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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Viertes Buch

1

Frankreich war nun freilich in diesem Augenblick so lachend nicht, als es später geworden ist; noch hatte die Gewohnheit, sich von Tyrannen beherrschen zu lassen, nicht so tief in den Herzen der Franzosen Wurzel gefaßt, daß sie die Grausamkeiten ihrer Regenten und deren Viziers, wie ihre Torheiten, in Gassenliedern besangen, und dieses für gnügende Rache hielten. Als Faust und der Teufel den reichen Boden dieses Landes betraten, seufzte es unter dem Druck des feigsten und grausamsten Wüterichs, Ludwigs des Elften, der sich zum erstenmal den Allerchristlichsten König nannte. Der Teufel hütete sich sehr, Fausten etwas von ihm vorher zu sagen; ihm war darum zu tun, sein Herz durch scheußliche Erfahrung, Schlag auf Schlag zu zerknirschen, ihm den Himmel, bei jedem Schritt im Leben, immer verdächtiger zu machen, um ihm alsdann den fürchterlichsten Streich beizubringen, der je einen Menschen getroffen, der übermütig gegen die Grenzen seiner Natur angestoßen, die eine mächtige Hand vor unsern Horizont gestellt hat. Leider fand er in den Taten der Menschen Stoff genug dazu, und weisere Leute als Faust haben, ohne Gesellschaft des Teufels, an dieser gefährlichen Klippe gestrandet, wenn sie einmal vergaßen, daß Ergebung in sein Schicksal die erste Forderung der Natur an den Menschen sei; oder wenn Güte und Nachsicht nicht den Grundstoff ihres Wesens ausmachten, deren milder Schimmer allein die schwarzen Gemälde der Welterfahrung aufheitern kann. Es gibt einen gewissen düstern, giftigen Atheismus des Gefühls, der beinahe unheilbar ist, weil es ihm nie an reell scheinenden Ursachen mangelt, weil er aus dem Herzen, und zwar aus einem Herzen entspringt, das sich durch seine Stimmung und Fühlart zu leicht von den widersprechenden Erscheinungen der moralischen und physischen Welt zerreißen läßt. Ein solches Herz zehrt, durch seine Glut, den Verstand ebenso auf, wie das Fieber in einem durch eine starke Wunde Verletzten. Gegen diesen Atheismus ist der der Vernunft eine Chimäre; denn der Mann, der denkt, sucht Ursachen zu Wirkungen auf, und diese Beschäftigung, da sie ihn endlich zu den Grenzen des menschlichen Geists leiten muß, legt dem Kühnsten eine Fessel an, die ihn wenigstens so weit bändiget, daß er nie gänzlich in das dunkle, große Nichts verschleudert werden kann. Vergebens ist die Warnung: die moralische Welt hat ihre Aufrührer wie die politische, und muß sie haben. Wenn jene von der aus Schatten gebauten Brücke, die sie aus der Sinnenwelt in die intellektuelle zu ziehen streben, uns zur Lehre herunterstürzen, so ruft uns das Opfer dieser zu, unsern Menschen-Wert nicht in allzuträger Sicherheit zu verschlummern. Man verzeihe mir die Ausschweifung. – Faust wußte von Frankreichs Könige nichts, als daß er sich den Allerchristlichsten nennen ließ; daß er der erste sei, der die Vasallen seines Reichs gedemütigt, und die Rechte der Krone gegen sie behauptet hätte, übrigens von allen andern Höfen gefürchtet wurde, weil ihm jedes Mittel zu seinem Zwecke gleich sei, und man kein Beispiel habe, daß er sein Wort gehalten hätte, wenn nichts dabei zu gewinnen war. Er sollte nun Zeuge der Mittel werden, die er zu seinen Zwecken anwendete.

Der Teufel hatte durch seine ausgesandten Kundschaftet erfahren, daß der Allerchristlichste König soeben einen Staatsstreich auszuführen gedächte, sich seines Bruders, des Herzogs von Berry zu entledigen, um die ihm abgetretne Provinz der Krone wieder einzuverleiben. Er versäumte nicht, Fausten zum Zuschauer dieser Szene zu machen. Sie ritten an einem Lustwalde vorüber, der an ein Schloß stieß, und sahen in demselben einen Benediktinermönch, der sein Brevier zu beten schien. Der Teufel freute sich innig des Anblicks, denn er las auf der Stirne des Mönchs, daß er soeben die Mutter Gottes anflehte, ihm bei dem großen Unternehmen, das ihm sein Abt aufgetragen, beizustehen, und ihn nach glücklichem Erfolge aus der Gefahr zu erretten. Dieser Mönch war der Bruder Faver Vesois, Beichtvater des Bruders des Königs. Der Teufel überließ ihn seinen frommen Betrachtungen, und ritt mit Fausten nach dem Schlosse, wo sie als Fremde von Stand, die gekommen waren, dem Prinzen ihre Achtung zu bezeugen, gütig aufgenommen wurden. Der Prinz lebte auf diesem Schlosse, mit seiner geliebten Montserau, in Ruhe und Vergnügen, dachte kein Arges, und erwartete kein Arges. Faust wurde von seinem angenehmen Betragen sehr eingenommen, und freute sich, einen königlichen Prinzen zu sehen, der als Mensch tat, und redete, da er bei den teutschen Fürsten gewohnt war, nichts zu sehen, als steifen Stolz und hölzernes Zeremoniell, das um so unerträglicher ist, da es jedem Verständigen ihre Kleinheit und Schwäche nur merklicher macht. Einige Tage verstrichen unter Jagd und andern Ergötzlichkeiten, und der freundliche Prinz zog Fausten immer mehr an sich. Das einzige, was ihm mißfiel, war die Neigung des Prinzen zu seinem Beichtvater, dem Benediktiner. Er überhäufte diesen mit so vieler Zärtlichkeit und Freundschaft, ließ seinen Willen so gefällig von ihm lenken, und der Mönch beantwortete alles mit einer so frömmelnden Miene, daß Faust nicht begreifen konnte, wie ein Mann von so offnem Betragen eine solche heuchlerische Maske liebkosen könnte. Der Teufel enthüllte ihm durch das Verhältnis des Prinzen mit der Dame Montserau bald dieses Rätsel. Der Prinz hatte ebenso viel Liebe für sie, als Furcht vor der Hölle, und weil ihr Gemahl noch lebte, so machte es seine Lage mit ihr bedenklich. Da er ihr also nicht entsagen, und doch der Hölle gern entgehen wollte, so bediente er sich des bekannten Seitenwegs, den die Mönche neben der Religion her gegraben haben, um ihre Macht auf das Gewissen der Menschen zu gründen, und ließ sich durch Absolution seiner Sünden die Zukunft zusichern, wenn die Furcht vor der Hölle ihn zu stark überfiel. Mußte er sich nicht dankbar gegen einen Menschen bezeigen, der ihn des Gegenwärtigen genießen ließ, und ihn über die Zukunft beruhigte? »Du siehst, Faust«, sagte der Teufel, »was die Menschen aus der Religion gemacht haben, und merke nur, daß sie bei jedem großen Verbrechen, bei jedem scheußlichen Greuel entweder die Hauptrolle spielen, oder doch die Spielenden über ihre Taten trösten und beruhigen muß.«

Dieser Umstand empfahl nun freilich den Verstand des Prinzen bei Fausten nicht, der mit seinem Gewissen so rasch geendigt hatte; die letzte Bemerkung des Teufels fiel tiefer in seine Seele; indessen ließ er noch alles gehen, und genoß, was er der flüchtigen Zeit nur entreißen konnte.

Man saß eines Abends sehr munter bei Tische; der Teufel ergötzte die Gesellschaft mit lustigen Schwänken, Faust warf sein Netz auf die künftige Nacht nach einer muntern Französin, sie beantwortete sein Spiel nach seinem Wunsche, alles war heiter, als auf einmal der fürchterliche Tod der Freude ein Ende machte. Der Benediktiner hatte eine Schüssel der schönsten und größten Pfirsichen zum Geschenk erhalten, die er zum Nachtisch auftragen ließ, und dem Prinzen die köstlichste, mit einer lächelnden und frommen Miene, hinreichte. Der Prinz teilte sie mit seiner Geliebten, und sie aßen beide die Pfirsiche ohne Verdacht. Man stund auf. Der Mönch sprach das gratias tibi mit Salbung und verschwand. Der Teufel wollte eben anfangen, eine neue Fratze zu erzählen, als die Dame Montserau einen Schrei des heftigsten Schmerzes ausstieß. Ihr schönes Gesicht verzerrte sich plötzlich. Ihre Lippen wurden blau, und die Blässe des Todes deckte ihre blühenden Wangen. Der Prinz wollte ihr zu Hülfe eilen, das fürchterliche Gift würkte in demselben Augenblick in seinen Eingeweiden, er sank bei ihr nieder, und rief zum Himmel: »Höre es! es ist die Hand meines Bruders, die mich durch diesen Verfluchten tötet! Er, der unsern Vater zwang, den Hungertod zu sterben, um nicht von ihm vergiftet zu werden, er hat diesen Mönch erkauft!«

