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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Achtes Kapitel

Als es Oskar Fels in Wien einfach auf Grund gewisser psychologischer Voraussetzungen gelungen war, sich der Kontrolle der beiden Detektivs zu entziehen, hatte er tatsächlich dadurch nur einen Vorsprung von wenigen Minuten erlangen können. Er war abermals zum Telephon gegangen, »jetzt zum letztenmal«, wie er erklärte, und als er nach zwei oder drei Minuten noch nicht zurück war, meinte der eine der beiden Polizeibeamten zum anderen, daß es diesmal dem Herrn Fels wohl gelungen sei, eine Verbindung zu bekommen. Der andere war auch dieser Meinung, stand aber doch auf, um einen Blick in die Zelle zu werfen. Und holte bleich den Kameraden, indem er ihm zuflüsterte: »Er ist fort.« Als erfahrene Polizisten beherrschten sie sofort wieder die Situation. Zweifellos – Fels war mit Hinterlassung von Rock und Hut davon, und zwar durch diese Türe, die in die Küche führte. Sie nahmen denselben Weg, bekamen vom Koch, nachdem sie sich durch ihre Blechmarke ausgewiesen, Aufklärung, stürmten über den Hof, durch das Restaurant auf die Straße – aber von Fels war keine Spur mehr zu sehen. Der eine der Detektivs rannte nun nach dem Haus in der Schwindgasse, der andere verständigte telephonisch Dr. Bär, der seinerseits nun ein Heer von Beamten, die Bahnhofpolizei, die Portiers der Hotels mobilisierte und den Telegraphen nach allen Richtungen spielen ließ.

Dr. Bär kombinierte ganz richtig, daß Fels den ganzen Plan der Flucht auf den Fünfuhr-Expreßzug der Südbahn hin angelegt habe, aber dieser Zug war längst weg. Bevor die Verständigung der Strecke vor sich gegangen war, mußte eine weitere Stunde vergehen, es war schwerlich möglich, den Expreßzug vor Gloggnitz durch das dortige, wahrscheinlich sehr unbeholfene Gendarmeriekommando visitieren zu lassen. Immerhin, – bis zur Grenze würde Fels mit diesem Zug nicht gelangen können. Dr. Bär, der nichts mehr im Auge hatte, als fest und brutal zuzugreifen, ließ alle Orte zwischen Wien und Gloggnitz besonders verständigen, wobei er annahm, daß Fels unterwegs auch in den Stationen, in denen der Zug nicht hielt, dank seiner körperlichen Gewandtheit abgesprungen sein konnte oder vielleicht gar durch Ziehen der Notbremse den Train irgendwo zum Stillstand gebracht hatte.

Der Zufall wollte es, daß ein Detail des von Fels entworfenen Planes durchkreuzt wurde. Die Kurrende von der Flucht des des Raubmordes verdächtigen Privatiers Oskar Fels kam auch rasch nach Baden und wurde auf der Polizei von den Beamten laut besprochen, als eben der Portier des »Hotels Esplanade« in einer Meldungsangelegenheit anwesend war. Gerade hatte einige Minuten vorher der Diener eines Herrn Oskar Fels für die nächsten Tage Zimmer und ein großes Souper bestellt und der Zusammenhang war rasch gegeben. Der Diener Urban wurde sofort festgehalten, Dr. Bär telephonisch verständigt und auf seinen Befehl der Diener schleunigst mittels Auto nach Wien gebracht. Dr. Bär verhörte ihn, sah sofort, daß dieser Mann vollständig unschuldig sei, und entließ ihn auch, nachdem Urban dem Kriminalkommissär noch den Brief seines Herrn übergeben hatte. Nochmals erließ Dr. Bär allerlei Verfügungen, die die Ergreifung des Flüchtigen fördern sollten, und es war Mitternacht, als er sehr erregt, voll von schmerzlichen Empfindungen, den Brief auseinanderfaltete und Bogen um Bogen zu lesen begann. Fels hatte in der Nacht vorher, nachdem sein Fluchtplan feststand, dem Freunde folgendes geschrieben:

