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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Fünftes Kapitel

Nur widerstrebend und erfüllt von grauenhaften Empfindungen begab sich Dr. Bär in dieser Nacht ins »Café Central«, nachdem er zweien seiner geschicktesten Leute den Auftrag gegeben, sich dem früheren Journalisten und jetzigen Millionär an die Fersen bei Tag und bei Nacht zu heften und ihn bei einem Versuch, die Stadt zu verlassen, sofort in Haft zu nehmen. Während der Kriminalkommissär aber das Kaffeehaus betrat, faßte er einen weiteren Entschluß, durch dessen Ausführung er einen schweren kriminalistischen Fehler beging. Er griff zum Überraschungstrick, um den Verdächtigen zu überrumpeln. Dr. Bär nahm Fels beiseite, setzte sich an einen entlegenen Tisch mit ihm und begann:

»Weißt du, daß du gestern eine Eroberung gemacht hast?«

»Keine Ahnung! Wo und bei wem?«

»Nun, wir waren doch gestern im ›Café Annenhof‹, das reizende Mädel, mit dem ich dich bekannt gemacht habe, ist ganz verschossen in dich.«

Fels lachte vergnügt: »Zu jung, lieber Freund, zu jung für mich. Vorläufig ist halbreifes Obst noch nicht mein Fall. Aber seit wann gefällst du dir in der Rolle Martha Schwertleins?«

Und nun sah ihm Bär scharf und fest in die Augen und sagte langsam, wuchtig und mit Betonung:

»Nun, dieser Fall ist nämlich ganz ungewöhnlich. Stelle dir nur vor, das junge Ding hat dich schon vor mehr als einem Jahr, am vierten Februar, als du mit einem anderen Herrn im ›Annenhof‹ in der Veranda saßest, photographiert. Ich selbst habe das vortrefflich gelungene Bild gesehen.«

Der Trick war gut angelegt und doch verfehlt, weil die Person, die überrascht werden sollte, sich ganz anders in der Gewalt hatte als der Durchschnittsmensch. Wohl fühlte Fels bei diesen Worten, wie ihm das Blut ins Herz schoß, wohl sauste es ihm in den Ohren und würgte ihn in der Kehle, daß er unmöglich ein Wort hervorbringen konnte. Aber sein Gehirn arbeitete weiter und er konnte noch denken, und im Bruchteil einer Sekunde sagte er sich: Man stellt mir eine Falle, also hat man mich noch nicht ganz fest, und hat man mich noch nicht, so darf man mich auch nicht bekommen. Und um nicht sofort reden zu müssen, zündete er sich an seinem Benzinfeuerzeug sehr umständlich eine Zigarette an, hielt dem Blick des Freundes – schon ist er mein Feind, fühlte Fels – stand und sagte dann, als er sich wieder Herr seiner Stimme wußte, ganz ruhig:

»Lieber Freund, sag' deiner Grete, daß sie ein Gänschen ist, und du als Kriminalmensch solltest Bilder genauer ansehen. Ich war mindestens seit Jahren nicht im ›Annenhof‹ und ganz sicher nicht im Winter.« Und warf dann ein Scherzwort zu Direktor Brüxel hinüber und ging zur Gesellschaft zurück.

Bär fühlte, daß er eine kapitale Dummheit begangen, die sich eigentlich nur durch die sofortige Verhaftung des Fels gutmachen ließe. Aber er wollte und konnte nichts mehr tun und nicht mehr denken. Er war am Rande seiner Kraft und Entschlußfähigkeit und kam wieder darauf zurück, daß die Budapester Recherchen das Letzte und Entscheidende sein könnten und bis dahin ihm Fels, auf Schritt und Tritt verfolgt, nicht entkommen würde. Rasch entfernte er sich, weil er nicht daran denken konnte, an diesem Abend mit Fels noch zu sprechen. Fels ging bald nach ihm, machte auf der Straße Riesenschritte, blieb aber am Michaelerplatz mit einem plötzlichen Ruck stehen, um sich wieder eine Zigarette anzuzünden. Und dabei erreichte er das, was er beabsichtigt hatte: er sah zwei Männer, die in einiger Entfernung hinter ihm hergegangen waren und sich nun rasch in einer Hausnische versteckten.

»Aha,« sprach Fels in sich hinein, »Dworschak und Nowotny sind meine Schatten! Ganz wie ich mir gedacht habe! Die besten Fanghunde hat mein Freund ausgesucht, um mich zur Strecke zu bringen. Abwarten!«

Als aber Fels endlich das Haus in der Schwindgasse erreicht, den Portier herausgeklingelt und seinem Diener auf dessen ergebene Frage gesagt hatte, daß er nichts mehr brauche, – als er stöhnend und schweißbedeckt in einem Fauteuil zusammensank, da kam doch die furchtbare Reaktion auf die Geschehnisse der vergangenen Stunde. »Also ist alles verloren,« entrang es sich seiner Brust, »Ehre, Freude und das Leben! Grace, Grace, wenn du nicht wärst, so würde ich wissen, was zu tun ist. Aber Grace, ich sehne mich so sehr nach dir, daß ich kämpfen will bis zum letzten Atemzug, bis zur Gewißheit, daß ich verloren bin!«

Vorsichtig trat Fels an das Fenster und blickte aus dem finsteren Zimmer, in dem er nicht gesehen werden konnte, auf die Straße hinaus. Richtig! Dort an der gegenüberliegenden Straßenecke stand der eine der beiden Detektive. Der andere war wohl nach Hause gegangen, um nach etlichen Stunden den Kollegen abzulösen. Und so würde es bleiben, bis eines nahen Tages, vielleicht morgen, vielleicht erst übermorgen, sich eine Hand auf seine Schulter legen und ihn verhaften würde. Bär würde natürlich aus Taktgefühl nicht die Voruntersuchung führen, sondern irgend ein anderer Beamter ihn mit Fragen quälen, die Zeitungen würden ungeheure Artikel bringen, sein Kollege Grubenheld sich nach der moralischen Seite hin ausschmocken, und dann käme die Überführung in das Landesgericht und eines Tages würde er vor den Geschworenen stehen und mit anhören, wie einer der Männer im Talar über ihn, Oskar Fels, der getötet hatte, weil er das Leben so sehr liebte, das Todesurteil ausspricht.

Fels sprang auf, ballte die Fäuste und schüttelte sich, als wollte er die marternden Gedanken von sich werfen. Und wieder bezwang sich der starke, das Leben bejahende Mann. Stundenlang ging er auf und ab, ein Berg von Zigarettenstummeln häufte sich in den Bronzetellern, sein Gehirn arbeitete logisch, präzise, wie ein feiner Mechanismus. Und als draußen die Dunkelheit wich und eine blasse, verschnupfte Märzsonne auftauchte, da wußte er, daß der schwerste, furchtbarste Tag seines Lebens angebrochen sei. Dann setzte er sich vor den Schreibtisch und füllte Bogen auf Bogen. Als er fertig war und das Manuskript in ein Couvert stecken konnte, rief er den Diener herbei und ließ sich ein reiches Frühstück servieren, das zu essen er sich zwang. Er wußte, daß er heute noch seine Kräfte brauchen würde.

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