Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Faust: Eine Tragödie

Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Eine Tragödie - Kapitel 9
Quellenangabe
typedrama
authorJohann Wolfgang von Goethe
titleFaust: Eine Tragödie
publisherReclam Verlag
year1971
firstpub1808
senderdr@fub46.zedat.fu-berlin.de
correctorreuters@abc.de
created20070618
Schließen

Navigation:

Hexenküche.

Auf einem niedrigen Herd steht ein großer Kessel über dem Feuer. In dem Dampfe, der davon in die Höhe steigt, zeigen sich verschiedene Gestalten. Eine Meerkatze sitzt bei dem Kessel und schäumt ihn und sorgt, daß er nicht überläuft. Der Meerkater mit den Jungen sitzt darneben und wärmt sich. Wände und Decke sind mit dem seltsamsten Hexenhausrat geschmückt.

Faust. Mephistopheles.

Faust:

Mir widersteht das tolle Zauberwesen!
Versprichst du mir, ich soll genesen
In diesem Wust von Raserei?
Verlang ich Rat von einem alten Weibe?
Und schafft die Sudelköcherei
Wohl dreißig Jahre mir vom Leibe?
Weh mir, wenn du nichts Bessers weißt!
Schon ist die Hoffnung mir verschwunden.
Hat die Natur und hat ein edler Geist
Nicht irgendeinen Balsam ausgefunden?

Mephistopheles:

Mein Freund, nun sprichst du wieder klug!
Dich zu verjüngen, gibt's auch ein natürlich Mittel;
Allein es steht in einem andern Buch,
Und ist ein wunderlich Kapitel.

Faust:

Ich will es wissen.

Mephistopheles:

      Gut! Ein Mittel, ohne Geld
Und Arzt und Zauberei zu haben:
Begib dich gleich hinaus aufs Feld,
Fang an zu hacken und zu graben
Erhalte dich und deinen Sinn
In einem ganz beschränkten Kreise,
Ernähre dich mit ungemischter Speise,
Leb mit dem Vieh als Vieh, und acht es nicht für Raub,
Den Acker, den du erntest, selbst zu düngen;
Das ist das beste Mittel, glaub,
Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen!

Faust:

Das bin ich nicht gewöhnt, ich kann mich nicht bequemen,
Den Spaten in die Hand zu nehmen.
Das enge Leben steht mir gar nicht an.

Mephistopheles:

So muß denn doch die Hexe dran.

Faust:

Warum denn just das alte Weib!

Kannst du den Trank nicht selber brauen?

Mephistopheles:

Das wär ein schöner Zeitvertreib!
Ich wollt indes wohl tausend Brücken bauen.
Nicht Kunst und Wissenschaft allein,
Geduld will bei dem Werke sein.
Ein stiller Geist ist jahrelang geschäftig,
Die Zeit nur macht die feine Gärung kräftig.
Und alles, was dazu gehört,
Es sind gar wunderbare Sachen!
Der Teufel hat sie's zwar gelehrt;
Allein der Teufel kann's nicht machen.

(Die Tiere erblickend.)

Sieh, welch ein zierliches Geschlecht!
Das ist die Magd! das ist der Knecht!

(Zu den Tieren.)

Es scheint, die Frau ist nicht zu Hause?

Die Tiere:

      Beim Schmause,
      Aus dem Haus
      Zum Schornstein hinaus!

Mephistopheles:

Wie lange pflegt sie wohl zu schwärmen?

Die Tiere:

So lange wir uns die Pfoten wärmen.

Mephistopheles. (zu Faust):

Wie findest du die zarten Tiere?

Faust:

So abgeschmackt, als ich nur jemand sah!

Mephistopheles:

Nein, ein Discours wie dieser da
Ist grade der, den ich am liebsten führe!
(zu den Tieren.) So sagt mir doch, verfluchte Puppen,
Was quirlt ihr in dem Brei herum?

Die Tiere:

Wir kochen breite Bettelsuppen.

Mephistopheles:

Da habt ihr ein groß Publikum.

