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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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11

Faust befand sich hier in seinem Elemente; die geistige Schwärmerei hatte den Zunder der Lust so nahe an die Herzen gelegt, daß er nur anzublasen brauchte, um sie in Flammen zu setzen. Er flog von Sieg zu Siege, nutzte hierbei die Macht des Teufels wenig, desto mehr aber sein Gold und seine Juwelen, die auch die Frommen zu brauchen wissen. Angelika ward unsichtbar, und alles Bemühen Fausts war vergebens, ihr noch einmal zu nahen, er vergaß sie auch bald in den neuen Berauschungen. Er las in der Zwischenzeit mit dem Teufel die Handschrift der Physiognomik, die ihm einer der Späher für eine große Summe verkauft hatte, und ärgerte sich grimmig an der Zuverlässigkeit, der Unwissenheit und dem dichterischen Schwulst des Verfassers. Der Teufel glühte vor Zorn, da er sogar sein eignes Portrait in der Handschrift fand, das der junge Mönch, mit der nur ihm eignen Verwegenheit, beurteilt hatte. Es verdroß ihn so heftig, daß er mit seiner hohen Person sein Spiel getrieben, daß er dem Hang sich zu rächen nicht widerstehen konnte, und da Faust in keiner bessern Laune gegen den Mönch war, so machten sie sich auf, ihm einen Streich zu spielen. Sie gingen nach dem Kloster, und da sie beide stattlich gekleidet waren, und Leute von Rang und Bedeutung zu sein schienen, so wurden sie von dem jungen Mönch sehr freundlich empfangen. Aber kaum sah er den Teufel schärfer an, als er von seinem Angesichte so begeistert wurde, daß er alle Worte des Grußes vergaß, ihm stark die Hand schüttelte, sich dann von ihm entfernte, und ihn bald en face, bald en profil anstarrte. Hierauf rief er hochbegeistert:

»Ha! wer bist du, Übergroßer?

Ja, man kann, was man will.

Man will, was man kann! dies sagt mir dein Gesicht, und ich brauche dich nicht zu kennen, und dies zu sagen. Nie hab ich die Gewißheit meiner Wissenschaft mehr gefühlt, als in diesem Augenblick!

Wer kann ein solches menschliches Gesicht ohne Gefühl, ohne Hingerissenheit, ohne Interesse ansehen – da nicht in dieser Nase innre, tiefe, ungelernte Größe, und Urfestigkeit ahnden! Ein Gesicht voll Blick, voll Drang und Kraft.« Er befühlte Leviathans Stirne, und fuhr fort. »Erlaube mir, mit meinem Stirnmesser die Wölbung deiner Stirne auszumessen. – Ja eherner Mut ist so gewiß in der Stirne, als in den Lippen wahre Freundschaft, Treue, Liebe zu Gott und den Menschen. In den Lippen, welch eine vorstrebende entgegenschmachtende Empfindung! Welch ein Adel im Ganzen.

Ja dein Gesicht ist die Physiognomie eines außerordentlichen Mannes, der schnell und tief sieht, fest hält, zurückstößt, würkt, fliegt – darstellt, wenig Menschen findet, auf denen er ruhen kann, aber sehr viele, die auf ihm ruhen wollen.

Ach wenn ein gemeiner Mensch so eine Stirne, so eine Nase, so einen Mund, ja nur solch ein Haar haben kann, so steht's schlecht mit der Physiognomik.

Es ist vielleicht kein Mensch, den dein Anblick nicht wechselsweise anziehe und zurückstoße – o der kindlichen Einfalt und der Last von Heldengröße! So gekannt, und mißkannt werden wenige Sterbliche sein können.

Adler! Löwe! Zerbrecher! Reformator der Menschen! Steure zu, und rufe die Sterblichen von ihrer Blindheit zurück, teile ihnen deine Kraft mit, die Natur hat dich zu allen dem gestempelt, was ich dir verkündige.«

Faust biß wild die Zähne zusammen, während der Mönch alle die herrlichen und erhabnen Sachen über das Angesicht des Teufels begeistert herausstieß. Der Teufel wandte sich kalt zu dem Seher:

»Und was hältst du von diesem hier?«

Mönch. Groß, kühn, mächtig, kraftvoll, sanft, mild; doch das Größte ist größer, das Kühnre kühner, das Mächtigere mächtiger, das Kraftvollere kraftvoller, das Sanftere sanfter, das Mildere milder! Großer, edler Schüler eines Größern, wenn dein Geist und Herz ihn ganz fassen werden, so wird sein Licht auch durch dich leuchten! – Ich bitte euch, setzt euch, daß ich euren Schatten nehme!

Faust, der noch mehr ergrimmte, daß ihn der Mönch so tief unter den Teufel setzte, brach los:

»Schatten! ja Schatten, die sind es, die du gesehen hast. Wer bist du, der du dich so frech erkühnst, das Menschengeschlecht nach den Zuckungen deiner erhitzten und verworrnen Einbildungskraft zu richten und zu messen? Hast du den Menschen gesehen? Wo, wie und wann? Im Schatten hast du ihn gesehen, und diesen, ausstaffiert mit den Floskeln deiner Phantasie, für seine wirkliche Gestalt gegeben! Sage, was für Menschen hast du gesehen? Sektierer, Fanatiker, Schwärmer, die Schlacken der menschlichen Natur. Eitle Betschwestern, junge Weiber, die kraftlose Männer, Witwen, die schlaflose Nächte haben. Mädchen, die der Kitzel des Bluts quälet, diese hängen sich an Leute deinesgleichen, weil sie an nichts kräftigerm hängen können, und mit dem Geiste buhlen müssen, weil ihre Leiber nicht bepflügt werden. – Autoren hast du gesehen, denen es wohlgefiel, wenn du die flachen Züge ihres Gesichts zu Merkzeichen des Genies stempeltest. Große, deren glänzender Stand und Name ihre Gesichter vor deinen Augen verherrlichten. Du siehst, ich kenne deinen Umgang, und habe dein Buch gelesen.«

