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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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12

Der Papst hatte seinen ältesten Bastard, Francisco, in einem Konsistorium zum General des Heiligen Stuhls gemacht, und der Kardinal faßte in demselben Augenblick den Entschluß, seinen Bruder auf die Seite zu schaffen, um seinem Ehrgeiz ein weiteres Feld zu eröffnen. Seine Mutter, Vanosa, hatte ihm vertraut: die Absicht des Papsts sei, dem Herzoge, auf den Ruinen der Fürsten Italiens, einen Thron zu errichten, und durch ihn, als den Erstgebornen, alle die Anschläge zur Vergrößerung seiner Familie auszuführen. Der Kardinal, der die Meuchelmörder zu hunderten in seinem Solde hatte, ließ seinen getreuen Dom Michelotto aufsuchen, und hielt folgende Rede an ihn:

»Wackrer Michelotto, es sind nun schon fünf Jahre, daß mein Vater auf dem päpstlichen Stuhle sitzt, und noch bin ich das nicht, was ich sein könnte, wenn wir unsre Geschäfte etwas klüger betrieben hätten. Er hat mich zum Erzbischof, endlich zum Kardinal gemacht; aber was ist dieses für einen nach Taten und Ruhm strebenden Geist? Kaum reichen meine Einkünfte zu dem Nötigen hin, und ich bin unvermögend, Freunde, die mir wesentliche Dienste tun, nach dem Wunsche meines Herzens zu belohnen. Bist du Michelotto, nicht selbst ein Beweis davon? Sage, hab ich etwas von der großen Schuld abtragen können, die deine Dienste an mich einfordern können? Sollen wir denn immer nur stille sitzen, und abwarten, bis Glück oder Zufall etwas für die tun wollen, die es nicht wagen, sich zu ihrem Herrn und Meister zu machen? denkst du, ein Leben, das ich im Konsistorium und der Kirche hinschmachte, sei für einen Geist wie der meine gemacht? Bin ich für diese Pfaffereien geboren? Hätte die Natur, ich weiß nicht warum, meinen Bruder Francisco, nicht vor mir in die Welt gestoßen, würden nicht alle die Ehrenstellen, wodurch man allein große Aussichten befördern kann, auf mich gefallen sein? Würdest du, braver Michelotto, noch das sein, was du bist? Weiß mein Bruder die Vorteile zu nutzen, die ihm der Papst und das Glück darbieten? Laß mich an seine Stelle treten, und mein Name soll bald durch ganz Europa erschallen! Mich stempelte die Natur zum Helden, und ihn, den Sanftern, zum Pfaffen. Wir müssen also den verhaßten Streich zu verbessern suchen, den uns der Zufall gespielt hat, wenn wir das erfüllen wollen, wozu wir geboren sind. Sieh uns beide an! wer kann sagen, wir seien von einem Vater? Und was liegt nun daran, daß er mein Bruder ist? Wer sich über andre erheben will, muß alle Hindernisse seines Emporsteigens mit Füßen treten, und die weichlichen, schwachen Bande der Natur, Zärtlichkeit und Verwandtschaft vergessen; ja wenn er ein Mann ist, auch wohl seine Hände in das Blut derer tauchen, die seinem unternehmenden Geist durch ihr Dasein Fesseln sind. So taten alle große Männer, so handelte der Stifter des unsterblichen Roms. Damit Rom werde, was er in ahndungsvollem Geiste sah, mußte sein Bruder fallen; damit Cäsar Borgia groß werde, muß sein Bruder bluten. Rom soll von neuem durch mich der Sitz eines mächtigen Königs werden, mein Vater soll mir die Leiter zu meinem Emporsteigen halten, und dann will ich unter ihm den Stuhl Petri zerschlagen, den Betrug geheiligt hat, dieses Volk von dem schimpflichen Joche der Priester befreien, und wiederum zu Männern und Helden machen. So sterbe der, der mir ein Hindernis ist, daß wir wachsen, und der Welt zeigen können, was wir sind. Ob ich ihn nun gleich in der Dunkelheit der Nacht, ohne allen Verdacht ermorden könnte, so will ich doch dir diese Tat überlassen, damit du ein noch stärkeres Recht erhaltest, meine künftige Größe und mein Glück mit mir zu teilen. Ich reise morgen nach Neapel, um als Legat der Krönung des Königs beizuwohnen. Meine Mutter Vanosa, die es, unter uns, müde ist, ihren unternehmenden Cäsar als Kardinal zu sehen, und früh den Helden in mir entdeckte, und angefeuert hat, gibt mir, meinem Bruder, und unsern Freunden heut ein Abendessen – Mein Bruder wird spät in der Nacht zu einer uns gemeinschaftlichen Buhlerin schleichen, und ich müßte Michelotto schlecht kennen, wenn er den Weg zu seinem Palaste zurück fände. Ich heiße Cäsar, und will alles oder nichts sein.«