Der Kater (macht sich herbei und schmeichelt dem Mephistopheles) :

      O würfle nur gleich,
      Und mache mich reich,
      Und laß mich gewinnen!
      Gar schlecht ist's bestellt,
      Und wär ich bei Geld,
      So wär ich bei Sinnen.

Mephistopheles:

Wie glücklich würde sich der Affe schätzen,
Könnt er nur auch ins Lotto setzen!

(Indessen haben die jungen Meerkätzchen mit einer großen Kugel gespielt und rollen sie hervor.)

Der Kater:

      Das ist die Welt;
      Sie steigt und fällt
      Und rollt beständig;
      Sie klingt wie Glas –
      Wie bald bricht das!
      Ist hohl inwendig.
      Hier glänzt sie sehr,
      Und hier noch mehr:
      »Ich bin lebendig!«
      Mein lieber Sohn,
      Halt dich davon!
      Du mußt sterben!
      Sie ist von Ton,
      Es gibt Scherben.

Mephistopheles:

Was soll das Sieb?

Der Kater (holt es herunter):

      Wärst du ein Dieb,
      Wollt ich dich gleich erkennen.

(Er lauft zur Kätzin und läßt sie durchsehen.)

      Sieh durch das Sieb!
      Erkennst du den Dieb,
      Und darfst ihn nicht nennen?

Mephistopheles (sich dem Feuer nähernd) :

Und dieser Topf?

Kater und Kätzin:

      Der alberne Tropf!
      Er kennt nicht den Topf,
      Er kennt nicht den Kessel!

Mephistopheles:

Unhöfliches Tier!

Der Kater:

      Den Wedel nimm hier,
      Und setz dich in Sessel!

(Er nötigt den Mephistopheles zu sitzen.)

Faust (welcher diese Zeit über vor einem Spiegel gestanden, sich ihm bald genähert, bald sich von ihm entfernt hat):

Was seh ich? Welch ein himmlisch Bild
Zeigt sich in diesem Zauberspiegel!
O Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flügel,
Und führe mich in ihr Gefild!
Ach wenn ich nicht auf dieser Stelle bleibe,
Wenn ich es wage, nah zu gehn,
Kann ich sie nur als wie im Nebel sehn! –
Das schönste Bild von einem Weibe!
Ist's möglich, ist das Weib so schön?
Muß ich an diesem hingestreckten Leibe
Den Inbegriff von allen Himmeln sehn?
So etwas findet sich auf Erden?

Mephistopheles:

Natürlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt,
Und selbst am Ende Bravo sagt,
Da muß es was Gescheites werden.
Für diesmal sieh dich immer satt;
Ich weiß dir so ein Schätzchen auszuspüren,
Und selig, wer das gute Schicksal hat,
Als Bräutigam sie heim zu führen!

(Faust sieht immerfort in den Spiegel. Mephistopheles, sich in dem Sessel dehnend und mit dem Wedel spielend, fährt fort zu sprechen.)

Hier sitz ich wie der König auf dem Throne,
Den Zepter halt ich hier, es fehlt nur noch die Krone.

Die Tiere (welche bisher allerlei wunderliche Bewegungen durcheinander gemacht haben, bringen dem Mephistopheles eine Krone mit großem Geschrei) :

      O sei doch so gut,
      Mit Schweiß und mit Blut
      Die Krone zu leimen!

(Sie gehn ungeschickt mit der Krone um und zerbrechen sie in zwei Stücke, mit welchen sie herumspringen.)

      Nun ist es geschehn!
      Wir reden und sehn,
      Wir hören und reimen –

Faust (gegen den Spiegel):

Weh mir! ich werde schier verrückt.

Mephistopheles (auf die Tiere deutend) :

Nun fängt mir an fast selbst der Kopf zu schwanken.

Die Tiere:

      Und wenn es uns glückt,
      Und wenn es sich schickt,
      So sind es Gedanken!

Faust (wie oben):

Mein Busen fängt mir an zu brennen!
Entfernen wir uns nur geschwind!

Mephistopheles (in obiger Stellung):

Nun, wenigstens muß man bekennen,
Daß es aufrichtige Poeten sind.