»Wenn du diesen Brief in Händen hast, so gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder war ich doch gescheiter, als es eine verehrliche Polizei zu sein pflegt, und habe ein Versteck gefunden, das sicher und gut ist, oder ich bin überhaupt nicht mehr. Denn lebendig werden mich deine Häscher, die du hinter mir hergeschickt hast, nicht ergreifen. Im entscheidenden Momente, wenn ich sehe, daß ich endgültig verspielt habe, werde ich ein Ende zu machen wissen und dein Beamtenehrgeiz wird sich dann nur einer Leiche, nicht aber des lebendigen Oskar Fels rühmen können.

Doch ich sehe, daß ich bitter werde, und das will ich nicht. Jeder Mensch handelt schließlich nach seinem besten Wissen und Empfinden und es liegt nur in deiner Natur, daß du in ganz kurzer Zeit die Freundschaft zu mir überwinden konntest und nichts mehr in mir siehst, als das reißende, gesellschaftsfeindliche Tier, das überwältigt werden muß. Ich natürlich würde an deiner Stelle anders gehandelt haben, aber das ist ja ganz bedeutungslos, weil ich eben wahrscheinlich wirklich antisozial und durchaus nicht von dem schönen Bewußtsein durchdrungen bin, daß die menschliche Gesellschaft unter allen Umständen dem Individuum vorzuziehen sei. Ich schreibe aber diesen langen Brief wahrhaftig nicht, um mit dir zu rechten, sondern nur, um alles klarzustellen, und weil es mir in dieser Stunde zwischen Tod und Leben ein wahres Bedürfnis ist, meine Tat zu erklären. Nebenbei wirst du auch als Polizist vielleicht durch mein Geständnis einiges lernen können.

