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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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7

Die frohen, berauschten Teufel lärmten hierauf, daß sie das Geheul der Verdammten selbst überbrüllten. Auf einmal erscholl Fausts mächtige Stimme von der Oberwelt durch die Hölle. Es war ihm gelungen, durch seinen Zauber bis in den Abgrund zu dringen, und einen der ersten Fürsten des schwarzen Reichs aufzufordern. Seiner Gewalt war nicht zu widerstehen. Frohlockend fuhr Satan auf: »Es ist Faust, der da ruft; nur dem Kühnen konnte es gelingen, nur der Verwegne konnte es wagen, so gewaltsam an die ehernen Pforten der Hölle zu schlagen. Auf! ein Mann wie er ist mehr wert als tausend der elenden Schufte, die wie Bettler sündigen, und auf eine alltägliche Art zur Hölle fahren.« Er wandte sich zu dem Teufel Leviathan, seinen Liebling:

»Dich, den geschmeidigsten Verführer, den grimmigsten Hasser des Menschengeschlechts, fordre ich auf, hinaufzufahren, und mir die Seele dieses Kühnen durch deine gefährliche Dienste zu erkaufen. Nur du kannst das gierige Herz, den stolzen rastlosen Geist dieses Verwegnen fesseln, sättigen, und dann zur Verzweiflung treiben. Fahre hinauf, verjage den Dunst der Schulweisheit aus seinem Gehirne. Segne durch das üppige Feuer der Wollust, die edlen Gefühle seiner Jugend, aus seinem Herzen. Öffne ihm die Schätze der Natur, treibe ihn hastig ins Leben, daß er sich schnell überlade. Er sehe Böses aus Gutem entspringen, das Laster gekrönt, Gerechtigkeit und Unschuld mit Füßen getreten, wie es der Menschen Art ist. Führe ihn durch die wilden, scheußlichen Szenen des menschlichen Lebens, er verkenne den Zweck, verliere unter den Greueln den Faden der Leitung und Langmut des Ewigen. Und wenn er dann abgerissen steht von allen natürlichen und himmlischen Verhältnissen, zweifelnd an der edlen Bestimmung seines Geschlechts, der Sinn der Wollust und des Genusses in ihm verdampft ist, er sich an nichts mehr halten kann, und der innre Wurm erwacht, so zergliedere ihm mit höllischer Bitterkeit die Folgen seiner Taten, Handlungen und seines Wahnsinns, und entfalte ihm die ganze Verkettung derselben, bis auf künftige Geschlechter. Ergreift ihn dann die Verzweiflung, so schleudere ihn herunter, und kehre siegreich in die Hölle zurück.«

Leviathan. Satan, warum wendest du dich abermals an mich? Du weißt es, mir ist das ganze Menschengeschlecht und die Erde, ihr Tummelplatz, längst zum Ekel geworden. Was ist aus den Kerls zu machen, die weder Kraft zum Guten noch Bösen haben? Den, der eine Zeitlang mit dem Phantom Tugend buhlt, machen bald Gold, Ehrgeiz oder Wollust zum Schurken, und tritt auch einer oder der andre kühn in die Bahn des Lasters, so fährt er auf halbem Wege vor den Gespenstern seiner schwächlichen Einbildungskraft zurück. Ja, wenn es noch ein heißer, stolzer Spanier, ein rachsüchtiger, spitzbübischer Italiener; oder ein lustiger, verbuhlter Franzose wäre! aber ein Teutscher? träge Klötze, die sich vor Ansehen und Reichtum, vor allen unnatürlichen Unterscheidungen der Menschen sklavisch beugen, von ihren Fürsten und Großen glauben, sie seien von edlerem Stoffe gemacht als sie, und ganze Kerle zu sein glauben, wenn sie sich für sie totschlagen, oder zum Totschlagen an andre Fürsten verkaufen lassen. Vernimmst du seit Jahrhunderten ein Wort von Empören gegen Tyrannei? von Kampf und Blutvergießen um Freiheit und die Rechte der Menschheit. Sie glauben sich frei, weil es ihre Fürsten und Bischöfe sind, die sie schinden können, wie es ihnen gefällt. Noch ist keiner von ihnen auf eine stattliche Art zur Hölle gefahren, ein Beweis, daß dies Volk keine sich auszeichnende Köpfe hat. Ich meine von jenen, die keck alle Verhältnisse benagen, den diamantnen Schild Eigenheit erkämpfen, an dem sich alle himmlische und irdische Vorurteile zerschlagen. Zeige mir einen solchen Mann, der auf die Gefahr seiner Seele groß sein und bleiben will, und ich fahre hinauf.

