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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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6

Nun warfen sich die frohlockenden Teufel an die Tische, und fielen über das zugerichtete Mahl her. Die Becher erklangen, die Seelen knarrten unter ihren scharfen Zähnen, und man trank des Satans, Fausts, der Klerisei, der Tyrannen der Erde, künftiger und lebender Autoren Gesundheit, unter dem Knall der höllischen Artillerie. Um das Fest recht glänzend zu machen, fuhren die Aufseher der Ergötzungen des Satans nach den Sümpfen der Verdammten, trieben die brennenden Seelen heraus, und jagten sie über die Tafeln, die düstre Szene zu erleuchten. Sie ritten mit giftigen Peitschen hinter ihnen her, und zwangen sie, sich grimmig zu balgen, und die Funken knasterten und leuchteten am schwarzen Gewölbe, wie wenn in dunkler Nacht der Blitz die Garben des Feldes anzündet. Um die Ohren der Teufel beim Schmause mit Tafelmusik zu kitzeln, eilten andre nach den Pfühlen, gossen glühendes Metall in die Flamme, daß die Verdammten, in gräßlicher Verzweiflung, heulten und fluchten. Könnt ich statt euren kalten und fruchtlosen Bußpredigten dieses scheußliche Gewinsel auf die Erde ziehen! wahrlich die Sünder würden ihr Ohr dem wollüstigen Gesang der Kastraten, und dem üppigen Geflüster der Flöten verschließen, und reuig Psalmen anstimmen. Umsonst, weit entfernt ist die Hölle, und nah das Vergnügen! Hierauf wurden auf einem großen Theater Schauspiele aufgeführt, die die Heldentaten des Satans darstellten (denn da der Teufel Dichter an seinem Hofe hält, so hat er auch Schmeichler); zum Beispiel: die Verführung Evas, Judas Ischariot etc.

Dann verwandelte sich das Theater zur Vorstellung eines allegorischen Ballets. Die Szene stellte eine wilde Gegend vor. In einer dunklen Höhle saß die Metaphysik, eine hagre, lange Gestalt, die ihre Augen auf fünf schimmernde Worte heftete, die sich beständig hin und her bewegten, und bei jeder Veränderung einen andern Sinn vorstellten. Der Hagre ließ nicht nach, ihnen mit seinen starren Augen zu folgen. In einem Winkel stund ein kleiner schelmischer Teufel, der ihm zu Zeiten Blasen mit Wind gefüllt an die Stirne warf. Der Stolz, des Hagern Amanuensis, las sie auf, drückte den Wind heraus, und knetete ihn zu Hypothesen. Der Hagre war in ein egyptisches Unterkleid gehüllt, das mit mystischen Figuren besäet war. Über diesem trug er einen griechischen Mantel, der diese mystische Zeichen bedecken sollte, wozu er aber viel zu kurz und zu enge war. Seine Beinkleider waren weite Pumphosen, sie deckten aber seine Blöße nicht. Ein großer Doktorhut deckte sein kahles Haupt, auf dem man nur die Ritze sah, die er mit seinen langen Nägeln bei scharfem Nachdenken hineingerissen. Seine Schuhe waren nach europäischem Zuschnitte gemacht, und mit dem feinsten Staube der Universitäten und Gymnasien bestreut. Nachdem er lange auf die schwankenden Worte geblickt hatte, ohne einen Sinn zu fassen, winkte der Stolz dem Wahn , der auf des Hagern Linke stund. Dieser ergriff eine hölzerne Pfennigstrompete, und blies einen Tanz. Da das hagre Gerippe das Geplärre hörte, faßte er den Stolz an der Hand, und tanzte mit ihm, in taktlosen Sprüngen, herum. Seine mürbe dünne Beine konnten es nicht lange aushalten, und er sank bald atemlos in seine vorige Stellung.

Ihm folgte die Moral, eine sehr feine Gestalt, in einen Schleier gehüllt, der, wie der Chamäleon, alle Farben spielte. Sie hielt die Tugend und das Laster an den Händen, und tanzte ein Trio mit ihnen. Ein nackender Wilde blies dazu auf einem Haberrohr, ein europäischer Philosoph strich die Geige, ein Asiate schlug die Trommel, und obgleich diese widrige Töne ein harmonisches Ohr zerrissen hätten, so kamen doch die Tanzenden nicht aus dem Takt, so gut hatten sie ihre Schule gelernt. Gab die feine Dirne dem Laster die Hand, so gaukelte sie wie eine Buhlschwester, floh lockend vor ihm her, gab alsdann der Tugend die Hand, und bewegte sich in den sittsamen Schritten der Matrone. Nach dem Tanze ruhte sie auf einer dünnen, durchsichtigen und schöngemalten Wolke aus, die ihre Verehrer aus vielen Fetzen zusammengeflickt hatten.

Nach ihr erschien die Poesie, in der Gestalt eines unbekleideten, wollüstigen Weibes. Sie tanzte mit der Sinnlichkeit einen üppigen, sehr figürlichen und darstellenden Tanz, wozu die Einbildungskraft die Flöte d'amour blies.

Hierauf trat die Geschichte auf. Vor ihr her ging die Fama, mit einer langen ehernen Trompete. Sie selbst war behangen mit Erzählungen von Mordtaten, Vergiftungen, Verschwörungen, Betrügereien und andern Greueln. Hinter ihr keuchte ein starker, nervigter, teutschgekleideter Mann, unter einer ungeheuren Bürde von Chroniken, Diplomen und Dokumenten. Sie tanzte unter dem Gerassel der Erzählungen, womit sie behangen war, mit der Sklaverei; die Lüge nahm der Fama die Trompete von dem Munde weg, stimmte den Tanz an, und die Schmeichelei zeichnete ihr die Figuren vor.