Also: Es war in der Nacht von Maria Lichtmeß des Vorjahres, am 2. Februar also, ich kam frühzeitig aus der Redaktion und ging, sehr schlecht gelaunt, erbittert über Widerwärtigkeiten mit Bureaukollegen, voll Sorge für die nächsten Tage, an denen einige Wechsel mit für mich bedeutenden Beträgen fällig wurden, den Ring entlang. An der Kärntnerstraße wollte ich abbiegen, um zu euch ins ›Café Central‹ zu gehen, aber meine schlechte Laune nahm mit jedem Schritt so überhand, daß ich es vorzog, allein zu bleiben und mich ins ›Café Heinrichshof‹ gegenüber der Oper begab. Kaum hatte ich Platz genommen, als mich vom Nebentisch ein Herr zu fixieren begann. Ich erwiderte die beharrlichen Blicke und war mir sofort im klaren darüber, daß ich den Herrn schon kannte, ohne aber zu wissen, wer er sei. Da stand er auf, ging auf mich zu und fragte sehr schüchtern und verlegen, während ein fast mädchenhaftes Rot über das hübsche, noch sehr jung aussehende Gesicht zog, ob ich nicht ein gewisser Oskar Fels sei. Und als ich bejahte, stellte er sich als August Langer vor. Um mich kurz zu fassen: Dieser August Langer war mein Schulkollege von der ersten bis zur fünften Gymnasialklasse gewesen und dabei mein bester Freund, mein unzertrennlicher Gefährte. Es waren wieder einmal die Gegensätze gewesen, die sich angezogen hatten. Er war fleißig, gewissenhaft, bescheiden, artig, liebenswürdig, von einer mädchenhaften Zartheit und Feinheit des Empfindens, ich revolutionär, rauflustig, stets bereit, den Professoren irgend etwas anzutun, faul, aber sehr begabt. Als der bildhübsche Knabe August Langer eines Tages unterwegs von Realschülern überfallen wurde und in Gefahr geriet, gründlich verprügelt zu werden, erschien ich gerade auf dem Plan, warf mich auf die drei oder vier Feinde, schlug den einen mit einem Hieb zu Boden, versetzte dem andern einen Faustschlag, daß er Nasenbluten bekam, und konfiszierte dem dritten, der die Flucht ergriff, seine Mütze. Von da an hing August mit zärtlicher Liebe an mir, er bewunderte mich, verehrte mich, teilte sein Taschengeld mit mir und wäre bereit gewesen, sich für mich aufzuopfern. Ich wieder liebte ihn auf meine Art, bemutterte ihn, teilte in seinem Interesse Ohrfeigen aus und tyrannisierte ihn. Er mußte mich auf meinen Ausflügen begleiten, Zigaretten rauchen, weil ich es tat, trinken, weil es mir behagte, kurzum, er stand furchtbar unter meinem Pantoffel, fühlte sich dabei aber sehr behaglich. Im Obergymnasium nahm die Knabenidylle ein Ende. August, der einen Onkel in England hatte, übersiedelte zu diesem; anfangs schrieben wir uns fleißig, dann verbummelte ich den Briefwechsel, wir verloren uns ganz aus Auge und Gedächtnis, und es waren wohl zwanzig Jahre so vergangen, als wir uns nun im ›Café Heinrichshof‹ wieder trafen. Für mein Empfinden hatte sich August Langer wenig verändert. Er hatte noch immer etwas Weiches, Katzenartiges und Weibliches an sich, sah viel jünger aus, als er war, machte noch immer den Eindruck eines scheuen, schüchternen Menschen. Wir erzählten uns von unseren Lebensschicksalen und ich erfuhr zu meinem Erstaunen, daß August, der aus ganz kleiner, armer Beamtenfamilie stammte, ein ungeheuer reicher Mann, Industriekapitän im großen Stile und hervorragender Kriegsgewinner geworden sei. Er erzählte mir, allerdings sehr kurz und flüchtig, auch von seiner Frau und betonte, daß er durchaus nicht Herr seines Vermögens, sondern ganz abhängig von ihr und sogar von ihrer Schwester, die bei ihnen lebe, sei. Wir schwelgten dann in Jugenderinnerungen, das Wort ›erinnerst du dich‹ leitete jeden neuen Satz ein und wir wurden selbst wieder jung und lustig. Da sah August auf seine Uhr und meinte; daß es noch früh, erst elf Uhr sei, während die Parsival-Vorstellung, der eben seine Frau und seine Schwägerin beiwohnen, kaum vor Mitternacht beendet sein dürfte. Auf meine Frage, wie er dann nach Schluß des Straßenbahnbetriebes nach Hause ins Cottage kommen würde, erwiderte er leichthin, daß ja vor der Oper sein Auto warte.

In diesem Augenblick kam mir die Armseligkeit meines eigenen Lebens so recht zum Bewußtsein, ich dachte daran, daß ich als begabter, vielseitig gebildeter, sprachenkundiger und weit über den Durchschnitt intelligenter Mensch ein Vermögen von etwa zehn Kronen mein Eigen nannte, während die Schulden, die ich in der nächsten Zeit würde zahlen müssen, ein halbes Jahreseinkommen betrugen, und neiderfüllt seufzte ich tief auf und sagte: ›Dir ist es also gelungen, du bist wahrhaftig zu beneiden.‹

Da ergriff August meine Hand, preßte sie, sah mich mit seinen verschleierten, mädchenhaften Augen an und keuchte mir zu: ›Du beneidest mich, du, du starker, freier Mensch? Oh, wenn du wüßtest, wie elend und unglücklich ich bin!‹ Stoßweise kam nun die Beichte eines femininen, schwachen, fremdem Willen untertanen Menschen hervor. Ich bekam Einblick in ein düsteres Stück Kapitel psychopathia sexualis, sah ein zerrissenes, zerfetztes Menschenleben vor mir, das ich allerdings nicht hätte beneiden dürfen. Was du späterhin erforscht und kombiniert hast, war richtig gewesen: August Langer war von der millionenreichen Mabel Mac Lean geheiratet worden, und dieses hagere, dürre Weib war ebenso wie ihre verkrüppelte Schwester eine Megäre mit Herrschergelüsten, wie sie den Sexualforschern bis zum Überdruß bekannt sind. August selbst pflegte, ohne ein vollständiger Typus des femininen Mannes zu sein, doch leicht und willig unter die Herrschaft solcher Frauen zu geraten und er hätte auch in seiner Ehe gegen eine Beherrschung nichts einzuwenden gehabt, wenn sie erträglicher Art gewesen wäre. Das war aber nicht der Fall, wie er mit heißen Wangen und zuckenden Lippen eingestand. Die Perversionen der beiden Weiber hatten einen immer exzessiveren, brutaleren Charakter angenommen und sich schließlich zu Mißhandlungen, viehischen Quälereien, abscheulichen Zumutungen und Forderungen verdichtet. Dieses letztere Moment scheint das für August quälendste und lebenszerstörendste gewesen zu sein.

Erschreckt sah August während seiner Beichte immer wieder auf die Uhr, er fürchtete ersichtlich, daß die Vorstellung beendet sein und die Gattin ihn mit mir zusammen sehen könnte. Erst als wir durch einen Gast erfuhren, daß infolge einer Umbesetzung eine lange Pause eingetreten sei und die Vorstellung bis gegen halb ein Uhr dauern werde, beruhigte er sich, wobei er bemerkte: ›Weißt du, du bist gerade der Typus des starken Mannes, den meine Frau über alles haßt.‹

Wirklich erschüttert und voll Mitleid fragte ich August, warum er dieser Ehe nicht einfach ein Ende bereite. Mit erschreckten Augen sah er wie geistesabwesend vor sich hin und erwiderte: ›Nicht nur, daß ich so arm wie ein Bettler wäre, so würden sie mich verfolgen, öffentlich mit der Peitsche überfallen, sie ließen mich nicht los, sie würden mich wieder in ihre Gewalt bekommen und dann Gnade mir!‹

Da gab ich ihm einen Ratschlag aus dem tiefsten Grunde meines Herzens, einen aufrichtig und ehrlich gemeinten Rat, wie ihn wahrscheinlich in diesem Augenblicke die meisten anderen Leute auch gegeben hätten. Ich sagte nämlich kurz und bündig: ›Dann bringe die Weiber um!‹

Der arme Teufel muß sich mit dieser einzig möglichen Lösung schon oft genug beschäftigt haben, er war durchaus nicht überrascht, sondern erklärte ganz ernsthaft:

›Dazu bin ich zu feig und zu ungeschickt. Und wenn ich mich dazu sogar entschließen könnte, so würde ich sofort ertappt werden. Überhaupt, du weißt es ja aus unserer Schulzeit her: für heroische Dinge im guten wie im schlechten Sinne habe ich kein Talent.‹

Ganz in sich zusammengesunken saß er bei diesen Worten da und sah so rührend hilflos aus, ganz so, wie damals im Gymnasium, wenn er von Mitschülern gehänselt und gequält wurde und sich nicht anders zu helfen wußte, als indem er mir einen hilfesuchenden Blick zuwarf. Und so wie ich damals nicht anders konnte, als ihm wieder helfen, so hatte ich auch jetzt das dringende Bedürfnis, ihn unter meinen Schutz zu stellen und außerdem erfaßte mich eine rasende Wut gegen diese zwei englischen Megären, die in August nicht nur einen Mann, sondern die ganze Männlichkeit besudelten und in den Kot zerrten. Ich schlug ungestüm mit der Faust auf die Marmorplatte und schrie es beinahe heraus: ›Wenn du willst, so beseitige ich deine kostbare Gattin samt ihrer Schwester.‹

