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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Siebentes Kapitel

Nachdem Bär sich seine Zigarette angezündet hatte, fragte er:

»Nun sag' mir einmal, lieber Freund, was du von der ganzen Sache hältst. Du weißt, ich gebe viel auf dein Urteil.«

Statt eine Antwort zu geben, zog Fels einen noch feuchten Bürstenabzug aus der Tasche und sagte leichthin:

»Da, das ist mein Artikel, der morgen in der ›Weltpresse‹ erscheinen wird. Lies ihn, dann kennst du meine Meinung.«

Mit gespanntester Aufmerksamkeit las der Polizeibeamte den umfangreichen Zeitungsbericht durch, der in wenigen Stunden von ganz Wien verschlungen werden würde.

In journalistisch meisterhafter Weise hatte Fels ein Bild von der Tat, dem Schauplatz der Tat, den agierenden Personen, soweit er sie hatte beobachten können, entworfen, in knapper, aber glänzender Weise das ganze Milieu charakterisiert und zum Schluß unter der Überschrift: »Ist Doktor Holzinger der Mörder?« seine persönliche Meinung ausgesprochen, indem er für die Unschuld des Verhafteten in scharf logischer Weise eintrat. Er schrieb:

»Gegen Holzinger sprechen gewichtige Momente. Er hat kein Alibi für die kritische Zeit, er war im Besitz der von ihm verleugneten Hausschlüssel, er ist der einzige in Betracht kommende Mann, der das Haus, die einzelnen Zimmer und die Lebensgewohnheiten der Bewohner kannte. Und vor allem: er ist arm, er will heiraten, hat aber nicht das Geld dazu, und die geraubten Juwelen sollen einen riesigen Wert besitzen.

Ich erwidere aber darauf: Ich und mit mir noch etliche zehntausend Junggesellen Wiens haben für die gestrige Nacht kein Alibi. Ich und noch hunderttausend Menschen sind im Besitz irgendwelcher Schlüssel, die sie ableugnen würden, weil sie sich ihrer eben nicht erinnern. Ich und Tausende haben nicht so viel Geld, als sie dringend benötigen. Bleibt also noch die Tatsache, daß Holzinger die Örtlichkeit genau gekannt haben dürfte. Die allerdings kenne ich nicht, aber es kennen sie einige Dutzend Handwerker ganz genau, denn nach Beendigung des Krieges wurde die ›Villa Mabel‹ gründlich renoviert und wochenlang wimmelte es darin von Anstreichern, Tapezierern, Installateuren und Elektrikern. Irgendeine dieser Personen kann einen der sicher zahlreich vorhandenen Schlüsselbunde an sich genommen haben. Daß Herr Langer mit seinem Diener verreisen würde und Gärtner wie Chauffeur außerhalb Wiens weilen, hat schon vorgestern das gesamte Gesinde gewußt und sicher hat der Diener im Wirtshaus oder sonstwo von der bevorstehenden Reise erzählt. Auf diese Weise kann es die Person, die sich seinerzeit die Schlüssel gesichert hatte, erfahren und den Moment für gegeben erachtet haben, jetzt die furchtbare Tat zu begehen.

Vor allem aber, und dies erscheint mir das Wichtigste: Dr. Holzinger ist ein durchaus nüchterner, vernünftiger und gebildeter Mensch, der, wenn er schon ein Verbrechen begehen, sich nicht wie ein Trottel dabei benehmen würde. Warum hat er also die Schlüssel, die ihn zum Verderben werden mußten, nicht verborgen, sondern so in eine Schublade gelegt, daß sie jedermann sofort finden mußte? Und wozu sollte dieser kluge, ruhige Mensch überhaupt den Mord begangen haben? Der Polizeibericht erzählt uns, daß sich in dem Täschchen der Frau Langer etwa zweitausend Kronen befunden haben dürften. Das ist mehr, als bei einer Dame vorauszusetzen war, aber so wenig, daß dem Manne damit in keiner Weise gedient sein konnte. Bleiben also die Juwelen und Perlen, die nach dem Polizeibericht einen Wert von etwa einer Million haben. Nun, ein dummer und ungebildeter Mensch sogar mußte sich sagen, daß durch viele Jahre hindurch diese Juwelen unverkäuflich sein würden und jeder Versuch, sie ganz oder teilweise zu veräußern, eine Gefahr bedeuten müsse.