(Der Kessel, welchen die Katzin bisher außer acht gelassen, fängt an überzulaufen, es entsteht eine große Flamme, welche zum Schornstein hinaus schlägt. Die Hexe kommt durch die Flamme mit entsetzlichem Geschrei herunter gefahren.)

Die Hexe:

Au! Au! Au! Au!
Verdammtes Tier! verfluchte Sau!
Versäumst den Kessel, versengst die Frau!
Verfluchtes Tier! (Faust und Mephistopheles erblickend.)

      Was ist das hier?
      Wer seid ihr hier?
      Was wollt ihr da?
      Wer schlich sich ein?
      Die Feuerpein
      Euch ins Gebein!

(Sie fahrt mit dem Schaumlöffel in den Kessel und spritzt Flammen nach Faust, Mephistopheles und den Tieren. Die Tiere winseln.)

Mephistopheles (welcher den Wedel, den er in der Hand hält, umkehrt und unter die Gläser und Töpfe schlägt) :

      Entzwei! entzwei!
      Da liegt der Brei!
      Da liegt das Glas!
      Es ist nur Spaß,
      Der Takt, du Aas,
      Zu deiner Melodei.

(Indem die Hexe voll Grimm und Entsetzen zurücktritt.)

Erkennst du mich? Gerippe! Scheusal du!
Erkennst du deinen Herrn und Meister?
Was hält mich ab, so schlag ich zu,
Zerschmettre dich und deine Katzengeister!
Hast du vorm roten Wams nicht mehr Respekt?
Kannst du die Hahnenfeder nicht erkennen?
Hab ich dies Angesicht versteckt?
Soll ich mich etwa selber nennen?

Die Hexe:

O Herr, verzeiht den rohen Gruß!
Seh ich doch keinen Pferdefuß.
Wo sind denn Eure beiden Raben?

Mephistopheles:

Für diesmal kommst du so davon;
Denn freilich ist es eine Weile schon,
Daß wir uns nicht gesehen haben.
Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
Hat auf den Teufel sich erstreckt;
Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen;
Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?
Und was den Fuß betrifft, den ich nicht missen kann,
Der würde mir bei Leuten schaden;
Darum bedien ich mich, wie mancher junge Mann,
Seit vielen Jahren falscher Waden.

Die Hexe (tanzend):

Sinn und Verstand verlier ich schier,
Seh ich den Junker Satan wieder hier!

Mephistopheles:

Den Namen, Weib, verbitt ich mir!

Die Hexe:

Warum? Was hat er Euch getan?

Mephistopheles:

Er ist schon lang ins Fabelbuch geschrieben;
Allein die Menschen sind nichts besser dran,
Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben.
Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut;
Ich bin ein Kavalier, wie andre Kavaliere.
Du zweifelst nicht an meinem edlen Blut;
Sieh her, das ist das Wappen, das ich führe!

(Er macht eine unanständige Gebärde.)

Die Hexe (lacht unmäßig):

Ha! Ha! Das ist in Eurer Art!
Ihr seid ein Schelm, wie Ihr nur immer wart!

Mephistopheles (zu Faust):

Mein Freund, das lerne wohl verstehn!
Dies ist die Art, mit Hexen umzugehn.

Die Hexe:

Nun sagt, ihr Herren, was ihr schafft.

Mephistopheles:

Ein gutes Glas von dem bekannten Saft!
Doch muß ich Euch ums ältste bitten;
Die Jahre doppeln seine Kraft.

Die Hexe:

Gar gern! Hier hab ich eine Flasche,
Aus der ich selbst zuweilen nasche,
Die auch nicht mehr im mindsten stinkt;
Ich will euch gern ein Gläschen geben.
(Leise.) Doch wenn es dieser Mann unvorbereitet trinkt
So kann er, wißt Ihr wohl, nicht eine Stunde leben.

Mephistopheles:

Es ist ein guter Freund, dem es gedeihen soll;
Ich gönn ihm gern das Beste deiner Küche.
Zieh deinen Kreis, sprich deine Sprüche,
Und gib ihm eine Tasse voll!

