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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Sechstes Kapitel

Im Hotel nahm Fels ein erquickendes, eiskaltes Bad, ließ sich rasieren und maniküren, frühstückte dann mit ungeheurem Appetit, absolvierte seinen Spazierritt und begab sich, bevor er Grace aufsuchte, per Autotaxi nach der City ins gigantisch hohe Woolworth-Gebäude, in dem sich die New-Yorker Bureaus des Baumwollmillionärs Kerens aus New-Orleans befanden. Kerens empfing den jungen Mann sehr freundlich, aber doch etwas befangen. Fels war ihm an sich sehr sympathisch, aber das tägliche Zusammensein des Wiener Herrn mit seiner Tochter, diese Freundschaft, die sogar nach den freien amerikanischen Begriffen das Maß des Erlaubten zu überschreiten begann, paßte ihm wenig, wenn er auch den unabhängigen, eigenwilligen Charakter seiner Tochter zu sehr kannte, um sie durch einen Widerspruch zu reizen. Obwohl Mister Kerens in politischer Beziehung Idealist war, so war er doch in erster Linie »Businessman« und als solchem konnte es ihm nicht gleichgültig sein, wer dereinst sein Schwiegersohn und schließlich der Erbe seines enormen Vermögens werden würde. Und von Fels wußte er so gut wie nichts, nur daß er durch ein Gespräch hie und da erfahren hatte, daß Fels Journalist gewesen, durch irgend ein unvorhergesehenes Geschäft ein Vermögen erworben und nunmehr die Absicht habe, als Flaneur und Bummler das Leben zu genießen. Allerdings hatte ihm Grace vor wenigen Tagen erst auf seine zögernde, vorsichtig vorgebrachte Frage kühl geantwortet, daß sie nach wie vor nicht daran denke, ihre Freiheit aufzugeben, und soviel sie wisse, habe Fels, auf dessen Freundschaft sie den größten Wert lege, in dieser Beziehung genau dieselben Ansichten wie sie. Kerens hatte damals erleichtert aufgeatmet, als aber nun Fels vor ihm stand, fürchtete er doch, daß die beiden inzwischen anderer Ansicht geworden seien und sich der sympathische Wiener Herr zu ihm begeben habe, um die Hand des Mädchens zu fordern. Um so angenehmer überrascht war der Baumwollspinner, als ihn Fels nach den üblichen Begrüßungsworten ersuchte, ihm bei der Anlage von etwa achthunderttausend Dollars in guten amerikanischen Papieren behilflich zu sein.

»Well,« sagte Mister Kerens, »das hängt doch sehr davon ab, wie Sie das Geld jetzt angelegt haben. Deutsche und ganz besonders deutschösterreichische Papiere stehen niedrig im Kurs, ich möchte also wissen, mit welchem Verlust wir beim Verkauf rechnen müssen?«

»Mit gar keinem Verlust, Mister Kerens, denn ich will keine europäischen Papiere eintauschen, sondern schöne, gute Dollarscheine und Schecks, ebensogut wie bares Geld, in sichere, solide Aktien verwandeln. Hier in dieser sehr teuren Tasche befindet sich der ganze Betrag.«

Kerens riß Augen und Mund auf. In Amerika ist es Gepflogenheit, niemals eine größere Summe bei sich zu haben, sondern alles auf der Bank zu lassen und jede Rechnung mit Scheck zu bezahlen. Und nun führte dieses verrückte »Greenhorn« ein derartiges Vermögen einfach mit sich spazieren, wie ein anderer Mensch einen Hund an der Leine.

»Menschenkind, Sie wollen doch nicht behaupten – –«

»Jawohl, ich will behaupten,« lachte Fels, der das Entsetzen des alten Herrn sehr wohl verstand. Und er leerte das Portefeuille aus und legte die Päckchen von Banknoten und Schecks auf den Schreibtisch. »Dieser Reichtum ist nämlich sehr jungen Datums, kaum einige Stunden alt, und besteht aus Federn, die ich etlichen Goldvögeln ausgerupft habe.« Er klärte Mister Kerens über die Ereignisse im Klub auf. Kerens pfiff vor sich hin und meinte bedächtig:

»Die Burschen, denen Sie das Geld abgenommen haben, tun mir wahrhaftig nicht leid! Aber ich will aufrichtig gegen Sie sein. Die Tatsache, daß Sie Spieler und noch dazu Roulettespieler sind, stört ein wenig das sympathische Bild, das ich mir von Ihnen gemacht habe.«

»Mister Kerens,« erwiderte Fels sehr ernst, »ich bin nicht nur kein Spieler, sondern Sie dürfen meinem Wort glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich in dieser Nacht zum erstenmal in meinem Leben hasardiert und zum erstenmal seit etwa zwanzig Jahren überhaupt gespielt habe. Und wahrscheinlich zum letztenmal für die nächsten zwanzig Jahre. Als eine einmalige ungewohnte Sensation war mir diese Nacht sehr interessant, mein Glück hat mich außerordentlich gefreut, und daraus, daß ich den Gewinn auf die solideste Weise anlegen werde, können Sie am besten ersehen, daß ich kein Spieler bin.«

Erfreut streckte ihm Kerens die Hand entgegen. »Recht so, junger Mann, ich sehe, daß Sie das Leben wenn auch nicht mit amerikanischen Augen, aber doch verdammt ernsthaft betrachten. Und nun will ich Ihnen gerne meine gewissenhaftesten Ratschläge geben.«

Eine Stunde später war die Angelegenheit mit Hilfe eines herbeigerufenen Maklers erledigt; die achthunderttausend Dollar verwandelten sich in bombensichere und reelle bundesstaatliche Anleihen und Bahnaktien. Fels kam eine gute Viertelstunde zu spät ins »Marborough«, aber Grace war nicht die Frau, sich beleidigt zu fühlen. Auf die vorgebrachte Entschuldigung erklärte sie ruhig:

»Wenn Sie mich warten ließen, so ging es eben nicht anders. Denn erstens sind Sie nicht der Mann, der eine Dame warten läßt, und zweitens bin ich nicht die Dame, die von einem Herrn warten gelassen wird.« Als ihr aber Fels in seiner drastischen und humorvollen Weise die Ereignisse der Nacht und des Vormittags schilderte, klatschte sie vergnügt in die Hände und sagte: »Diese prachtvolle Geschichte wollen wir heute mittags schon mit Sekt begießen, und zwar in irgend einem italienischen Restaurant, in dem man auch als Dame rauchen und einen kleinen Schwips bekommen darf.«

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