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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Zwölftes Kapitel

Einige Tage waren vergangen und noch immer saß Dr. Holzinger in seiner einsamen Haft. Elsbeth Volkmar suchte mehrmals in der Woche Fels in der Redaktion auf, immer spitzer und blasser wurde ihr Gesicht und sie begann trotz allen Zuspruches den Mut vollständig sinken zu lassen. Eines Tages bekam Holzingers Mutter von der Polizei die Verständigung, daß die Voruntersuchung gegen ihren Sohn abgeschlossen sei und das weitere Verfahren nunmehr dem Landesgericht in Strafsachen obliege. Demgemäß werde Dr. Holzinger am übernächsten Tage als Untersuchungshäftling aus dem Polizeigewahrsam nach dem Landesgericht transportiert werden. Elsbeth zeigte schluchzend Fels den schriftlichen Bescheid, und der Journalist ging ratlos mit recht unglücklichem Gesichte im Zimmer auf und ab.

»Ich begreife Ihren Schmerz und teile ihn, Fräulein Volkmar. Mir geht das Schicksal Ihres Bräutigams näher als Sie vermuten. Ich würde mir in aller Seelenruhe einen Finger abhacken lassen, wenn ich dadurch seine Unschuld erweisen könnte. Vielleicht wäre es möglich, durch eine Reihe von wüsten, sackgroben Artikeln das Justizministerium zum Einschreiten und zur Einstellung des ganzen Verfahrens zu veranlassen, – aber glauben Sie mir, damit wäre ihrem Bräutigam wenig gedient. Er würde als jemand, der unter schwerem Verdacht steht, seines Lebens und seiner Freiheit nicht froh werden und sich vielleicht elender fühlen als heute in der Zelle, wo er wenigstens nicht mit Fremden in Berührung kommt. Geduld, Geduld, seine Unschuld muß bald bewiesen sein.«

Mit diesem mageren Troste entfernte sich Elsbeth, aber die kommenden Ereignisse sollten dem Journalisten nur zu recht geben.

Am nächsten Tage wollte Fels eben das Bureau verlassen, als ihn Dr. Bär anrief:

»Lieber Freund, ich habe eine kleine Überraschung für dich. Du erinnerst dich wohl noch der Ermordung des alten Trödlers in der Schönbrunnerstraße. Die Zeitungen haben es ja der Polizei oft genug unter die Nase gerieben, daß sie den Mörder nicht finden konnte. Nun habe ich den Kerl endlich erwischt. Ich werde mich von hier in zwanzig Minuten auf den Weg machen, um die Verhaftung zu überwachen. Du kannst also vielleicht die kurze Meldung bringen, daß der Mörder des Trödlers Goldblatt in der Person des berüchtigten und vielfach vorbestraften Verbrechers Johann Schmiedeisen ermittelt wurde und seine Verhaftung unmittelbar bevorstünde.«

Fels hatte die Mitteilung stenographisch aufgenommen, aber plötzlich straffte sich seine Gestalt, seine Nasenflügel bebten förmlich vor Erregung und er brüllte in das Telephon hinein:

»Hallo, hallo! Doktor Bär, kannst du mich zu der Verhaftung mitnehmen? Weißt du, ich habe ja schon alles mögliche miterlebt, auch ein paar Hinrichtungen, aber noch niemals war ich bei der Verhaftung eines derartigen Verbrechers anwesend. Es würde mich riesig interessieren. Wie? Es ist zwar unkorrekt von dir, aber du tust es? Bravo! Ich bin also in längstens zwanzig Minuten bei dir.«

Fels raste zu seinem Schreibtisch, sperrte eine verschlossene Schublade auf und suchte tobend, schimpfend und lärmend irgend etwas. Grubenheld glotzte wütend zu ihm hinüber, worauf Fels, der inzwischen gefunden, was er gesucht hatte, brummend sagte: »Meine Polizeilegitimation habe ich, wie gewöhnlich, verlegt.« Im Auto fuhr Fels nach dem Polizeipräsidium, wo ihn Dr. Bär schon erwartete. Sie begaben sich gemeinsam im Auto nach der Schönbrunnerstraße und Bär erklärte unterwegs die Situation:

»Daß der Schmiedeisen den alten Goldblatt ermordet und beraubt hat, weiß ich schon seit vier Wochen. Aber der Kerl war mir sicher, und ich wollte zur Verhaftung nicht schreiten, bevor nicht das ganze Beweismaterial in meiner Hand war. Jetzt habe ich die geraubten Sachen eruiert, das Beil, mit dem Schmiedeisen den Trödler erschlagen hat, und die Geliebte des Schmiedeisen, die wir heute früh in dem Nachtcafé, in dem sie Animiermädel ist, hoppgenommen haben, hat bereits das volle Geständnis ihrer Mitwissenschaft abgelegt. Vor einer Stunde ist Schmiedeisen nach Hause gekommen, um seinen Rausch auszuschlafen, und nun wollen wir ihn festnehmen!«

Vor dem Hause Schönbrunnerstraße Nr. 140 standen unauffällig zwei Detektive, die den Kriminalkommissär und seinen ihnen wohlbekannten Begleiter mit leichtem Nicken begrüßten. Der eine winkte nach oben und Bär begab sich nun mit Fels die enge, finstere Treppe hinauf, wo Schmiedeisen im dritten Stockwerk eine Kammer gemietet hatte. Diese Kammer besaß einen separierten Eingang nach dem Korridor, vor dem nun drei als Handwerker gekleidete Männer standen. Auch diese waren Detektive. Der eine flüsterte dem Kriminalkommissär zu:

»Er schläft noch. Man hört ihn bis heraus schnarchen. Am besten, wir klopfen nicht erst, sondern brechen gleich die Tür auf.«

Dr. Bär nickte, zwei der Beamten zogen ihre Revolver, der eine legte ein seltsam geformtes Instrument an das Schloß an – eine kräftige Handbewegung – die Tür flog mit einem Krach auf und die Männer warfen sich mit einem Sprung über den verwahrlost aussehenden Kerl, der, noch im Halbschlafe, sich im Bette aufgerichtet hatte. Bevor er noch zur Besinnung gekommen, hielten ihn sechs starke Hände wie mit eisernen Klammern umfaßt, so daß von einem Widerstand keine Rede sein konnte.

»Schmiedeisen,« rief ihm Dr. Bär zu, »Sie wissen selbst, weshalb wir so ungestüm bei Ihnen eingedrungen sind. Am besten, Sie legen sofort ein Geständnis ab und geben zu, daß Sie den Trödler Goldblatt umgebracht und beraubt haben.«

»Gar nix geb' i zu,« heulte der Strolch, »i waß von nix, i kenn' kan Goldblatt, lassen S' mi aus!«

Aber man dachte gar nicht daran, ihn auszulassen. Die Detektive halfen ihm rasch beim Ankleiden, dann wurden ihm die Handschellen angelegt und nun erst ließen ihn die rauhen Hände los. Bär sprach neuerdings auf ihn ein, erzählte ihm von der Entdeckung des geraubten Gutes, des blutbefleckten Beiles und zum Schluß von dem Geständnis seiner Geliebten. Und da gab der Mann, der in seiner an Gefängnisjahren reichen Praxis genau wußte, daß ein Leugnen zwecklos wäre, nach und sagte ganz ruhig, als würde es sich um die geringfügigste Sache der Welt handeln:

»Alstern, wenn S' eh alles wissen, was fragen S' denn dann, Herr Doktor. Gut is, ich hab' den alten Juden erschlagen und jetzt lassen S' mir mei Ruh' und schauen S', daß i bald auf Nummer Sicher mei Essen krieg'.«

Dr. Bär nickte lachend, und während der Mörder die Treppen hinuntergeführt wurde, ging Fels auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte:

»Recht so, Schmiedeisen, bewahren Sie sich Ihren Humor bis zum letzten Augenblick und denken Sie daran, daß es sich schließlich doch gar nicht lohnt, gelebt zu haben.«

Der Verbrecher wurde unten von den Beamten in das Automobil verstaut, der Kriminalkommissär, der es jetzt nicht mehr so eilig hatte, schlenderte mit seinem Freund zu Fuß den recht langen Weg zum Polizeigebäude.