Teufel. Bravo, Faust, laß mich nun auch das Wort nehmen, und ihm die Wahrheit lohnen. Bruder Mönch! in deiner einsamen Zelle hast du dir ein schales Ideal von Vollkommenheit zusammengesetzt, es den Köpfen der Menschen einzuprägen gesucht, das nun an den Kräften ihres Geistes zehrt, wie der Krebs am angesteckten Fleische; oder ist es ein Zug neuer Scharlatanerie, den Menschen durch den Köder der Eitelkeit an dich zu ziehen, und deine sonstige Schwärmerei mehr auszubreiten? Es hat einst auch Menschen gegeben, die es wagten, von dem Äußeren des Menschen auf sein Innres zu schließen (das im Vorbeigehen gesagt tiefer liegt, als der Mittelpunkt der Erde), aber es waren andere Kerle wie du. Sie hatten doch wohl einen Teil des Erdbodens durchlaufen, waren unter Erfahrungen grau geworden, hatten mit Menschen gehandelt und gewandelt, mit mehr als einem Weibe geschlafen, die Schlupfwinkel des Lasters und der Üppigkeit durchkrochen. Stiegen aus dem Palast in die Hütte, krochen in die Höhlen der Wilden, und wußten, was ohngefähr zu einem wackren Kerl gehört, was er leisten kann, und was man seiner Natur nach von ihm fordern muß. Du starrst vor deinen Vorurteilen zurück, und zitterst vor der raschen Tätigkeit des Menschen! Hast dir ein Gespenst von Mönchs- und Weibertugenden zusammengesetzt, mit Engelreinheit und Keuschheit behangen, das den Menschen just um das bringt, was ihm noch einigen Wert gibt.

Der Mönch stund zwischen ihnen, wie zwischen zwei feuerspeienden Bergen, hielt demütig die Hände vor die Brust, und schrie: »Erbarmt euch!«

Faust. Höre weiter! Du siehst auf dem Rücken der Nase eines Burschen eine kleine Wölbung, die du einmal zum Zeichen fleischlicher Sinnlichkeit geprägt hast, und er muß dir ein Wollüstling sein, ob er gleich Hoden hat wie Erbsen, und Gesäße, so flach wie deine Backen. Da, wo du es nicht ahndest, wohin du nicht greifen darfst, wovon du keinen Schatten nehmen, und in Holz schneiden kannst, da sitzt es dem Mann und dem Weibe, da ist nur zu oft die Waage ihrer Tugend. Du hältst das Aufsteigen der üppigen, heißhungrigen Gebärmutter für himmlische Begeistrung, siehst selige Gefühle in den Augen der Matrone, während ihre Phantasie mit Bildern der Wollust buhlt. Drang nach edler Tätigkeit auf der Stirne des Jünglings, während der Löwe Temperament in ihm brüllt. Wie willst du die Kraft des Menschen abwägen, da du den gefährlichen, wilden Kampf, den sie im Innern erregt, nie gefühlt hast? wie bestimmen, welcher Versuchung er unterliegen muß, da du dich bloß mit Schatten genährt hast? Was meinst du, wenn einer die Floskeln, womit du deine Unerfahrenheit und Unwissenheit deckst, in schlichten Menschensinn auflöste? Was würde übrig bleiben als Seifenblasen?

Der Teufel nahm das Wort: »Und wie, wenn dir alle die Schatten, womit du dein dickes Buch ausgeputzt hast, in ihrer wahren Gestalt erschienen, wie ich dir nun erscheinen will? Ich habe gesehen, daß du auch den Teufel portraitiert und gemustert hast, es ist hohe Zeit, daß er dir erscheine. Sieh mich an! ich will nun mein Inneres auf mein Äußeres ziehen, und du sollst in Staub vor dem Ideal hinsinken, das deine Phantasie in mir gesehen hat. Davon sahst du nichts, daß dieser hier in deinen Schafstall gebrochen ist, und deine geistige Lämmer erwürgt hat. Sieh, er dampft vom Genuß der Wollust – und nun blick auf, und sage dann, du habest einmal ein Ding in seiner wahren Gestalt gesehen.«

Hier zog der Teufel sein Inneres in der fürchterlichsten Maske der Hölle hervor, stellte sich vor Fausten, daß er ihn nicht beobachten konnte. Der Mönch sank zusammen. Der Teufel wandte sich zu Faust in seiner vorigen Gestalt, dann wieder zu dem bebenden Mönch.

Teufel. Nun sage, du hättest den Teufel gesehen, und male ihn, wenn du die Kraft dazu hast. Oft würdest du so zusammensinken, wenn du das wahre Innere derer sähest, die du als Engel gemalt hast.

Faust. Sei ein Tor, und zeuge Toren; mache dich und die Religion durch deine Schwärmerei den Verständigen zum Ekel, du kannst nicht kräftiger für die Hölle arbeiten. Auf der einen Seite erweckst du Verachtung, auf der andern Verzerrung. Gehab dich wohl.

Der Mönch ward vor Schrecken wahnsinnig, schrieb aber in seinem Wahnsinne immer fort, und die Leser merkten die Veränderung seines Zustandes nicht einmal, so sehr glichen seine neuen Bücher den alten.

Faust freute sich der Szene herzlich, und da er des Orts müde war, so machte er sich mit dem Teufel auf den Weg nach dem lachenden Frankreich.

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