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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Zweites Kapitel

Das Haus Nr. 42 in der ruhigen, fast weltabgeschiedenen Kastanienallee, die die älteste Straße der Wiener vornehmen Villenkolonie »Cottage« ist, liegt tief in einem alten, schönen Ziergarten, so daß man auch jetzt, im Februar, da die Bäume ihr Laub nicht tragen, von der Straße aus die Fassade der schloßähnlichen Villa nicht genau sieht. Wohl aber leuchten von der Front unterhalb des Giebels die goldenen Buchstaben »Villa Mabel« deutlich hervor. Das Gebäude ist bester Wiener Barock, zweistöckig, mit einer Auffahrt zum Portal, und macht einen durchaus feudalen Eindruck. Es steht nach allen Seiten frei, hat sechs Fenster Vorderfront und ist ersichtlicherweise so gebaut, daß im Hochparterre die Salons und Empfangsräume liegen, im ersten Stockwerk die Wohn- und Schlafzimmer, darüber etwaige Gastzimmer und die Wohnräume der Dienerschaft.

Als Fels mit seinem Autotaxi angefahren kam, umstand eine große Menschenmenge das Gittertor, das von der Straße nach dem Garten führt, ein Schutzmann aber verwehrte jedermann den Eintritt. Erst als Fels seine Legitimation vorwies, öffnete ihm der Polizist, höflich salutierend, das Tor und sagte dabei: »Unten, im ersten Zimmer rechts.«

Fels fühlte, wie ihm die angesammelte neugierige Menge mit neidischen Blicken folgte, und ein eigenartiges, ironisches oder verächtliches Lächeln . kräuselte seinen schönen, vielleicht etwas zu vollen Mund, den ein englisch gestutzter Schnurrbart freiließ. Dicht hinter Fels fuhr jetzt wieder ein Auto vor, dem ein gewaltiger Herr, der Präsident der Wiener Polizei, Dr. Lerchenfeld, mit seinem Privatsekretär entstieg. Er erreichte den Journalisten knapp vor dem Hausportal, klopfte ihm auf die Schulter und sagte leichthin:

»Na, da haben ja die Zeitungen wieder einmal eine Sensation! Ein Doppelmord in der vornehmsten Straße Wiens, das ist ein gefundenes Fressen, besonders für die ›Weltpresse‹. Himmel, Ihr Chef wohnt ja auch im Cottage, da wird er diesen Mord als persönliche Bedrohung auffassen und der Polizei in einem Leitartikel gute Lehren erteilen. Na, das kann ja nett werden.«

»Habe keine Ahnung,« erwiderte Fels kühl, »da ich noch gar nichts weiß, als daß ein Verbrechen begangen wurde.«

Beide traten nun in das Zimmer rechts von der schönen großen Halle, in die man zunächst kam. Der geräumige Saal, in dem die Herren von der Polizei versammelt waren, repräsentierte sichtlich einen Herrensalon. Die Wände unten aus dunklem Holz, im oberen Teil mit grünem Leder bespannt, ein mächtiger Diplomatenschreibtisch, Rauch- und Spieltischchen und eingebaute Bücherschränke, zwischen diesen alte, kostbare englische Stiche. Vor dem Schreibtisch saß jetzt ein Polizeibeamter, der mit rascher, flüssiger Schrift schon eine stattliche Anzahl von Papierbogen beschrieben hatte. Um einen Spieltisch herum saßen und standen mehrere in Zivil gekleidete Herren, während sich zwei Mädchen eben anschickten, weinend und aufgeregt das Zimmer zu verlassen.

Der eine der Herren war der Chef der Sicherheitsabteilung der Wiener Polizei, Direktor Anton Lechner, der andere sein Stellvertreter Polizeirat Hermann, ein alter, kleiner Herr, Herausgeber der offiziellen Polizeikorrespondenz, der die Berichte für die Zeitungen, soweit sie keine eigenen Berichte machen, fertigzustellen hat. Zwei Detektive stehen vorne, im Hintergrund an der Wand lehnt aber mit gekreuzten Armen ein hagerer, glattrasierter Herr mit scharfer Hakennase und einem Kneifer vor den klugen grauen Augen. Es ist dies Kriminalkommissär Dr. Heinrich Bär, einer der erfolgreichsten Polizeibeamten der deutschösterreichischen Republik, dem die schwierigsten Fälle zur Spezialbehandlung überwiesen werden. Vor kurzem erst hat er internationales Aufsehen durch die Entdeckung einer in sechs Großstädten etablierten Banknotenfälschergesellschaft erregt und allgemein wird dem vielseitig gebildeten, etwa dreißigjährigen Manne eine glänzende Laufbahn vorausgesagt. Als der Polizeipräsident mit dem Journalisten eintritt, winkt Dr. Bär dem letzteren lächelnd zu. Beide verkehren fast freundschaftlich miteinander, sie sind Stammgäste desselben Kaffeehauses und haben oft genug gemeinschaftlich an interessanten Kriminalfällen gearbeitet.

