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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Siebentes Kapitel

Von Mitte Juni an stellten sich tropische Hitzwellen ein, die einem lebhaft in Erinnerung brachten, daß New York auf einem Breitegrad mit Madrid liegt. Von Spaziergängen und Spazierritten konnte keine Rede mehr sein, weil auch ohne Bewegung der Schweiß über die Stirne rieselte und die Hitze so lähmend wirkte, daß man nach nichts Lust hatte als nach Eisgetränken, Ruhe und elektrisch betriebenen Windfächern, die Kühlung wenigstens vortäuschen. Zwischen Fels und Grace wurde jetzt viel vom Abschied gesprochen. Herr Kerens hatte noch etliche Tage dringend in New York zu tun, dann würde er mit Grace ein Hotel in den Catskill-Mountains aufsuchen, um dort die heißeste Zeit zu verbringen, und nachher für längeren Aufenthalt nach seinem eigentlichen Wohnsitz in New-Orleans reisen. Grace hatte Fels einmal flüchtig gefragt, ob er nicht Lust habe, den Hochsommer ebenfalls in den Bergen zu verbringen, aber er hatte keine bestimmte Antwort gegeben, sondern sie nur tief und lange angesehen.

Fels war sich über seine nächste Zukunft vollständig im Unklaren. Er wollte sich eigentlich die Vereinigten Staaten gründlich ansehen, konnte sich aber nicht entschließen, Grace zu verlassen, es zog ihn nach Europa zurück, aber die Gegenwart des Mädchens fesselte ihn mit eiserner Gewalt. Von Tag zu Tag liebte er dieses hyperkultivierte, schöne Geschöpf mehr und er fühlte, wie die aufflammende Leidenschaft in ihm alle Prinzipien verzehrte und ihn alles vergessen ließ über den Wunsch, Grace zu besitzen. Dabei war noch nie zwischen ihnen von Liebe die Rede gewesen, beide scheuten eine offene Aussprache, beide fürchteten von den Lippen des anderen das Pathos der Leidenschaft zu hören. Nur daß sich ihre Hände jetzt öfter berührten, daß sie, wenn sie in irgend einem exotischen Restaurant in einer Nische zusammensaßen, enger aneinander rückten, als notwendig war. Grace fühlte, wie die Blicke des Mannes immer versengender und begehrender wurden, und Fels, wie Grace unter seinen Blicken erschauerte und sie ihm mit weichem, feuchtem Glanz in den großen, dunklen Augen zurückgab.

Gewöhnlich pflegten sie in diesen heißen Tagen schon um zehn Uhr vormittags mit einem offenen, großen Auto, das Fels für den ganzen Tag gemietet hatte, irgendwo an die See, nach Manhattan Beach, an die Küste von New-Jersey oder noch weiter hinaus bis Long Branch zu fahren, um dort zu einer Zeit, wo nur ganz wenige Menschen am Strande zu sehen waren, eine Stunde oder mehr in den Wellen herumzuplätschern. Sie nahmen dann in einem der eleganten Strandhotels ihren Lunch ein und fuhren nachmittags, wenn sich die Küste und die Badehütten zu füllen begannen, mit Windeseile wieder nach der Stadt zurück.

Es war in den letzten Junitagen und der erste Juli war als Abreisetermin von Herrn Kerens festgesetzt worden. Die Luft flimmerte vor Hitze, die Sonne lag dampfend hinter einem feuchten Nebelschleier und man hatte das angenehme Empfinden, sich in der Nähe eines Reservoirs mit flüssigem Blei aufzuhalten. Fels hatte, trotzdem in seinem Schlafzimmer die ganze Nacht sich der Windfächer drehte, nicht schlafen können, und er war eben im Begriff, das Bett zu verlassen, obwohl es erst sechs Uhr morgens war, und sich unter die Brause zu stellen, als von seinem Telephon das Signal ertönte. Verwundert drückte er die Hörmuschel an das Ohr, aber sein Erstaunen über diesen frühzeitigen Anruf verwandelte sich in hellen Jubel, als er die Stimme von Grace hörte.

»Oskar,« – sie waren schon bei der vertraulichen Anrede mit dem Vornamen angelangt – »wenn ich Sie aus dem Schlafe geweckt habe, so dürfen Sie fluchen.«

»Nein, teuerste Grace, die Hitze ließ mich überhaupt nicht schlafen und ich wollte mich eben unter das Wasser begeben, obwohl man nachher erst recht zu kochen beginnt.«

»So geht es auch mir, und deshalb habe ich Sie angerufen. Wissen Sie was, machen Sie sich rasch fertig, ziehen Sie Jimmy an den Ohren aus der Garage und holen Sie mich ab. Wir fahren nach Long Branch und bleiben bis spät abends dort. Papa hinterlasse ich einen Brief, sonst glaubt er, daß ich ihm endgültig durchgebrannt bin.«

»Grace, glauben Sie mir, daß ich vor Vergnügen Twostep tanze! Sie sind ein herrliches Mädel, und nun Schluß, in fünfzehn Minuten bin ich bei Ihnen.«

Eins, zwei hatte Fels sich angezogen, schon saß er im Barbierstuhl und stellte dem Barbier die Alternative, entweder in drei Minuten fertig zu sein und fünf Dollar zu bekommen oder niedergeboxt zu werden; inzwischen raste ein Boy nach der nahegelegenen Garage und die fünfzehn Minuten waren eben um, als er vor dem »Marborough« anlangte. Kurz darauf sauste das achtzigpferdige Auto, von dem schwarzen Chauffeur Jimmy meisterhaft gesteuert, mit absolut gesetzwidriger Geschwindigkeit durch die noch menschenleeren Straßen, über die Brooklyner Brücke hinweg gegen Long Branch zu. Der elegante, vornehme Badeort lag noch recht still und verlassen da, als sie ihn nach kaum anderthalb Stunden erreicht hatten, und mit Hilfe eines kräftigen Trinkgeldes gelang es Fels, für sich und Grace eine ganze Badehütte, bestehend aus einer kleinen Terrasse und zwei Ankleidekammern, zu bekommen. Jimmy brachte ihnen nun aus dem Strand-Hotel ein opulentes Frühstück, das im Badekostüm im Schatten der Badehütte eingenommen wurde, und gegen alle Regeln der Medizin warfen sich die beiden jungen Menschen dann jauchzend den hochaufzischenden Wogen entgegen, um sich von ihnen peitschen, tragen und wiegen zu lassen. Und das immer Hand in Hand und mit immer heißer werdenden Sinnen und voll Freude über das Alleinsein und das Jungsein und ihre Liebe, von der nicht gesprochen werden mußte, weil sie der eine dem anderen offen und frei entgegentrug.

Müde, abgespannt und ein wenig fröstelnd legten sie sich wieder in den Sand, um sich von der Sonne trocknen zu lassen. Die Sonne war aber jetzt ganz hinter einer grüngrauen Wolke verschwunden, ein eigenartiger Wind ging durch die Luft, finster und immer finsterer wurde es und plötzlich prasselten Hagelkörner nieder, tobte und brüllte der Sturm in das aufgeregte Meer hinein, zuckten grelle Blitze über den Strand, mischte sich dumpfes Donnern in das Pfeifen und Dröhnen der Brandung.

Hand in Hand liefen Fels und Grace nach der Badehütte, die etwa hundert Meter vor ihnen lag. Und als ein neuer Blitz den schwarzen Himmel zerriß und im selben Augenblick ein wolkenbruchartiger Regen niederströmte, da schmiegte sie sich an ihn und er schlang den nackten Arm um den feuchten, schlanken, durch das Seidentrikot mehr enthüllten als verhüllten Körper und in der Dunkelheit der Badehütte taumelten sie einander in die Arme und Mund an Mund gepreßt vergaßen sie für Augenblicke die Welt um sich her, bis sich Grace schwer atmend losriß und in ihre Kammer schlüpfte. – – –