Nein, Holzinger ist weder verdächtig noch arg belastet, und es erscheint mir ganz und gar ungerechtfertigt, auf so unsichere Momente hin einen anständigen, unbescholtenen Menschen als Galgenkandidaten ins Gefängnis zu schleppen.«

Bär hatte den Artikel beendet, pfiff leise vor sich hin und meinte dann:

»Für mich ist der Aufsatz ja reichlich unbequem. Der Präsident wird nervös werden und Lechner mir mit salbungsvoller Stimme wohlgemeinte Ratschläge geben, in Wirklichkeit aber sich, in der Hoffnung, daß ich mich blamiert habe, rasend freuen. Übrigens hast du sowohl vom Standpunkt des Journalisten als auch von dem des Publikums recht, mir aber als Kriminalisten blieb nichts anderes übrig, als zur Verhaftung zu schreiten. Deine Ausführungen, lieber Fels, haben den großen Fehler, daß sie von der Voraussetzung ausgehen, ein Verbrecher müsse immer logisch, überlegt und vorsichtig handeln. Die Praxis lehrt aber, daß dies durchaus nicht der Fall ist, sondern gerade bei den schwersten Verbrechen unglaubliche Denkfehler begangen werden. Die Verdachtsmomente gegen Holzinger sind sehr schwer, wenn ich auch selbst von seiner Schuld durchaus nicht überzeugt bin. Ich weiß, welchen Einwand du jetzt erheben willst: ich hätte Holzinger, statt ihn zu verhaften, lieber unter schärfste Beobachtung stellen sollen und wäre sogar noch besser zum Ziel gekommen. Aber abgesehen davon, daß eine solche scharfe Beobachtung für den Betreffenden noch viel quälender ist, als eine Untersuchungshaft in einer anständigen, geräumigen Zelle bei Selbstbeköstigung und dem Recht, sich beliebig zu beschäftigen, sprechen auch die schwersten technischen Momente gegen die Nichtinhaftnahme. Verständigung durch Blicke, durch Worte in öffentlichen Lokalen, sogar durch Telephongespräche lassen sich auch bei sorgsamster Vigilanz nicht verhüten.«

Fels wehrte ab und sagte:

»Wir werden einander nicht überzeugen, also lassen wir das Thema und erzähle mir lieber, natürlich privat, nicht zur Veröffentlichung, was du heute alles erhoben hast. Vor allem: Wie verlief das Verhör mit Herrn Langer? Wer, was und wie ist dieser Millionär überhaupt? Ich sollte den Langer interviewen, habe es aber für taktlos und nebenbei überflüssig gehalten.«

Bär lächelte.

»Dieser Herr Langer ist für mich eine wenig erquickliche Persönlichkeit. Er befindet sich in unserem Alter, sieht aber bedeutend jünger aus, was wohl seine Schlankheit und die Zartheit seines ganzen Knochenbaues verursacht. Unbedingt ein auffallend hübscher Mensch mit eigentümlich verschleierten, traurigen Augen, aber in seinem ganzen Wesen feminin, weich, quallenhaft. Weißt du, ein Mann, den starke, maskuline Frauen gewöhnlich lieben, mädchenhafte Weiber abscheulich finden.

Das Verhör mit Langer ergab keine Überraschungen. Er war sehr gefaßt, hält ebenfalls seinen Privatsekretär für absolut unschuldig, ist auch bereit, für die Unschuld der beiden Mädchen einzustehen und hat uns ein ziemlich ungenaues Verzeichnis der geraubten Schmucksachen gegeben. Er hatte keine Ahnung, wieviel und was für Ringe seine Frau besessen, genau kennt er nur ein vierfaches Perlenhalsband mit Diamantschließe, das er seiner Frau noch vor dem Kriege für eine halbe Million Franken in Paris gekauft hat, und eine Platinnadel mit einem wundervollen Smaragd von sechs Karat Gewicht, eine Seltenheit, deren Wert auch heute, nach dem großen Juwelenkrach, unter Brüdern eine Million Franken, von Kronen gar nicht zu reden, wert ist. Nach seiner Meinung dürfte der Verbrecher es gerade auf diese beiden Stücke abgesehen haben, die er irgendwo in Amerika oder Australien losschlagen wolle.«

»Eine Meinung, die gar nicht dumm ist,« wandte Fels ein.

»Nachdem ich mit Herrn Langer, der durchaus eine Belohnung von hunderttausend Kronen für die Ergreifung des oder der Täter aussetzen will, fertig war, begann für mich die eigentliche und interessantere Arbeit. Vielleicht ist es nur rein persönliche Neugierde bei mir, aber ich wollte durchaus Näheres über das wahre Verhältnis dieses weiblichen, hübschen Mannes zu den beiden so überaus häßlichen Frauen erfahren. Nun, das ist mir gelungen. Zunächst fand ich, als ich das Boudoir der ermordeten Frau und dann das ihrer Schwester genau durchsuchte, bei beiden in den Bücherschränken wohlverwahrt eine ganze Anzahl von masochistisch-sadistischen Büchern und ebensolche photographische Abbildungen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Die Bücher waren mir als verbotene Druck-Erzeugnisse zum größten Teil bekannt, es sind durchwegs in Romanform gekleidete Schilderungen von dem psychopathisch sattsam behandelten Verhältnis starker Frauen zu schwachen, unterwürfigen Männern. Ich brauche dir wohl über diese Irrwege im Liebesleben des Menschen nichts weiter mitzuteilen.«

Fels nickte verständnisvoll.

