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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Vierzehntes Kapitel

Als Fels in später Nachtstunde seinem Freund im »Café Central« den Abzug des eine ganze Zeitungsseite füllenden Artikels lesen ließ, war Dr. Bär ersichtlich befriedigt. Fels hatte den Artikel in sehr geschickter und taktvoller Weise in ein Lob der Tätigkeit der Polizei im allgemeinen und Bärs im besonderen ausklingen lassen. Er schrieb:

»Ob nun Schmiedeisen wirklich der Mörder der zwei Frauen ist oder ihm nur die Rolle des Hehlers zukommt, wird wohl die Zukunft erweisen. Die Unschuld des Dr. Holzinger ist jedenfalls sonnenklar zutage gekommen, da sein Alibi für die fragliche Zeit geradezu klassisch ist. Von einem einwandfreien Zeugen wurde er eine halbe Stunde, bevor der Mord in der ›Villa Mabel‹ verübt worden ist, im ›Grabencafé‹ gesehen, von einer einwandfreien Zeugin in der kritischen Minute, als die Frauen durch Mörderhand ihr Leben ließen, beim Betreten seiner Wohnung beobachtet. Einen lückenloseren Beweis hat die Kriminalgeschichte jedenfalls nicht aufzuweisen.

Der Polizei, die von uns wegen der Verhaftung des unschuldigen Dr. Holzinger oft genug gerügt wurde, darf aber nun auch das Zeugnis ersprießlicher, gewissenhafter und emsiger Tätigkeit nicht versagt werden. Sie war auf einem Irrweg, als sie Holzinger mit dem Mord in Zusammenhang brachte, aber der Irrtum ist begreiflich, wenn man die näheren Umstände bedenkt. Holzinger war verdächtig, das muß zugegeben werden, und wenn der bewährte, wegen seiner genialen Konzeption berühmt gewordene Kriminalkommissär Dr. Bär auf bloße Verdachtsmomente hin allzu scharf zugegriffen hat, so spricht dies schließlich nur für ein Übermaß an Energie und Gewissenhaftigkeit, das gerügt worden ist, aber nicht verdammt werden darf. Denn eben dieser rücksichtslosen Energie hat unsere Polizei viele ihrer großen Erfolge und unsere Verbrecherwelt ihr unbequemes Dasein zu verdanken.«

Dr. Bär schüttelte dem Journalisten die Hand, nachdenklich meinte er aber:

»Deine Anerkennung und die geschickte Art, wie du meine etwas wackelig gewordene Position gehoben und gestärkt hast, würde mich noch mehr freuen, wenn ich am Ende dieser unglückseligen Affäre stünde. Ich fürchte aber, daß dies noch lange nicht der Fall ist. Schmiedeisen hat den Mord nicht selbst begangen, davon bin ich überzeugt. In welches Labyrinth, in welche Abgründe wird mich die weitere Nachforschung noch führen? Und vor allem gibt mir das seltsame Benehmen dieses Herrn Langer immer mehr zu denken. Ich habe selten einen Menschen in so rasender Angst gesehen wie ihn, als er heute mein Zimmer betrat und ich ihm den Smaragd zeigte. War es nur eine seelische Erschütterung, weil die Erinnerung an das Ende der beiden Frauen ihn so ergriff? Nach alldem, was wir von seinem Verhältnis zu Frau und Schwägerin wissen, ist dies nicht recht anzunehmen. Warum also dieses furchtbare Erschrecken, diese rasende Angst, die sein Gesicht verfärbte? Fels, wir stehen hier vor einem düsteren Rätsel und ich werde nicht ruhen, bevor ich es nicht enthüllt habe.«

Starr blickte Fels vor sich hin, um schließlich leichthin zu sagen:

»Möglich, daß dich deine Ahnungen nicht trügen und aus der Geschichte noch wilde Sensationen herauswachsen, möglich auch, daß du Gespenster siehst und es sich um einen ganz ordinären Raubmord handelt. Ich jedenfalls werde schwerlich journalistisch mit der Sache noch zu tun haben. Ich hoffe, daß der Artikel, der morgen erscheint, mein Schwanensang sein wird. Übermorgen fahre ich nach Budapest, und wenn ich zurückkomme, bin ich, wenn nicht der Teufel mir noch im letzten Augenblick ein Bein stellt, ein reicher Mann.«

Der große Artikel in der »Weltpresse« bildete am nächsten Tag die Sensation für ganz Wien, und dem befreiten Holzinger wendete sich das allgemeine Mitgefühl zu. Herr Langer ließ Holzinger sofort zu sich bitten und machte ihm den Vorschlag, mit erhöhten Bezügen wieder seine Stellung als Privatsekretär anzutreten. Holzinger lehnte dies ab.

»Es wären viel zu wehe Erinnerungen für mich mit dieser Stellung verknüpft und dann muß ich auch energisch versuchen, mir jetzt eine Position zu erringen, in der ich vorwärts kommen kann.«

»Gut, ich will nicht weiter in Sie dringen. Aber eines lasse ich mir nicht nehmen: Ich habe damals einen Preis von hunderttausend Kronen für denjenigen ausgesetzt, der die Entdeckung des Mörders herbeiführen würde. Die Polizei ist selbstverständlich von solchen Preisen ausgeschlossen, also ich erspare gewissermaßen die ganze Summe. Sie werden mir nun gestatten, Ihnen als kleine Entschädigung für das, was Sie erduldet haben, die Hälfte der Summe einzuhändigen, während ich die anderen fünfzigtausend Kronen dem Pensionsfonds der Polizeibeamten widme.«

Dabei blieb es und Holzinger war nun im Besitz eines Vermögens, das ihm ermöglichte, ohne Sorgen an die Gründung des eigenen Hausstandes zu schreiten. Eine weitere Überraschung bereitete ihm Fels. Das geänderte Verfassungsleben und Rechtswesen der jungen Republik Deutschösterreich brachten es mit sich, daß das Publikum in tausend wichtigen Fragen nicht Bescheid wußte und sich immer wieder um Rat an die Zeitungen wandte. Der Herausgeber der »Weltpresse« hatte längst geplant, einen juristischen Fragekasten einzuführen und dazu einen tüchtigen Juristen zu engagieren. Auf Betreiben des Fels wurde dieser Plan jetzt ausgeführt und wenige Stunden vor seiner Abfahrt vermittelte Fels das Engagement Holzingers als Hausjurist der »Weltpresse« zu materiellen Bedingungen, die alle Erwartungen Holzingers übertrafen.

Als einige Wochen später die Vermählung Holzingers mit Elsbeth Volkmar stattfand, da gehörten Fels und auch Dr. Bär zu den wenigen Hochzeitsgästen, und nur ein Mensch von der bestechenden Eigenart des Journalisten durfte es wagen, sein Glas auf die »Villa Mabel« zu leeren, die an dem Glück des jungen Paares erheblichen Anteil habe.

Fels war damals weggefahren und vier Tage fern von Wien geblieben. Als er zurückkehrte, begab er sich direkt ins »Café Central« und nach der Begrüßung der Stammtischgenossen rief er dem Kellner zu:

»Heinrich, frappieren Sie sechs Flaschen Champagner und bringen Sie dazu soviel Kaviar, als Sie vorrätig haben.«

Zu den Freunden gewendet aber:

»Meine Herrschaften, ich teile Ihnen mit, daß ich eben der ›Weltpresse‹ meine Kündigung zugeschickt habe. Von heute an bin ich ein freier Mensch!«

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