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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Fünftes Kapitel

Durch Grace hatte Fels eine Reihe von vornehmen amerikanischen Familien kennen gelernt und junge Dandies, die ihn in ihre Klubs einführten. Von Unterhaltung war dort allerdings keine Rede, man trank und man spielte, das eine nach dem andern oder beides zusammen. Fels hielt beim Trinken gerne mit, weil er viel vertrug und genau wußte, wann er aufzuhören hatte, aber er war kein Spieler, spielte Karten ungern und schlecht. Nach seiner Theorie gab es nur zwei Möglichkeiten: entweder Spieler sein oder den Frauen huldigen. Niemals, sagte er, ist ein Spieler ein Don Juan, und niemand ist leichtere Beute, als die Frau des Spielers für den Nichtspieler. Da aber Fels in der Eroberung des Weibes eine der größten Köstlichkeiten des Lebens sah, so hatte er es vorgezogen, dem grünen Tisch ferne zu bleiben. Einmal nun wurde Fels an einem heißen Juniabend in einen Klub eingeführt, dessen Mitglieder fast ausschließlich aus Millionären bestanden und dessen Spielpartien schon oft genug in der Öffentlichkeit bekannt geworden waren. Neuerdings wurde im Westend-Klub nur mehr Roulette gespielt, und zwar mit einem Mindesteinsatz von zehn, einem Maximaleinsatz von tausend Dollar, so daß im Laufe einer Nacht oft Hunderttausende, man sprach sogar von Millionen, ihren Besitzer wechselten. Fels hatte an dem runden Tisch eine Zeitlang zugesehen, dann beschloß er, sein Glück zu versuchen. »Beim Glück wie beim Unglück gibt es Serien«, sagte er sich, »und vor wenigen Monaten hat meine Glücksserie begonnen. Über Nacht bin ich zum reichen Manne geworden, alles andere ist mir geglückt, eines der schönsten und klügsten Mädchen von New York ist meine tägliche Gesellschaft – ich will sehen, ob die Serie andauert oder abreißt.«

Fels warf ein Goldstück auf Rot und gewann, er verdoppelte und blieb bei Rot und gewann wieder. Er legte fünfmal hintereinander je einen Hundertdollarschein auf Rot und immer kam diese Farbe. Nun ließ er ein Spiel aus und wieder kam Rot. Auch das nächstemal spielte er nicht mit, und diesmal kam Schwarz. Fels legte zehn Scheine zu hundert Dollar vor den Bankhalter auf Schwarz und strich in voller Ruhe, während die Herren ringsumher schon auf ihn aufmerksam wurden, die doppelte Summe ein. Das wiederholte sich dreimal und die Papierscheine häuften sich vor ihm. Er pausierte wieder und verfolgte sinnend die kleine Elfenbeinkugel, die vom blinden Zufall gejagt wird, von einem Zufall aber, der schließlich doch gewissen Regeln der Wahrscheinlichkeit unterworfen ist. Fels setzte Grad und Rot und gewann, Ungrad und Schwarz und strich den vierfachen Einsatz ein, seine Hand zitterte nicht, als er je einen Tausender auf Rot, Grad, acht, setzte, und quittierte lächelnd das Murmeln des Staunens, als ihm der Bankhalter vierzig tausend Dollar überreichte. Der Banknotenberg vor ihm wurde immer größer und ein Diener überreichte ihm lautlos ein mächtiges Portefeuille aus Wildleder, in dem ein Vermögen bequem verschwinden konnte. Der Bankhalter hatte enorme Verluste und erklärte, während er sich die feuchte Stirn trocknete, daß er die Bank abzugeben wünsche. Fels übernahm seinen Platz, und die ganze Gesellschaft, die auf etwa vierzig Herren angewachsen war, bemühte sich nun in dem Gefühl der Solidarität gegenüber diesem fremden Eindringling, Fels zugrunde zu richten. Banknoten und Schecks raschelten nur so durch die Luft, fast jeder der Herren setzte das Maximum von tausend Dollar und setzte auf drei, vier und fünf Chancen. Und da geschah etwas, was noch jahrelang in den Kreisen der Spielerwelt als unerhört besprochen wurde: Fünfmal hintereinander kam die Kugel auf Zero zu fallen und dem Bankhalter gehörten sämtliche Einsätze. Aber auch weiterhin kamen fast immer Ziffern, die nicht gesetzt worden waren, so daß jedes Spiel mit einem erheblichen Gewinn für Fels abschloß.

Die Stimmung unter den Spielern wurde immer aufgeregter, sie machte sich in Ausrufen wie »Unerhört!«, »Verteufelt!« und Flüchen Luft, wie sie der wohlgesittete Yankee nur selten im Munde führt, und man drängte den Bankhalter fast ungestüm von seinem Platz. Fels aber lächelte ruhig und behaglich vor sich hin, und als ein Herr, der den guten deutschen Namen Hammerschlag führte, mit einem wütenden Fluch das letzte Blatt seines Scheckbuches ausfüllte, konnte sich Fels nicht versagen, ihn mit einer höflichen Verbeugung zu interpellieren: »Könnten Sie mir nicht sagen, Mister Hammerschlag, wieviel von dem Gewinn an Gasbomben, die Sie zur Vertilgung Ihrer ehemaligen Landsleute erzeugt haben, bis jetzt verloren gegangen ist?«

Der Befragte fuhr auf und wollte mit einer derben Grobheit antworten, aber es traf ihn ein so eiskalter, stählerner Blick, daß er es vorzog, die Beschimpfung unhörbar in sich hineinzumurmeln.

Immer wieder wechselten die Bankhalter; Fels gewann und verlor, aber er gewann immer mehr und öfters als er verlor, und als er um fünf Uhr morgens das Braunstein-Haus in der Sechsten Avenue, in dem sich der Westend-Klub befand, verließ, trug er in dem Portefeuille aus Wildleder, für das er dem Diener ein Trinkgeld von tausend Dollar gegeben hatte, einen Gewinn von achthunderttausend Dollar fort. »Das sind,« sprach er zu sich, als er im frühen Sonnenlicht leicht und elastisch dem Waldorf-Astoria zuschritt, »in unserer armseligen deutschösterreichischen Währung ungefähr acht Millionen. Doppelt soviel, als der Betrag, der mich damals über Nacht zum reichen Mann gemacht hat. Meine Serie ist also noch nicht abgerissen!«

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