Natürlich war das nicht mein voller Ernst, sondern nur ein Ausbruch meines Unmutes. August aber sah mich mit großen Augen an und flüsterte tonlos: ›Oskar, wenn du das tun, wenn du mich aus diesem Elend, aus diesem täglichen Grauen erretten wolltest, – du würdest mir ein neues Leben schenken.‹ Da setzte sich in mir die Idee fest und nahm bestimmte Konturen an und meine journalistische Phantasie begann zu spielen, ein ganzer geheimnisvoller Kriminalroman baute sich vor mir auf. Ich schwieg eine Weile und dachte schließlich, daß ein solcher Doppelmord eine wahrhaftige Guttat wäre. Und ich sagte mir weiter, daß ich schließlich im Kriege eine ganze Anzahl von Menschen getötet hatte, die weder mir noch einem Freunde je etwas zu Leide getan und von denen vielleicht der Schlechteste mehr Wert gehabt hatte, als die beiden entarteten, perversen, blutsaugerischen Frauen. So wie ich nur mit dem Gedanken vertraut geworden war, eine Doppelhinrichtung auf eigene Faust vorzunehmen, begann ich auch konkret, sachlich und nüchtern zu denken und ich machte August klar, daß ein Raubmord fingiert werden müsse und er selbst sich nicht in Wien befinden dürfe weil sonst unbedingt ein Verdacht gegen ihn auf kommen würde. Er erklärte, daß er ohnedies in den nächsten Tagen geschäftlich nach Prag fahren wollte und diese Reise an einem beliebigen Tage antreten könnte. Und als wir nun immer wieder darüber sprachen, erfuhr ich, daß der Chauffeur und der Gärtner nicht in Wien weilten – der Chauffeur, der jetzt in seinem Dienste stand, war tagweise gemietet und schlief nicht bei ihm –, die Villa also nur von wenigen Leuten bewohnt war. Natürlich mußte ich die ›Villa Mabel‹ genau kennen lernen, und auch das fügte ein Zufall günstig. Am nächsten Abend würden die beiden Frauen wieder im Theater sein, August unter dem Vorwand heftiger Migräne seinen Diener mit dem Auto zum Abholen der Damen schicken und den beiden weiblichen Dienstboten Karten in ein Kino schenken, so daß ich abends um acht Uhr die ›Villa Mabel‹ aufsuchen konnte, ohne jemand anderen anzutreffen als August.

Ich schärfte ihm noch ein, keinem Menschen von der Begegnung mit mir zu erzählen, und dann entfernte ich mich, da ich merkte, wie August immer unruhiger und ängstlicher wurde, so daß Schweißtropfen seine blasse Stirn bedeckten. Ich wartete aber vor dem Kaffeehaus so lange, bis ich die Frauen kommen und gleich darauf mit August das Automobil besteigen sah. Nun, wir haben ja damals die Leichen der Frauen gesehen, und ich kann nur sagen, daß der Tod ihnen eher einige sympathische Züge verliehen hat. Als ich sie dicht neben mir auf der Straße sah, überfiel mich ein Grauen angesichts von so viel Bösartigkeit und Gemeinheit, wie sie in den Gesichtern der Frau Langer und deren Schwester lag. Und als August nach ihnen einstieg und dabei vielleicht die Schleppe der Frau Langer streifte, traf ihn ein kalter, schleimiger, giftiger Blick, unter dem er sich duckte wie unter einem Peitschenhieb. Das Auto rollte davon und mein Entschluß war gefaßt: ich wollte die Welt und den alten Schulfreund von dieser Haut und Knochen gewordenen Pestilenz befreien.

Daß diese ›Beseitigung‹ irgendeinen Vorteil für mich bringen könnte, kam mir überhaupt nicht in den Sinn. Ich erwog nur die Ausführung der Tat in allen Details und spazierte die halbe Nacht in den Straßen umher, bevor alles klipp und klar in mir festlag. Am anderen Abend erschien ich verabredetermaßen vor der ›Villa Mabel‹ und der halb heruntergelassene Vorhang im rechten Parterrefenster gab mir das Zeichen, daß ich eintreten konnte. Totenblaß, zitternd, in furchtbarer Angst, daß ich meine Zusage bereuen könnte, empfing mich August und ich orientierte mich genau über den Eingang, die Lage der Schlafzimmer, der Betten, der Nachtschränke und anderer Möbel und des Ortes, an dem die Schmuckkassette zu liegen pflegte. Schließlich händigte mir August die Schlüssel zum Gartentor und dem Hausportal ein und wir bestimmten, daß er am Morgen des 5. Februar, also am zweitnächsten Tage, nach Prag fahren, ich aber in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar die Tat begehen sollte. Aus Gründen, die sich ja späterhin anläßlich der ungerechtfertigten Verhaftung Holzingers auseinandersetzte, entschloß ich mich, die beiden Frauen zu erwürgen, weil ich diese Art für die einzige, die keine Spuren hinterläßt und geräuschlos vor sich geht, hielt.