Direktor Lechner nahm die Protokollbogen zur Hand, verbeugte sich noch einmal vor dem Präsidenten und begann, während sich Fels Notizen machte:

»Herr Präsident, ich gestatte mir, Ihnen alles vorzulegen, was bisher erhoben ist:

Das Haus, in dem wir uns befinden, ist Besitz des Ehepaares August und Mabel Langer. Herr Langer ist sechsunddreißig Jahre alt, in Wien geboren und erzogen, hat aber noch vor Beendigung des Gymnasiums Europa verlassen, um zu einem in London lebenden Onkel zu ziehen, der dort eine Fabrik für Feinmechanik besaß. In London lernte Herr Langer die Tochter eines anderen Fabrikanten derselben Branche kennen und vermählte sich mit Miß Mabel Mac Lean vor fünfzehn Jahren. Er bekam mit seiner Frau ein großes Vermögen, erbte nach wenigen Jahren die Fabrik seines Schwiegervaters und übersiedelte bald darauf nach Wien, wo er eine Fabrik errichtete, während er die Unternehmungen in England an Verwandte seiner Frau verpachtete. Während des großen Krieges hat Herr Langer sein Vermögen verzehnfacht, da er nicht nur hier Millionen verdiente, sondern auch an dem Riesengewinn der englischen Etablissements mit der Hälfte des Reinertrages partizipiert. Als Herr Langer vor elf Jahren nach Wien übersiedelte, kaufte er diese Villa, die er und seine Frau mit fürstlichem Luxus ausstatteten. In ihrer Gesellschaft befand sich die ganzen Jahre hindurch Miß Kathleen Mac Lean, die Schwester der Frau Langer, die um zwei Jahre jünger war als diese, einen verwachsenen Rücken hatte und wohl aus diesem Grunde ledig geblieben ist. Die Ehe selbst ist kinderlos. Sonst befinden sich in diesem Hause noch ein Stubenmädchen und eine Köchin, ein Kammerdiener und ein Gärtner. Der Kammerdiener ist aber gestern morgens mit seinem Herrn nach Prag verreist, der Gärtner befindet sich seit einem Monat in Holland auf Urlaub, da er ein Holländer ist und es jetzt im Februar hier nichts für ihn zu tun gibt. Der Chauffeur des Herrn Langer wohnt nicht hier im Hause und befindet sich derzeit in Essen, wo er ein neues Automobil für Herrn Langer übernimmt. Der Privatsekretär des Herrn Langer, Doktor juris Holzinger, pflegt nur die Zeit von elf Uhr vormittags bis zwei Uhr nachmittags hier zu verbringen.

Und nun kommen wir zu dem schrecklichen Ereignis, das uns heute versammelt. Wie schon gesagt, ist Herr Langer gestern morgens in geschäftlichen Angelegenheiten nach Prag gefahren und hat seinen Kammerdiener mitgenommen. Da der Gärtner in Holland weilt und der Chauffeur in Essen, blieben als Hausbewohner hier nur vier Personen zurück: Frau Langer, deren Schwester und die beiden Dienstmädchen. Der gestrige Tag verlief ereignislos. Die beiden Damen fuhren nachmittags in einem gemieteten Auto in die Innere Stadt, machten dort ihre Einkäufe, kamen gegen acht Uhr abends zurück, speisten und begaben sich ungefähr um elf Uhr zur Ruhe. Die Schlafzimmer der Damen liegen im ersten Stockwerk nach der Seite gegen Osten und sind voneinander durch zwei kleine Zimmer, den Ankleidezimmern der Damen, getrennt. Stubenmädchen und Köchin haben zusammen ein Zimmer im zweiten Stockwerk, und zwar nach Westen, also an der entgegengesetzten Seite des Hauses, demzufolge die räumliche Entfernung ziemlich erheblich genannt werden muß. Von jedem der Zimmer der Damen führt eine elektrische Klingel nach dem Schlafzimmer der Mädchen. Die Mädchen, die kurz nach den Damen zu Bett gingen, hatten in der Nacht nichts Beunruhigendes, weder Schritte noch Geräusche oder gar Schreie gehört. Frau Langer und ihre Schwester sind Frühaufsteherinnen, fast regelmäßig geben sie um acht Uhr das Glockenzeichen nach ihrem Frühstück, das dann sofort in den beiden Schlafzimmern serviert wird. Als aber heute eine Viertelstunde nach der anderen verging, ohne daß dieses Glockenzeichen laut wurde, begab sich das Stubenmädchen Anna Prohaska ein Viertel vor neun Uhr zum Schlafzimmer der Frau Langer, öffnete leise die nicht versperrte Tür und warf einen Blick hinein. Was sie sah, veranlaßte sie, einen gellenden Schrei auszustoßen, der die Köchin Marie Bittner aus der im Souterrain gelegenen Küche herbeistürzen ließ. Frau Langer lag nämlich, gelbgrün im Gesicht, mit weit aufgerissenem Mund im Bett, während sie die Arme mit den ausgespreizten Fingern ausgebreitet hielt. Anna beugte sich nun über ihre Herrin und gewann sofort die Überzeugung, daß diese tot sei. Gemeinsam mit der Köchin rannte sie durch die beiden Garderobezimmer nach dem Schlafgemach des Fräulein Mac Lean, und dort bot sich ihnen fast derselbe Anblick, nur daß diese mit den Beinen zum Bett heraushing.

