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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Epilogus

So fasse sich ein jeder in Geduld, und dringe nicht auf Kosten seiner Ruhe verwegen in die Geheimnisse, die der Geist des Menschen hier nicht enthüllen kann und soll. Auch richte keiner; denn keinem ist das Richteramt gegeben. Halte deine rasche Aufwallung bei den Erscheinungen der moralischen Welt, die dein Herz empören, deinen Verstand verwirren, im Zaum, und bebe, ein Urteil zu fällen, denn du kannst nicht erkennen, wie und woher sie kamen, wohin sie zielen, und wie sie für den enden, der sie veranlasset. Dem Geist des Menschen ist alles dunkel, er ist sich selbst ein Rätsel. Lebe in der Hoffnung, einst helle zu sehen, und wohl dem, der seine Tage so hinlebt; er allein hat gewonnen, denn das übrige ist in der Macht dessen, der den Menschen so prüfen wollte, und ihm die Kraft, die Prüfung zu bestehen, mitgeteilt hat. Dies erkennt der wahre Weise, und erwartet in Unterwerfung sein Los. Ich hatte eine gute Absicht bei diesem Buch; doch der Mann, der ein Buch schreibt, ist mit dem, der ein Kind zeugt, in gleichem Fall, keiner weiß, welche Frucht seine Pflanze tragen wird, und das Sprüchwort hat recht: Der Wurf aus der Hand ist des Teufels. Übrigens wünsche ich den deutschen Autoren billige Verleger, den Verlegern guten Abgang, dem Publikum mehr Geld und Geduld. (Geschmack würde zu oft den Handel verderben.) Der gesamten Klerisei weniger Toleranz und Wissenschaften. Insbesondere wünsche ich einigen Herren der protestantischen Klerisei, daß es ihnen vorzüglich zu ihrem Besten gelingen möchte, das Luthertum und den Kalvinismus unter das viel sinnlichere Papsttum zu begraben. Nur dadurch werden sie den wankenden Säulen dieses der Klerisei so nützlichen Gebäudes wiederum neue Tragkraft verschaffen, und natürlich müssen sie selbst bald ganz andere Männer im Staate werden. Auch läßt sich mit Gewißheit hoffen, daß der Hauptbeförderer dieses frommen Unternehmens, der Phantast aus ***, der erste Heilige in dem neuen römischen Kalender werden muß. Kann wohl der zertretne Pius der sechste weniger für ihn tun, als seine weise Vorfahren für den großen Loyola getan haben? Seine Schüler und Schülerinnen, die schon lange den heiligen Schein wie elektrische Funken aus seinem erhitzten Gehirne strahlen sehn, werden gern die Kosten dazu hergeben, damit der Teufel bei dem Prozesse zum Schweigen gebracht werde. Daß aber dieses ersprießliche Werk bald möglichst zu Stande komme, so stehe der feurige Mann aus *** auf, und tue das erste nötige Wunder. Er ziehe, gleich einem neuen Moses, eine dicke, schwarze Finsternis, eine verderbende Seuche über die Königsstadt ***, daß ihr feiner, beißender, attischer Witz, ihre gesunde, die Schwärmerei zerstörende Vernunft durch ein böotisches Dunkel und pestilenzialische Luft verdickt und getötet werde. Soll es aber ein wahrhaftes Wunder werden, so mache er sich schnell auf, damit ihm das Schicksal, das ihm dorten durch einige schwarze Kakodämonen vorzugreifen droht, nicht um den zu hoffenden Ruhm bringe. Ist ihm dies gelungen, so schlage er an die Gräber der Jesuiten, bewürke ihre Auferstehung, und singe dann das Siegeslied über den Menschenverstand. Den Philosophen wünsche ich, daß es ihnen gelingen möge, ihren größten Gegner, den alles zu zermalmenden Kant, zu besiegen, damit ihr Katheder für immer und ewig von dem metaphysischen Unsinn erschallen möge. Den Fürsten mehr Strenge, und mehr von jener Kunst, die Untertanen systematisch zu schinden und zu plündern. Den teutschen Männern den bittersten Haß gegen Freiheit, die zärtlichste Liebe für Sklaverei, und den teutschen Weibern – daß sie mit eben dem Vergnügen gebären möchten, als sie, wie man sagt, empfangen. Glückliche, herrliche Zeit! so wird es dann unsern erhabenen Fürsten, gnädigen Erzbischöfen, gefürsteten Äbten, hochgebornen Reichsgrafen, Baronen, Rittern und frommen Klöstern unsers Vaterlands nie an Werkzeugen, zu mißbrauchen, an Soldaten, zu verhandeln, an Schwämmen, auszudrücken, und an Untertanen, zu schinden, mangeln. Daß die Geduld nicht reiße, dafür werden ihre Helfershelfer, ihre Viziere, ihre Klerisei, Räte und die edle Schriftsteller- nebst der Journalistenzunft sorgen. Umsonst rufen einige Treffliche: »Erleichtert die Bürden eurer Lasttiere, wenn ihr nicht wollt, daß sie dieselbe einst gewaltsam abwerfen und euch darunter begraben.« Die gnädigen Herren wissen durch ihre Räte, daß kein Tier der Erde sanftmütiger und tapfrer leidet und trägt, als der ehrwürdige Esel, und der aufrichtige edle Teutsche!

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