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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Neuntes Kapitel

Fast zur selben Zeit beschrieb über der lombardischen Tiefebene ein Riesenvogel in der beginnenden Morgendämmerung seine Kreise und näherte sich aus Wolkenhöhe immer mehr dem Erdboden. Der Ostmark-Monoplan hatte unter Major Peters' geschickter Führung die ganze Nacht hindurch seinen Weg südwärts gemacht und der Pilot nach Berechnung der zurückgelegten Kilometerzahl, scharfer Beobachtung des Kompasses und der Karte eben dem schweigend hinter ihm sitzenden Fels zugerufen, daß sie sich nicht allzuweit von Mailand entfernt befinden dürften. Er stellte den Motor halb ab, ergriff die Höhensteuerung und langsam ging es in weiten Spiralen abwärts. Nun konnten sie schon trotz des leichten Nebels die Erde unter sich sehen und Peters konstatierte vergnügt, daß sie Ackerboden unter sich hatten, das richtige Terrain also zur Landung. Einige Minuten später und ratternd und polternd humpelte der Apparat über den Acker dahin, ein paar ächzende Umdrehungen der Propeller noch und sie konnten beide mit halb erstarrten, steifen und wehen Gliedern ihre Sitze verlassen.

In einer Entfernung von etwa fünfhundert Metern befand sich das nächste Bauernhaus und schreiend, gestikulierend, schwatzend rannten von dort ein italienischer Bauer nebst Frau und einem halben Dutzend Kinder her. Fels, der italienisch fast ebensogut wie englisch sprach, ging ihnen entgegen und seine erste Frage war natürlich, wo sie sich eigentlich befänden. Der Bauer erklärte, daß das nächste Dorf eine halbe Gehstunde und dieses Dorf wieder zwei Gehstunden von Mailand entfernt sei. Tief aufatmend wandte sich Fels zum letztenmal dem Freunde zu:

»Du gehst nun mit dem guten Mann da in sein Haus, läßt dir ein Frühstück bereiten, ich werde indessen in das Dorf eilen und von dort aus telephonisch aus Mailand Benzin beordern. Ich eile dann nach Mailand weiter. Du wirst hier natürlich einen tüchtigen Preis für das Benzin bezahlen müssen und vielleicht auch sonst alle möglichen Spesen haben, ich gebe dir also noch Geld.« Und während er dem Major, der nicht ein Wort Italienisch sprach und daher auf alle Fragen, mit denen der redselige Bauer ihn bestürmte, nicht antworten konnte, eine Summe von zehntausend Kronen einhändigte, fragte er:

»Wie ich gesehen habe, hast du die hunderttausend Kronen in deinen Schreibtisch eingesperrt? Ich rate dir nur, erzähle weder jetzt noch später irgend jemandem von dieser Summe und von wem sie herrührt, sondern behaupte einfach, daß du mir einen Freundschaftsdienst ohne weiteres Interesse geleistet hast. Es ist besser so, für den Fall, daß dich deine Vorgesetzten doch irgendwie schikanieren wollten.«

»Ach was,« rief der Major fröhlich, »ich bin ein reicher Mann und pfeife auf alle Vorgesetzten, aber natürlich werde ich dir folgen. Also, servus, auf Wiedersehen in Wien, hoffentlich wirst du mich mit deiner amerikanischen Frau bald bekannt machen.« Ein Händedruck und Fels schritt, die Ledertasche in der Hand, energisch auf das Dorf zu, nachdem ihm der Bauer noch seinen Namen vorbuchstabiert hatte.

