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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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7

Um Mitternacht ließ der Graf den Teufel und Fausten aufheben, und sie in ein enges, schreckliches Gefängnis werfen. Faust befahl dem Teufel, der Gewalt nachzugeben, weil er erfahren wollte, wie weit diese Heuchler ihre Bosheit treiben würden. Er nagte an den peinvollen Zweifeln seiner Seele in dem dunkeln Kerker. Die schreckliche Szene des Tags malte sich immer düstrer vor seinen Augen, und es entsprangen gräßliche Gedanken gegen den, der das Schicksal der Menschen leitet, aus diesen schwarzen Betrachtungen. Sein Inneres war in Aufruhr, endlich rief er hohnlachend aus: »Wo ist hier der Finger der Gottheit? Wo das Aug' der Vorsehung, das über die Wege des Gerechten waltet? Wahnsinnig seh ich den Redlichen, den belohnt, der ihn zerschlagen! Dem Tyrannen, der die Tugend heuchelt, entdeckt ich die Bosheit seines Günstlings, und er findet ihn seiner Freundschaft, der Belohnung nur würdiger! Und es wäre Zweck, Ordnung und Zusammenhang in der moralischen Welt? Nun so sind sie auch in dem Gehirn dieses armen Zerrütteten, den sein Schöpfer ohne Schutz und Rache fallen ließ!« – Er fuhr fort, und der Teufel horchte lächelnd. »Ist der Mensch durch die Kette der Notwendigkeit gezwungen zu handeln, so muß man seine Handlungen und Taten dem höchsten Wesen selbst zuschreiben, und sie hören dadurch auf, strafbar zu sein. Kann von einem vollkommnen Wesen etwas anders als Gutes und Vollkommnes fließen? Nun so sind es unsre Handlungen auch, so scheußlich sie uns vorkommen mögen, und wir sind ihr Opfer, ohne abzusehen, warum. Sind sie dennoch sträflich, und scheußlich, wie sie uns scheinen, so ist dieses Wesen ungerecht gegen uns, denn es straft Greuel an uns, deren Quelle es selbst ist. Teufel, löse mir diese Rätsel auf, ich will wissen, warum der Gerechte leidet, und der Ruchlose belohnt wird?«

Teufel. Faust, du hast zwei Fälle gesetzt, wie, wenn es noch einen dritten gäbe? Nämlich: daß ihr auf die Erde geworfen wärt, wie der Staub und das Gewürme, ohne Vorsicht und Unterschied. Einem dunklen Wirrwarr überlassen, den man euch wie einen verworrnen Knäul hingeworfen hätte, ihn auseinander zu zerren, und wenn euch das unmögliche Werk nicht gelänge, euch euer strenger Herr und Richter doch zur Rechenschaft dafür aufforderte? Wenn er nun, gleich einem Despoten, eurem Herzen darum solche zweideutige Gesetze, und widersprechende Neigungen eingedrückt hätte, um sich die Erklärung des dunklen Sinns derselben vorzubehalten, und nach Gefallen zu strafen und zu belohnen?

