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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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2. Teil

Erstes Kapitel

Frühlingsmorgen auf hoher See. Der Himmel vergißmeinnichtblau mit weißem, wolkigem Aufputz, die Luft milde und weich wie eine Liebkosung, ein leichter, sanfter Wind, der die Wogen anmutig kräuselt. Die Schiffsturbinen in bester Laune geben das Äußerste an Kraft her, der Kapitän geht händereibend und vergnügt auf der Kommandobrücke auf und ab und auf Deck herrscht jene unübertreffliche Stimmung, wie sie nur auf einem modernen Ozeandampfer herrschen kann, wenn niemand seekrank ist, Tag um Tag mehr Meilen zurückgelegt werden, als die Wettenden vorauszusagen wagen, das Essen gut ist und man damit rechnen darf, innerhalb von vierundzwanzig Stunden Land zu erblicken. Diesmal aber hat die Stimmung noch dadurch reichlich an Erhöhung erfahren, daß es sich um die Jungfernreise eines Ozeanriesen handelt. Es ist die erste Fahrt des Turbinendampfers »Deutsche Republik«, eines Vierzigtausend-Tonnen-Schiffes der »Hapag«, des ersten, das nach dem unglückseligen Kriege vom Stapel gelassen worden war, als Beweis deutscher Kraft und deutscher Unbesiegbarkeit auch nach einer Niederlage.

Die Passagiere der ersten Kajüte strömten langsam aus dem prunkvollen Speisesaal und beeilten sich, von den weißgekleideten Stewards ihre Liegestühle in die Sonne stellen zu lassen, um in ihrem warmen Maiglanz ein wenig abzubrennen, ein Buch zu lesen, auf die Marconi-Zeitung zu warten, die bald erscheinen mußte, und vor allem, um neue Kräfte für das Luncheon zu sammeln, während die Schiffskapelle eben den Freiheitsmarsch von Meister Richard Strauß vortrug.

Ein schlankes, junges Weib mit mahagonibraunem Haar und tiefschwarzen, fast unnatürlich großen Augen streckte sich behaglich in ihrem »Steamerchair«, zupfte den weißen Flanellhut zurecht, so daß die Sonnenstrahlen nicht blendeten, und sagte zu dem Herrn, der links von ihr im Stuhl lag und spitze Rauchkegel aus seiner Zigarette in die Luft blies:

»Rücken Sie Ihren Stuhl näher – so – ganz nahe! Und nun sagen Sie mir, Mister Fels, warum fahren Sie eigentlich nach unserem gesegneten und gelobten Lande?« Sie hatte fast fließend deutsch mit anmutig-drolligem amerikanischem Akzent gesprochen. Der Herr neben ihr sah sie lang an, blies weitere Kegel in die Luft und erwiderte schließlich in gutem Englisch auf ein ungeduldiges »Nun?«:

»Sehen Sie, Miß Grace, wir haben uns vorgestern nachts, als der Mond so romantisch herabglühte und wir beide genug Sekt getrunken hatten, um ein wenig redseliger zu werden, als es sich für die sogenannte distinguierte Gesellschaft eigentlich schickt, mit feierlichem Handschlag gelobt, gegeneinander aufrichtig zu sein und auf die konventionellen Lügen, soweit dies möglich ist, ohne geschmacklos und plump zu werden, zu verzichten. Das war am vierten Tage unserer gemeinsamen und schönen Reise und heute, am vorletzten, treiben Sie mich durch dieses Versprechen schon in die Enge. Wäre Mondnacht und Sekt nicht gewesen, so würde ich Ihnen erzählen, daß ich am Tage, bevor die ›Deutsche Republik‹ in See stach, im Hamburger ›Hotel Atlantic‹ ein Kabeltelegramm bekommen habe, durch das ich aufgefordert wurde, zur Erledigung wichtiger Angelegenheiten nach den Staaten, oder, wie Ihre so überaus bescheidenen Landsleute es zu nennen belieben, nach ›Gottes eigenster Heimat‹ abzudampfen. Nach unserer Vereinbarung darf ich Sie aber nicht so ohneweiters anschwindeln, und so werde ich Ihnen denn die Wahrheit, die Sie ja ohnedies ahnen, erzählen.«

»Also erzählen Sie!« Die schöne junge Grace Kerens schmiegte, sich ganz in ihr Kissen und wendete ihr ovales Gesicht ihrem Nachbarn zu. Fels wollte gerade beginnen, als sich ein älterer, hagerer Herr mit scharfen Backenknochen, grauen, nervös zwinkernden Augen näherte, sich zärtlich über Grace beugte und sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigte.

Ungeduldig sagte das Mädchen: »Gut, Papa, aber störe uns, bitte, nicht, Mister Fels will mir eine Geschichte erzählen, die mich sehr interessiert.«

Gehorsam, gut erzogen und höflich, wie die amerikanischen Papas sind, entfernte sich Herr Kerens und Fels konnte nun beginnen:

»Ich muß ein wenig weit ausholen, Sie schönstes Mädchen der ›Deutschen Republik‹. Um mich ganz zu begreifen, müssen Sie wissen, daß ich noch im Februar dieses Jahres ein armer Zeitungsschmierer in Wien war, der immer um die Hälfte mehr brauchte, als er verdiente, immer in kleinlichen, erbärmlichen Sorgen steckte und außer seinen persönlichen und, wie Sie zugeben müssen, bestrickenden Eigenschaften nichts besaß, als einen gewaltigen und schier unstillbaren Lebenshunger. Dann aber war ich eines Tages, dank einer kühnen, reichlich skrupellosen geschäftlichen Aktion ein wohlhabender, für unsere bescheidenen deutschösterreichischen Begriffe sogar ein reicher Mann, und von diesem Augenblick an tat ich nichts, als meinen Lebenshunger sättigen. Ende März, nachdem ich mich mit meiner Freundin endgültig entzweit hatte, nicht etwa, weil sie mir untreu war, sondern weil sie ihre angebliche Treue, die ich nie verlangt, durch die Ehe belohnt sehen wollte, verließ ich Wien und bummelte durch das alte Europa, um mich zu überzeugen, ob es nach dem großen Zusammenkrach noch an seinem alten Platz stehen geblieben sei. Nun, ich überzeugte mich, daß es noch stand, daß Genua und Neapel noch so schmutzig sind, wie fünfzig Jahre vor dem Kriege, daß es in Monte Carlo noch immer Damen von fünfundzwanzig gibt, die Hängekleider und offene Locken tragen und eine wenig vertrauenswürdig aussehende dicke Dame ›Tante‹ nennen, und schließlich fuhr ich über das äußerlich unveränderte, innerlich aber sehr müde Paris nach Berlin und Hamburg, um in guter, norddeutscher Luft Sauerstoff zu atmen. In Hamburg stieg ich im ›Hotel Atlantic‹ ab und überlegte eines Tages eben in der Halle, ob ich nach England oder nach Schweden fahren solle, als besagte Halle plötzlich von einem alten, sehr amerikanisch aussehenden, aber trotzdem distinguiert erscheinenden Herrn, und einer jungen, schier überirdischen Schönheit betreten wurde, die ich Tor für die junge Gattin des alten Herrn hielt.«

Grace drohte lachend mit dem Finger und versicherte, daß sie zwar Komplimente über alles liebe, aber nicht zwischen Frühstück und Luncheon, sondern mehr zwischen Tee und Souper. Fels fuhr mit unerschütterlicher Ruhe fort:

»Eine diskrete Anfrage beim Hotelportier belehrte mich eines Besseren, oder eigentlich, da ich für junge Frauen alter Männer eine gewisse Schwäche habe, Schlechteren. Ich erfuhr, daß es sich um den ›Cotton-Millionär‹ Edgar Kerens und dessen Tochter Grace handelte, und ein amerikanischer Commis voyageur in Rasierseife, der leider meine Frage gehört hatte, erzählte mir, daß Mister Kerens sehr reich und seit drei Jahren verwitwet sei und sich während des Krieges in den Vereinigten Staaten unangenehm bemerkbar gemacht habe, weil er als erbitterter irländischer Bindestrich-Amerikaner bei allen Gelegenheiten für die deutschen Hunnen und gegen die englischen Ritter aufgetreten sei. Nun, durch den letzten Teil dieser Auskunft erweckte auch Mister Kerens mein Interesse und meine Sympathie, während die Augen, der Wuchs und das Profil eines Mädchens, das nicht anders heißen konnte als Grace, mich bis in den Schlaf hinein verfolgten.«

»Mein Herr, es ist elf Uhr vormittags,« unterbrach Miß Grace trocken.

»Macht nichts, es wird schon mehr werden. Also, wo bin ich stehen geblieben? Ja, ich begann systematisch den Zufall zu fördern, so daß ich abends im Deutschen Schauspielhaus war, als Mister Kerens, der nicht deutsch spricht, sich dort tödlich langweilte, während das Töchterchen sich unterhielt; ich verstand es so einzurichten, daß ich im Speisesaal des Hotels die Aussicht auf die Augen der Miß Grace und den Rücken des Papas bekam, und so oft es anging, fuhr ich mit Ihnen im Lift hinauf, obwohl meine Zimmer im Halbstock gelegen waren. Drei Tage waren so vergangen und ich hatte noch immer keine schickliche Gelegenheit gefunden, mich Ihrem alten Herrn vorzustellen, wohl aber erfuhr ich durch den Portier zu meinem Schrecken, daß Mister und Miß Kerens am nächsten Tag nach Cuxhaven fahren würden, um von dort aus per ›Deutsche Republik‹ nach New York zu gondeln. Ich verwünschte den Portier, der mir das nicht früher gesagt hatte, und faßte rasch meinen Entschluß. England kenne ich, Schweden kenne ich, warum also nicht eine kleine Spritztour nach Amerika machen, das ich nicht kenne? Und dieser Entschluß wurde durch die Tatsache bestärkt, daß die Mehrzahl der Engländerinnen alt und häßlich auf die Welt kommen, die meisten Schwedinnen aber als Doktorinnen mit Zwickern, während ich in Miß Grace geradezu ein Reklameexemplar der schönen Amerikanerin vor mir sah.

Ich stürzte also nach dem ›Hapag‹-Gebäude, um mir eine Kajüte zu kaufen, wurde aber dort geradezu mit Hohn und der Versicherung empfangen, daß sämtliche Plätze, Betten und Kajüten seit mehreren Monaten vermietet seien. Schon wollte ich bescheiden fragen, ob ich die Fahrt nicht wenigstens als Kartoffelschäler mitmachen könnte, als mir das Glück wieder einmal lächelte. Es erschien nämlich ein Herr aus Texas, der dem Beamten seine Anweisung auf eine Doppelkabine vorwies und sehr weitschweifig das Unterleibsleiden seiner Gemahlin schilderte, durch das er gezwungen sei, noch etliche Wochen in dem elenden, kleinen Europa zu bleiben. Er fragte, ob man für seine Kabine auf der ›Deutschen Republik‹ noch Verwendung hätte. Ich enthob den Clerk der Antwort, riß mit der einen Hand das Kajütenbillett an mich, zog mit der anderen meine Brieftasche und brüllte: ›Was kostet das Ding?‹ Und so kam ich im letzten Augenblick in Besitz einer famosen Kabine dieses gesegneten Dampfers und nun fahre ich nach New York, wo die Häuser beim fünfzigsten Stockwerk beginnen, und sitze neben dem schönsten Mädchen von New Orleans, nein, von ganz Amerika und fühle mich ungeheuerlich wohl.«

Miß Grace schwieg, veranlaßte Fels durch eine Handbewegung, ihr eine Zigarette zu reichen, setzte sie in Brand, kreuzte mit ihren spitzen Kegeln die ihres Nachbars, streckte diesem plötzlich die feine, schlanke und eher lange als allzu kleine Hand entgegen und sagte:

»Sie gefallen mir, Mister Fels, Sie gefallen mir, und vor allem gefällt mir Ihre Art, das Leben aufzufassen. So würde ich auch sein, wenn ich als Mann auf die Welt gekommen wäre. Keine Bedenken, keine Rücksichten, immer das tun, wozu einen der Moment, die Stimmung, die Laune hinreißt!«

»Hm, daß Sie mir das sagen, ist sehr lieb von Ihnen, Miß Grace, aber empfinden Sie wirklich so? Gehen Sie nicht zu weit, wenn Sie das absolut Unbedenkliche und Rücksichtslose schätzen? Wissen Sie auch, daß dann eigentlich der Verbrecher Ihr wahrer Typus sein müßte? Denn Verbrechen ist schließlich nichts anderes, als eine Rücksichtslosigkeit, die so weit geht, daß sie, wenn es sich um das eigene Wohlbefinden handelt, die Rechte anderer Menschen nicht anerkennt.«

»So seid ihr Deutschen immer! Alles muß in ein System gebracht, spezialisiert und seziert werden. Ich habe über das alles noch nicht so genau nachgedacht, aber ich muß zugeben, daß mir das Wort ›Verbrecher‹ keinen heillosen Schrecken einjagt. Wer von uns ist keiner, wenn es darauf ankommt? Ich glaube nicht, daß ich einen Mann nur deshalb nicht lieben könnte, weil er einmal eine Bank ausgeraubt oder einen Mord begangen hat.«

Fels lachte kurz und trocken auf. »Sie haben Mut! Den meisten Damen läuft ein Schauer über den Rücken, wenn sie das Wort ›Mord‹ nur hören. Glauben Sie denn, daß ein Mörder sonst ein honoriger, zuverlässiger, anständiger Mensch sein kann?«

»Warum denn nicht? Die Geschichte weist doch genug Beispiele dafür auf. Das Ganze ist schließlich Modesache. Es hat Zeiten gegeben, wo der Mord durch Dolch und Gift eine durchaus wohlanständige Angelegenheit war, während man jetzt allerdings große Bedenken dagegen zu haben scheint. Aber um Himmels willen, was reden wir da für Unsinn. Sie werden mich noch für ein entsetzlich dämonisches Weib halten, während ich in Wirklichkeit ein ganz gewöhnliches Mädel bin, das energische, großzügige Menschen liebt.«

»Nein, Miß Grace, Sie sind nicht gewöhnlich, wenn auch vielleicht nicht dämonisch. Jedenfalls glaube ich, daß Sie einem Mann, den Sie lieben, ein starker, mächtiger Bundesgenosse, dem, den Sie hassen, ein furchtbarer Feind sein würden.«

Grace errötete leicht und meinte:

»Vorläufig gelüstet es mich noch immer nicht nach solcher Kameraderie. Sehen Sie, Mister Fels, ich bin reich und nach Anschauung der Männer, auf die es doch dabei einzig ankommt, hübsch, über die Zwanzig schon um etliche Jahre hinaus und trotzdem könnte ich mich noch immer nicht entschließen, zu heiraten. Mein Unabhängigkeitsgefühl ist nämlich ein geradezu unbändiges, und mir geht es wie Ihnen: das Schönste ist für mich, eine Idee, die mir plötzlich kommt, ebenso plötzlich auszuführen, ohne dabei Rücksichten auf die gegebenen Umstände zu nehmen. Mein armer Papa hat genug darunter zu leiden, wenn ich ihm mittags mitteile, daß ich abends die dreitägige Reise nach New York antreten oder meiner Freundin in Frisco einen Besuch machen werde. Und dabei kann ich als Mädchen noch immer nicht so sehr meinen Wünschen nachkommen, wie ich es möchte. Schon das Zusammenleben mit einer Freundin hat sich jedesmal für mich auf die Dauer als unerträglich erwiesen, das Zusammenleben mit einem Manne würde mir Höllenqual bedeuten. Oder es müßte sich ein Mann finden, der nichts dagegen hat, wenn seine Frau mittags mit ihm speist und abends ihm die Nachricht hinterläßt, daß sie verreist ist, eine Frau, die ins Theater oder in Gesellschaft geht, ohne das vorher feierlich mitzuteilen, die, wenn es ihr beliebt, zwei Wochen ihr Zimmer nicht verläßt, ohne daß der Mann sich um ihr Befinden erkundigen darf. Das alles natürlich unter der Voraussetzung, daß er dieselbe Freiheit und Unkontrolliertheit in seiner Lebensführung besäße. Aber reden wir jetzt endlich von vernünftigeren Dingen. Da ich nun weiß, warum Sie nach Amerika fahren, so sagen Sie mir auch noch, was Sie dort beginnen werden.«

Erstaunt sah sie Fels an. »Was ich dort beginnen werde? Das ist doch furchtbar einfach: Ich werde solange in New York bleiben wie Sie, möglichst oft mit Ihnen ins Theater gehen und später, wenn die Sonne rabiat wird und Miß Grace mit ihrem Papa irgendwo an die Küste oder in die Berge flüchtet, werde ich entweder dasselbe tun oder aber – ganz nach Laune und momentanem Bedürfnis – zurück in das gemütliche, alte Europa schwimmen, wo die Sonne längst gesittet und temperiert ist. Aber nun, da mein Leben schon beinahe ganz offen vor Ihnen liegt, ist es wohl nicht unbescheiden, wenn ich Sie bitte, mir auch etwas von sich zu erzählen. Ich weiß wahrhaftig von Ihnen nur, wie Sie heißen, daß Sie Ihre Mutter vor einigen Jahren verloren haben, ein geistreiches, für amerikanische Verhältnisse sehr vorurteilsloses Mädchen sind, das in Dresden die Institutsdamen reichlich geärgert haben dürfte, bevor es so gut deutsch sprach, wie dies heute der Fall ist.«

»Nun,« lachte Grace, »eigentlich wissen Sie also so viel von mir, als man von einer jungen Dame überhaupt wissen darf. Viel kann ich Ihnen nicht mitteilen, denn über gewisse Stellen und Seiten des Lebensbuches wird ein Weib immer schweigend hinweggehen, sogar wenn sie eine fromme Katholikin ist und am Beichtstuhl kniet. Also ich bin in New-Orleans aufgewachsen, habe aber die Kindheit fast ganz in unserem Landhaus, zwei Bahnstunden von der Stadt entfernt, zugebracht, umgeben, gehegt und geliebt von unseren alten, schwarzen Dienstboten, unter denen Mary, die ehemalige Amme, Benjamin, der Koch, David, der Gärtner, die erste Stelle einnahmen. Papa entstammt, wie Sie ja schon wissen, einem alten irländischen Geschlecht, das in grauen Vorzeiten der grünen Insel sogar einen König gegeben haben soll, während Mama von Geburt Südfranzösin ist. Papa haßt, wie Sie ebenfalls schon wissen, die Engländer aus ganzer Seele, und ich glaube, wenn ich einen Engländer heiraten wollte, so würde Papa mir zum erstenmal wirklich zürnen. Er hat von seiner Mutter her, die eine Rheinländerin war, eine ganz besondere Vorliebe für die Deutschen, während Mama als glühende Französin diese Nation ehrlich verabscheute. Es kostete also meinem Papa schwere Kämpfe, es durchzusetzen, daß ich mit vierzehn Jahren nach Dresden gebracht wurde, wo ich vier Jahre in einem Mädchenpensionat zubringen sollte. Ich wundere mich um so mehr, daß Papa aus diesem Kampfe als Sieger hervorgegangen ist, als meine Mutter sehr, sehr schön war, und in Amerika schön sein gleichbedeutend ist mit recht haben und recht behalten. Trotzdem, ich kam nach Dresden und brachte die arme Institutsmama wirklich oft genug in Verzweiflung. Kaum hatte ich zum Beispiel nach meiner Ankunft mein Zimmer besichtigt und festgestellt, daß ich dieses mit noch zwei Mädchen zu teilen hätte, als ich mich auch schon vor die Institutsdame mit verschränkten Armen hinstellte und ihr folgende Rede hielt: ›Madame, ich habe zu Hause sechs Zimmer, die nur ich betreten darf und die sogar meine Mama nicht betritt, ohne vorher geklopft zu haben. Hier wünsche ich mindestens ein eigenes Zimmer zu besitzen, sicher aber nicht dieses eine mit anderen Mädchen zu teilen.‹

Als Madame mich daraufhin zurechtwies und mein Begehren rundweg abschlug, erklärte ich, sofort meinen Eltern nach Havre nachreisen zu wollen, keinesfalls aber auch nur eine Nacht in dem Institut zu bleiben. Und als mich Madame in ein Zimmer sperren wollte, erhob ich ein derartig gellendes Geschrei, daß auf der Straße die Leute zusammenliefen. Schließlich wurden meine Eltern, die unterwegs nach Frankreich waren, telegraphisch von meiner Renitenz verständigt, worauf sie auf demselben Wege sich mit jeder Erhöhung des Pensionspreises einverstanden erklärten und baten, meinen Wunsch zu erfüllen. Ich bekam also wirklich allein ein Zimmer und war vier Jahre hindurch die unumschränkte Herrscherin über meine Kameradinnen, die mich liebten, fürchteten und haßten. Dann brach der Krieg aus und ich fuhr nach Hause. Der Krieg machte aber auch mein Elternhaus recht unbehaglich. Mama stand ganz und gar auf Seite der Entente, Papa auf Seiten Deutschlands und die Meinungsverschiedenheiten gingen so weit, daß aus ihnen schließlich eine unüberbrückbare Kluft wurde. Ich glaube, daß diese Ehe zerrissen wäre, wenn Mama, die herzleidend war, nicht vor drei Jahren ein sanftes, plötzliches Ende gefunden hätte. Ein Jahr nach dem Tode Mamas, als auch die Schifffahrtsverbindungen wieder in Ordnung kamen, fuhr ich allein nach Europa, besuchte in Frankreich und England die Verwandten meiner Eltern, in Deutschland alte Pensionatsfreundinnen, fuhr auch nach Wien, Budapest und sogar nach Konstantinopel. In Berlin überraschte mich Papa, wir blieben noch einige Wochen und befinden uns nun auf dem Heimwege. Das ist alles, mein Herr; sind Sie zufrieden?«

»Nein, durchaus nicht; denn das, was Sie mir erzählt haben, hätte mir ein tüchtiges Auskunftsbureau auch mitteilen können. Von dem, was ich wissen wollte, von Ihren inneren Erlebnissen, von den Dingen und Ereignissen, die, seitdem Sie dem Pensionat entwachsen sind, in New York oder New Orleans, in Berlin oder Wien eine Rolle in Ihrem Leben spielen, davon haben Sie mir natürlich nichts gesagt.«

Grace sah ihn mit einem sehr seltsamen, halb verschleierten Blick an und sagte sehr langsam und gedehnt:

»Nein, das werde ich auch nicht erzählen; Ihnen nicht und niemandem. Diese innerlichen Dinge waren nie innerlich, wenn man sie erzählen kann. Jemand, der mich einstens ganz und gar, mit Körper und Seele, auf Gnade und Ungnade besitzen sollte, der wird sich ja alles, was er wissen will, rekonstruieren können, und alle anderen geht es nichts an. Aber nun machen wir rasch einen schneidigen Spaziergang über Deck, denn bald muß ich mich für den Lunch umziehen.«

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