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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Sechstes Kapitel

Um elf Uhr vormittags öffnete Fels die Flügeltüre, die von dem Herrensalon auf den Balkon führte, er trat hinaus in das warme Licht und überzeugte sich, daß seine »Schatten« unten standen. Und nun kam ein an sich unbedeutender und doch unendlich wichtiger Schritt, ein telephonisches Gespräch, von dessen Ergebnis es abhing, ob der Fahrplan, den er in der Nacht studiert hatte, die richtigen Daten enthielt und er seinen Plan würde ausführen können. Er wollte eben sein Tischtelephon abheben, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoß. Vielleicht, sogar sehr wahrscheinlich, daß seine Nummer überhört wurde. Also nicht von hier aus telephonieren! Nach kurzer Überlegung begab sich Fels nach dem nächsten Stockwerk, wo ein hoher Aristokrat wohnte. Der Herr Graf und seine Gemahlin waren glücklicherweise nicht zu Hause und der Lakai führte Fels bereitwillig in das Zimmer, in dem sich das Telephon befand, um sich dann diskret zurückzuziehen. Fels hatte erklärt, daß bei ihm selbst eine Störung vorhanden sei. Er ließ sich mit dem Reisebureau Cook verbinden. »Hier Spediteur Dworschak, bitte, wann und von wo aus geht der nächste Dampfer nach Mexiko? Ich muß nämlich ein wertvolles Kolli so rasch als möglich nach Vera-Cruz befördern. Ja, bitte sehr, ich warte. Hallo, der nächste Dampfer ist der ›Präsident‹, der von Genua aus abgeht. Wie, den kann ich nicht benützen, weil er schon morgen mittags fährt? Zu dumm! Und der nächste Dampfer geht erst in einem Monat. Na, da kann man nichts machen. Ich danke schön!«

Hoch aufgerichtet stand Fels da und seine Wangen glühten. »Es muß, es muß gehen!«

Und nun hieß es rasch handeln. Fels begab sich wieder in seine Wohnung, öffnete den Kassenschrank, entnahm ihm einen Stoß Papiere – sein ganzes großes Vermögen – und ließ sie in einer gelben Handtasche, die ihm vorher der Diener hatte aus dem Garderobezimmer bringen müssen, verschwinden. Dem unteren Fach des Tresors entnahm Fels ebenfalls den ganzen Inhalt, es waren zwei Bündel von je hundert Tausendkronenscheinen. Sie steckte er in die Brusttaschen des Sakkos, das er trug. Ein dünner Gummiüberzieher, eine sogenannte Gummihaut, fand in einer Seitentasche des Sakkos Platz, eine Reisemütze in der anderen. Ein kurzer Pelzrock wurde einem Schrank entnommen und über die Ledertasche gelegt, wieder und wieder tat Fels einen Blick in den aufgeschlagenen Reisekurier, dann rief er seinen Diener herein.

»Urban, passen Sie genau auf. Mit dem Fünfuhrzug fahre ich nach Marburg. Sie gehen punkt vier mit dieser Reisetasche und mit diesem Pelzsakko vom Hause fort nach dem Südbahnhof, aber keine Minute früher, weil ich vorher einen telephonischen Anruf erwarte, und keine Minute später, damit Sie alles ordentlich besorgen können. Auf dem Südbahnhof lösen Sie mir eine Karte erster Klasse nach Marburg und erwarten mich mit ihr im Wartesalon. Wahrscheinlich werde ich erst im letzten Moment kommen. Diesen Brief hier – Fels überreichte dem Diener das Kuvert, in das er vorhin die über Nacht beschriebenen Bogen getan hatte – bringen Sie morgen vormittags meinem Freunde Doktor Bär nach dem Gebäude der Polizeidirektion am Schottenring.« Während Fels sprach, kam ihm zum Bewußtsein, daß sein Diener heute absolut nicht mehr in die Wohnung zurückkehren dürfe, und schon hatte sich sein Hirn auf diese neue Schwierigkeit eingestellt. Er fuhr fort: »Wenn Sie mir auf dem Südbahnhof meine Karte und Tasche samt Pelz gegeben haben, so nehmen Sie sich für den nächsten Lokalzug, der um fünf Uhr dreißig Minuten abfährt, eine Karte nach Baden, gehen dort ins ›Esplanade-Hotel‹, bestellen mir drei Zimmer für übermorgen und besprechen mit dem Hotelier ein großes Souper für zwölf Personen. Die Speisenfolge überlasse ich Ihnen, Urban, ich bin überzeugt davon, daß Sie Ihre Sache gut machen werden. Sie übernachten dort und fahren morgen früh nach Wien, um zunächst dem Herrn Doktor Bär den Brief zu übergeben. Und hier haben Sie Geld zum Auslegen, als Angabe für den Hotelier in Baden und so weiter.«