(Die Hexe, mit seltsamen Gebärden, zieht einen Kreis und stellt wunderbare Sachen hinein; indessen fangen die Gläser an zu klingen, die Kessel zu tönen, und machen Musik. Zuletzt bringt sie ein großes Buch, stellt die Meerkatzen in den Kreis, die ihr zum Pult dienen und die Fackel halten müssen. Sie winkt Fausten, zu ihr zu treten.)

Faust (zu Mephistopheles):

Nein, sage mir, was soll das werden?
Das tolle Zeug, die rasenden Gebärden,
Der abgeschmackteste Betrug,
Sind mir bekannt, verhaßt genug.

Mephistopheles:

Ei Possen! Das ist nur zum Lachen;
Sei nur nicht ein so strenger Mann!
Sie muß als Arzt ein Hokuspokus machen,
Damit der Saft dir wohl gedeihen kann.

(Er nötigt Fausten, in den Kreis zu treten.)

Die Hexe (mit großer Emphase fängt an, aus dem Buche zu deklamieren):

      Du mußt verstehn!
      Aus Eins mach Zehn,
      Und Zwei laß gehn,
      Und Drei mach gleich,
      So bist du reich.
      Verlier die Vier!
      Aus Fünf und Sechs,
      So sagt die Hex,
      Mach Sieben und Acht,
      So ist's vollbracht:
      Und Neun ist Eins,
      Und Zehn ist keins.
      Das ist das Hexen-Einmaleins!

Faust:

Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber.

Mephistopheles:

Das ist noch lange nicht vorüber,
Ich kenn es wohl, so klingt das ganze Buch;
Ich habe manche Zeit damit verloren,
Denn ein vollkommner Widerspruch
Bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Toren.
Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
Es war die Art zu allen Zeiten,
Durch Drei und Eins, und Eins und Drei
Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.
So schwätzt und lehrt man ungestört;
Wer will sich mit den Narrn befassen?
Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.

Die Hexe (fährt fort):

      Die hohe Kraft
      Der Wissenschaft,
      Der ganzen Welt verborgen!
      Und wer nicht denkt,
      Dem wird sie geschenkt,
      Er hat sie ohne Sorgen.

Faust:

Was sagt sie uns für Unsinn vor?
Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen.
Mich dünkt, ich hör ein ganzes Chor
Von hunderttausend Narren sprechen.

Mephistopheles:

Genug, genug, o treffliche Sibylle!
Gib deinen Trank herbei, und fülle
Die Schale rasch bis an den Rand hinan;
Denn meinem Freund wird dieser Trunk nicht schaden:
Er ist ein Mann von vielen Graden,
Der manchen guten Schluck getan.

(Die Hexe, mit vielen Zeremonien, schenkt den Trank in eine Schale, wie sie Faust an den Mund bringt, entsteht eine leichte Flamme.)

Nur frisch hinunter! Immer zu!
Es wird dir gleich das Herz erfreuen.
Bist mit dem Teufel du und du,
Und willst dich vor der Flamme scheuen?

(Die Hexe löst den Kreis. Faust tritt heraus.)

Nun frisch hinaus! Du darfst nicht ruhn.

Die Hexe:

Mög Euch das Schlückchen wohl behagen!

Mephistopheles (zur Hexe):

Und kann ich dir was zu Gefallen tun,
So darfst du mir's nur auf Walpurgis sagen.

Die Hexe:

Hier ist ein Lied! wenn Ihr's zuweilen singt,
So werdet Ihr besondre Wirkung spüren.

Mephistopheles (zu Faust):

Komm nur geschwind und laß dich führen;
Du mußt notwendig transpirieren,
Damit die Kraft durch Inn- und Äußres dringt.
Den edlen Müßiggang lehr ich hernach dich schätzen,
Und bald empfindest du mit innigem Ergetzen,
Wie sich Cupido regt und hin und wider springt.

Faust:

Laß mich nur schnell noch in den Spiegel schauen!
Das Frauenbild war gar zu schön!

Mephistopheles:

Nein! Nein! Du sollst das Muster aller Frauen
Nun bald leibhaftig vor dir sehn.
(Leise.) Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >>