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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Viertes Kapitel

Nie hatte New York ein so großartiges, bewegtes Bild geboten, als in diesem Mai. Die ganze Welt hatte in den furchtbaren fünf Jahren die Vereinigten Staaten als Richter über sich und ihre Zukunft anerkannt, Onkel Sam war der Gläubiger der Erde geworden, ein endloser Strom von Einwanderern aus dem müden, wunden Europa ergoß sich nach der Neuen Welt, die Millionen von fleißigen Händen brauchte, um den Übergang zur friedvollen Arbeit zu finden, die neuentstandenen Industrien zu versorgen, ungeheuere Flächen unbebauten Landes urbar zu machen, um Nahrung für die Europäer zu schaffen, die in ihren großen Massen noch immer hungerten, jeden Bissen Brot noch immer zugezählt erhielten. Tausende, Zehntausende von Dollarmillionären waren in den Städten des Ostens und Westens entstanden, die Farmer schwammen in Gold, da niemals vorher ihre Bodenprodukte solche Preise erzielt hatten, eine glänzende Ernte stand vor der Tür und vom Norden wie vom Süden, vom nahen Osten und vom fernen Westen, vom Mississippi und vom Michigansee, von der Panamazone und aus Kanada brachten die Expreßzüge und die Schiffe Männer und Frauen, die alle von einem Wunsch beseelt waren: In New York sich amüsieren, alle weltlichen Freuden mitmachen und Geld ausgeben.

Die Hotels, die zwanzigstöckigen im vornehmen Westen der Stadt mit der Aussicht in den Zentralpark, wie die schäbigen, kleinen, verrufenen an der Bowery – alle waren überfüllt, in den Tausenden von Boardinghäusern war niemals ein Zimmer länger als einen Tag leer, die Theater waren trotz der vorgerückten Saison und der sommerlichen Wärme nachmittags und abends ausverkauft und lange nach Mitternacht blieben die riesenhaften Restaurants hell erleuchtet, klang die Zigeunermusik auf den Broadway hinaus, auf dem die Männer aus Texas mit ihren glutäugigen Frauen, verwegene Gestalten aus dem wilden Westen, fette Schweinezüchter mit riesigen Diamanten an den Fingern, Schönheiten von der pazifischen Küste und grotesk aufgeputzte Neger und Negerinnen, Mulatten und Mulattinnen, kurzum alles, was in dem ungeheuren Lande zu Hause ist, promenierte.

Fels stürzte sich mit dem Feuereifer eines Jünglings in den Großstadtstrudel. Der ganze Lebenshunger nach den arbeitsreichen Jahren, der sorgenvollen Zeit, den furchtbaren Kriegserlebnissen, dem dumpfen Vegetieren im Hinterlande bei ungenügender Ernährung war in ihm wach geworden und er konnte diesen Hunger nicht sättigen, auch wenn er vom frühen Morgen bis wieder in den grauenden Morgen hinein mitten im Leben schwamm. Mit klugen Augen erfaßte er die Dinge um sich her, beobachtete schärfer, als es von einer Million Menschen sonst auch nur einer kann, mit seinem schneidenden Humor erfaßte er all das Unfertige, Halbgare, Unkultivierte des New Yorker Lebens und mit seiner scharfen, durch nichts beirrbaren Logik beurteilte er die Entwicklung des Landes, die Struktur der Gesellschaft, das Kommende und das Seiende besser und richtiger, als die meisten gescheiten Leute, die seit Jahrzehnten im Lande waren.

In New York wurde Fels zum Frühaufsteher, der er in Wien gewöhnlich nicht gewesen war. Nicht etwa, daß er sich zu dem Grundsatz von der Morgenstunde mit dem Gold im Munde bekehrt hätte, sondern weil er in seiner toll gewordenen Lebensgier mit jeder Stunde geizte, jeden Augenblick bereute, der ihn dem Leben entzog. Das Frühstück wurde ausführlich und gediegen im Hotel eingenommen; beim Barbier und nachher auf dem hohen Stuhl des italienischen Stiefelputzers las er die Morgenzeitungen mit ihren fetten, geschickt angeordneten Überschriften, die meistens eine eingehendere Lektüre überflüssig machen, dann ein Spazierritt, den Riverside Drive entlang, auf einem Mietgaul, wie man ihn in gleicher Vortrefflichkeit eben nur in New York bekommt, und dann der kurze, ihm von Tag zu Tag lieber und köstlicher werdende Weg nach dem Marborough-Palace, dem Privathotel, in dem Grace wohnte! Diese Privathotels sind eine New Yorker Spezialität für reiche Leute, die den Luxus eines vornehmen Hotels ohne seine Unruhe, das Tischleindeckdich ohne zweifelhafte Zuschauer, das Schlaraffenland ohne andere Schlaraffen als sich selbst suchen. Man mietet nicht etwa ein Zimmer, sondern ein ganzes Appartement, das innerhalb weniger Stunden in dem gewünschten Stil ausgestattet wird; man drückt eine Glocke und die Speisenkarte erscheint geräuschlos hinaufgeschleudert durch eine pneumatische Hauspost auf dem Schreibtisch; man streicht an, was man wünscht, und befördert sie auf demselben Wege zurück, und wenige Minuten später kommt ein lautloser Kellner, der wie ein Graf aussieht und vielleicht auch einer war, und serviert. Man hat Lesezimmer, Musiksalons, Schwimmbäder und prachtvolle Bibliothekräume zur Verfügung und überall geht man auf kostbaren weichen Teppichen, die jedes knarrende Geräusch verschlingen, überall sieht man gut angezogene Menschen von tadellosem Benehmen, man spricht in den gemeinsamen Räumen im Flüsterton und lebt in der Illusion, sich in einem Palaste zu befinden.

Jeden Morgen um elf Uhr betrat Fels den Bibliothekraum des »Marborough«, wo er von Grace erwartet wurde. Jedesmal überreichte er ihr drei Blumen, die köstlichsten, die sich hatten auftreiben lassen, große grüne Nelken oder schwarzblaue Rosen oder Orchideen, die wie Gold leuchteten, und dann nahm Grace den Blaufuchs oder Edelmarder oder Zobel um, der die Amerikanerin auch im Sommer nicht verläßt, und gemessen, feierlich, fast gravitätisch verließen sie das Haus. So wie sie aber auf der Straße waren und damit den prüfenden, mißbilligenden oder begönnernden Blicken der alten Senatorsgattin oder der Kupfermillionärin aus Montana entzogen, wandelte sich ihre Feierlichkeit in Ausgelassenheit, Grace ergriff seinen Arm, sie rannten nebeneinander her wie Backfisch und Gymnasiast und erzählten in sprudelnder Laune von den kleinen Erlebnissen der vergangenen Stunden. »Marborough« liegt am Nordende des Zentralparkes, den sie dann bei jeder Witterung bis zum Südende an der 59. Straße durchschritten. Die City, die längst bis hier hinauf gewachsen ist, empfängt einen da schon mit gellendem Geschrei und wüster Aufgeregtheit und stadtabwärts reihen sich die ungeheuren Warenhäuser aneinander, geht man durch Straßen, die Basaren gleichen, reckt man den Kopf zu Häusern hinauf, die mit vollem Recht Wolkenkratzer heißen, weil ihr fünfzigstes oder sechzigstes Stockwerk wirklich die Wolken zu kitzeln scheint.

Fels pflegte nun mit Grace eine gute Stunde dem einzigartigen Vergnügen des »Shopping«, das heißt dem müßigen Umherschlendern durch die Kaufhäuser, zu widmen, bei dem die Amerikanerin nicht die Absicht hat, einem Bedarf durch einen Einkauf abzuhelfen, sondern irgend etwas zu finden, was man schließlich noch brauchen kann, weil ihr das Einkaufen Vergnügen an sich ist. War man müde und abgespannt, so wurde die wichtige Frage »Wo werden wir heute den Lunch nehmen« eingehend beleuchtet. Da kamen die kleinen, mit pariserischer Eleganz hergerichteten Zimmer bei Delmonico in Betracht, die Speisesäle von Cherry, dann ein deutsches Bierhaus mit spießbürgerlichem, aber behaglichem Luxus, ein italienisches Restaurant am untersten Broadway oder ein chinesisches Speisehaus an der Achten Avenue, in dem man Shop Sui löffelte, Reis mit Huhn aß und einen wundersam duftenden Tee trank. Oder man konnte den Lunch in einem Warenhaus einnehmen, wenn man es eilig abmachen wollte, oder in dem alten Wiener Café Fleischmann, wenn man die Zeit totschlagen und nach dem Speisen in europäischen Zeitungen herumblättern wollte. Dann gab es aber an der Zweiten Avenue, genannt die Gulyasch-Avenue, noch ungarische, Wiener und böhmische Wirtshäuser, alle mit etwas semitischem Einschlag, verdächtiger, steckbrieflich verfolgt aussehender Gesellschaft, aber vortrefflicher, wenn auch himmelschreiend paprizierter Küche, und es gab in der Madisonstreet griechische, armenische und serbische Lokale und unweit davon orthodox-jüdische und türkische – kurzum, man brauchte nur zu wählen und konnte die Mittagsstunde auf dem Balkan, in Zion, in Peking oder auf der Pußta zubringen. Den beiden jungen Leuten aber war kein Lokal zu schlecht, zu verdächtig und zu schmutzig, wenn es nur irgend einen Geruch von Abenteuern an sich hatte, wenn man dort nur irgendwelche exotische, interessante Typen sah, statt der »perfect American Lady« und dem glattrasierten Yankee mit den Fischaugen, dem Mac-Kinley-Gesicht und den auswattierten Schultern.

Nach dem Luncheon wurde eine Matinee, eine kurze Vaudevilleaufführung oder ein Kinotheater aufgesucht und dann führte Fels das Mädchen nach dem »Marborough« und dort gab es einen kurzen, formlosen Abschied mit einem »Auf Wiedersehen bis morgen« oder eine Einladung zum Souper mit Papa oder einem Rendezvous bei der Abendtafel im Hotel oder in einem Dachgarten hoch oben, vierzig Stockwerke über der Erde, wenn es sehr heiß zu werden versprach. Gewöhnlich aber gehörte der Abend Fels allein und dann jagte er den kleinen Abenteuern im Chinesenviertel, in Matrosenschenken, in Spielsälen nach und lernte die geheimen Laster und Widernatürlichkeiten einer Stadt kennen, die tagsüber puritanische Sitten und gottergebene Einfalt heuchelt.

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