Michelotto faßte des Kardinals Hand, dankte ihm für sein Zutrauen, berief sich auf die Beweise seiner Treue und Ergebenheit, und entfernte sich, um einige seiner Gesellen auf die Tat vorzubereiten.

Faust und der Teufel wurden zu dieser Abendmahlzeit gleichfalls eingeladen. Die Gäste waren sehr munter. Francisco überhäufte seinen Bruder mit Zärtlichkeit, ohne dessen Entschluß zu erschüttern. Nach dem Essen nahm Cäsar Abschied von seiner Mutter, um sich zu dem Papst zu begeben, seine letzten Befehle abzuholen; sein Bruder erbot sich, ihn eine Strecke Wegs zu begleiten, um das Vergnügen seiner Gesellschaft noch einige Augenblicke länger zu genießen. Faust und der Teufel folgten ihnen. Francisco trennte sich bald von dem Kardinal, nachdem er ihm vorher in das Ohr gelispelt, wohin er sich begäbe. Der Kardinal wünschte ihm lachend Glück, umarmte ihn, und nahm Abschied von ihm. Er eilte nach dem Vatikan, endigte sein Geschäft, suchte die Meuchelmörder am bestimmten Orte auf, und erteilte seine Befehle. Faust war bei der Schwester eines Principe abgestiegen, und der Teufel, der das schwarze Drama seiner Entwicklung nah sah, lenkte es so ein, daß er sich mit Fausten in dem Augenblick an der Tiber befand, als Dom Michelotto den Leichnam des ermordeten Herzogs in den Fluß versenken ließ. Faust wollte auf die Mörder zusprengen, der Teufel hielt ihn zurück, und sagte:

»Nahe nicht, und halte dich still, daß dich keiner entdecke, ihrer sind tausende in Rom, und du bist in dem Vatikan selbst an meiner Seite deines Lebens nicht sicher, wenn sie gewahr werden, daß du sie beobachtest. Der Ermordete, den sie nun versenken, ist Francisco Borgia, sein Mörder ist sein Bruder, und das, was du nun siehest, ist das Vorspiel von Taten, die einst der Hölle selbst Erstaunen abzwingen werden.«

Hierauf enthüllte er ihm das ganze finstre Gewebe, und wiederholte ihm die Rede des Kardinals an Michelotto. Faust antwortete kälter, als der Teufel es erwartete:

»Ich fasse denn ihre Taten leichter als die Hölle; was kann man wohl von einer Familie anders erwarten, wo der Vater und die Brüder blutschänderisch mit der Tochter und der Schwester leben? Der Papst nennt sich den Statthalter Gottes, die Menschen erkennen ihn dafür, und der, der ihn an seine Stelle gesetzt hat, scheint mit seinem Regimente zufrieden; was soll Faust dazu sagen, von dem die Kirche fordert, daß er ihn anbete; aber, Teufel, wer mir noch etwas Gutes von den Menschen sagt, den falle ich an, wie ein wütendes Tier. Laß uns schlafen gehen; du hast recht, der Teufel ist nur ein Narr gegen unser einen, besonders wenn wir im Priesterrocke stecken. O wäre ich in dem glücklichen Arabien geboren, ein Palmbaum meine Decke, und die Natur mein Gott!«

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