Faust. Bei welchem Philosophen bist du in die Schule gegangen, daß du mir ein Wenn nach dem andern auftischest? Ha, ich fühle es, der Mensch soll und muß in der Finsternis tappen, sein Herz durch die täglichen Erscheinungen zerreißen lassen, und wenn er's auch mit dem Teufel versucht, Licht und Klarheit zu erringen. Wenn Laster und Torheit den Gang der Welt befördern, so ist die Tugend Unsinn, da sie den nicht schützen kann, der ihr sein Leben weiht. So haben wir dies Gefühl erkünstelt, und unsre tierische Natur, die uns durch die Sinne zum Genuß des Augenblicks treibt, weiß nichts davon. In törichter Hoffnung, in stolzem Wahnsinn, blicken wir zu dem Himmel auf, und erwarten in der fernen, ungewissen Zukunft den Lohn unsrer Unterwerfung, während der Triumph und Spott des Lasters um uns her erschallt. Hier schwebe ich zwischen meinem zerrißnen Herzen und meinem empörten Verstand, wie der verzweifelnde Schiffer auf dem brausenden Meere, dessen Fahrzeug der Blitz entzündet hat. Vernichtung droht ihm die Glut; Vernichtung die tobenden Wellen. Was soll mir dieses Mitleiden, das mein Herz, bei dem Leiden des Menschengeschlechts, auflöst? Es werde zu Stein, wie die Herzen der Großen und Mächtigen, die die Menschen bloß zu Mitteln ihrer Zwecke nutzen! Ihnen muß ich nun gleich werden, und Hohn der Menschheit sprechen. Daß der Keim meines Daseins in dem Schoße meiner Mutter vertrocknet wäre! Daß nie meine Nerven diese Reizbarkeit erhalten hätten, nie das Gefühl von Recht und Unrecht in meiner Brust erwacht wäre! Mußte ich dies an dem Menschen erfahren, um in Gegenwart des Teufels seine Natur zu lästern! Noch einmal, listiger Sophist, löse mir diese Rätsel auf; enthülle mir dies Geheimnis, und wenn auch Gespenster aus dem Dunkel hervorsprängen, die mich durch ihren Anblick töteten.

Teufel. Beruhige dich, und schüttle diesen Zweifel ab; keinem in Fleisch gehüllt ist es gegeben, diesen Knoten zu lösen, und Tausende werden sich daran erwürgen. Vergiß den Zweck nicht, den wir uns bei unsrer erstern Zusammenkunft vorgesetzt haben. Ich versprach dir, den Menschen nackend zu zeigen, um dich von den Vorurteilen deiner Jugend und deiner Bücher zu heilen, damit sie dich in dem Genusse des Lebens nicht stören möchten; und wenn du wirst eingesehen haben, daß die sogenannte Leitung des Ewigen, dem du um meinetwillen entsagt hast, und vor dessen Angesicht ihr ungehindert die scheußlichsten Greuel begeht, nur Wahn eures Stolzes ist, und dir dann noch Kraft im Herzen übrig bleibt, so will ich dir die schaudervollen Geheimnisse eröffnen, die dich nun umhüllen.

Faust, mit bittrem Gelächter. Nun bei dem Dunkel der Hölle, das uns bei unsrer Geburt bis zum Grabe umdampft, so wär ich noch der Gescheiteste von allen, daß ich dem Wirrwarr entgangen bin, und dadurch, daß ich mich dir ergab, mein Schicksal willkürlich bestimmte, es entschied, wie es einem freien Wesen zusteht, (in sich mit verbißner Wut:) Einem freien Wesen! ha! ha! ha! Ja frei, wie der Jagdhund, den ich am Seile leite, und den der Instinkt fortreißt, wenn er das Wild wittert.

Teufel. Glaube mir, Spötter, besäßen die Menschen die Zauberkraft, die du dem Dunkel entrissen hast, sie würden bald die Hölle entvölkern, und du würdest mehr Teufel auf der Erde herumfahren sehen, als Schutzheilige im Kalender stehen, oder als eure Tyrannen Soldaten im Solde halten, um euch zu unterjochen. Hei ho! welch ein trauriges Los für einen Teufel, die tollen Begierden eines guten Kopfs auszuführen; was würde dann aus uns werden, wenn es jedem Schuft gelänge, uns aus der Hölle zu rufen?