Als sie angekleidet waren und bleich, selig, glücklich und erwartungsvoll in den Regen blickten, der alles in graues Wasser hüllte, erschien vergnügt grinsend, wie nur ein Neger grinsen kann, Jimmy mit zwei Schirmen und geleitete die beiden zum Auto. Es war nach der schrecklichen Hitze der letzten Tage herbstlich kalt geworden und im Wagen, dessen Verdeck nun aufgeschlagen war, hielt Fels das Mädchen fest in seinen Armen und trank immer neue Küsse von ihren vollen, weichen, heißen Lippen. So kamen sie an die Peripherie der Sechsmillionenstadt. Grace löste sich langsam aus seinen Armen, sah ihn mit ihren Augen, in denen jetzt ein seltsames Feuer leuchtete, voll und ganz an und sagte:

»Oskar, wenn ich jetzt ein gut erzogenes deutsches Mädchen wäre, so würde ich sehr verschämt tun, obwohl ich voll Freude bin; und mich wehren und sträuben, obwohl ich weiß, daß ich gar nicht mehr anders kann, als dir gehören, und schließlich würde ich mich von dir doch verführen lassen, weil es sich nun einmal so gehört, daß ein anständiges junges Mädchen nicht anders erzwungen wird, als durch Verführung oder durch die Ehe. Ich bin aber anders und mir ist gar nicht nach Komödienspiel zumute, und ich will, daß du mich jetzt irgendwohin bringst, wo wir ganz allein sind!«

Fels preßte das junge Weib schweigend an sich und küßte Grace immer wieder, dann aber stieg in ihm eine leichte Verlegenheit auf. Grace sah ihn mit halb geöffneten Augen an und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»Oskar, du bist ratlos, nicht wahr, – nun, laß das nur mich machen, wir amerikanischen Mädeln hören und lesen und wissen genug, um nicht hilflos zu sein ...« Und sie nahm das Sprachrohr und rief Jimmy zu, er möge nach der Achten Avenue fahren und an der Ecke der Vierzigsten Straße halten.

Es regnete noch immer, Grace hielt den Schirm so, daß ihr kaum jemand ins Gesicht sehen konnte, und rasch schritt sie die stille Vierzigste Straße entlang, die wie ausgestorben ist, während durch die Achte und Siebente Avenue der Verkehr wogt. An jedem der gleichförmigen braunen Sandsteinhäuser hing ein Zettel mit der Aufschrift: »Zimmer zu vermieten«. Vor einem der Häuser, hinter dessen Parterrefenster ein schwarzes Stubenmädchen saß, blieb Grace stehen, flüsterte Fels rasch einige Verhaltungsmaßregeln zu und schon schritten sie die wenigen Stufen zur Haustüre hinauf. Sie brauchten nicht anzuläuten, denn die Negerin hatte schon geöffnet und ließ sie eintreten.

»Die Herrschaften wünschen ein möbliertes Zimmer oder ein Appartement?«

»Ein Appartement,« erwiderte Fels, während Grace im Hintergrund der in Halbdunkel gehüllten Vorhalle stehen blieb.

»Bitte«; die Negerin eilte voraus und öffnete im ersten Stockwerk die Türe zu zwei mit nüchterner Eleganz möblierten Zimmern, einem Salon und einem anstoßenden Schlafzimmer.

»Die Herrschaften wollen gleich einziehen und das Gepäck kommt später, nicht wahr?«

»Jawohl,« lautete die Antwort, und Fels war innerlich über diese kleine diskrete Komödie amüsiert.

»Der Mietpreis für eine Woche beträgt fünfzig Dollar.«

Fels zahlte, gab ein fürstliches Trinkgeld und die Negerin verschwand. Grace und Fels waren allein.

Schweigend sahen sie sich in die Augen, dann schlang Grace die Arme um ihn und mit einem Aufschrei preßte er sie an sich. – – –

Es war fast Mitternacht, als Grace im »Marborough« erschien und ihrem Vater, der sie erwartete, zärtlich die Stirne küßte und sagte:

»Ich bin in Gesellschaft in Long Branch gewesen. Fels war auch mit. Wir wurden tüchtig eingeregnet, es war aber doch sehr schön. Und jetzt bin ich müde und will schlafen gehen.«

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