Dann fuhren mit lautem Gelächter auf die Szene, die Medizin und Scharlatanerie, tanzten eine Menuet, wozu der Tod mit einem Beutel voll Gold die Musik klimperte.

Hierauf erschienen die Astrologie, die Kabbala, Theosophie und Mystik, sie hatten sich an den Händen gefaßt, und trieben sich wild in dunklen Figuren herum, wozu der Aberglaube, Wahnsinn und Betrug auf Waldhörnern bliesen.

Diesen folgte die Jurisprudenz, eine feiste, gut genährte Gestalt, mit Sporteln gefüttert, und mit Glossen behangen. Sie keuchte ein mühsames Solo, und die Schikane strich den Baß dazu.

Zuletzt fuhr die Politik in einem Siegeswagen herein, den zwei Mähren zogen, Schwäche und Betrug. Zu ihrer Rechten saß die Theologie, in einer Hand einen scharfen Dolch haltend, in der andern eine brennende Fackel. Sie selbst trug eine goldne Krone auf dem Haupt, und einen Zepter in der Rechten. Sie stieg aus dem Wagen, und tanzte mit der Theologie ein Pas de deux, wozu List, Herrschsucht und Tyrannei auf ganz leisen und sanften Instrumenten spielten. Nachdem sie das Pas de deux geendet hatte, gab sie den übrigen Gestalten ein Zeichen, einen allgemeinen Tanz zu beginnen. Sie folgten dem Wink, und sprangen in wilder Verwirrung herum. Alle obengemeldete spielten ihre Instrumente dazu, ein Geheul, das die Tafelmusik des Satans nur an Getöse übertraf. Doch bald mischte sich die Zwietracht unter die vertraulich Tanzenden. Sie griffen nach den Waffen, von Wut und Eifersucht entflammt. Da die Theologie wahrnahm, daß sie alle die wollüstige Poesie umarmten, und der Moral, ihrer Todfeindin, den Schleier abreißen wollten, sich damit zu bedecken, gab sie dieser einen Dolchstich von hinten, und verbrannte der geliebkosten Dichtkunst, mit der brennenden Fackel, den Steiß. Diese beiden erhuben ein fürchterliches Geheul; die Politik verwies die Entflammten zur Ruhe, und die Scharlatanerie nahte, um die Wunde der Moral zu verbinden, indessen schnitt die Medizin einen Fetzen von ihrem Talar zur Bezahlung ab. Der Tod streckte unter dem Mantel der diebischen Medizin die Klaue hervor, um die Moral zu ergreifen, die Politik aber schlug ihn so heftig darauf, daß er laut heulte, und fürchterlich grinste. Die Poesie ließen sie, mit verbranntem Steiße, herumhüpfen, weil sie nackend, und ihr nichts abzuschneiden war. Endlich erbarmte sich ihrer die Geschichte, und legte ihr ein nasses Blatt aus einem empfindsamen Roman drauf. Die Politik spannte sie alsdann alle zusammen vor ihren Wagen, und fuhr im Triumphe davon.

Die ganze Hölle schlug Beifall in die Hände bei der letzten Vorstellung, und Satan umarmte den Teufel Leviathan, der dieses Schauspiel veranstaltet, und ihm so süß geschmeichelt hatte; denn es war eine seiner stolzen Grillen, von den Teufeln für den Erfinder der Wissenschaften gehalten zu werden. Oft sagte er in seinem Übermut: »Er habe sie einst mit den Töchtern der Erde im Ehebruch gezeugt, um die Menschen von dem graden, einfachen und edlen Gefühl ihres Herzens abzulenken, ihnen den Schleier ihres Glücks vor den Augen wegzureißen, sie mit ihrer Beschränktheit und Schwäche bekannt zu machen, und ihnen peinigende Zweifel über ihre Bestimmung einzuimpfen. Er habe sie dadurch gelehrt, über den Ewigen und die Tugend zu vernünfteln, damit sie vergessen möchten, diesen anzubeten, und jene auszuüben. »Wir«, setzte er dann hinzu, »haben mit offnen und kühnen Waffen den Himmel bekriegt, ihnen hab ich wenigstens die Mittel an die Hand gegeben, unaufhörlich mit dem Ewigen zu scharmutzieren.« Elende Prahlerei! werden sich die Menschen das nehmen lassen, worauf sie nie stolzer sind, als wenn sie es mißbrauchen?

Man bewundre doch hier einen Augenblick mit mir, wie sich darinnen alle Höfe gleichen, daß meistens die Großen durch das Verdienst, die Arbeit, den Schweiß der Kleinen die Gunst des Fürsten gewinnen, und die Belohnung davon tragen. Leviathan gibt sich geradezu für den Erfinder dieses allegorischen Ballets aus, läßt sich dafür liebkosen und danken, gleichwohl ist der Autor davon der bayerische Hofpoet, der erst kürzlich Hungers, folglich in Verzweiflung, gestorben und so zur Hölle gefahren war. Er verfertigte dieses Ballet auf des Fürsten Leviathans Befehl, der den Sinn hatte, Talente auszuspähen, nach dem neusten Geschmack seines Hofes, und legte vermutlich die giftige Anspielung auf die Wissenschaften darum hinein, weil sie ihn so schlecht genährt hatten. Vielleicht auch, daß Leviathan, der so gut wußte, was dem Satan gefiel, ihm den Wink dazu gegeben hat. Es sei wie ihm wolle, dieser erntete den Lohn ein, und der dünne Schatten des bayerischen Hofpoets saß kauernd hinter einem Felsen des Theaters, und sah mit tiefem Schmerz, wie der Satan den Leviathan für seine Arbeit liebkoste.

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