Der Diener versprach, alle Aufträge korrekt auszuführen, und steckte die erhaltene Tausendkronennote in seine Brieftasche.

Fels ließ sich vom Diener einen Übergangsrock reichen, steifen Hut und Stock, warf einen letzten prüfenden Blick auf alle die mit Liebe und Verständnis erworbenen Kostbarkeiten in der Wohnung, auf diese Teppiche, über deren jeden einen er sich gefreut hatte, und ging dann entschlossen aus dem Hause. Im Haustor gegenüber aber sah er mit einem flüchtigen, unauffälligen Blick die beiden ihm aus seiner journalistischen Zeit her wohlbekannten Detektive, und er stellte auch fest, daß sie an der Straßenecke ein geschlossenes Automobil hatten, um ihm folgen zu können, falls er fahren sollte. Er aber zog es vor, seinem Chauffeur abzuwinken und gemächlich vor sich hinpfeifend einen Spaziergang über den Schwarzenbergplatz durch den Stadtpark und über den Ring zurück zum Restaurant Sacher zu machen. Seine Annahme, daß beide ihm folgen und nicht etwa der eine zur Beobachtung des Haustores zurückbleiben würde, bewahrheitete sich also. Demgemäß konnte später sein Diener Urban das Haus ungestört und ungesehen verlassen und sich nach dem Südbahnhof begeben.

Während Fels das Restaurant Sacher betrat und sich dem Mittagmahl scheinbar mit derselben Gemütsruhe widmete, wie an anderen Tagen, gingen die Detektive draußen auf und ab. Fels aber konnte minutenlang keinen klaren Gedanken fassen. Wie der Refrain eines Gassenhauers verfolgte ihn der in sich hineingesprochene Satz: »Ich muß ihnen einen Vorsprung abgewinnen, einen kleinen Vorsprung, wenn auch nur von einer Minute.«

Ja, von diesem Vorsprung hing alles ab. Er mußte die Detektive los werden, und zwar zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt los werden. Und wenn ihm dies gelang, wenn er in dem Zug saß, ohne daß sich die Häscher hinter ihm auf das Trittbrett schwangen, dann lag es im Bereich der Möglichkeit, sich die Freiheit zu sichern, das Leben zu retten. Und »Grace, Grace« mußte er immer wieder vor sich hinmurmeln und dabei den Rest seiner Selbstbeherrschung aufwenden, um nicht laut zu denken.

Gegen halb drei Uhr verließ Fels das Restaurant. Die Detektive gingen hinter ihm her auf der anderen Seite der Straße und Fels erkannte, wie müde, verdrossen, abgespannt sie waren. Natürlich, sie müssen hungrig sein, die armen Kerle, dachte Fels. Bei Sacher zu essen trauen sie sich nicht, weil die karg bemessenen Spesengelder dazu nicht reichen. Mißwirtschaft, verzopfte, naive Vigilanzmethoden! Darüber ließe sich, wenn man noch Journalist wäre, gut schreiben. Und er lachte schmerzlich auf und wunderte sich über die Gedankensprünge eines Mannes, der zwischen Leben und Tod schwebte. Unwillkürlich griff er an die rückwärtige Hosentasche, in der der geladene Browning ruhte.

Fels ging durch die Kärntnerstraße nach dem Ring, an den Hotels vorbei, blieb vor der Auslage einer Blumenhandlung stehen, betrat den Laden und verließ ihn wieder, eine volle gelbe Nelke im Knopfloch des dunklen Überrockes. Mit Befriedigung fing er durch das Spiegelfenster einen Blick der Detektive auf, einen Blick, durch den die beiden sich sicher sagten, daß der Mann, denn sie da rätselhafterweise zu vigilieren hatten, durchaus nicht fluchtverdächtig erscheine. Nun aber ins »Café Imperial« hinein, wo sich das Entscheidende abspielen mußte. Als Fels diesem Lokal, das den einen Parterreflügel des »Hotel Imperial« einnimmt, während der andere Flügel von einem Restaurant okkuppiert wird, zusteuerte, wandelte sich der gequälte, zermürbte Gesichtsausdruck der Detektive in ein behagliches Lächeln. Fels, dem die Scheiben und Spiegel der Auslagefenster immer wieder als Rückblicksmöglichkeit dienten, verstand die Metamorphose: Im Café konnten sich die Beamten in seine Nähe setzen und ihren Hunger stillen. Fels nahm im letzten Saal ganz nahe von Garderobe, Telephonzelle und Toilette Platz, die Detektive setzten sich an den zweitnächsten Tisch und stürzten sich mit Heißhunger auf Kuchen und Melange, während das Objekt ihrer Nachstellung an seinem Mokka nippte und sich scheinbar ganz in die Lektüre der Zeitungen vertiefte. Von Zeit zu Zeit trat an Fels ein Bekannter heran, mit dem er sich laut und fröhlich unterhielt, und als der eine der Detektive, der Dworschak, sich zu dem anderen, Nowotny, beugte und ihm etwas zuflüsterte, hätte Fels darauf geschworen, daß folgende Worte gesprochen wurden: »Du, der sieht nicht aus, als wenn er wüßte, daß man hinter ihm her ist.«

Nach einer Weile stand Fels auf und ging durch die Garderobe in die Telephonzelle. Man hörte, wie er unaufhörlich anläutete und immer lauter sein »Hallo!« in die Sprechmuschel rief, dann kam er aus der Zelle heraus und sagte, während er sich wieder setzte, halblaut: »Verdammte Wirtschaft, keine Verbindung zu bekommen!« Er hatte aber genau beobachtet, wie der eine der Detektive an einen Zeitungstisch getreten war, von dem aus er die Telephonzelle im Auge behalten konnte. Nun wiederholte sich derselbe Vorgang mehrmals hintereinander: Fels rannte immer wieder in die Zelle, läutete, schrie, tobte, erweckte den Anschein, als würde sich die Beamtin nicht gemeldet haben, kehrte zu seinem Tisch zurück, beschwerte sich bei den Kellnern über die telephonische Mißwirtschaft, kurzum, er führte eine Szene auf, wie sie in den Kaffeehäusern Wiens zu den Alltäglichkeiten gehört. Anfangs war immer ein Detektiv aufgestanden, um seinen Aufenthalt in der Zelle zu kontrollieren, und Fels begann maßlos nervös zu werden, da die Zeit verrann und die Minute der Entscheidung näher kam. Schließlich entschloß er sich, seine Taktik zu ändern. Bisher hatte er getan, als wenn er die Detektive nicht gesehen hätte, jetzt aber, als er zum etwa sechstenmal aus der Telephonzelle kam, sah er sich schimpfend im Kreise um und ließ seinen Blick auf die Polizeibeamten fallen. Ein Zögern, ein Erkennen, diskretes Zuwinken. Die Detektive waren bedeutend verlegener als er, da er auf sie zutrat und sie begrüßte. Fels klopfte sie jovial auf die Schultern, bot ihnen aus seinem Zigarettenetui an, ließ sie mehrfach zugreifen, beugte sich hinab zu den beiden Beamten und sagte im Flüsterton:

