinander, noch ehe sein Rad ganz fertig geworden war. Zwei ungebildete, jeder höheren Regung bare Schlosser sollen es schließlich vollendet haben, natürlich, auf Grund unserer monatelangen, unermüdlichen Arbeit, in sehr kurzer Zeit, Wir setzten uns am letzten unserer Heilbronner Abende in ein verborgenes Weinkneipchen, leerten gemeinsam die beste Flasche Neckarwein, die um Geld und gute Worte zu haben war, und bedauerten die Gebrüder Göbel, die in ihrem Unverstand wohl nie mehr in die Lage kommen würden, an ein und demselben Tag einen Philosophen und einen Poeten zum Kuckuck zu jagen.

Als mir sodann einige Wochen später, nicht ohne den schwerwiegenden Einfluß eines würdigen Großonkels, dessen warnende Mahnungen ich achtungsvoll in den Kauf nehmen mußte, bei Kuhn in Berg zum zweitenmal gestattet war, im Schlund der Praxis unterzutauchen und mir zum Beginn fünfzehn kleine Lagerstühle anvertraut wurden, auf die ich die Deckel aufzupassen hatte, überdachte ich meine Stellung zum Weltganzen mit großem Ernst. Das Ergebnis war der Vorsatz, künftig während der Arbeitszeit nur im äußersten Notfall zu dichten. Dem eisernen Festhalten an diesem Entschluß verdankt das vorliegende Buch seine Entstehung und ich wahrscheinlich eine Lebensrettung. Ob mein philosophischer Freund zu einem ähnlichen Aufschwung im Niedergang die Kraft nicht fand, weiß ich nicht, denn er starb kurz nach unserer Trennung und ist dadurch, wollen wir hoffen, in seiner atomistischen Welterkenntnis weitergekommen, als es mit Hilfe aller Zahnräder dieser Erde möglich gewesen wäre.

Natürlich ließ ich selbst von meinen übeln Gewohnheiten nicht völlig ab. Wenn die Fabrikpfeife ihren schrillen Abendruf durch Mark und Bein sandte und wir müde und abgespannt nach Hause trollten; später auch, wenn es nicht mehr nötig war, nach einer Dampfpfeife zu tanzen, unterbrach hin und wieder eine Feierstunde oder gar ein Feiertag das einförmige oder buntgewürfelte Treiben des Berufs. Dann fand ich mich zurück in die Welt, in der ein tröstender Genius dem geplagten Wanderer die Steine der Wirklichkeit aus dem Pfad räumt und manchmal eine Blume am Weg blüht, die des Pflückens und eines Herbariums wert scheint. So entstanden die Skizzen und Geschichtchen, die dieser Band zusammenfaßt: bald im Rauch eines Fabrikviertels, bald im herbstlichen Nebel eines halbgepflügten Feldes, bald in der Einsamkeit einer Millionenstadt, bald am schweigenden dämonenbelebten Rand einer Wüste. Am wunderlichsten war vielleicht die Entstehungsgeschichte des Waldteufels, dessen erste beiden Aufzüge ich malaria- und heimwehkrank in einer Lehmhütte am versumpften Ufer des Burlossees, im Nildelta, schrieb. Ein Paket für Zuckerhüte bestimmten Umschlagpapiers, das sich in einer kleinen, verkrachten Zuckerfabrik der Nachbarschaft vorfand, kam mir hierbei sehr zu statten. Dem Stück aber merkt man an, hoffe ich, daß mich damals die alte Heimat wieder einmal gewaltsam ans Herz zu ziehen suchte. Glücklicherweise hatte ich genügend Chinin bei mir, so daß der Anfall ohne weitere Folgen vorüberging.

So kam's, daß dieses Büchlein zunächst als Teil meines »Wanderbuchs eines Ingenieurs« das Licht der Welt erblickte. Nun ist meine Wanderzeit samt dem Wanderbuch im Strom alles Vergänglichen mit Anstand untergegangen und – merkwürdigerweise – nur die Feierstunden sollen noch einmal auftauchen. Ich sehe sie schon im Wirbel von tausend andern Büchern dahinjagen. Mögen sie's versuchen! Wenn sie da und dort in den Feierstunden anderer einen freundlichen Nachklang wecken sollten, haben sie mehr erreicht, als die Taugenichtse jemals erstrebten.

Ulm, im Januar 1904.

Max Eyth.

Feierstunden

Ein Pfiff! – Den Hammer weg, weg das Gefeil!
                Stoßend und trabend
Hinaus zum Haus in stürmischer Eil'!
                – Feierabend! –
        Noch hängt an den Bergen das Abendlicht:
            Aus luftigen Höhen ein fröhlicher Gruß.
        O du sonnige Welt, kennst du mich nicht?
            Ich grüße dich wieder aus Rauch und Ruß!

Und soll ich jetzt feilen an Wort und Schrift
                Schmirgelnd und schabend,
Weil alles so glatt nicht zusammentrifft?
                – Feierabend! –
        Nein! Treiben will ich's trotz Eisen und Erz,
            Trotz Feder und Tinte die kurze Frist,
        Und singen und sagen, wie mirs ums Herz
            Und wie mir der Schnabel gewachsen ist!








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