Bevor ich unbemerkt, wie ich gekommen war, die Villa wieder verließ, verabredete ich mit August noch eine Zusammenkunft am nächsten Nachmittag im ›Café Annenhof‹, da es immerhin möglich war, daß wir noch etwas zu besprechen hatten. Und noch immer war mir nicht der Gedanke gekommen, aus der gesetzwidrigen Tat, bei der ich nur an die Befreiung des armen Schwächlings und Vertilgung der beiden weiblichen Vampire dachte, irgendeinen Vorteil für mich zu ziehen. Am anderen Tag besprachen wir im ›Annenhof‹ nochmals in voller Ruhe die kommenden Ereignisse und August war es, der mir folgendes sagte: ›Wenn die Tat geschehen ist, bin ich nicht nur frei und unabhängig, sondern auch reich, sehr reich sogar. Und diesen Reichtum werde ich natürlich mit dir teilen. Die Hälfte meines Vermögens wird dein sein.‹ Ich wehrte zuerst heftig ab, der Gedanke, die Rolle eines gedungenen Mörders zu spielen, erschien mir grotesk, aber schließlich fügte ich mich den Argumenten Augusts, und über alle Bedenken und ästhetischen Skrupeln siegte mein Lebenshunger, mein Wunsch, endlich selbst ein freier, reicher Mensch zu sein. Von einer Teilung wollte ich nichts wissen, sondern wir verblieben dabei, daß August mir am einundzwanzigsten Tag nach der Tat unter gewissen Modalitäten hunderttausend Pfund Sterling in englischen Aktien übergeben sollte.

Über die Ausführung der Tat habe ich nicht viel zu sagen. Ich tötete die beiden Frauen, und ich würde heucheln, wollte ich behaupten, daß ich dabei ein sonderliches Grauen, Gewissensbisse und Reue empfunden habe. Vielleicht sogar, daß ich in meinem Leben mehr Schmerz in dem Bruchteil einer Sekunde verspürte, wenn ich auf der Jagd ein schönes, edles Reh niedergeknallt hatte. Die Tötung war für mich nicht mehr als eine Tat der Notwehr, wenn auch nicht in eigener Not begangen, die Beseitigung von Lebewesen, die niemandem zu Nutze, mindestens einem zu Leide vorhanden waren und deren Gottähnlichkeit ich absolut negieren mußte.

Ohne gestört und beobachtet worden zu sein, konnte ich die ›Villa Mabel‹ verlassen, nachdem ich noch den Eindruck eines Raubmordes hervorgerufen und die Juwelen mitgenommen hatte. Ich begab mich von dort aus nach meiner Wohnung in der Porzellangasse und besah flüchtig das Geschmeide, das ich sorgfältig in ein Papier einschlug. Nur ein wundervoller Smaragd gefiel mir so gut, daß ich mich von ihm nicht trennen wollte, sondern in die Tasche steckte, um ihn andern Tages im Bureau in den Schreibtisch zu sperren, das Paket mit den Juwelen trug ich am nächsten Morgen, bevor ich ins Bureau ging, nach Dornbach und grub es irgendwo tief in die Erde unter einen Baum ein. Dort dürfte es jetzt noch ruhen. Die Smaragdnadel aber sollte mir noch gute Dienste erweisen. Als der arme Holzinger in Haft saß, warst du es, der mich von der bevorstehenden Festnahme des Schmiedeisen verständigte. Ich bat dich, anwesend sein zu dürfen, und benützte diese Gelegenheit, um dem alten Raubmörder die Nadel zuzustecken. Dadurch ermöglichte ich die Freilassung eines Unschuldigen und fühlte mich sehr erleichtert, denn das Schicksal Holzingers belastete mein Gewissen tausendmal mehr als der Tod der Frauen.

