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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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9

Der Teufel, der Fausten durch alle diese Szenen wund und durchglüht sah, und bemerkte, daß sein moralischer Sinn durch das Beschauen dieser Schandtaten immer mehr in Rauch aufging, beschloß ihn nun zum Nachtisch an den päpstlichen Hof zu führen. Diesen sah er als die reiche Quelle der Laster, als die größte Schule der Verbrechen an, woraus sie, von dem Oberhaupte der Religion, und dem Statthalter Gottes, gleichsam geheiligt, zu den andern Völkern Europas flössen. Er sagte zu Faust:

»Du hast nun gesehen, wie alle Höfe Europas sich gleichen, und wie die Menschen regiert werden; laß uns jetzt nach Rom ziehen, um zu sehen, ob es mit der Kirche und der geistlichen Regierung besser steht.«

Der Listige schmeichelte sich, Alexander der Sechste , der damals die dreifache Krone trug, und die Schlüssel zu dem Himmel und der Hölle in seiner Gewalt hatte, sollte seinem finstern Plan gegen Fausten den Schwung geben, und seine eigne Rückkehr in die Hölle befördern. Längst war er des Aufenthalts auf Erden müde, denn da er seit Jahrtausenden schon so vielmal dieselbe durchzogen hatte, so sah er doch, so sehr ihn auch die schwarzen Taten der Menschen ergötzten, nur immer das alte. Das Einerlei ist so ermüdend, daß ein Teufel leicht das Dunkel dem Licht vorziehen kann, ihm zu entfliehen, da die Menschen aus dieser Ursache wenigstens die Hälfte ihrer Torheiten begehen, die sich nur zu oft mit Verbrechen enden.

Auf dem Wege nach Rom stießen sie auf zwei gegen einander gelagerte Heere. Das eine kommandierte Malatesta von Rimini, das andre ein päpstlicher General. Die tückische Politik Alexanders, die den jungen König aus Frankreich nach Italien gelockt, und dann zurückgetrieben hatte, arbeitete nun durch heimlichen Gift, Meuchelmord und offne Fehde, alle die Großen zu berauben, um aus ihren Herrschaften und Kastellen Fürstentümer für seine Bastarde zusammenzusetzen. Er fing zuerst mit den Schwächsten an, und hatte dies kleine Heer ausgeschickt, dem Malatesta Rimini zu entreißen. Als Faust und der Teufel die Landstraße hinauf ritten, sahen sie auf einer Anhöhe, unweit des päpstlichen Lagers, zwei stattliche Männer in einen sehr hitzigen Zweikampf verwickelt. Die Neugierde trieb Fausten näher, der Teufel folgte ihm, und sie merkten bald, daß sich die zwei erhitzten Kämpfer nicht zu trennen gedächten, bis einer dem Schwerte des andern erläge. Das aber, was Fausten am sonderbarsten vorkam, war eine schneeweiße Ziege, mit bunten Bändern geschmückt, die ein Schildknappe als den Preis des Sieges zu halten schien, und mit welcher er ganz kalt neben den zwei Wütenden stund. Viele Ritter hatten sich auf der Anhöhe versammelt, um Zeugen des Ausgangs zu sein, den sie mit vieler Gleichgültigkeit abwarteten. Faust nahte sich einem von ihnen und fragte mit teutscher Ehrlichkeit: »ob sich die zwei Herren wohl um die schöngeschmückte Ziege schlügen?« Er hatte bemerkt, daß die zwei Champions bei jeder Pause mit vieler Zärtlichkeit nach der Ziege blickten, und sie nach Rittergebrauch um Beistand bei der Gefahr anzuflehen schienen. Der Italiener antwortete ihm kalt: »Allerdings, und ich hoffe, unser General wird ihn dafür zur Hölle schicken, daß er, ein unter seinem Befehl stehender Ritter, es gewagt hat, die schönste Ziege der Welt aus seinem Zelte zu entführen, während er herumritt, das Lager des Feinds zu erkennen.« Faust trat zurück, schüttelte den Kopf, und wußte nicht, ob er wachte oder träumte. Der Teufel ließ ihn einige Augenblicke in dieser Verwirrung, endlich sagte er ihm etwas ins Ohr, wobei Faust errötete, und das das Papier besudeln würde. Der Zweikampf ging mittlerweile immer hitzig fort, bis das Schwert des päpstlichen Generals eine Öffnung in dem Panzer des Ritters fand, und ihn in seinem Blut auf den Boden streckte. Er blies seine Seele unter Flüchen weg, und nahm mit seinem letzten Blicke zärtlich von der Ziege Abschied. Der General ward von den Anwesenden frohlockend empfangen, der Schildknappe führte ihm die Ziege zu, er nannte sie: mia cara, und streichelte sie unter süßen Liebkosungen.

Faust entfernte sich von dem Kampfplatze, und wankte zwischen dem Kitzel zu lachen, und dem Gefühl des Unwillens, als der Teufel ihm folgendes hinwarf:

»Faust, dieser lustige Zweikampf hat dich nun mit dem päpstlichen General bekannt gemacht; aber der gegen ihm über Stehende ist nicht weniger merkwürdig. Dieser schlug sich auf Gefahr seines Lebens um eine weiße Ziege, und der andre hat schon zwei seiner Weiber, aus den besten Häusern Italiens, vergiftet und mit eigner Hand erdrosselt, um schneller von ihnen zu erben. Er freit wirklich um die dritte, und wenn er auf den Füßen bleibt, so wird sie vermutlich ein gleiches Schicksal haben. Beide sind übrigens sehr religiöse Männer, halten Prozessionen, widmen dem Himmel Gelübde, und flehen ihn um Sieg an; für welchen glaubst du, daß er sich erklären müßte?«

Faust machte dem Teufel ein wildes Gesicht, und ließ die hämische Frage unbeantwortet; der Teufel aber, der sich an seiner Prahlerei über den moralischen Wert des Menschen rächen wollte, unterließ nicht, noch einige bittre Glossen über die Liebhaberei des päpstlichen Generals, und über die Schlechtigkeit des Menschen überhaupt zu machen, worauf Faust, der ihn eben auf der äußersten ertappte, noch weniger zu antworten fand.

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