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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Drittes Kapitel

Es war der 2. März und ein Vorfrühlingstag von fast italienischem Gepräge. Der Himmel tiefblau, die Luft milde und die Sonne von einer Kraft, daß ihre Strahlen das Thermometer in sommerliche Höhe trieben. Mit weitausgreifenden Schritten durchquerte Fels, der eben nach seinem Morgenritt vom Frühstück kam, den Türkenschanzpark, um sich nach Pötzleinsdorf zu begeben, wohin er sein Automobil beordert hatte. Mit einem herzlichen »Servus!« begrüßte ihn plötzlich Dr. Bär, der in der gleichen Richtung ging, aber von Fels überholt worden war. »Komm,« sagte der Kriminalbeamte, »begleite mich in den ›Annenhof‹, es ist ja so schön und warm, daß wir im Freien sitzen können. Ich habe mir nämlich dorthin einen Beamten bestellt, um dann mit ihm gemeinsam eine große Sache in Angriff zu nehmen. Unter uns gesagt, ich bin einer Banknotendruckerei auf der Spur, die sich irgendwo im Cottage einquartiert haben dürfte.«

Als Fels das Wort »Annenhof« hörte, zögerte er mit der Antwort, aber schließlich willigte er ein und bemerkte nur, daß er gerade nur eine halbe Stunde Zeit habe, da ihn in der Stadt ein Antiquar wegen des Verkaufes einer alten Luther-Bibel erwarte. Sie gingen nun am Cottage-Sanatorium vorbei gegen den »Annenhof«, ein behagliches, altwienerisches und besonders im Sommer sehr beliebtes Gartenrestaurant. Es liegt gerade am Ausgang der Kastanienallee und unwillkürlich richteten die beiden Männer ihre Blicke in diese Straße hinein. »Immer noch glaube ich,« bemerkte Bär, »daß eines Tages das Geheimnis der ›Villa Mabel‹ in irgendeiner ganz unerwarteten Weise gelüftet werden wird.«

»Möglich schon,« meinte Fels lachend, »aber keinesfalls würde ich an deiner Stelle meine Karriere auf diese Aussicht hin aufbauen.«

Die Terrasse des »Annenhof« lag im vollsten Sonnenschein, so daß man wirklich behaglich im Freien sitzen konnte. Während die Freunde ein leichtes Frühstück einnahmen, erzählte Bär, daß er schon als Student dieses Lokal oft aufgesucht habe, das ihm eines der letzten echt wienerischen, anheimelnden und soliden dünke. Ein bildhübsches, ganz junges Mädchen eilte nun vom Innern des Wirtshauses her durch die Gartenterrasse, wobei sie dem Kriminalbeamten ein »Grüß Gott, Herr Doktor!« zurief, aber entschieden ihre Augen mehr Fels, als dem ihr wohlbekannten Gaste zuwendete. Bär rief: »Fräulein Gretl, kommen Sie doch her!« und als das hübsche, junge Ding, über und über errötend, an den Tisch herantrat, stellte er sie Fels als Töchterlein des Wirtes vor, das er schon zu einer Zeit kannte, da es noch nicht einmal lief. Gretl war aber sehr verlegen und rannte rasch wieder davon, nicht ohne zurückzublicken und dabei Fels in die Augen zu sehen.

»Ich gehe mit dir nicht mehr aus,« meinte Bär lächelnd, »wenn ich allein bin, so geschieht es doch hier und da, daß sich ein Frauenzimmer um mich kümmert, wenn du dabei bist, gelten alle netten Blicke dir.«

Fels, der das unbestimmte Gefühl hatte, das Mädchen schon irgendwo einmal gesehen zu haben, quittierte das Kompliment mit einem Scherzwort und ging dann weg, um sein Auto zu suchen. Dr. Bär blieb allein zurück, er mußte den recherchierenden Beamten abwarten.

Etwa eine Stunde später ging ein Herr die Straße entlang, nach dem sich die Passanten kopfschüttelnd umsahen. Der Herr machte nämlich den Eindruck eines völlig Geistesabwesenden, er lief in die Leute hinein, sein Gesicht war totenbleich, und Menschen, die dicht an ihm vorbeigingen, konnten hören, wie er ununterbrochen die Worte vor sich hinmurmelte: »Warum hat er mich angelogen? Warum, warum?«

Völlig verstört erreichte dieser Herr den Schottenring, betrat das Gebäude der Polizeidirektion, rannte, ohne zu grüßen, den Präsidenten auf der Treppe beinahe um und schloß sich dann in sein Zimmer ein, nachdem er den ganzen Akt »Vorerhebung in Sachen Banknotenfälschung in Währing« einem Kollegen zur weiteren Behandlung übergeben hatte. Und dann lief Dr. Heinrich Bär im Zimmer auf und ab und immer wieder entrangen sich seinen Lippen die Worte: »Warum hat er mich angelogen?«

Dr. Bär hatte in dieser letzten Stunde ein seltsames Erlebnis gehabt, so seltsam, daß es ihm traumhaft dünkte und er immer wieder feststellen mußte, er habe nicht geträumt, sondern komme eben aus dem »Annenhof«. Kaum hatte nämlich Fels den Garten verlassen, als die Tochter der Wirtsleute auch schon wieder an Dr. Bär herantrat, um mit ihm eine Diskussion über das schöne Wetter zu eröffnen. Bär aber, der Bescheid wußte, sagte Grete auf den Kopf zu, daß sie sich in seinen Freund verschaut habe, und riet ihr scherzhaft, an diesen Don Juan nicht ihr Herz zu verlieren, sondern sich lieber an solidere Leute, wie er zum Beispiel einer sei, zu halten. Grete versicherte lachend, daß sie sich nicht so leicht verliebe, wohl aber gerne gestehe, den Herrn Fels ebenso interessant als männlich schön zu finden. »Deshalb habe ich ihn auch schon vor einem Jahr geknipst«, erzählte sie. »Er war sogar mein erstes Opfer. Der Vater hat mir damals zum Geburtstag eine Kamera geschenkt und an einem Wintertag saß Ihr Freund mit einem anderen Herrn bei gutem Sonnenlicht in der geheizten Glasveranda. Na, und weil eben Ihr Freund ein so hübscher Mann ist, wollte ich gleich versuchen, ihn zu photographieren, und ohne daß die Herren es merkten, knipste ich sie beide, während sie eifrig miteinander sprachen, von der anderen Ecke der Veranda aus. Übrigens werde ich Ihnen das Bild zeigen, es ist Nummer eins in meinem Album.«

Bär, der ungeduldig auf seinen Beamten wartete, bekam gleich darauf das Album vorgesetzt und höchst gleichgültig betrachtete er die Momentaufnahme, die ihm Grete vorhielt. Aber diese Gleichgültigkeit dauerte nur einen Augenblick, dann fuhr Bär mächtig zusammen, riß das kleine Album ganz an sich, stierte mit weit aufgerissenen Augen das aufgeklebte Bild an und sagte schließlich ganz tonlos, während alle Farbe aus seinen Wangen gewichen war:

»Ja, das ist natürlich Fels, aber der andere, der da mit ihm an einem Tisch sitzt – – –«

»Wie er heißt, weiß ich nicht,« meinte Grete, die das veränderte Benehmen Bärs nicht begriff. »Ich kenne ihn nur vom Sehen her. Er wohnte früher in der Kastanienallee, wenigstens habe ich ihn dort immer getroffen. Aber seit einiger Zeit sehe ich ihn nicht mehr.«

Bär nickte wie geistesabwesend, und als er seine Taschenlupe auf das Bild legte, da konnte ihm keine Überraschung mehr werden, denn er hatte es vom ersten Anblick an genau gewußt: dieser Herr, mit dem Fels zusammen geknipst worden war, dieser Herr, der sich auf der Photographie hier eben vorbeugte und sprach, war niemand anderer als Herr August Langer, der Gatte der ermordeten Frau Mabel Langer und Schwager der ebenfalls ermordeten Kathleen Mac Lean, derselbe Herr Langer, der vor etwa fünf Wochen im Kurhaus Semmering an Lungenschwindsucht gestorben war! Neben das Bild aber hatte Grete mit sauberer Handschrift dazu geschrieben: »Zwei unbekannte Herren, aufgenommen in der Veranda des ›Annenhofes‹ am 4. Februar 1921.«

Der vierte Februar – das war der Tag vor der Abreise des Herrn Langer nach Prag, also zwei Tage vor der Ermordung der beiden Frauen. Also war Fels mit Herrn Langer ungefähr vierzig Stunden vor der Ermordung der beiden Frauen zusammengetroffen. Fels aber hatte damals, daran erinnerte sich Dr. Bär ganz genau, behauptet, daß er den Herrn Langer nicht kenne, ja, er forderte ihn nach der ersten Einvernahme des Ehemannes auf, ihm zu sagen, wie denn eigentlich dieser Herr Langer aussehe.

Und von diesem Augenblicke an hatte im Gehirn des Kriminalbeamten nur mehr ein Gedanke, nur mehr eine Frage, nur mehr ein Rätsel Platz: »Warum hat Fels mich angelogen?«

Schließlich trat doch eine gewisse Ordnung und Ruhe im Schädel des Kriminalkommissärs ein, er konzentrierte wieder seine Gedanken, begann logische Folgerungen zu ziehen und trat dann an das Fenster, um seine glühende Stirne an der Scheibe zu kühlen und einer letzten Überlegung Raum zu geben. Fels war sein Freund, sein bester, einziger Freund. Mußte er nicht jeden gegen ihn gerichteten Gedanken – von Verdacht wollte er gar nicht sprechen – unterdrücken, mußte er nicht sogar hundertmal einen wirklichen Verdacht beiseite schieben, bevor er den Freund kränkte, ja, ihn vielleicht sogar vernichtete? Bär schluckte, keuchte und biß sich die Enden des Schnurrbartes ab, bis alle Bedenken von ihm abfielen und Ehrgeiz, Amtseid und Witterung des Jagdhundes in ihm die Oberhand gewannen.

Und Bär beschloß zu handeln.

Er ließ sich mit dem Meldeamt verbinden und die Personalakten des Oskar Fels wie die des verstorbenen August Langer ausheben. Nach wenigen Minuten lagen die beiden Bogen vor ihm. Oskar Fels, geboren in Wien im Juli 1885 – August Langer, geboren in Wien im September 1885 – also beide im selben Alter, beide vielleicht Schulkollegen gewesen. Auch das mußte festzustellen sein, und zwar sofort. Fels hatte das Gymnasium im dritten Bezirk besucht, das wußte Bär. Also war der Weg gegeben. Dr. Bär beschied einen Kriminalbeamten zu sich und gab ihm den Auftrag, sofort in den Büchern des Gymnasiums nachschlagen zu lassen, ob in den Jahren 1885 bis 1893 ein August Langer in dieselbe Klasse mit einem Oskar Fels gegangen sei. Nach einer Stunde schon wußte Bär, was er hatte wissen wollen: Die beiden hatten die fünf unteren Klassen gemeinsam durchgemacht, dann erschien der Name Langers nicht mehr in den Katalogen.

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