Faust stürzte hinaus, um sich des Beichtvaters zu bemächtigen, er war entflohen; einige Reiter hatten ihn am Lustwald empfangen, und ihn auf seiner Flucht begleitet. Faust kehrte zurück. Schon hatte der Tod seine Opfer verschlungen, und lag auf ihnen in schaudervoller Gestalt. Faust und der Teufel überließen ihm seine Beute, und zogen weiter.

Teufel. Nun, Faust, braucht ihr des schwarzen Teufels, wie ihr ihn nennt, da er in Mönchskutten auf der Erde herum spukt? Wie gefällt dir der Streich dieses Benediktiners, den er im Namen des Allerchristlichsten Königs hier ausgeführt hat?

Faust. Ha, bald sollt ich glauben, unsre Leiber werden von den gefallnen Geistern der Hölle beseelt, und wir sind nur ihre Werkzeuge.

Teufel. Pfui des ekelhaften Loses für einen unsterblichen Geist, ein so zweideutiges, mißgeschaffnes Ding zu beseelen! Glaube mir, ob ich gleich ein stolzer Teufel bin, so würde ich doch lieber in ein Schwein fahren, das sich im Kote besudelt, als in einen von euch, die ihr euch in Lastern herumwälzet, und stolz das Ebenbild des Höchsten nennet.

Faust. Verfluchter! der du den Menschen so tief herabwürdigest –

Teufel. He, werde nicht zornig, Mensch! sage, würden wir nicht an eurem moralischen Wert ersticken? Kann der Teufel das Licht eurer Tugend vertragen? Ist dieser Mönch nicht ein frommer Mann? Sein Abt nicht ein frommer Mann, der ihm diese Tat aufgetragen hat? Ist der König nicht der Allerchristlichste Monarch, und ein sehr guter Bruder, der dem Abt den Wink dazu gegeben hat? Wie sollte der Teufel in solchen frommen Leuten seine Herberge wohl aufschlagen können?

Faust. Was konnte den Elenden reizen, den Spruch der Verdammnis auf sich zu ziehen?

Teufel. Die Verdammnis ist weit entfernt, die Absolution nahe, und noch näher die großen Güter, der Lohn der Tat, die das Kloster des Abts zum mächtigsten und reichsten in der Provinz machen. Haben Mönche diesem Reiz je widerstanden, seitdem sie die uns furchtbare Religion so verpfuscht haben, daß die Hölle nun siegt, die einmal vor dem Ende ihrer Herrschaft bebte?

Dieser Gedanke fuhr gleich einer Viper in den Busen Fausts. Er schwieg, und verlor sich immer tiefer in seinen finstern Betrachtungen über den Menschen, seine Bestimmung, den moralischen Gang der Welt, dessen Widersprüche er nicht ausgleichen konnte. Die ihm täglich aufstoßenden Begebenheiten reizten seine Galle, legten den Keim zu noch peinlichern Zweifeln, zu Menschenhaß und Menschenverachtung an sein Herz, die gleich dem Polypen nur langsam wachsen, und dann nur töten, wenn sie das Herz so umsponnen haben, daß ihm der Raum, sich auszudehnen, fehlt. Sie zogen im Lande weit und breit herum, hatten der Abenteuer viel, und Faust ließ sich noch nicht von seinen finstern Betrachtungen im Genusse des Lebens stören. Überall fanden sie Merkmale der Klaue des feigen Tyrannen, und Faust nutzte oft die Schätze des Teufels, die blutenden Wunden zu stillen.

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