Gellende Hilferufe ausstoßend, rannten die beiden Dienstmädchen auf die Straße, alarmierten die Passanten und Nachbarn, ein Polizist war sofort zur Stelle, und schon um halb zehn Uhr war ich mit meinem Herrn Stellvertreter, Protokollführer, dem Herrn Kriminalkommissär Doktor Bär und mehreren Detektiven im Hause. Wenige Minuten nach uns kam auch Polizeiarzt Doktor Bondi, der sich jetzt noch oben bei den Leichen befindet. Wir fanden folgende Situation vor: Die beiden Damen waren zweifellos vor mehreren Stunden im Schlaf überfallen und erwürgt worden. Auch ohne die Leichen zu untersuchen, sahen wir doch die Würgmerkmale an den Gurgeln der Frauen. Im Schlafzimmer der Frau Langer waren die Schubfächer eines niedrigen Spiegelschrankes aufgerissen. In der obersten Schublade befindet sich eine Kassette aus Elfenbein, in der sich nach Angabe des Stubenmädchens, der kostbare Schmuck der Frau Langer befand. Dieses Elfenbeinkästchen, das eine Länge von vierzig Zentimetern bei einer Breite von dreißig und einer Höhe von fünfundzwanzig Zentimetern hat, ist aufgebrochen und seines Inhaltes scheinbar beraubt.«

»Also unzweifelhaft ein Raubmord,« warf der Polizeipräsident ein.

»Allem Anschein nach,« erwiderte der Chef des Sicherheitsbureaus, während sich Dr. Bär jeder Meinungsäußerung enthielt, obwohl ihn der Präsident fragend ansah. Fels aber machte sich ruhig weiter seine Notizen.

Direktor Lechner fuhr fort:

»Ich nahm davon Abstand, die Leichen genau zu besichtigen, bevor Doktor Bondi sie untersucht hat, konnte aber trotzdem feststellen, daß Fräulein Mac Lean ein goldenes Uhrenarmband trug, das während des Ringens mit dem Mörder zerbrochen ist. Die Uhr, deren Glas zerschmettert ist, blieb um zwei Uhr zwanzig Minuten morgens stehen, man dürfte also annehmen, daß dies die Zeit der Tat war. Das Stubenmädchen bestätigte, daß die Dame ihr Uhrenarmband auch nachts zu tragen pflegte.

Für die Täterschaft kommt vorläufig noch keine bestimmte Person in Betracht. Köchin wie Stubenmädchen sind seit fast zehn Jahren im Hause, beide sind recht zarte und schwache Mädchen, beide sichtlich niedergeschmettert durch das schreckliche Ereignis. Natürlich stehen sie unter Bewachung, eine gründliche Untersuchung ihrer Effekten hat zu keinem Ergebnis geführt. Die unbedingt wichtigste Aussage, die bisher vorliegt, ist die folgende der beiden Dienstmädchen: Das Stubenmädchen hat sich um sieben Uhr morgens zum Gartenportal begeben, um aus dem dort angebrachten Briefkasten die Zeitung zu holen. Haustor wie Gartenportal waren ordnungsgemäß versperrt, die Sicherheitsvorrichtung am Gartenportal war in Ordnung. Auch wenn das Schloß an diesem Portal aufgesperrt ist, kann man nämlich die Türe erst dann öffnen, wenn man den Deckel des inwendigen Schlüsselloches nach aufwärts drückt. Das ist einer jener Geheimmechanismen, wie ihn die Villen im Cottage zu haben pflegen. Der oder die Mörder müssen also, da die Schlösser keinerlei Beschädigung aufweisen, Portal wie Tor regelrecht mit einem Schlüssel geöffnet und die Sicherheitsvorrichtung gekannt haben, wie sie überhaupt ohne genaue Kenntnis der Wohnungsverhältnisse und der Tatsache, daß Herr Langer verreist ist, ihre Tat nicht begehen konnten. Diese Tatsache wird uns unsere Arbeit wohl wesentlich erleichtern, da dadurch der Kreis der in Betracht kommenden Personen ein sehr enger wird.«

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