»Hübscher Sache auf der Spur? Sie wissen ja, ich bin diskret, sagen Sie mir, hinter wem Sie her sind.«

Da aber die Detektive verlegen lachend abwehrten, drang er nicht weiter in sie, sondern beklagte sich wieder über das Telephon und begab sich abermals in die Zelle. Und jauchzte innerlich auf: keiner der beiden Beamten war aufgestanden, um ihm zu folgen – sie glaubten definitiv an die Telephonmisere!

Noch einmal wiederholte Fels den Versuch, und wieder gelang er; die Detektive sahen ihm wohl verstohlen nach, dachten aber nicht mehr daran, aufzustehen. Und nun mußte gehandelt werden, die Uhr wies auf fünfzehn Minuten vor fünf, es kam jetzt auf die Sekunde an.

Fels rief den Detektivs lachend zu: »Jetzt versuch' ich's zum letztenmal!« und ging zur Zelle. Dann aber an dieser vorbei zu der Türe, die in die Küche führte. Dem Koch, der breit und behäbig unter den übrigen Küchenangestellten stand, flüsterte Fels zu: »Sie, ich möchte einem Frauenzimmer, das vor dem Kaffeehaus auf mich lauert, entkommen, kann ich von hier ins Restaurant gehen?«

Koch, Köchinnen, Küchenjungen, Abwaschweiber, – sie alle kreischten vor Vergnügen über die Liebesaffäre des Herrn und wiesen ihm den Weg. Durch die Küche kam Fels in einen dunklen Vorraum, von diesem durch eine Tür nach dem Hof und quer über den Hof gelangte man in die Küche des Restaurants und von dort mühelos in das Restaurant selbst. Unterwegs aber riß Fels die Gummihaut und die Reisekappe aus den Taschen, und als er durch das Restaurant schritt, sah er wie jemand aus, der von einer Reise kam oder eine antreten wollte. Dankend schritt er an den grüßenden Kellnern, die ihn kannten, vorbei, mit Riesensätzen sprang er über den Ring zum »Grand Hotel«, vor dem zahlreiche Fiaker und Automobile standen. Er warf sich in das Auto, das ihm den Eindruck der größten Leistungsfähigkeit machte, und rief dem Chauffeur zu: »Fünfzig Kronen, wenn ich noch am Südbahnhof den Fünfuhrzug erreiche!« Und schon sauste der Wagen durch die Prinz-Eugen-Straße, dem Südbahnhof zu, wo Fels bleich, aber mit beherrschten Muskeln fünf Minuten vor fünf Uhr eintraf. Er stürmte die Treppen hinauf, hörte die letzten gebieterischen Einsteigerufe der Schaffner, aber da stand auch schon der Diener Urban, der ihn mit einem »Gott sei Dank, ich dachte, der gnädige Herr versäumen den Zug« begrüßte und ihm mit der Ledertasche und dem Pelzsakko nach einem Abteil erster Klasse folgte.

»Adieu, Urban, besorgen Sie alles so, wie wir es besprochen haben!« – ächzend zieht die Lokomotive an und der Zug setzt sich in Bewegung. Fels beugt sich tief hinaus, um Urban noch einen Auftrag zu geben, in Wirklichkeit aber übersieht er den ganzen Bahnsteig und stellt fest, daß von den Detektivs weit und breit nichts zu sehen ist. Dann aber sinkt er erschöpft auf seinen Sitz und muß die Augen schließen, um einen Anfall von Schwäche zu überwinden. Der Kondukteur kommt und knipst die Karten ab. »Der Herr fährt direkt nach Marburg?« – »Jawohl,« erwiderte Fels gähnend. – »In Marburg ist Paß- und Zollrevision«, belehrt der Schaffner und wendet sich einer alten Dame zu, der einzigen Mitreisenden in diesem Abteil.

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