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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Siebentes Kapitel

Nach knapp einer Stunde hält der Expreßzug zum erstenmal fahrplanmäßig in Wiener-Neustadt. Dem Manne auf der Flucht klopfen die Pulse, jagt das Blut in rasendem Laufe durch die Adern. Er setzt die Mütze auf, zieht den Pelz an, ergreift die Ledertasche und beugt sich aus dem Fenster. Nichts Verdächtiges! Bier, Würstel und Bäckereien werden ausgerufen, es steigt niemand ein, niemand verläßt den Zug. Der Schaffner eilt nach vorne zum Postwagen und dies ist der geeignete Moment für Fels, um auszusteigen und den Bahnhof zu verlassen.

Es ist sechs Uhr, die Märznacht ist herabgesunken, der Platz vor dem Bahnhof nur notdürftig erleuchtet. Ein Einspänner mit einem elenden, mageren Gaul will eben, da ihm die Situation aussichtslos erscheint, wegfahren, als Fels ihn anruft: »Steinfeldstraße zehn.« Über den langen Weg brummend, haut der Kutscher auf das arme Roß ein, das sich hinkend und schwankend in Trab setzt. Der Weg ist wirklich weit und fast eine halbe Stunde sitzt Fels, innerlich fröstelnd, in die Wagenecke gekauert, und denkt scharf und unablässig nach und überlegt, wie groß die Chancen sind, heute noch, so wie er es wünscht, Wiener-Neustadt zu verlassen. Und heute muß es sein, – morgen gebe es von hier aus keinen Weg mehr in die Freiheit, sondern nur den nach dem Gefängnis und in den Tod. – –

Endlich hat der Wagen das Haus in der Steinfeldstraße erreicht. Fels entläßt den Droschkenkutscher noch nicht, sondern heißt ihn warten. Er klimmt eine halbdunkle Treppe hinauf und steht vor einer Tür, auf der eine Visitenkarte mit Reißnägeln befestigt ist: »Franz Peters, Major, Leiter des Miliz-Ausbildungsinstitutes für Flugwesen.« Fels zwingt sich zu einem Lächeln, zur Ruhe, strafft seinen Körper, reckt sich und zieht an der Türglocke. Eine ältere Frau, wohl die Wirtschafterin Major Peters', öffnet. »Ist der Herr Major zu Hause?« – »Nein.« – Fels schrickt zusammen, wagt fast nicht, die nächste Frage zu stellen: »Wo ist er? Kann man ihn erreichen?« – Gleichgültig kommt die Antwort: »Er wird im ›Café Korso‹ sein, dort ist er immer um die Zeit.« Fels tritt an die Frau näher heran, drückt ihr eine Banknote in die Hand und sagt: »Liebe Frau, ich muß den Herrn Major so rasch als möglich sprechen. Unten wartet ein Einspänner, setzen Sie sich hinein und holen Sie den Herrn Major. Sagen Sie ihm, ein alter Kamerad erwarte ihn zu Hause. Ich selbst bin nämlich zu müde, um wieder mit dem Einspänner in die Stadt zu fahren.«

Die Frau hat inzwischen die Banknote entfaltet und ist so maßlos beglückt und überrascht, als sie sieht, daß es ein Zwanzigkronenschein ist, daß sie förmlich verjüngt den Fremden den Weg in die Wohnung führt und dann die Treppen abwärts rennt, um den Auftrag auszuführen.