Diese Bemerkung des Teufels wollte soeben der Laune Fausts eine andre Richtung geben, als auf einmal eine neue Erscheinung ihrer Unterredung ein Ende machte. Es traten sechs Bewaffnete mit einer Blendlaterne herein, denen zwei Henker, mit großen leeren Säcken, folgten. Faust fragte, was sie wollten, und der Anführer antwortete: »sie möchten sich bequemen, in diese Säcke zu kriechen, denn sie hätten den Auftrag, die gnädigen Herren hineinzustecken, die Säcke zuzubinden, und in den nahen Fluß zu tragen«. Der Teufel erhub ein lautes Gelächter, und sagte: »Sieh doch Faust, der Fürst von *** will dich von dem Enthusiasmus der Tugend abkühlen, den du ihm heute so warm gezeigt hast.« Faust sah ihn ergrimmt an, gab ihm einen Wink; ein höllisches Gesause erfüllte den gewölbten Kerker, die Schergen stürzten zitternd zu Boden, und die Gefangnen fuhren hinaus.«

Nun erst erwachte das Gefühl der Rache in dem Herzen Fausts, und kleidete sich in den Schmuck eines großen edlen Berufs. Der Gedanke fuhr durch seine Seele: die Menschheit an ihren Unterdrückern zu rächen. Ein stolzes Gefühl durchglühte seinen Busen, die Macht des Teufels, dem er sich auf Gefahr seines Selbsts ergeben, zu nutzen, um Gerechtigkeit an den Heuchlern und Bösewichtern auszuüben. Er rief dem Teufel zu:

»Fahre in den Palast, und erwürge mir den, der mit der Tugend ein Spiel treibt! Vernichte den, der Verräter belohnt, und den Gerechten wissend zertritt! Räche in meinem Namen die Menschheit an ihm.«

Teufel. Faust, du greifst der Rache des Rächers vor!

Faust. Seine Rache schläft, und der Gerechte leidet; ich will den vertilgt sehen, der die Maske der Tugend trägt.

Teufel. So gebiete mir, die Pest über die Erde zu hauchen, daß das ganze Menschengeschlecht hinsterbe. Was soll aus ihnen werden, wenn dein Wahnsinn dauert? Du wirst nur die Hölle bevölkern, und alles wird seinen Gang gehen wie vor.

Faust. Hämischer Teufel, du möchtest ihn retten, daß er der Greuel noch mehr begehen kann; freilich, Fürsten seinesgleichen verdienen den Schutz der Hölle, denn sie machen auf Erden die Tugend verdächtig, da sie das Laster belohnen. Er soll sterben, beladen mit seiner letzten Tat, soll er bebend zur Verdammnis fahren.

Teufel. Tor, der Teufel freut sich des Mords des Sünders; was ich sage, geschieht bloß darum, mich gegen deine Vorwürfe in Zukunft zu sichern, damit dir keine Entschuldigung übrig bleibe. Die Folgen der Tat sind dein.

Faust. Sie seien mein, ich lege sie gegen meine Sünden in die Waage. Eile und morde. Sei der Pfeil meiner Rache! Fasse den Günstling, und schleudere ihn in den glühenden, unfruchtbaren Sand des heißen Lybiens, daß er langsam hinschmachte!

Teufel. Faust, ich gehorche, doch bedenke, Kühner, daß dir das Richteramt nicht gegeben ist.

Faust. Ich bin der Elendeste der Erde; aber nicht in diesem Augenblick.

Teufel. Es ist Selbstrache, Verdruß, dich in ihm betrogen zu haben, die dich treiben.

Faust. Geschwätziger Teufel, es ist der Rest des Unsinns meiner Jugend, der mich bei schlechten Taten oft zu Mordgedanken reizte. Hätte ich das Unrecht der Menschen sehen und dulden können, würde ich dich aus der Hölle gerufen haben? Eile und vollziehe!

Der Teufel erwürgte den Fürsten auf seinem weichen Lager, faßte den bebenden Günstling, und schleuderte ihn in den glühenden Sand Lybiens, fuhr zu Faust zurück: Die Tat ist vollbracht! Sie setzten sich beide auf den schnellen Wind, und segelten dem Lande hinaus.

Wie glücklich sind nun unsere Fürsten, daß es keinem mehr so leicht gelingt, den Teufel aus der Hölle zu rufen, und ihn zum Werkzeug der Rache der Unterdrückten und Zertretnen zu machen. Wehe den Nabobs der Erde, wenn es einem gelänge!

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