Wie im Traume raste Fels vorwärts und zum erstenmal fühlte er sich wieder als freier Mensch, durchströmte ein gewisses Wohlbehagen seinen Körper. Als er das schmutzige, elende Dorf erreicht hatte, dem man es wahrhaftig nicht ansehen konnte, daß es kaum zehn Kilometer von der schönen, reichen Stadt Mailand entfernt sei, suchte er die einzige Herberge auf, klopfte – es war gerade fünf Uhr – den Hausknecht aus dem Schlaf und fragte ihn nach dem Podesta. Er hatte nicht weit zu gehen, denn der Besitzer des gegenüberliegenden Kramladens war das Oberhaupt des Ortes. Und Fels schrieb nun auf seinen Notizblock einige Zeilen, gab sie nebst einem Zehnkronenschein dem Hausknecht mit der Aufforderung, den Zettel dem Bürgermeister sofort nach dessen Erwachen zu übergeben. Dann ließ er sich den Weg nach Mailand weisen und ging weiter. Die für den Bürgermeister bestimmten Worte aber hatten in deutscher Übersetzung folgenden Inhalt:

»Vor kurzer Zeit ist ein Flieger in dieser Gegend niedergegangen, der sich jetzt bei Pietro Mascario verborgen hält. Er behauptet, ein harmloser Sportflieger zu sein, ist aber in Wirklichkeit ein Deutscher, und zwar ein ehemaliger Prinz, der nach Italien gekommen ist, um politische Unruhen zu verursachen und sich zum Herrn der Lombardei zu machen. Sorgen Sie dafür, daß er schleunigst, bevor er Zeit gefunden hat, sich mit seinen Verbündeten in Verbindung zu setzen, verhaftet wird.

Ein glühender Freund Ihres Vaterlandes.«

Während Fels durch den kühlen Morgen Mailand entgegenschritt, hielt er einen stummen Monolog:

»Weiß Gott,« sagte er sich, »ich spiele dem guten Peters einen bösen, infamen Streich. Aber diese Gemeinheit, die ich da begehe, kann ihm nicht mehr kosten, als ein paar Tage Haft, mir aber das Leben und die Freiheit retten. Es muß sein.«

Die Wirkung des Schreibens an den Bürgermeister blieb auch nicht aus. Der Krämer und Podesta bekam den Zettel, als er den Laden um acht Uhr öffnete. Eine Viertelstunde brauchte er, um die Worte zu entziffern, dann blähte er sich gewaltig auf, sah sich schon als Retter des Vaterlandes in der »Lettura« abgebildet, fühlte ordentlich den Orden, den man ihm an die Brust stecken würde, und machte sich daran, den Gendarm suchen zu lassen. Als dies nach etwa einer Stunde geschehen war, begaben sich beide unter Assistenz eines handfesten Burschen zu Mascario, wo sie den »Prinzen« friedlich schlummernd auf dem Bette der Frau Mascario liegend antrafen. Und nun folgte eine endlose Reihe von Amtshandlungen und behördlichen Unternehmungen. Zunächst wurde Peters trotz seines Sträubens nach dem Gemeindekotter gebracht. Am anderen Tag kam eine Gerichtskommission aus Mailand, um den politischen Verbrecher und den Apparat zu besichtigen. Wieder am nächsten Tage wurde der Unglückliche nach Mailand ins Untersuchungsgefängnis gebracht, wo man ihm zum erstenmal einen Dolmetsch gegenüberstellte. Und das alles wurde sehr diskret und geheim betrieben, so daß die Öffentlichkeit erst nach acht Tagen davon erfuhr. Peters verwickelte sich, da er die Wahrheit zunächst nicht erzählen wollte, in allerlei Widersprüche, und als er die ganze Geschichte, ohne aber Fels zu nennen, der Wahrheit gemäß verriet, glaubte man ihm nicht ein Wort. Die Regierung in Rom delegierte einen eigenen Untersuchungsrichter nach Mailand und die Zeitungen durften nicht ein Wort über die Affäre veröffentlichen. Schließlich waren vier Wochen vergangen, als sich endlich die Gefängnistore vor Major Peters öffneten, der nun, da alle Zusammenhänge aufgeklärt waren, heimfahren konnte. Peters war wohl fassungslos vor Entsetzen gewesen, als er erfuhr, daß er einem Mörder zur Flucht verholfen hatte, aber er brachte es nicht über sich, Fels zu verdammen. Und als er einige Monate später auf seinem eigenen Grund und Boden die ersten saftigen Birnen vom Baume pflückte, sagte er zu seiner jungen Frau, die er nach zehnjähriger Verlobung endlich hatte heimführen können, wehmutsvoll: »Ein Luder, dieser Oskar Fels, aber doch ein famoser Kerl!«

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