»Merkwürdig,« begann Fels, nachdem sie eine Weile schweigend gegangen waren, »ich bringe auch in diesem Falle keine richtige moralische Entrüstung auf. Sicher kein erfreulicher Typus, dieser Schmiedeisen, aber man müßte seine Eltern, seine Kinderstube, seine Jugend und sein späteres Leben ganz genau kennen, um zu beurteilen, ob man es in ihm mit einem geborenen Verbrecher oder mit einem Menschen zu tun hat, der durch das Leben zu dem gebogen wurde, was er heute ist. Und dann: Sicher bildet er sich ein, daß er nichts getan hat, was er nicht vor seinem Gewissen verantworten kann. Für ihn war der Trödler Goldblatt nur ein alter Jude, der Geld und Geldeswert besitzt, während er selbst nichts hat. Und indem er ihn erschlug, räumte er nur das Hindernis beiseite, das ihn von diesem Besitz trennte. Er hat halt einen Krieg auf eigene Faust geführt. Vor ein paar Jahren noch durfte irgend ein hoher Herr eines Tages erklären: ›Wir brauchen unseres Nachbarn Land, weil dort jenes Erz vorhanden ist, das wir nicht besitzen‹, und dann wurde flott drauflosgemordet. Allerdings steckten die Mörder in Uniform und bekamen den Titel Helden und ihr Tun war hochmoralisch, weil sie nicht im eigenen Interesse mordeten, sondern im Interesse der Gesamtheit. Was natürlich ein ungeheurer Schwindel ist, weil der Soldat, wenn er von ›wir‹ spricht, nur an sich und sein günstigeres Fortkommen denkt, das ihm der Besitz der benachbarten Erzgruben sichern soll. Sowie sich aber einer aus der Gemeinschaft löst und einen kleinen Mord auf eigene Faust begeht, ist die Gesamtheit hinter ihm her und ruht nicht, bevor die Bluttat gesühnt ist! Wirklich, eine komische Welt das.«

»Natürlich, im großen und ganzen hast du recht, und was du da so aufgeregt dozierst, sind Binsenwahrheiten. Aber es hat gar keinen Sinn, sich über solche Dinge den Kopf zu zerbrechen. Strafjustiz, Staatsmoral, höhere Gerechtigkeit, – zugegeben, daß das alles Phrasen und Begriffe sind, die wir zu unserer eigenen Bequemlichkeit konstruiert haben. Aber diese Bequemlichkeit ist durchaus berechtigt, und wenn wir sie verteidigen, so handeln wir aus Notwehr, und würden wir die Phrasen beseitigen und für ungültig erklären, so müßte alles drunter und drüber gehen und von Bequemlichkeit, an der wir doch alle so hängen, könnte nie mehr die Rede sein. Also ist dieser Doktor Bär, dessen Beruf es ist, alle auf eigene Faust Kriegführenden einzufangen, eigentlich ein sehr nützliches und schätzenswertes Individuum.«

Fels lachte hell auf, das Gespräch ging auf die Zukunftsträume des Journalisten über und er teilte dem Freunde mit, daß er wahrscheinlich schon in den nächsten Tagen nach Budapest reisen werde, um das große überseeische Geschäft zum Abschluß zu bringen. Er streckte die Arme aus und jauchzte vor sich hin:

»Und dann dem Leben entgegen und jede Stunde des Tages auskosten und genießen ohne Bedenken, ohne Reue, ohne Zwang!«

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