Fels sitzt abgespannt in dem sogenannten Salon des Majors Peters, einem mit billigem, schäbigem Tand angefüllten Zimmer, das genau so aussieht, wie zehntausend andere möblierte Zimmer in Wien, Berlin, Hamburg und anderen Städten, und läßt die Erinnerung an den Kriegskameraden vorübergleiten. Peters hatte mit ihm und Bär zusammen gedient und gekämpft, aber schon nach wenigen Monaten hatte der schneidige, draufgeherische Oberleutnant Peters, ein herzensguter, leichtsinniger, ewig verschuldeter und ein wenig beschränkter Berufsoffizier, sich zu einem Fliegerkurs gemeldet Nach kurzer Ausbildung begann er sich als Kampfflieger zu betätigen, schoß einen Italiener nach dem anderen ab, bekam die höchsten Auszeichnungen, avancierte außertourlich und wurde Major, als der Zusammenbruch kam. Jetzt war er der eigentliche Chef des aeronautischen Ausbildungswesens der Miliz und als solcher ein großer Herr in Wiener-Neustadt, dabei aber ein armer Schlucker, der vor Schulden nicht ein noch aus wußte, mit unerhörtem Pech Karten spielte und immer seinen Ruin vor Augen hatte. Fels war im Feld und späterhin, wenn er mit ihm in der Etappe zusammen war, gut befreundet mit dem harmlosen, liebenswürdigen Menschen geworden und gestern nachts, als er in seiner Wohnung in der Schwindgasse auf und ab gegangen und nach der Ritze gesucht und geforscht hatte, durch die er die furchtbare Falle verlassen könnte, waren seine Gedanken auf Major Peters haften geblieben.

Endlich – die Uhr wies auf halb acht – hörte Fels das Anrollen der Droschke und gleich darauf flog die Türe auf und Major Peters stand vor ihm. Ein Jubelruf und der Offizier flog ihm um den Hals: »Mensch, Freund, wie lieb von dir, daß du dich blicken läßt! Aber warum hast du dich nicht vorher angesagt, ich hätte dich doch dann mit Auto bei der Bahn erwartet – – –.«

»Nein, Peters, gerade so ist es recht, ich wollte dich allein sprechen und es braucht niemand zu wissen, daß ich dich aufgesucht habe. Du weißt, daß ich in Amerika war?«

»Natürlich, es wurde mir erzählt,« schrie Major Peters aufgeregt, »und du sollst ja dort Eisenbahnkönig oder so etwas geworden sein und unerhört viel Millionen verdient haben – weißt du, vorige Woche war ich nahe daran, dich um einen Tausender anzupumpen, aber ich wußte deine Adresse nicht, und dann dachte ich mir auch, daß du jetzt, wo du so reich geworden bist, vielleicht anders –«

»Quatsch,« unterbrach ihn Fels mit etwas gequältem, ungeduldigem Lachen, »und nun setz' dich einmal hierher und laß dir erzählen, warum ich dich aufgesucht habe.«

Mit sehr ernster, eindringlicher Miene erzählte Fels nun eine ganz wilde, tolle Geschichte von einer jungen Amerikanerin, die er drüben kennen gelernt und in die er sich verliebt habe. Eine Nichte von dem alten Ölgötzen Rockefeller, klotzig reich, so an die hundert Millionen Mitgift und dabei überaus schön. Aber spleenig, durchaus spleenig, wie es ja bekanntlich die reichen jungen Amerikanerinnen alle seien. Major Peters nickte bestätigend, ja, er habe auch schon davon gelesen, erst vor kurzem kam in einem rot gebundenen Roman eine solche Dame vor, zwar eine Engländerin, aber das kommt wohl auf dasselbe heraus.

Fels, der in dieser furchtbaren Situation ein Lächeln nur mühsam unterdrücken konnte, sagte: »Jawohl, es kommt auf dasselbe heraus« und fuhr dann fort:

»Nun stelle dir vor, wir waren eigentlich schon einig, ihre Eltern wollten den Segen geben, da plötzlich verlangte Evelyn Rockefeller, so heißt sie, einen Aufschub. Sie motivierte diesen Wunsch nicht, sondern verlangte einfach, ich möge nach Wien zurückfahren und sie selbst werde bald nachkommen und mich dann auf die Probe stellen, indem sie etwas ganz Außergewöhnliches, Unerhörtes, beinahe Unerfüllbares von mir verlangen würde. Also, lieber Peters, ich will mich kurz fassen: Ich mußte natürlich ihren Wunsch erfüllen, fuhr nach Wien und wartete hier mit Sehnsucht auf ein Lebenszeichen der Braut. Heute kam es, und zwar mittags, in Gestalt dieser Depesche.« Dabei hielt Fels dem Major eine Depesche unter die Augen, die er von Grace bekommen hatte. Peters, der nicht ein Wort Englisch verstand, platzte beinahe vor Ungeduld und Spannung, drehte die Depesche ratlos hin und her und forderte Fels auf, ihm endlich zu sagen, was da geschrieben stehe.

»Ach so,« sagte Fels leichthin, »du kannst nicht Englisch, verzeih', ich wußte das nicht. Also, die Depesche lautet: ›Mein Geliebter, wenn du mich morgen, Donnerstag, um zehn Uhr vormittags vor dem Hauptportal des Domes in Mailand triffst, will ich dein Weib werden.‹ Die Depesche ist heute früh dringend in Mailand aufgegeben worden.«

Major Peters hielt es sitzend nicht länger aus. Er rannte wie toll rund um den Tisch und brüllte immer: »Nein, diese Weiber, diese Weiber! Was diesen Weibern nur einfällt! Alle werden sie zuerst im Kopf verrückt!« Und dann stehenbleibend, mit einem mitleidigen Blick auf Fels: »Also, da kann man nichts machen, adieu, Amerikanerin, adieu, hundert Millionen!«

Sehr ruhig aber erwiderte Fels:

»Nein, lieber Freund, wenn du mir hilfst, so läßt sich die Sache machen, ich kann dann morgen um zehn Uhr und sogar noch früher meine Braut in Mailand umarmen.« Und als der Major ihn verwundert und kopfschüttelnd anglotzte:

»Du bist doch hier im Flugzeugwesen der höchste Offizier, nicht wahr?«

Ein verständnisloses Nicken.

»Die Entfernung von hier nach Mailand beträgt, den Umweg über Triest gerechnet, rund siebenhundert Kilometer. Soviel ich weiß, können euere neuen Ostmarkapparate eine solche Strecke ohne Zwischenlandung in sechs bis sieben Stunden zurücklegen. Es ist jetzt halb acht, wenn wir in einer Stunde, sagen wir anderthalb Stunden, starten, so würden wir, vorausgesetzt, daß alles glatt geht, zwischen drei und vier Uhr morgens in Mailand landen. Du siehst also, wenn du mir helfen willst, so bekomme ich die Mitgift mitsamt der Frau.«

Major Peters begann furchtbar zu lachen. Zuerst war es wenigstens ein gewöhnliches, lautes Offizierslachen, nach und nach aber ging es in ein Heulen und Wiehern über und weinend, schnaubend, schneuzend und prustend schrie er: »Tolle, amerikanische Idee, echt amerikanisch, toll, zum Wälzen.«

Fels war auf derartiges gefaßt gewesen und er begann mit diesem primitiven Menschen zu ringen, langsam, zäh, unaufhaltsam. Er drückte ihn immer wieder in den Stuhl nieder, setzte ihm immer wieder auseinander, daß für ihn, den kühnen, ruhmreichen Flieger, dieser Flug nach Mailand doch ein Kinderspiel sei, und als er ihm das endlich klargemacht, begann er ihn bei der Gefühlsseite zu fassen, sprach mit zitternder Stimme von unauslöschlicher Liebe, von einem Nichtlebenkönnen ohne Evelyn, und zog schließlich, als er sah, wie Peters gerührt und schwach wurde, die Pistole aus der Tasche und sagte groß und feierlich: »Entweder ich bin morgen um zehn Uhr in Mailand oder ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf.«

Niedergeschmettert, vernichtet, schwitzend hatte Major Peters nur noch einen Einwand: »Menschenkind, gut, ich fliege! Aber was soll dann aus mir werden? Wie komme ich zurück, wie verantworte ich mich beim Staatsamt, was tue ich, wenn man mich glatt in Pension schickt?«