»Und nun nahm ich mir den Kammerdiener Josef, der aus Prag mitgekommen ist, und die beiden Mädchen vor, und dann hatte ich eine längere Unterredung mit einer Dame, die in einer Villa anstoßend an die ›VilIa Mabel‹ wohnt und mittels Opernglases allerlei indiskrete Schlafzimmerbeobachtungen gemacht hat. Das Resultat dessen, was ich auf diese Weise erfuhr, gibt mir folgendes Bild: Herr Langer ist ein idealer Pantoffelheld, stand vollständig unter dem Bann von Frau und Schwägerin und wurde von diesen beiden Weibern seelisch und körperlich mißhandelt, ja, auch körperlich, so seltsam es klingt! Das Schönste aber ist, daß der arme Kerl buchstäblich nur durch den Tod von den angenehmen Damen befreit werden konnte. Es bestehen nämlich ungeheuer komplizierte Vermögensverhältnisse zwischen den Eheleuten. Aus den Verträgen und Akten, die ich studiert habe – die Kopien lagen im Schreibtisch der Frau Langer – sowie aus den Mitteilungen, die mir Doktor Holzinger eben vor einer Stunde machte, erfuhr ich, daß Herr Langer keinerlei selbständige Vermögensverfügung hat. Für jede Ausstellung eines Schecks von mehr als zehntausend Kronen, für jede Vermögenstransaktion, jeden Umtausch von Werten benötigte er die Unterschrift seiner Frau, während diese seine Unterschrift durchaus nicht brauchte, sondern nach Belieben das ganze Vermögen hätte verschenken können. Es kommt aber noch besser: Laut Testament, dessen Kopie ich ebenfalls gelesen habe, wäre nach dem Tode der Frau Langer Herr August Langer in dasselbe Abhängigkeitsverhältnis zu Miß Mac Lean geraten! Dann wäre dieser abscheuliche Krüppel die absolute Herrin über das Vermögen geworden. Nur für den Fall, daß beide starben, gleichgültig, ob gleichzeitig oder zuerst Frau Langer und dann deren Schwester, konnte Herr Langer in den ungeschmälerten und unkontrollierten Besitz aller Vermögenswerte treten. Dies ist jetzt geschehen und eigentlich müßte man dem glücklichen Leidtragenden von ganzem Herzen gratulieren.«

Vom Stammtisch der beiden Herren her wurden stürmische Unwillenskundgebungen über die lange Abwesenheit des Journalisten und des Polizeibeamten laut, die kleine Frau Direktor erklärte ein solches Benehmen für unerhört, während Alma Mia schon beinahe weinte. Fels und Bär beschlossen daher, ihre private Unterhaltung zu beendigen, nicht aber bevor Fels eine naheliegende Frage erörtert hatte:

»Lieber Bär,« sagte er, »das alles, was du da erfahren hast, ist sehr wundersam und muß doch dein kriminalistisches Gehirn intensiv beschäftigen!«

»Sprich nur ganz ruhig deutsch,« erwiderte Dr. Bär. »Natürlich könnte die Tatsache, daß Herr Langer den Tod der beiden Frauen als Erlösung empfunden haben muß, eine neue Fährte bilden. Aber nach meiner festen Überzeugung eine falsche Fährte. Denn wohl würden wir beide normal empfindende Menschen den Tod solcher Frauen als Glücksfall empfinden; ist dies aber auch bei August Langer der Fall? Ich glaube nicht! Dieser Mann braucht wahrscheinlich, um leben zu können, die Unterjochung unter weiblichen Willen, und was uns Qual bedeuten würde, ist ihm Wollust. Ganz abgesehen davon, wäre dieser Schwächling nie und nimmer imstande, die Initiative zu einem solchen Verbrechen zu ergreifen, die Mörder zu dingen, einen großzügigen Plan zu entwerfen. Dieser Mann stirbt lieber selbst, bevor er einen heroischen Entschluß faßt. Nicht einmal einen Selbstmord würde ich dem Schwächling zutrauen, geschweige einen Mord.«

Während Oskar Fels nickte, wie ein Mensch, der mit dem, was ihm gesagt wurde, vollständig einverstanden ist, begaben sich die beiden Freunde nun zu ihrem Tisch, an dem sie durch »Schmeißen« einiger Runden Kognak Buße leisten mußten.

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