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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Zehntes Kapitel

Der Zufall fügte es, daß Fels die Heimreise wieder an Bord der »Deutschen Republik« zurücklegte, da dieses Schiff am fünften Dezember von Hoboken abdampfte. Grace begleitete ihn an Bord, und als sie in seiner Kajüte die Abschiedsküsse tauschten, sagte sie im letzten Augenblick, da das Signal zum Verlassen des Schiffes schon gegeben wurde:

»Oskar, eines will ich dir noch sagen: du mußt mir nicht treu bleiben! Das, was ich dir bin, kann dir doch so bald keine andere werden, und die kleinen Abenteuer einer Laune interessieren mich nicht. Die Hauptsache ist, daß du mir nicht zum Philister wirst, – das ist das einzige, was ich dir nicht verzeihen könnte.«

Fels drückte ihre Hände, daß sie vor Schmerz fast aufgeschrien hätte, und preßte heiser vor Erregung die Worte hervor:

»Wirklich, alles sonst könntest du mir verzeihen, alles? O Grace, es kann die Stunde kommen, da du wortbrüchig wirst!«

Grace sah ihn groß und fragend an: »Nein, Oskar, so lange ich dich liebe, nicht!«

Die Ankerkette rasselte, langsam pfauchte der Riesenleib des Schiffes aus dem Hafen hinaus und Fels stand noch immer wie traumverloren, sinnend und in die Ferne blickend. Kaum aber hatte die »Deutsche Republik« die amerikanischen Hoheitsgewässer verlassen, als ein Herr auch schon in seiner Kajüte eine Miniatur-Roulette auflegte und einige Passagiere, die ihm vertrauenswürdig und zahlungsfähig erschienen, zu einem kleinen Jeu mit bescheidenen Einsätzen aufforderte. Da der Seegang heftig und das Wetter unsichtig und unfreundlich war, versammelten sich rasch etwa ein Dutzend Herren in der geräumigen Kabine, um sich die Stunden bis zum Souper zu vertreiben. Fels, an den ebenfalls die Aufforderung ergangen war, hatte zuerst abgelehnt, aber einem plötzlichen Impulse folgend, begab er sich dann doch zu der Gesellschaft. Er wollte wissen, ob seine Glücksserie noch andauerte oder aber das Schicksal geneigt war, sie jäh zu zerreißen. Mit raschen, weiten Schritten trat er an den Tisch heran, warf einen Hundertdollarschein auf die erste Zahl, die er sah, und verfolgte mit fast beklemmender Spannung den rasenden Lauf der Kugel. Sie zitterte, zuckte, schwankte hin und her und fiel dann in die Vertiefung, die die von Fels gesetzte Ziffer trug. »Das Glück hat geschwankt und sich doch für mich entschlossen,« dachte Fels, und nonchalant steckte er die dreitausendfünfhundert Dollar, die ihm der freundliche Roulettebesitzer zuschob, in die Hosentasche und dann verließ er die Kajüte und wußte ganz genau, daß der Bankhalter hinter ihm her etwas von einem »Schmutzian, der auf Raub ausgeht«, murmeln würde.

Nach dem Souper trank Fels in Gesellschaft eines deutschen Herrn, der seit zwanzig Jahren in Mexiko ansässig war, seinen Whisky. Im Laufe des Gespräches erzählte Fels, daß er die Reise nach Amerika vor mehr als einem halben Jahr mit demselben Schiff gemacht habe und von der Verhaftung des Londoner Mörders am Schluß der Reise, der in der Zwischenzeit ausgeliefert und in London hingerichtet worden war. Der Mexikaner meinte achselzuckend: »Wenn man ein Verbrecher ist, darf man wenigstens nicht dumm sein. Warum ist dieser Idiot nach den Vereinigten Staaten geflüchtet, wo man ganz sicher erwischt und ebenso sicher ausgeliefert wird? Hätte er sich an Bord eines mexikanischen Schiffes – es gibt ja seit dem Kriege auch solche – nach Mexiko begeben, so wäre er heute in absoluter Sicherheit. Mexiko ist heute das einzige Land auf der Welt, das keinen Verbrecher ausliefert. Alle Versuche europäischer Staaten, einen Auslieferungsvertrag durchzusetzen, scheitern am Widerstande unserer Regierung.«

»Und wie wird dieser Widerstand begründet?«

»Mit faulen Ausreden natürlich. In Wirklichkeit sträubt man sich dagegen, weil man dann auch mit den Vereinigten Staaten einen gegenseitigen Auslieferungsvertrag abschließen müßte. Und das will man um keinen Preis, weil es unserer Regierung nur recht und bequem ist, wenn sie einerseits amerikanische Gauner in ihrer Obhut hat, andererseits ihre gediegensten Spitzbuben über die Grenze hinüberflüchten, ohne daß man riskiert, sie wieder zu bekommen.«

Immer heftiger wurde das Schlingern und Stampfen des Schiffes, der Sturm heulte und klagte und Fels hatte Mühe, aufrecht in seine Kabine zu kommen. Bald schlief er ein, aber sein Schlaf war unruhig und seine Träume woben das Roulettespiel, Grace, das »Café Austria«, in dem er noch nachts vorher gewesen war, und Schwerverbrecher, die durch einen Triumphbogen mexikanischen Boden betraten, phantastisch durcheinander.

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