»Deine Fragen sind leicht zu beantworten«, sagte Fels, indem er brüderlich-zärtlich die Schulter des Majors umfaßte. »In Mailand besorgen wir so rasch als möglich das Benzin für den Rückflug. Natürlich ziehst du dir Zivil an, so daß dir dort seitens der Behörde überhaupt nichts geschehen kann. Und gibt es doch irgendwelchen Anstand, so genügen meine amerikanischen Beziehungen wahrhaftig, um die Sache in zehn Minuten zu ordnen. Und was deine sonstigen Befürchtungen anbelangt, nun, du wirst doch nicht geglaubt haben, daß ich einen solchen Freundschaftsdienst ohne Revanche annehmen würde. Sieh, hier sind hunderttausend Kronen, nur ein geringer Teil dessen, was mir Evelyn in die Ehe mitbringt. Und diesen Betrag gestatte ich mir, lieber Kamerad, dir jetzt schon als kleine Remuneration zu überreichen.«

Major Peters hielt das Päckchen Banknoten in der Hand und vor seinen Augen drehte sich alles. Das bedeutete für ihn Befreiung von allen Gläubigern, die Möglichkeit, seinem Vetter ein schönes, kleines Gut in der Steiermark abzukaufen, freiwillig in Pension zu gehen und sich auf dem eigenen Grund und Boden als Herr, als freier Mensch, als Grundeigentümer zu fühlen. Dieser Mensch, der in der internationalen Welt der Aviatiker berühmt geworden war, sehnte sich mit Inbrunst nach einer friedlichen Beschäftigung, die ihn an den soliden Boden fesseln würde. Alle weiteren Bedenken waren dahingeschmolzen wie verspätete Schneeflocken in der Aprilsonne; jetzt hieß es für ihn nur mehr fliegen, so rasch als möglich nach Mailand fliegen!

Von einem benachbarten Wirtshaus aus telephonierte Major Peters nach dem nicht mehr fernen Flugfeld und ließ sich mit dem Auto abholen. Das Flugfeld lag in tiefem Schlaf da, nur die Wache, bestehend aus einem Unteroffizier und drei chargenlosen Soldaten, war auf. Major Peters, dem jetzt eine Nase oder sogar die Verabschiedung plus eines etwaigen Zimmerarrestes ganz gleichgültig erschien, rief den Unteroffizier beiseite, teilte ihm mit, daß er in höherem Auftrag sofort einen Fernflug in Begleitung eines Kameraden – er wies dabei auf Fels – zu absolvieren habe. Die Sache sei diskret zu behandeln, er möge ja niemandem etwas davon erzählen. Er hoffe übrigens, im Laufe der Nacht oder am nächsten Morgen zurück zu sein. Da Fels dem Unteroffizier gleichzeitig einen Hunderter in die Hand drückte und dann einen weiteren Hunderter mit dem Auftrag übergab, mit den Kameraden zusammen den Rest der Nacht bei einem guten Punsch zu verbringen, so ging alles weitere sehr rasch vonstatten. Benzinreservoir, Ölbehälter, Kühler wurden gefüllt und versorgt, ein mächtiger, neuer, aber gut ausprobierter Ostmark-Eindecker aus dem Hangar gezogen und die abenteuerliche Fahrt angetreten. Es war doch fast zehn Uhr geworden, bevor die Karten aus dem Bureau herbeigeschafft waren und die beiden Männer – auch Major Peters trug Zivil und hatte auf Anraten seines Freundes alle Legitimationen abgelegt – ihre Sitze erklimmen konnten. Die Ledertasche ließ dabei Fels nicht aus der Hand, und nun wurde der Motor angelassen, die Propeller wirbelten wie toll im Kreise, zitternd hüpfte der große Vogel über die glatte Erde, um sich dann zu heben, in Spiralen zu mächtigen Höhen emporzuschrauben und südwärts bei sternenheller Nacht davonzueilen.

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