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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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2

Die jüngsten Ratsherren, mit einem der vier Syndiken, machten sich auf den Weg, und der Bürgermeister schickte nach Hause, Anstalten zum Schmause zu machen. Der Teufel Leviathan war eben mit Fausten in einem tiefen Gespräche verwickelt, als ihnen die Gesandtschaft angemeldet ward. Man ließ sie ein. Sie bewillkommten im Namen des Senats in aller Demut den vornehmen Gast, und gaben ihm durch eine feine Wendung zu verstehen, daß ihnen sowohl seine hohe Person, als seine wichtigen Aufträge bekannt wären, und versicherten ihn mit zierlichen Worten von ihrem Eifer für das Kaiserliche hohe Haus. Der Teufel verzerrte das Gesicht, wandte sich zu Fausten, faßte ihn an der Hand, und versicherte die Redner, daß ihn nichts anders in ihre Mauern geführt hätte, als ihnen diesen großen Mann zu entwenden, den sie, wie er nicht zweifle, zu schätzen wüßten. Die Abgesandten wurden etwas verwirrt, faßten sich aber bald wieder, und fuhren fort:

»Es freue sie höchlich, daß sie ihm auf der Stelle einen Beweis von der Achtung des Magistrats für einen so großen Mann geben könnten. Sie hätten den angenehmen Auftrag, Fausten vierhundert Goldgulden für seine lateinische Bibel auszuzahlen, bäten ihn, sie gefälligst anzunehmen, und ihnen dieselbe als ein Kleinod zu übergeben. Auch würde sich der hochweise Magistrat für glücklich halten, ihn, wenn es ihm gefiele, unter ihre Bürger zählen zu können, und ihm dadurch den Weg zu dem Ruhm und der Ehre zu öffnen.«

Diesen letzten Umstand setzten sie, aus eigner politischen Weisheit hinzu, ein Beweis, daß sie sich als geschickte Unterhändler der Umstände, die man nicht vorsieht, zu bedienen wußten.

Faust fuhr zornig auf, stampfte auf den Boden, und schrie:

»Lügnerisches Gepack, hab ich euch nicht lange genug gefuchsschwänzt, von dem stolzen Patrizier bis zu dem Schuhmacher und Pfefferkrämer, denen ihr den Ratsherrnkragen um die Hälse hängt, wie dem Esel die Halfter; ihr habt mich an eurer Schwelle stehen lassen, und kaum eines Blicks gewürdigt. Nun ihr hört, daß der gnädige Herr hier mich für den Mann hält, den ihr nicht in mir sehen konntet, so kommt ihr, mir den Fuchsschwanz zu streichen. Seht, hier ist Gold, wofür ihr gern das Heilige Römische Reich verkaufen würdet, wenn ihr nur einen Narren finden könntet, der den ungeheuren Rumpf ohne Kopf, Sinn und Verbindung kaufen möchte.«

Den Teufel freute Fausts Zorn und die Scham der jungen Senatoren höchlich; sie aber, die die Geschichte der Römer nie gelesen hatten, waren nicht so hohen und feurigen Sinns, um gleich eine Kriegserklärung aus ihrem zusammengefalteten Ratsherrnmantel gegen Fausten hin zu schütten, sie brachten im Gegenteil die Einladung zu dem Schmause bei dem Bürgermeister mit einem so muntern Tone vor, als wenn gar nichts geschehen wäre. Ein neuer Beweis von ihrer Geschicklichkeit im Unterhandeln; hätten sie zum Beispiel den Schimpf beantwortet, so würden sie dadurch eingestanden haben, sie verdienten ihn, da sie ihn aber ganz platt auf die Erde fallen ließen, mir nichts, dir nichts, so ward er kraftlos, und erhielt die Farbe eines unbilligen Vorwurfs. Nur Genies sind fähig, so etwas, im geltenden Augenblick, aufzufassen, zu unterscheiden und auszuführen.

Bei dem Worte Bürgermeister spitzte Faust die Ohren, und der Teufel gab ihm einen bedeutenden Seitenblick. Faust nahm hierauf die Bibel aus seinem Kasten, übergab sie den Senatoren, und sagte gefällig:

»Da er nun sähe, daß sie zu leben wüßten, ob man sie gleich dazu zwingen müßte, so mache er der Stadt mit seiner Bibel ein Geschenk; sie möchten sie fleißig lesen, und den Spruch, den er hier unterstreiche, und deutsch auf den Rand schreibe, dem versammelten Rat zeigen, und ihn, zu seinem Andenken, mit goldnen Buchstaben, an die Wand der Ratsstube schreiben.«

Die Senatoren gingen so vergnügt nach dem Römer zurück, als Gesandten, die nach einem schlechten Kriege einen guten Frieden nach Hause bringen, und alle Belohnungen, im Geiste, vorausgenießen, die ihrer erwarten. Sie wurden mit großer Freude empfangen, man schlug die bemerkte Stelle auf, und las:

Und siehe, es saßen die Narren im Rat, und die Toren ratschlagten im Gerichte.

Man verschluckte die bittre Pille, weil der vermeinte Schatten der Kaiserlichen Majestät, in der Gestalt des Teufels, ihnen allen die Mäuler band, tröstete sich mit den ersparten vierhundert Goldgulden, und wünschte sich wechselsweis viel Glück, so gut, aus einem so schlimmen Handel gekommen zu sein. Den Abgesandten wurde öffentlich gedankt, und schade ist's, daß ihre Namen nicht auf die Nachwelt gekommen sind. Da sie endlich von dem reichen Geldkasten Fausts sprachen, so fuhr der Glanz des Goldes wie ein Wetterstrahl durch alle Seelen, und jeder entwarf im stillen einen Plan, wie es anzufangen, sich den Mann zum Freund zu machen. Der Schöppe schrie: Man müßte ihn zum Bürger machen, ihm Sitz und Stimme im Rat geben, die Politik erfordere, daß man Herkommen und Gesetz übertrete, wenn es der Vorteil des Vaterlands wäre etc.

Faust machte indessen einen Spaziergang mit dem Teufel; aber sie fanden die Leute des Orts so flach und albern, nach einem so engen Leisten zugeschnitten, sahen so unbedeutende, nichts versprechende Gesichter, wie sie nur immer die Nürnberger, als Damen und Herrn aufgeputzt, für den Christmarkt schnitzeln können. Den einzigen Trieb, den sie ihnen ablauerten, war Neugierde, Geld- und Gewinnsucht, ein beschränkter Kaufmannsgeist, der es nicht wagt, sich ins Große auszudehnen. Der Teufel sagte gähnend zu Faust:

»Ängstlich, Faust, fühlt der Reichsstädter, und ängstlich fährt er zur Hölle, hier ist keine Ernte für den Mann von Geist, laß uns abfahren, wenn du die Bürgermeisterin dahin gebracht hast, wo du sie haben willst.«Noch einmal! Man verliere doch ja nicht aus den Augen, daß dieses Drama zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts spielt, und folglich keinen der jetzt Lebenden beleidigen kann und soll. Übrigens weiß ich nicht, ob der Teufel den Reichsstädtern und Teutschen überhaupt größre Komplimente machen könnte, als er hin und wieder tut, und es bewiese nur gegen ihre Tugend und ihr Christentum, wenn sie dieselben nicht mehr verdienten; oder gar in einem andern Sinne nähmen.

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