Satan. Leviathan, sollen Teufel sich von Vorurteilen blenden lassen, wie die Söhne des Staubs? Der Mann nach unserm Sinn wird unter jedem Himmelsstrich geboren; dies wird er dir beweisen. Er ist einer von denen, die die Natur zum Großen geschaffen, mit allen heißen Leidenschaften ausstaffiert hat, und die sich gegen die alten Verträge der Menschen empören. Wenn ein solcher Geist durch dieses Spinnengewebe reißt, so gleicht er einer Flamme, die durch ihre Heftigkeit den Stoff ihres Glanzes nur schneller aufzehrt. Er ist einer der Philosophen auf Schöngeist gepfropft, die durch die Einbildungskraft fassen wollen, was dem kalten Verstande versagt ist, und die, wenn es ihnen mißlingt, alles Wissen verlachen, und den Genuß und die Wollust zu ihrem Gott machen. Fahr hinauf, Leviathan, bald wird ein Feuer in Teutschland ausbrechen, das ganz Europa umfassen wird. Schon schießt der Keim des Wahnsinns auf Jahrhunderte auf, und das, was der Teutsche einmal gefaßt hat, davon läßt er nicht ab.

»Bravo, satanische Majestät!« rief auf einmal ein Schatten obiger Art, der hinter dem Satan zur Aufwartung stund; »mögen sich die Spötter dies merken. Ja wohl, was der Teutsche einmal gefaßt hat, davon läßt er nicht ab!«

Die Teufel erstaunten über die Kühnheit des elenden Schatten; aber Satan, der wegen des Ballets und Fausts Erfindung bei guter Laune war, blickte ihn gnädig an, und sagte:

»Wer bist du dünne Gestalt?« »Ein teutscher Doktor Juris, hochgebietender Satan! Halte mir doch, Eure gestrenge Majestät, zu Gnaden, wenn ich respektwidrig meine Empfindlichkeit über die Verspottung meines Vaterlands zeigte, und zugleich merken ließ, wie sehr mich das Lob Eurer Majestät ergötzte. Dürft ich es nur untertänigst wagen, Teutschlands Verteidigung gegen den großen und furchtbaren Fürsten Leviathan zu übernehmen, ich bin gewiß, er würde es bald, vor allen Ländern Europas, zu seinem Aufenthalt erwählen.

Satan lächelte, und sagte: »Ich vergebe dir deine Kühnheit; steige auf das Theater, und laß hören, was du zum Lobe deines Vaterlands vorzubringen hast. Es soll mir lieb sein, wenn du die Teutschen bei dem Fürsten Leviathan in Gunst setzest.«

Der Doktor Juris stieg keck auf die Bühne, sah sich um, und erhub seine Stimme:

»Vorerst, furchtbare Fürsten der Hölle, erlaubt mir, daß ich einen allgemeinen Blick, auf Teutschlands weise Verfassung werfe; gelingt mir dieses, wie ich mir schmeichele, so will ich dann versuchen, jede Anklage des Fürsten Leviathans, Stück für Stück, zu beantworten. Vergebt mir, wenn meine Beredsamkeit dem hohen Gegenstand nicht entspricht. Noch bin ich des Dampfes, Gebrauses und Geheuls der Hölle nicht ganz gewohnt; ich lebte auf Erden immer in der Stille der fürstlichen Gemächer, wo keiner laut zu schreien wagt, wenn auch selbst der Tod, in der Gestalt einer peinigenden Kolik, in seinen Eingeweiden wütete. Auch ist es schwer, vor einer so gefährlichen Gesellschaft ohne Zittern, und aus dem Stegreife zu reden; doch Vaterlands-Liebe besiegt selbst die Schrecken der Hölle. Aber nur in einem Teutschen! Mögen es die Spötter merken!

Unser geliebtes Teutschland ist, wie alle Welt weiß, eine wahre fürstliche Republik, bestehend aus welt- und geistlichen Fürsten, Grafen, Baronen, und des Heiligen Römischen Reichs Rittern, die sich alle unter dem erhabenen Glanze eines einzigen Oberhaupts vereinigen. Von welchem Lande kann man dies sagen? Kühn fordere ich die ganze Hölle auf, alle große Geister, die sie in ihrem unendlichen Bezirk einschließt, mir eine erhabnere Staats-Verfassung zu zeigen? Gebt euch nur die Mühe, ihr Spötter, die ihr mich mit euren Grimassen verwirren möchtet, sie zu studieren; ihr werdet bald sehen, daß es selbst für einen Teufel ein ungeheures Unternehmen ist, das aber freilich die Mühe reichlich belohnt. Sagt mir, wo auf Erden glänzt das FeudalsystemIch weiß, daß ich hier Gefahr laufe, beschuldigt zu werden, den Sinn der ganzen Rede des Doktors aus einigen teutschen Journalen abgeschrieben zu haben. Man tut mir aber sehr unrecht; die Züge passen nur auf das funfzehente Jahrhundert, in welchem dieses Drama spielt. Weiß doch jedermann, daß gegenwärtig von diesem System, das den Doktor noch in der Hölle entzückt, keine Spur in Teutschland zu finden ist. Ich konnte darum dem Publico diese Rede nicht weiter vorenthalten, damit man sehe, wie weit wir uns von unsern Vorfahren entfernt haben. Doch dieses werden die berühmten Kapitel über die Privilegien und die Rechte teutscher Nation in unserm vortrefflichen klassischen Buche über die teutsche Staats-Verfassung noch besser ins Licht setzen. Man vergleiche es nur mit Colins Werk über Engelland, und man wird sehen, daß sich beide Bücher, wenigstens in den Kapiteln über Volks-Recht, vollkommen gleichen., das Meisterstück der Gewalt und des menschlichen Verstandes, in seiner ganzen Pracht, als in Teutschland? Wo hat es sich so rein und vollkommen erhalten, als in Teutschland? Darum auch ist kein Reich auf Erden glücklicher, als mein geliebtes Vaterland. Fürsten- und Herren-Recht auf der einen Seite; auf der andern Gehorsam, wie es sein muß. Ich habe wohl ehedem Bücher über andre Staatsverfassungen gelesen; aber sie wollen eben nicht viel sagen. Sie sind vor Jahrtausenden geschrieben, d. i. zu einer Zeit, wo die Staatsleute noch so kindisch waren, ein langes und breites über das Volk und dessen Gerechtsame zu schwatzen. Wahrlich es ist mir unbegreiflich, wie die Alten, die doch in manchen andern Stücken einen Anschein von Verstand haben, über diesen Punkt solchen Unsinn lehren konnten. Doch die Blinden kannten leider das Feudal-System nicht! und Männer, die sie Barbaren schalten, haben dies herrliche Gebäude, auf den Trümmern des ihrigen, aufgeführt. Es wäre nun einmal Zeit, daß man diese alten Bücher auf die Seite schaffte, denn unsere Staatsbücher enthalten alles, was der Mensch zu wissen nötig hat. Ich schwöre euch, erhabene Fürsten der Hölle, wenn mir einer von euch, außer den Rechten benannter hohen Personen, nur ein einzig Wort über das Recht des Gesindels der Menschen in einem unserer Staats-Büchern zeigen kann, so will ich mich zu einer brennenden Fackel drehen lassen, und die Ehre haben, auf Seiner Majestät prächtiger Tafel zu leuchten. Sollte diese Strafe meiner Vermessenheit nicht hinreichend scheinen, so mag mich seine hohe Satanische Majestät zu dem Mönch, der das Pulver erfunden hat – (im Vorbeigehen gesagt, auch ein teutscher – merkt es, ihr Spötter! – Der Ewige stürzte ihn in die Hölle, weil er, anstatt für die Erhaltung seiner Brüder zu beten, zu ihrer Zerstörung arbeitete –) so sag ich nun – Seine Majestät soll mich, wenn Ihr mir ein solches Recht aufweisen könnt, in den Mittelpunkt der glühenden Kugel keilen lassen, den sie besagtem Mönch zum eignen warmen Aufenthalt anzuweisen geruhte, und mögen die gnädigen Herren, mit besagter Kugel, und unsern hineingekeilten Seelen, zum hohen Zeitvertreib den Ball schlagen, so oft es ihnen gefällt. Ich hab an unsern Höfen gelernt, mit mir spielen zu lassen.«

»Bravo«, riefen die Teufel. »Ein wahrer Patriot! Nimm ihn beim Wort, Satan!«

Satan lächelte: »Fahr fort, Doktor, du wirst nicht zu dem Mönch in die glühende Kugel gekeilt werden, denn wir haben nie von einem solchen Rechte, wohl aber von einem Faustrecht gehört.«

Doktor Juris. Ein vortreffliches edelmännisches Recht, das leider etwas in Abnahme kommt.

Die Teufel wieherten und zischten.

Doktor Juris. Wiehert nur ihr Spötter, und schneidet mir Gesichter! die gnädige Miene, das Huldlächeln Satans versüßen mir euren Spott. Ha, wißt nur immer, ein Doktor Juris ist in Teutschland ein ganzer Kerl, und wird ein Edelmann, sobald er promoviert hat. Übrigens gibt ihm sein Diplom das Recht, das Gesindel von Menschen so gut nach seiner Art zu schinden, wie der Edelmann. Denn hat bei uns der Edelmann das Faustrecht seiner Hände, so hat der Gelehrte das weit gefährlichere Faustrecht des Verstandes. Und er nutzt dieses Recht sogar ohne Gefahr für seine hohe Person, denn eben die Gesetze, die er gegen oder für andere wendet und dreht, wie er will, werden ein Schild gegen jeden Angriff an seiner klugen Brust. Daraus seht ihr zugleich, was Gelehrsamkeit für ein Ding ist!

Satan. Der Mann spricht ganz wie ein Mensch, und macht mir viel Freude. Leviathan, hättest du dieses einem Teutschen zugetraut? – Es lebe Teutschland und treibe viele deinesgleichen hervor! Es lebe das Feudal-System!

Die Teufel brüllten. Es lebe Teutschland! Es lebe das Feudal-System!

Den ersten Freudenruf schrie Fürst Leviathan nicht mit.

Satan. Doktor, hast du noch etwas zu sagen?

Doktor Juris. Eure Majestät erlauben mir nun, dem Fürsten Leviathan auf seine besondern Anklagen zu antworten.

Erstlich sagt er: Ja wenn es noch ein heißer Spanier, ein rachsüchtiger, spitzbübischer Italiener, oder ein verbuhlter Franzose wäre! Meint etwa der Herr, wir hätten keine hervorstechende Laster? Geh er doch in unsre Klöster und an die Höfe unsrer Fürsten; oder laß ihn, Hochgebietender! nur einen kleinen Spazierritt durch die Hölle machen, und meine brave Landsleute fragen, warum sie hier sind? Freilich nach mir muß er sie nicht beurteilen; ich hatte nicht Kraft genug, ein großer, kühner Sünder zu werden; aber dies kam daher, daß ich meinen Vorteil mehr im Heucheln gewisser Tugenden fand, und mich meine Frau zu tyrannisch beherrschte. Bloß darum bin ich nun ein Mittelding unter den Verdammten.

Zweitens sagt Fürst Leviathan: wir beugten uns sklavisch vor den Großen, und glaubten, unsre Fürsten seien von edlerm Stoffe wie wir. Warum denn nicht? Sind unsre Fürsten nicht vortreffliche Herren? Ein großer Herr ist freilich ein andres Ding, als unser einer, denn er kann wohl und weh tun. Sollen wir etwa nicht das Volk in diesem Wahn zu erhalten suchen, da wir feinern Leute, unter ihren schützenden Flügeln, unser Hühnchen ungestört rupfen? Ist ja doch überall Rangordnung, auf der Erde, hier in der Hölle, und dem Lande, von dem ich ausgeschlossen bin!

Drittens sagt Fürst Leviathan: die Teutschen glaubten ganze Kerle zu sein, wenn sie sich für ihre Fürsten totschlagen; oder zum Totschlagen an andere verkaufen ließen. Auf das erste antworte ich nicht, denn dafür sind sie da, wie wir Juristen beweisen; aber warum sollte er sie nicht verkaufen? Verkauft nicht jeder sein Eigentum, es sei Ochs, Rind, Pferd, Kuh, Schwein oder Kalb? Und wenn ihm nun sein Land nicht Gold genug geben kann, es andern Fürsten in Pracht und Aufwand gleich zu tun? Doch ich schäme mich über eine so klare Sache vor einer so erleuchteten Versammlung, vor unsterblichen Geistern, ein weiteres zu reden.

Viertens sagt Fürst Leviathan zu seiner Majestät: Vernimmst du seit Jahrhunderten etwas von Empören gegen Tyrannei: Was will er mit diesem Worte sagen? Wir kennen keine Tyrannei, unsre Fürsten sind die besten Herren von der Welt, so lang sie ihren Willen haben, das heißt, tun dürfen, was ihnen gefällt, und mich deucht, wenn man dies nicht kann, so ist es wohl nicht der Mühe wert, ein Fürst zu sein. Außerdem macht es der Nation Ehre, einen Herrn zu haben, der alles vermag, und dem niemand widersprechen darf. Und warum sollten sie sich empören? Was geht ihnen wohl ab? Sind sie nicht gekleidet, dürfen essen und trinken, was sie bezahlen können? Erlaubt man ihnen nicht alle übrige Freuden des Fleisches, wenn sie nur tun, was man ihnen befiehlt, und ihren Überfluß zur Ehre des Landes hergeben. Auch ist dem Fürsten das Wort schinden entfallen. Was soll es heißen? Das Schaf trägt Wolle, damit es geschoren werde, der Bürger und der Bauer haben darum Hände, daß sie im Schweiß ihres Angesichts arbeiten, und die Gelehrten, die Geistlichen, die Großen, der Adel und die Fürsten, haben darum Verstand, für sie zu denken, zu wachen, und den Gewinn ihres Schweißes zu verzehren. Dieses alles liegt in der Natur, sehr edle Herren, und ist überall Sitte.

Was da fünftens Fürst Leviathan von der Eigenheit und ihrem diamantnen Schilde gesprochen hat, und merken ließ, als wenn uns diese fehlte, so würde ich darüber lachen, wenn es einem armen Schatten, wie ich bin, erlaubt wäre. Ei! sind doch unsre Privilegien unsre Eigenheit, und wer die antastet, der würde ebenso guttun, einen schlafenden hungrigen Wolf bei den Ohren zu zupfen. Auch sprach der Fürst Leviathan, etwas von dem Rechte der Menschheit. Darauf antworte ich nicht, denn ich habe in meinem Leben nichts davon gehört, und wenn ich, der ich alle alte und neue Bücher gelesen habe, nichts davon weiß, wenn mir, der ich mit den Großen mein ganzes Leben zugebracht habe, nichts davon zu Ohren gekommen ist, so muß wohl an dem ganzen Dinge nichts sein. Recht heißt von einer Seite befehlen, von der andern gehorchen, und dies prägt sich den rohen Sinnen stärker ein, wie mir einstens der Fürst-Bischof –

Beelzebub. Hm – ein Fürst-Bischof! Was doch die Menschen für widersprechende Dinge zusammensetzen.

Doktor Juris. Nicht so widersprechend wie es scheint, Fürst Beelzebub. Diese Begriffe hängen sich an einander, wie Herrschsucht und Demut – Frömmigkeit und Heuchelei! –

Satan. Steige herunter Doktor, ich bin zufrieden mit dir. Mir gefällt dein Eifer. Auch mir liegt daran, daß das Feudal-System erhalten werde, das seine Wurzel so wie die Wissenschaften in meinem Reiche hat. Du sollst suchen deine Meinung weiter unter den Menschen auszubreiten, und dazu will ich dir Gelegenheit geben. Höre! ich befördere dich aus der Küche in das Kabinet, und schicke dich mit meinem Gesandten als Sekretair an den nahen Reichstag, daß du dorten deine Grundsätze ausbreitest. Bringe sie geschwind zu Papier, und blase sie einem Sohne des Staubs in das Gehirn!

– Ja das Feudal-System ist eine herrliche Erfindung für die Hölle. Aus Verzweiflung fährt das Gesindel der Menschen herunter, wie der Doktor sie nennt, und die Ungerechtigkeit und Schwelgerei sendet ihnen ihre Unterdrücker nach.

Der Doktor Juris fiel hierauf dankbar auf den verbrannten Boden, küßte Satans Füße und stund triumphierend auf. Die Teufel fingen von neuem an zu lachen und zu toben, als zum zweitenmal Fausts gebieterischer Ruf ertönte. Satan fuhr fort:

Du hörst an seinem Ruf, daß er keiner der Schwächlinge ist. So wütend hat noch keiner an die Pforte der Hölle geschlagen, wahrlich der Kerl ist ein Genie. Fahre schnell hinauf, denn wenn du zögerst, so möchte er an der Kraft seines Zaubers zweifeln, und die Hölle verlöre die Früchte seines Frevels. Wisse, ein Mann wie er, ist mehr Gewinn für uns, als tausende der Schufte, die täglich herunterfahren.

Zornig erwiderte der Teufel Leviathan:

»Ich schwöre bei dem glühenden, stinkenden Pfuhl der Verdammten, der Verwegne soll diese und die Stunde seiner Geburt verfluchen, und den Ewigen einst lästern! Er soll es büßen, daß ich um seintwillen das mir verhaßte Teutschland betreten muß!«

Er fuhr in Dampf gehüllt hinaus, und die frohlockende Hölle jauchzte ihm nach.

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