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Faustrecht

Hugo Bettauer: Faustrecht - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHugo Bettauer
titleFaustrecht
publisherR. Löwit Verlag
printrunZweite Auflage. 11.-15. Tausend
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectid7a0ea358
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Elftes Kapitel

Merkwürdigerweise wurde das freundschaftliche Verhältnis des Journalisten zum Polizeibeamten durch diese scharfe und unausgesetzte Polemik nicht im mindesten berührt. Nach wie vor trafen sie sich nächtlich im »Café Central« an ihrem Stammtisch mit Künstlern, Schriftstellern, Historikern und Lebeleuten und zum Gaudium der Tischgesellschaft pflegte Bär sogar die Artikel der »Weltpresse« gewissermaßen zu begutachten, als würde es sich um ein Thema handeln, das ihn gar nicht berührte. Oftmals rief Bär dem Freunde schon von weitem zu: »Ich gratuliere dir zu deinen heutigen Ausführungen, sie sind wirklich logisch und geschickt aufgebaut,« während er ihm in anderen Fällen Mängel und kleine Denkfehler vorhielt. Nur in der ganz letzten Zeit – der Februar war vergangen und der März näherte sich seiner Mitte, begann der Kriminalbeamte einigermaßen nervös zu werden, und als er einmal lachend zu Alma Mia sagte: »Schönste aller Frauen, ich werde demnächst an Ihren Einfluß auf unseren gemeinsamen Freund appellieren; wenn er fortfährt, mich so anzupacken, so kostet mich das meine Stellung,« da klang aus den scherzhaft gesprochenen Worten eine gewisse Bitterkeit hervor.

Alma aber erwiderte, indem sie das klassisch unklassische Näschen rümpfte:

»Ach was, Oskar ist gerade der Mann, um sich von mir beeinflussen zu lassen! Überhaupt, er ist in der letzten Zeit herrischer und aufbrausender als je zuvor und manchmal möchte ich ihm am liebsten den Laufpaß geben. Aber ich hab' ihn doch zu lieb dazu, um mich freiwillig von ihm trennen zu können, und dann« – das schöne Mädchen lachte vergnügt auf – »gerade jetzt! Das wäre schön verkehrt!« Und als sie die fragende Miene Bärs merkte:

»Hat Ihnen denn Oskar gar nichts gesagt? Mir versicherte er, daß er begründete Aussicht habe, demnächst eine ganze Menge Geld zu verdienen.«

Fels machte gerade der kleinen Frau Direktor Büxel eifrig den Hof und dank einiger amüsanter Frivolitäten war es ihm gelungen, die höchste Anerkennung der auch in solchen Dingen verwöhnten und anspruchsvollen Frau zu erringen. Er hatte aber doch auch einige Worte aus dem Gespräch seines Freundes mit Alma aufgeschnappt und rief hinüber:

»Alma schwatzt schon wieder. Ich werde dich sicher rechtzeitig von allem unterrichten.«

Als die Freunde lange nach Mitternacht allein geblieben waren, begann Fels unaufgefordert von dem zu sprechen, was Alma angedeutet hatte.

»Ja, lieber alter Kriegskamerad, es ist sehr leicht möglich, fast möchte ich sagen wahrscheinlich, daß ich dich demnächst nicht mehr mit meinen Artikeln ärgern werde. Gehen die Sachen nur halbwegs glatt, so komme ich in die angenehme Lage, meine Stellung hinschmeißen und dem Oberschmock Grubenheld die längst verdienten Ohrfeigen in sein verknutschtes Clowngesicht applizieren zu können.«

»Nanu! Haupttreffer, Erbschaft oder reiche Heirat?«

»Keine Spur davon. Ich kann Näheres auch dir nicht verraten, weil es sich um das Geheimnis anderer Leute handelt und ich durch Wort zum Stillschweigen verpflichtet bin. Nur soviel darf ich wohl sagen, daß es sich um eine gewaltige finanzielle Transaktion handelt, die von hier nach einem anderen Weltteil spielt. Gelingt die Geschichte – und ich glaube, daß sie gelingen muß – dann entfällt auf mich eine Provision, die mich zum sehr, sehr wohlhabenden Manne macht.«

Neidlos streckte ihm Bär beide Hände entgegen.

»Mein Junge, ich würde mich wahrhaftig von ganzem Herzen freuen, wenn dir endlich das beschieden ist, was dir immer als Glück vorschwebt. Ich weiß, wie sehr du dich nach Wohlstand sehnst, und bin überzeugt davon, daß niemand auf der Welt Reichtum besser genießen könnte als du.«

»Ja, das Kunststück, Geld mit Anstand und Genuß auszugeben, traue ich mir wohl zu. Himmelherrgott noch einmal – eine elegante Wohnung mit Kammerdiener, Gäste empfangen, rauchen bis zur Nikotinvergiftung, schönen Mädeln schöne Sachen schenken, reisen, wann und wohin es einem gefällt, den ersten Schneider in Betrieb setzen, alte, kostbare Bücher sammeln, – ja, so ein Leben sehe ich in meinen Träumen immer vor mir! Und es endlich beim Erwachen greifen und fassen zu können, – es wäre zu schön!«

»Wie gesagt, es gibt keinen Menschen, dem ich das alles mehr gönnen würde als dir. Na, und wenn mich dann die ›Weltpresse‹ weniger anzapft als du es tust, so soll es mir auch recht sein.«

Fels machte ein ernstes Gesicht: »Heinrich, treibe ich es wirklich zu arg? Schade ich dir ernstlich?«

Bär lachte bitter auf: »Nein, du tust nur deine Pflicht, und die in sehr anständiger und kluger Weise. Aber meine lieben Vorgesetzten und Kollegen, die halten mir jeden polemischen Artikel unter die Nase, schlagen die Hände über den Kopf zusammen und erklären, daß ich mit dem Fall Holzinger die ganze Polizei demoliere. Sogar der Präsident, der sonst ein höchst vernünftiger und anständiger Mensch ist, hat mir heute gesagt: ›Lieber Doktor Bär, Sie wissen, wieviel ich von Ihnen halte. Aber mit dem Holzinger sind Sie vielleicht doch in eine Sackgasse geraten. Ich glaube, Sie müssen in den nächsten Tagen zu einem Entschluß kommen: Entweder Sie lassen ihn wieder laufen, dann sind wir blamiert, aber stehen wenigstens als objektive Behörde da, oder Sie glauben genug Material zu haben, dann schließen Sie das Vorverfahren ab und überweisen den Fall dem Staatsanwalt. Soll sich dann der Untersuchungsrichter die Zähne ausbeißen.‹ Weißt du, das Peinliche an alledem ist, daß ich nach und nach selbst schwankend werde und mitunter empfinde, an die Unschuld dieses Holzinger glauben zu müssen.«

»Sicher ist er unschuldig,« sagte Fels warm und entschieden, »und ich möchte gerne noch so lange bei der ›Weltpresse‹ sein, bis Holzinger entlassen wird. Schon deshalb, weil ich dir dann einen so guten Abgang bereiten könnte, daß der Präsident und die anderen Bonzen den Mund halten müßten.«

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