Am 27. Februar wurde ich zum reichen Mann. Nach unserer Verabredung traf ich im ›Café Bristol‹ an diesem Tage mit August, den ich nicht wieder gesehen hatte, zusammen. Ohne voneinander Notiz zu nehmen, ließen wir uns am selben Tische nieder, und für andere unmerklich, rückte August ein Paket an mich heran. Ich ging vor ihm fort und nahm das Paket mit, das die englischen Wertpapiere enthielt. Nun begann ich, dir gegenüber von einer bevorstehenden Änderung meiner Vermögensverhältnisse zu sprechen, machte die angebliche Reise nach Budapest, und alles übrige ist dir ja bekannt. Alles war vortrefflich ausgedacht, nach dem Tode des armen August, der sich seiner Freiheit nicht lange erfreuen konnte, war auch die letzte Möglichkeit einer Entdeckung geschwunden, niemals wäre das Rätsel der ›Villa Mabel‹ gelöst worden, wenn ich nicht eine kleine, dumme Unvorsichtigkeit begangen hätte. Als du mich vor wenigen Tagen – es scheint mir, als würden Jahre dazwischen liegen – auffordertest, dich in den ›Annenhof‹ zu begleiten, warnte mich eine innere Stimme. Ich schlug aber die Warnung als lächerlich in den Wind, ging mit und ein dummes, kleines Mädel, das sich in mich vergafft hatte, mußte mir zur Verderberin werden. Schicksal oder Zufall, höchst moralischer Eingriff eines überirdischen Waltens oder blindes, dummes Pech, – ich überlasse dies dir zur Beurteilung, denn ich habe für metaphysische Spielereien niemals etwas übrig gehabt. An dir wäre es gelegen, mich für meinen Leichtsinn büßen zu lassen, aber auch du warst leichtsinnig und hast die unverzeihliche Dummheit begangen, mich durch die Erzählung von der Momentphotographie des Mädchens zu warnen. Dafür sei bedankt, obwohl es sicher nicht deine Absicht war, mich zu warnen, sondern die Arroganz des Berufspolizisten, der einem Oskar Fels gegenüber durch Überraschung wirken wollte. Das ist dir vorbeigelungen, lieber Freund, und ich gebe zur Stunde, da ich diese Beichte niederschreibe, die Hoffnung absolut noch nicht auf, mir nochmals den Weg in die Freiheit zu bahnen. Und nun lebe wohl und gedenke mit nicht allzuviel Entrüstung deines langjährigen Freundes.«

Die Uhr wies auf die zweite Stunde, als Dr. Bär den Brief tiefaufatmend beiseite legte, um mit wehen, seltsamen Empfindungen zum letztenmal des Oskar Fels als eines Freundes zu gedenken. Dann ging er zum Haustelephon, ließ sich den journalhabenden Konzeptsbeamten kommen und diktierte ihm einen kurzen, aber inhaltsreichen Artikel über die »Aufklärung des Rätsels der Villa Mabel«, den die Polizeikorrespondenz noch für die Morgenblätter ausgab. Wenige Stunden später war die Nachricht von der Flucht, Verfolgung und dem schriftlichen Geständnis Oskar Fels' in der ganzen Welt bekannt, in Wien wie in Berlin, in Paris wie in London. Und jenseits des Atlantischen Ozeans las eine junge, schöne Amerikanerin die Sensationsnachricht, die das Kabel herübergetragen hatte, während sie eben zum Frühstück sich einen zarten, geschälten Pfirsich mit Sahne übergoß. Und die schöne, junge Amerikanerin wurde noch weißer als die Sahne auf dem Teller und ein Blutstropfen perlte von ihrer Lippe nieder.

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